Arturo Toscanini - Biografie: Seine Orte, seine Musik und sein Leben
- peter
- vor 16 Stunden
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Arturo Toscanini war ein einsamer Mensch, der seine Erfüllung in der Musik fand. Er erhielt seinen Auftrag von Verdi persönlich, die Werke im Geiste des Komponisten aufzuführen und opferte das 100 Jahre alte Gesetz der romantischen Freiheit des ausführenden Künstlers auf dem Altar des Objektivismus.
Er schrie Musiker an und beschimpfte Sänger, um seine Ziele zu erreichen, es diente immer einer höheren Sache.
Er war ein Diktator der Kunst, aber ein lupenreiner Demokrat, der dem Faschismus trotzte, was noch heute unsere uneingeschränkte Bewunderung verdient.
Wer war Arturo Toscanin und welche Orte und Menschen haben ihn geprägt? Eine biografische Annäherung an den Jahrhundertkünstler aus Italien.
Doku Arturo Toscanini (Video):
Arturo Toscanini - Biografie
Kindheit in einer Handwerkerfamilie
Arturo kam 1867 in der italienischen Stadt Parma zur Welt.
Parma liegt in der fruchtbaren norditalienischen Po-Ebene, ca 100 km von der Metropole Mailand entfernt.
Seine Eltern waren beide Schneider von Beruf und die Familie lebte in bescheidenen Verhältnissen. Sie übten den Beruf in ihrer Wohnung aus, in einem Haus das heute als Museum Toscanini gewidmet ist.
Der Vater war 5 Jahre vor der Geburt Arturos als 27-jähriger in die Armee eingezogen worden , desertierte aber und diente in der freiwilligen Armee des Freiheitskämpfers Garibaldi und er kam mit einer silbernen Auszeichnung dekoriert zurück. Er heiratete Paola und Arturo kam als erstes von vier Kindern zur Welt.
Arturos Mutter war eine strenge und zielstrebige Frau. Der Vater Claudio war das pure Gegenteil, er war nachsichtig und scheint den Genüssen abseits der strengen Arbeit als Schneider gelegentlich zu gesprochen zu haben.
Toscanini erinnerte sich später, dass der Vater gutaussehend war und dies zu nutzen wusste. Sonntags traf er sich gerne mit Freunden, trank Wein und sang Opernarien, die sie aus dem Theater kannten.
So kam es, dass der siebenjährige Arturo bei seiner Einschulung ein Klavier entdeckte und sogleich versuchte, die Gesänge seines Vaters auf dem Instrument nachzuspielen, ohne dass er jemals die Tasten eines Instruments berührt hatte. Seine Lehrerin entdeckte so rasch das Interesse und das Talent des Jungen und sorgte persönlich für den ersten Klavierunterricht.
Elternlose Jugendjahre im Konservatorium
Es ist den Eltern hoch anzurechnen, dass sie entschlossen waren, den jungen Knaben mit 9 Jahren ins Konservatorium zu schicken. Da alle kostenfreien Internatsplätze schon vergeben waren, bezahlten sie den kostspieligen Unterricht in den Anfängen aus eigener Tasche bis die Schule beschloss aufgrund des Talents und Lerneifer des Knaben die Schulgebühr den Eltern zu erlassen.
Das Konservatorium muss man sich nicht mehr und nicht weniger als Kaserne vorstellen mit Mauern, Schlafsälen und unerbittlichen Tagesplänen. Nur am Sonntagen erfuhren die Schüler etwas Abwechslung, wenn Verwandte die Schüler besuchen durften.
Das Drama des kleinen Arturo bestand darin, dass seine Eltern ihn nie besuchten. Während andere Schüler regelmäßig Besuch erhielten, verbrachte Arturo seine Sonntage stets allein.
Das Drama des kleinen Arturo bestand jedoch darin, dass seine Eltern ihn nie besuchten.
Während die meisten Kinder mehr oder wenig regelmässig besuch bekamen, blieben Arturos Sonntage einsam. Auch später sollten seine Eltern ihn nie an seinen Konzertauftritten besuchen. Seltsamerweise fand man im Nachlass seiner Mutter Erinnerungsbände mit Zeitungsausschnitten, die sie über die Jahre gesammelt hatten.
So durfte Arturo keine elterliche Zuneigung geniessen, er sah seine Eltern nur während den Urlaubswochen.
Toscanini sagte später, er könne sich nicht erinnern, je eine Zärtlichkeit von seiner Mutter erfahren zu haben. So stellt sich die Frage, ob diese mangelnde Zuwendung ein Grund für die eruptive Gefühlswelt darstellte, die den erwachsenen Toscanini zum Orchester-Tyrannen werden liess, dessen Wutausbrüche legendär wurden.
Die Schulfächer des Konservatorium umfassten nicht nur Musik, sondern Toscanini erhielt eine solide Grundausbildung. Doch die Musik bildete den Hauptunterricht. Die Schüler durften ihr Instrumentenfach nicht auswählen, Toscanini wurde das Cello zugewiesen.
Toscanini fand seinen Trost und sein Glück in den Noten der Musik, in die er mit Hilfe seines phänomenalen Gedächtnisses eintauchte. Toscanini beschwerte sich nie - im Gegenteil: sein Fleiss und seine Gewissenhaftigheit waren sprichwörtlich, und bald schon erwarb er sich den halb spöttisch halb bewundernd gemeinten Spitznamen „kleines Genie„.
Neben dem Cello lernte er heimlich Klavier und er durfte nur wegen seines unermesslichen Talents auch in diesem Fach abschliessen.
Er gründete heimlich mit einer handvoll Freunden ein Orchester um gemeinsam Stücke zu spielen. Stets kannte Toscanini nicht nur seinen Part, sondern auch denjenigen seiner Mitspieler auswendig.
Mit 13 Jahren durfte er im Stadttheater bei den zweiten Celli mitwirken und er lernte die Tätigkeit eines Orchestermusikers und das Repertoire kennen. Als schönstes Erlebnis empfand er die Wiedergabe der Ouvertüre des Lohengrin, beim ersten Erklingen sollen ihn die überirdischen Harmonien zu Tränen gerührt haben. Seine Lebenslange Liebe zu der Musik Wagners war entfacht.
1884 schloss er die Schulzeit mit den Höchstnoten in den Musikfächern ab. Mit dem Preisgeld seines Abschlusses und während der Schulzeit mühsam angespartem Geld wollte er von Anfang an selbstständig leben – ohne den Eltern zur Last zu fallen.
Dirigent über Nacht – das Wunder von Rio
Im darauffolgenden Jahr erhielt Toscanini ein Engagement für eine Südamerika-Tournee, bei der namhafte italienische Musiker mitwirken. Er war dort sowohl als Orchestermusiker angestellt als auch in der Funktion des zweiten Chordirigenten.
Dazu korrepetierte er auf der Überfahrt auch für Solosänger und war so bei der Ankunft in Südamerika in ziemlich allen Musikstücken sattelfest, nicht zuletzt dank seines phänomenalen Gedächtnisses.
Im Tournee Ort Rio de Janeiro ergab sich dann ein schwerwiegendes Problem, ein einheimischer Dirigent, der eine Aufführung von Aida leiten sollte, wurde vom Publikum boykottiert. Aber auch die beiden weiteren italienischen Ersatzdirigenten wurden vom Publikum ausgebuht und die Musiker standen ratlos herum.
Einige Zuschauer begannen bereits, den Saal zu verlassen, als Toscanini ohne Partitur mutig den Stab in die Hand nahm und schnell die Oper eröffnen liess. Das Publikum war überrascht und die opponierenden Zuschauer wurden gezischt.
Was dann folgte wurde zur Legende, das Publikum begeisterte sich während der Oper immer mehr und der Schlussvorhang wurde zum Triumph Toscaninis. Ein Dirigent war geboren und der 19-jährige musste alle verbleibenden 18 Aufführungen der Tournee dirigieren, selbstverständlich auswendig.
Begegnungen mit Verdi
Natürlich wurde man auch in Italien aufmerksam auf das Wunderkind, das scheinbar aus dem Nichts kam. Und Toscanini nahm nun Engagements als Dirigent an.
Im Folgejahr stand ein grosses Ereignis bevor, und zwar hatte Verdi im Geheimen zusammen mit Arrigo Boito an seinem Otello gearbeitet und für die Uraufführung die Mailänder Scala ausgewählt.
Toscanini bewarb sich für das Projekt als Orchestermusiker und wurde als zweiter Cellist engagiert.
Als der alte Verdi einer Probe beiwohnte, nahm er Notiz vom jungen Cellisten und sprach ihn tatsächlich an. Diese Begegnung verstärkte die Bewunderung Toscaninis und er traf in den nächsten Jahren wiederholt auf den Meister, wenn er bei Aufführungen von Verdis Opern dessen Rat suchte, und Toscanini war beeindruckt von den lebenslangen Mühen Verdis, Schlamperei, Eigenwilligkeiten und Willkür der ausführenden Musiker zu bekämpfen.
Verdi selbst hatte in seinen mittleren Jahren den Ruf eines despotischen Kapellmeisters. Die Pariser Orchestermusiker nannten ihn hinter vorgehaltener Hand spöttisch „Merdi“.
In Verdi fand Toscanini nun eine künstlerische Leitfigur, auf die er sich berufen konnte.
Seine 20er: Lehr und Wanderjahre
Toscanini standen nun viele Türen offen und er nahm Engagements in ganz Italien wahr. Selbst der arrivierte Komponist Cattalani betraute den bald 20-jährigen mit einer Uraufführung eines seiner Werke.
Zwischen den beiden entwickelte sich eine enge Freundschaft, und Toscanini sollte später seine ersten beiden Kinder nach Figuren aus Catalanis Oper La Wally benennen.
Wenige Jahre später durfte Toscanini die Uraufführung von Pagliacci dirigieren, die er zu einem überraschenden, und triumphalen Erfolg führte.
In Palermo wurde der Norditaliener von der Mafia erpresst, Toscanini blieb standhaft, unter anderem weigerte er sich die Geliebte eines Mafioso zu engagieren.
Seine Härte und Unbestechlichkeit bekamen auch die Musiker zu spüren. In Pisa zündete ein entlassener Orchestermusiker eine kleine Bombe, um sich an Toscanini zu rächen, zum Glück gab es keine Verletzte.
Doch Toscanini war nicht nur unnachgiebig zu seinen Musikern sondern auch zu sich selbst. Er gab sich der Musik völlig hin, beispielsweise absolvierte er 1894 in einer Saison in einem Theater 64 Aufführungen in 58 Tagen mit 7 verschiedenen Opern, notabene war er auch für die Inszenierungen verantwortlich.
2 Jahre später dirigierte er die Uraufführung von Puccinis Boheme, allerdings erfuhr die Oper in Turin nur einen lauwarmen Empfang.
Ritterschlag mit 30 Jahren – Scala die erste
Mit knapp 30 Jahren erhielt Toscanini den ehrenvollen Auftrag, vier Sinfoniekonzerte in der Mailänder Scala zu dirigieren.
Wenige Monate später musste die stolze Scala schliessen. Orchester, Sänger, Tänzer, Bühnenarbeiter und Verwaltung: allen Angestellten wurde gekündigt. Das Theater stand vor dem Nichts.
Ein Adliger gründete eine Gesellschaft und ernannten Toscanini und den Opernmanager Gatti-Casazza als musikalischen und kaufmännischen Leiter.
Es wurde zu einer Herkules Aufgabe eine völligen Neuanfangs. Toscanini musste das ganze künstlerische Personal neu rekrutieren und gleichzeitig die nächste Opernsaison vorbereiten.
Er konnte nun die Regeln setzen, Verdunkelung während der Vorstellung, Frauen durften während der Vorstellung keine Hüte tragen und Wiederholungen waren strengstens verboten.
Zur Neueröffnung wählte er Wagners Meistersinger aus, die er noch nie gesehen hatte und lediglich mit Hilfe der Partitur inszenieren musste.
Die erste Spielzeit wurde zum Erfolg und drei Jahre später war die Scala schuldenfrei. Zum ersten Mal hatte Toscanini die Scala gerettet, 2 weitere Male sollten im Laufe seines weiteren Lebens folgen.
1901 starb Verdi und es war Toscanini der an verschiedenen Orten die Feierlichkeiten für seinen verstorbenen künstlerischen Übervater dirigierte.
Ein Jahr später häuften sich jedoch die Misstöne. Wieder einmal forderte das Publikum in einer Aufführung eine Wiederholung, ein da capo. Wieder schüttelte Toscanini den Kopf und das Publikum versuchte nun eine Machtprobe mit dem Maestro.
Dieser schleuderte darauf wütend den zerbrochenen Taktstock ins Publikum und verliess das Theater, selbst der Anwalt der ihm nach Hause folgte, konnte ihn nicht zu einer Rückkehr bewegen.
Wenig später verliess Toscanini die Scala und arbeitete wieder als freier Dirigent.
Heirat und Kinder
Mittlerweile hatte Toscanini 1897 Carla de Martini geheiratet, die Tochter eines Bankiers. An der Hochzeit nahmen die Eltern Toscaninis nicht teil.
Carla brachte in den folgenden Jahren vier Kinder zur Welt, von denen eines früh verstarb.
Carla hatte persönlich keinen Bezug zur Musik, so störte sie Ihren Mann auch nie bei seiner Tätigkeit im Theater.
Dass Toscanini – ganz wie einst sein Vater – kein Kind von Traurigkeit war, schien sie stillschweigend hinzunehmen. Die bekannteste seiner zahlreichen Affären in den Mailänder Jahren war die mit der gefeierten Sopranistin Rosina Storchio. Die Beziehung hielt sieben Jahre, aus ihr ging ein gemeinsames Kind hervor, das jedoch mit 16 Jahren verstarb.
Goldenen Jahre der Met
3 Jahre später nach seinem abrupten Abgang ging er zurück an die Scala. Doch es blieb eine Episode, denn wieder klopfte die Met an die Tür. Caruso, der seit wenigen Jahren an der Met war, hatte Toscanini mit Nachdruck empfohlen.
Nun ging auch eine Anfrage an Gatti-Casazza und Toscanini war jetzt bereit, da er nicht ohne einem ihm nicht bekannten Verwaltungsleiter in ein unbekanntes, grosses Haus gehen wollte.
So kam es 1908 zum Wiedersehen der drei Weggefährten in New York: Gatti-Casazza als Intendant, Toscanini als musikalischer Leiter und Caruso als gefeierter Star auf der Bühne, dessen Schallplattenkarriere ihm bereits Weltruhm eingebracht hatte.
Zu Beginn musste Toscanini den Rang des ersten Dirigenten mit Gustav Mahler teilen, der vornehmlich für das deutschsprachige Repertoire zuständig zeichnete. Gustav Mahler musste schon in der zweiten Spielzeit Toscaninis New York aufgrund schwerer gesundheitlicher Probleme verlassen, so dass Toscanini zum künstlerischen Herrscher der Metropolitan Opera wurde und das Theater mit seiner beeindruckenden Sänger Riege in eine seiner glanzvollsten Epochen führte.
Eine der Höhepunkte war die Uraufführung von Puccinis Fanciulla del West, die Puccini für längere Zeit nach New York führte und in der Caruso die männliche Hauptrolle sang.
Nach sieben erfolgreichen Jahren nahm Toscanini jedoch überraschend Abschied von der Met. Wieso ist nicht hundertprozentig gesichert, war es die einsetzende Routine oder die ständigen Diskussionen mit Leitung und Verwaltungsrat.
Nicht auszuschließen ist auch ein persönlicher Auslöser: Seine sieben-jährige Affäre mit der berühmten Sängerin Geraldine Farrar war zu einem Wendepunkt gekommen. Farrar stellte ihm ein Ultimatum: Er solle Frau und Kinder verlassen und sie heiraten – ein Schritt, der für Toscanini undenkbar war.
Intermezzo in Italien – Antifaschismus
In Europa wütete mittlerweile der Weltkrieg. Toscaninis Sohn Walter wurde zum Militärdienst eingezogen und der Vater eilte nach Italien, um sich von seinen Sohn zu verabschieden. Das Kriegsgeschehen verfolgte er nicht nur mit großem Interesse – er engagierte sich sogar aktiv Kapellmeister an der Front.
Er soll sogar während laufender Kampfhandlungen die Truppen mit Musik motiviert haben. Für seinen Einsatz wurde er mit der silbernen Tapferkeitsmedaille des italienischen Staates ausgezeichnet.
Nach Kriegsende begann Toscanini wieder sporadisch Konzerte zu geben. Dabei bestand er darauf, auch deutsche Musik aufzuführen, was ihm viele Konzertbesucher verübelten. Besonders ein Journalist namens Benito Mussolini machte ihm besonders heftige Vorwürfe. Toscanini besuchte darauf Mussolini und die beiden lernten sich kennen.
Eigentlich wollte Toscanini den Journalisten mundtot machen, doch Mussolini scheint den Dirigenten mit seinem damaligen sozialistischen Programm beeindruckt zu haben und der prominente Dirigent liess sich 1920 sogar auf Mussolinis Liste setzen – ein Schritt, den er bald schon zutiefst bereuen sollte.
Auch die Scala hatte sehr unter dem Krieg gelitten und sie war finanziell am Ende. wieder war Toscanini zur Stelle um das Theater aus der Krise zu führen. Er überzeugte die Stadt der Oper einen autonomen Status zu gewähren und sie zukünftig mittels einer Vergnügungssteuer zu finanzieren.
Wieder nahm der mittlerweile 53-jährige die Strapazen des Neuaufbaus in Kauf. Rekrutiert wurden die Musiker nur mehr nach Qualifikaton und Vorspielen. Er nahm die neuformierte Truppe auf eine Übersee-Tournee, um Geld in die leeren Kassen zu spülen. In nur 10 Wochen spielte das Orchester in den USA sagenhaft 59 Konzerte, die Gastspiele an der Met wurden zum Triumph und die Tournee zur Legende.
Daneben galt es die erste Saison vorzubereiten. Toscanini eröfnete die Scala mit Verdis Falstaff und betreute 5 der 12 Inszenierungen der Spielzeit persönlich.
Toscanini war am Ziel seiner Träume, er war Musikdirektor, Dirigent und Regisseur in einem. Drei Jahre lang konnte er in der Scala tun und lassen, was er wollte.
Besonders die Tristan und Isolde Inzenierung mit dem ebenso umstrittenen wie genialen Bühnenbildner und Wagneristen Appia wurde zu einem einsamen Höhepunkt. In Bayreuth durfte Appia nicht wirken, seine Ideen passten der Traditionalistin Cosima Wagner nicht, er rannte aber bei Toscanini offene Türen ein, der Wagner von den Bärenfell-Inszenierungen lösen wollte. Toscanini nahm so die Inszenierungen von Wieland Wagner 30 Jahre vorweg.
Ab 1924 versuchten die Faschisten immer mehr Einfluss auf Italiens kulturelles Flagschiff zu nehmen. Zum Showdown zwischen Toscanini und dem faschistischen Regime kam es 1926, als sich das Italiens vielleicht grösstes kulturelles Ereignis der 20er Jahre ereignete: die postume Uraufführung von Puccinis Turandot.
Toscanini persönlich hatte die postume Vollendung der Oper in Auftrag gegeben und war der Dirigent der Uraufführung.
Die Faschisten wollten das Ereignis kapern und verlangten wieder einmal das die Giovinezza – die Hymne der Faschisten – zu Beginn der Veranstaltung gespielt werden sollte. Wieder lehnte Toscanini ab.
Mussolini schaltete sich persönlich ein, er tobte und drohte Toscanini er werde persönlich erscheinen. Die Aufführung fand ohne Giovinezza und Mussolini statt.
Berühmtheit erlangte ein Konzert in Bologna, das gar nie stattfand. Und zwar hatten die Faschisten ihm eine Falle gestellt. Man lockte ihn nach Bologna, in dem man ihm anbot, ein Konzert mit der Musik eines zeitgenössischen Komponisten zu dirigieren, den er sehr schätzte.
Am Vormittag der Aufführung stellte man ihm vor vollendete Tatsachen und verlangte, dass er zu Beginn die Giovinezza spielte. Toscanini weigerte sich und als er am Abend das Theater betreten wollte, wurde er in Begleitung seiner Familie von einer faschistischen Schlägerbande bedrängt und misshandelt. Toscanini verliess den Ort und musste im Hotel weitere Drohungen erfahren.
Die Behörden entzogen ihm den Pass, seine persönliche Sicherheit war so nicht mehr gewährleistet. In Mailand kam es zu Protesten gegen die Übergriffe auf Toscanini. Dank internationalem Druck durfte der Maestro schließlich in die Schweiz ausreisen. Dort konnte Gras über die böse Sache wachsen.
Toscanini in Bayreuth
Im Jahr 1930 folgte Arturo Toscanini einer Einladung Siegfried Wagners, der Toscaninis Wagner Interpretation in der Scala erlebte. Nun durfte Toscanini die Musik seines zweiten musikalischen Idols auch in Bayreuth dirigieren. Es gab nicht wenige Vorbehalte, denn Toscanini war der erste südländische Dirigent der in Bayreuth dirigieren durfte, sein Tristan und Tannhäuser stiessen aber auf uneingeschränkte Begeisterung.
Die Festspiele bekamen eine dramatische Wendung: Siegfried Wagner starb während den Proben zu Tannhäuser und seine Frau Winifred übernahm die Leitung der Festspiele. Diejenigen des nächsten Jahres wurden Toscaninis letzte Festspiele.
Zwar war sein Parsifal schlicht grandios, aber Winifred Wagners Nähe zum NS-Regime und ihre offen gezeigte Verehrung für Adolf Hitler waren für den überzeugten Demokraten und erklärten Antifaschisten untragbar.
Was blieb war die Freundschaft mit Friedelinde Wagner, der Tochter Siegfrieds, die später zu einer Dissidentin des Wagner Clans wurde.
Langer Abschied von Europa
Toscaninis Betätigungsfeld wurde in Europa immer enger. Aufgrund der politischen Situation hatte Toscanini nicht nur seine Arbeit in Bayreuth aufgeben, sondern auch sein Amt in der Scala.
In den dreissiger jahren teilte er seine Arbeitszeit auf. Für die Wintermonate hatte er sich nach New York verpflichten lassen. Das Sommerhalbjahr gehörte der Arbeit an Festspielen und den geliebten Aufenthalten auf einer kleinen Insel im Lago Maggiore, wo er Tage mit seiner Familie genoss und viele Freunde empfangen konnte. Die Insel wurde zu einem kleinen antifasschistischen Refugium, wo er sich mit gleichgesinnten treffen konnte.
Als Festspielort wählte er Salzburg als neue Wirkungsstätte. Er setzte damit bewusst ein politisches Statement im neutralen, österreichischen Ort unweit von Bayreuth im totalitären Deutschland.
Mit Toscanini blühten die Salzburger Festspiele noch einmal auf, auch wenn er die Künstler bis an die Grenzen brachte. Einmal schickten die Musiker Toscaninis Lieblingskünstlerin, Lotte Lehmann, als Emissärin zu ihm, die den Meister um Nachsicht bei den Proben bitten sollte, was beim bald 60-jährigen lediglich spöttische Bemerkungen auslöste.
In Salzburg traf er 1937 auf Furtwängler. Er liess ihm mitteilen, dass er aufgrund von dessen Kooperation mit den Nazis keinen Kontakt wünsche. Furtwängler suchte darauf Toscanini auf, worauf Toscanini seinen berühmten Kollegen mit unverblümten Worten aus dem Zimmer komplimentierte.
Als Hitler der Anschluss Oesterreichs an Reich gelang war auch die Salzburger Episode für Toscanini zu Ende.
Danach engagierte sich Toscanini noch für die Festspiele im schweizerischen Luzern, eines der letzten europäischen Länder, welches nicht totalitär regiert wurde. Luzern hatte für Toscanini den speziellen Reiz, da Wagner in luzernischen Tribschen lange Jahre gewohnt hatte.
Als emotionaler Höhepunkt der Luzerner Tage führte Toscanini in einer Privat-Aufführung das Siegfried Idyll mit einem Dutzend Musiker im Treppenhaus der Villa Wagner auf, so wie es Richard Wagner 60 Jahre zuvor zu Cosimas Ehren gemacht hatte.
Damit endete Toscaninis Wirken auf dem alten Kontinent.
Amerika
Toscanini hatte bereits 1929 begonnen in den USA Wurzeln zu schlagen, indem er ein längerfristiges Engagement bei den New York Philharmonikern angenommen hatte.
Nun siedelte Toscanini endgültig in die USA über. Seine ganze Familie kam mit und sie bewohnte ein schönes Haus in Riverdale am Hudson River.
Seine Tochter Wanda hatte in den USA den bereits berühmten Pianisten Vladimir Horowitz geheiratet und sie schenkten ihm die Enkelin Sonja, an der Toscanini sehr grosse Freude hatte.
Mit Horowitz nahm Toscanini eine seiner meistverkauften und -geschätzten Platten auf, Tschaikowskis Klavierkonzert.
Toscanini der Künstler
Toscaninis Persönlichkeit als Dirigent war einzigartig und seine Wutausbrüche bei Proben sind legendär. Viele sind in Aufnahmen festgehalten worden.
Die Musiker fürchteten jede Probe mit dem Maestro. Toscanini kannte von jedem Werk, das er dirigierte, jede einzelne Note. Keine einzige falsche Note oder unkorrekte Phrasierung entging ihm. Genügte ein Musiker oder das Orchester nicht, so konnte er gnadenlos und unwürdig zu den Musikern sein. Es war blanker Terror. Viele Musiker haben in Interviews davon Zeugnis gegeben.
Aber wovon sie auch Zeugnis gegeben haben, war Ihre Bewunderung, dass sie bei keinem anderen Dirigenten so über sich hinauswachsen konnten wie bei Toscanini. Sein Feuer für die Musik war ehrlich und sein Ohr unbestechlich.
Für Toscanini stand Werk- und Notentreue am Anfang jeder Interpretation, Toscanini war der Vertreter der Objektivität. Am meisten Aufmerksamkeit schenkte er dem Tempo. Für ihn war es die Basis jeder Interpretation.
Die Tradition der italienischen Oper des 19. Jahrhunderts bildete das pure Gegenteil, das Tempo entstand in der Aufführung, und das Rubato wurde zum Markenzeichen des Sängers.
Toscaninis bedeutendste historische Tat war es den Sänger das Rubato und die Hoheit über das Tempo genommen zu haben. Das 100 Jahre lange Primat des Sängers wurde durch Toscanini gebrochen.
Der Reiz von Toscanins Aufführungskunst bildete die Perfektion und die Glut des Strebens nach dieser Perfektion.
Natürlich fand Toscaninis Kunst auch Kritik. Die romantische Freiheit, nennen wir sie Subjektivität hatte Toscanini auf den Müllhaufen der Geschichte geworfen. Das warf wichtige Fragen auf: fehlten die Verzierungen, Rubati, Tempovariierungen der Musik nicht? Haben nicht auch Beethoven und Wagner nachgewiesenermassen ihre eigene Musik sehr freizügig interpretiert? Darf man den Verdi des hochromantischen Trovatore gleich spielen wie das Musikdrama des Otello?
Als Vertreter dieser Subjektivität und damit als Antipode Toscaninis galt der deutsche Wilhelm Furtwängler. Die Rivalität dieser beiden Dirigenten war der Konflikt zweier Weltanschauungen, zweier Temperamente, und zweier Auffassungen von Musik und Moral im 20. Jahrhundert.
NBC Orchestra
Ende der dreissiger Jahre trat die NBC an Toscanini heran, mit dem Vorschlag ein Orchester zu gründen, das speziell für Toscanini mit den besten Orchestermusikern aufgebaut werden sollte. Toscanini sagte zu und es wurde für die nächsten 17 Jahre zu seiner künstlerischen Heimat.
Mit den Live Aufnahmen aus dem Rockefeller Center erreichte Toscanini ein Milionenpublikum und er wurde zu einer Haushaltsmarke in den Vereinigten Staaten. So besteht Toscaninis Vermächtnis seiner Aufnahmen zu einem rechten Teil aus dieser Zeit, aus einem Studio, das eine sehr trockene Akkustik hatte.
Toscanini engagierte sich während des Weltkrieg, indem er mit dem Orchester viele Konzerte spielte um Kriegsanleihen zu bewerben, wofür der amerikanische Präsident Roosevelt ihm mehrmals persönlich dankte.
Die dritte Scala Rettung
Mit dem Ende des zweiten Weltkrieg stand die Scala nicht mehr nur finanziell in Trümmern. Noch einmal bot der 80-jährige Toscanini seine Kräfte auf und half der Scala wieder auf die Beine. Das Theater war das erste öffentliche Gebäude Italiens das restauriert wurde. Die Wiedereröffnung fand mit einem Konzert unter der Leitung von Toscanini statt.
Abgesang
Sein letztes Konzert gab Toscanini mit dem NBC Symphony 1954 in der Carnegie Hall. Während des Konzerts erlebt der 87-Jährige einen Blackout, er hörte für eine Minute zu dirigieren auf und hielt sich eine Hand vor die Augen. Er dirigierte das Konzert zu Ende. Das Podium hat er danach nie wieder betreten.
3 Jahre später brach der 90-jährige in seinem Haus in Riverdale zusammen, 2 Wochen später starb er und sein Leichnam wurde nach Italien gebracht wo er im Mailänder Monumentalfriedhof begraben wurde.
Arturo Toscanini - Biografie




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