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Don Giovanni von Wolfgang Amadeus Mozart- ein Opernführer: Handlung, Musik, Wissenswertes

  • peter
  • vor 24 Stunden
  • 16 Min. Lesezeit
Biografie Johann Sebastian Bach

Um das Resultat zu beschreiben, was aus der Zusammenarbeit Da Pontes und Mozarts wurde, darf man nicht an Superlativen sparen. «Welttheater auf der Stufe des Don Quijote und Hamlet» oder «Oper der Opern» sind immer wieder gehörte und gelesene Attribute dieser Oper.


 


Don Giovanni von Wolfgang Amadeus Mozart



URAUFFÜHRUNG: Prag, 1787 LIBRETTO: Lorenzo Da Ponte, basierend auf dem Roman «El burlador de Sevilla» von Diego Tello.

DIE HAUPT PERSONEN: Don Giovanni, junger und zügelloser Edelmann (Bass) - Leporello, Diener des Don Giovanni (Bass) - Komtur, Mitglied eines Ritterordens (Bass) - Donna Anna, Tochter des Komturs (Sopran) - Don Ottavio, Verlobter der Donna Anna (Tenor) - Donna Elvira, Edeldame aus Burgos (Sopran) - Zerlina, Bäuerin (Sopran) - Masetto, Bräutigam Zerlinas (Bass)

AUFNAHME EMPFEHLUNG: EMI, Eberhard Wächter, Giuseppe Taddei, Joan Sutherland, Elisabeth Schwarzkopf, Piero Cappuccilli, Luigi Alva und Gottlob Frick unter der Leitung von Carlo Maria Giulini und dem Chor und Orchester der Philharmonia.


Handlung


1. AKT: (Ouvertüre) Leporello wartet vor einem Haus auf Don Giovanni. Er ärgert sich, dass er neuerlich eine Nacht um die Ohren schlagen muss. Sein Herr ist wieder einmal im Schlafzimmer einer Frau und Leporello muss Schmiere stehen. (Notte e giorno faticar)Don Giovanni erscheint in den Armen Donna Annas, die ihn nicht loslassen will, sie will seinen Namen wissen. Der Lärm weckt den Komtur, den Vater der Donna Anna. Dieser erkennt die Situation, geht mit dem Degen auf den Verführer los und wird im Zweikampf von Don Giovanni erstochen.

Leporello und Don Giovanni sind in Sevilla unterwegs. Leporello wirft Don Giovanni vor, das Leben eines Schurken zu führen. Don Giovanni winkt ab, denn die nächste Eroberung steht an. Sein untrüglicher Sinn sagt ihm, dass eine Frau in der Nähe ist. Tatsächlich taucht Donna Elvira auf. Sie ist eine Frau aus Burgos, die von Don Giovanni verführt und verlassen worden war und ihn sucht. (Ah chi mi dice mai) Don Giovanni hat sie nicht erkannt und spricht die Schöne an. Sie aber erkennt ihn. Nach der obligaten Eifersuchtsszene verlässt Don Giovanni die Unglückliche und Leporello rät ihr, Don Giovanni zu vergessen, denn sie werde weder seine erste noch seine letzte Eroberung sein. Genüsslich rechnet er ihr vor, dass er bereits über 2‘000 Geliebte gehabt habe und erklärt ihr detailliert Don Giovannis Eroberungstechnik. (Madamina, il catalogo è questo) Donna Elvira erkennt die Ausweglosigkeit und schwört Rache.

Derweil ist Don Giovanni bereits an der nächsten Eroberung. Er ist auf eine Hochzeitsgesellschaft getroffen und hat eine hübsche Braut gesehen. Er spricht das Paar an. Schnell entwirft er eine List. Er beauftragt Leporello, die Gesellschaft nobel zu bewirten, während dessen er in Ruhe die Braut Zerlina verführen kann. Ihr zukünftiger Gatte Masetto riecht den Braten. Doch Zerlina versichert ihm, er brauche keine Angst zu haben. Masetto ist aufgebracht aber fügt sich ins Schicksal. Nun sind Zerlina und Don Giovanni allein. Don Giovanni erklärt Zerlina, dass es zu schade wäre, wenn sie sich einem Bauerntölpel hingeben würde und verspricht ihr die Heirat und ein gemeinsames Leben auf seinem Schloss. Zerlina vermutet zwar eine List, lässt sich aber schlussendlich doch darauf ein, und sie gehen zum Schloss. (La ci darem la mano)

Donna Elvira hat die Szene beobachtet und tritt hervor. Sie warnt Zerlina vor Don Giovanni. Dieser behauptet, dass die Dame nur eine eifersüchtige Frau sei. Elvira fleht Zerlina an zu fliehen. (Ah fuggi, il traditor) Donna Elvira nimmt Zerlina am Arm und sie gehen ab. Da erscheinen Donna Anna und Don Ottavio. Die beiden sind auf der Suche nach dem unbekannten Mörder und sprechen ausgerechnet Don Giovanni um Hilfe an. Donna Elvira geht dazwischen und klärt die beiden über die Machenschaften des Don Giovanni auf.

Als Donna Anna und Don Ottavio allein sind, erzählt Anna ihm von der Nacht, wo sie dachte, dass es Ottavio sei, der sie im Schlafzimmer besuche. Ihnen dämmert, dass Don Giovanni der Mörder des Komturs ist. Donna Anna verlangt noch einmal, dass Don Ottavio Rache verübt. (Or sai chi l’onore) Don Ottavio schwört Rache. (Dalla sua pace)

Don Giovanni geht zurück zum Schloss. Leporello informiert ihn, dass Elvira die ganze Hochzeitsgesellschaft über Don Giovannis Machenschaften aufgeklärt hat. Leporello ist es anschließend gelungen, Elvira aus dem Schloss zu komplimentieren. Don Giovanni lobt Leporello und freut sich auf die abendlichen Eroberungen. (Fin ch’han dal vino). Im Garten von Don Giovannis’ Schloss macht Masetto Zerlina eine Szene. Zerlina schwört ihm ihre Treue. (Batti, batti o bel Masetto) Masetto ist zwar besänftigt, aber sein Argwohn bleibt. Als er Don Giovanni sieht, versteckt er sich. Don Giovanni erscheint und lädt die Gesellschaft in den Tanzsaal ein, um mit Zerlina allein zu sein. Er nimmt sie an der Hand und Masetto kommt aus dem Versteck hervor. Schlagfertig behauptet Giovanni er wolle sie nur zu ihrem Gatten führen.

Ottavio, Anna und Elvira sind mittlerweile maskiert im Schloss des Grafen erschienen. Leporello, der sie nicht erkennt, lädt sie in den Tanzsaal ein. (Protegga il giusto cor) Im hell erleuchteten Ballsaal begrüßt Don Giovanni seine Gäste. Das Fest beginnt mit einem Tanz. Leporello gelingt es Masetto abzulenken, und Don Giovanni entführt Zerlina ins Schlafzimmer. Plötzlich gellen Angstschreie. Ottavio und Masetto eilen zu Hilfe. Don Giovanni kommt heraus und hat Leporello am Wickel. Er bezichtigt ihn der Zudringlichkeit. Die ganze Gesellschaft ist in Aufruhr. Die Leute glauben Don Giovanni kein Wort und prophezeien ihm ein unglückliches Schicksal. (Finale)


2. AKT: Leporello und Don Giovanni sind vor einem Wirtshaus. Leporello wird die Sache zu heiß und will Don Giovanni endgültig verlassen. Don Giovanni schafft es, Leporello mit ein paar Dublonen zu besänftigen. Seine Philosophie ist «Wer nur einer einzigen treu ist, ist grausam zu den andern». Es ist bereits Abend und Don Giovannis nächste geplante Eroberung ist Donna Elviras Zofe. Zuerst muss Donna Elvira aus dem Hause gelockt werden. Als sie auf dem Balkon erscheint, zieht Leporello Don Giovannis Kleider an und mimt den reumütigen Aristokraten. Leporello bewegt seine Lippen zum Gesang des versteckten Don Giovanni. (Ah taci ingiusto core) Der Plan klappt und Donna Elvira kommt herunter zu Leporello alias Don Giovanni. Don Giovanni hat sich versteckt und erschreckt die beiden als Straßenräuber verkleidet. Leporello flieht mit Donna Elvira. Der Weg ist frei für Don Giovanni, der der Zofe ein Ständchen gibt. (Deh vieni alla finestra)

Doch er wird von Masetto unterbrochen, der mit bewaffneten Bauern die Straßen nach Don Giovanni absucht. Don Giovanni, der in den Kleidern seines Dieners steckt, tritt hervor und gibt sich als Leporello aus. Er schickt die bewaffneten Bauern auf die Spur Leporellos und Don Elviras und behält Masetto bei sich, den er anschließend kräftig verprügelt. Zerlina findet ihn und verarztet ihn liebevoll. (Vedrai carino)

Leporello und Donna Elvira sind in einem Innenhof angelangt. Leporello weiß mittlerweile nicht mehr was tun und entschwindet. Da erscheinen Ottavio und Donna Anna. Wenig später auch noch Masetto und Zerlina. Sie finden Leporello. Don Ottavio und Masetto wollen den vermeintlichen Don Giovanni töten, doch zu ihrem Erstaunen verteidigt Donna Elvira ihn. (Sola in buio loco) Um seine Haut zu retten zeigt Leporello sein Gesicht. Er kann sich herausreden, und die verwirrten Rächer lassen ihn laufen. Don Ottavio glaubt nun genug Beweise zu haben, um zur Rache zu schreiten. (Il mio tesoro) Donna Elvira ist verzweifelt, doch tief ihm Herzen muss sie sich gestehen, dass sie für Don Giovanni Mitleid empfindet, ob des Schicksals, das ihm blüht.

Mittlerweile haben sich Leporello und sein Herr bei der Friedhofmauer wieder getroffen. Plötzlich hören sie die Stimme des toten Komturs. Don Giovanni vermutet, dass jemand ihnen einen Streich spielen will. Da sehen Sie die Statue des Komturs. Leporello liest die Inschrift: «Hier warte ich auf die Rache an dem Ruchlosen, der mich erschlug». Leporello packt die Angst. Don Giovanni lädt die Statue zum Spaß zum Essen ein und die Statue nickt. Da fühlt sich auch Don Giovanni plötzlich unsicher. (O statua gentilissima)

Don Ottavio will Anna so rasch wie möglich heiraten. Doch Donna Anna bittet ihn noch eine Trauerfrist wegen ihres Vaters einzuhalten. (Non mi dir)

Don Giovanni ist im Schloss und isst mit barbarischem Appetit, aufgetragen von Leporello und unterhalten von einer Musikergruppe. Donna Elvira erscheint. Ein letztes Mal versucht sie Don Giovanni dazu zu bewegen, sein Leben zu verändern. Don Giovanni weist sie höhnisch ab. (Gia la mensa è preparata)

Als Donna Elvira das Schloss verlässt, hören sie sie schreien, und es klopft an die Tür. Leporello hat Angst. Der steinerne Komtur steht vor der Tür. Er ist gekommen, um mit Don Giovanni zu speisen. Giovanni lässt ein Gedeck auftragen, doch der Komtur will, dass er mit ihm geht. Don Giovanni will kein Feigling sein und willigt ein. Der Komtur verlangt seine Hand und als Don Giovanni sie austreckt, packt der Komtur sie mit eisiger Gewalt. Der steinerne Komtur verlangt von ihm zu bereuen, doch Don Giovanni nennt ihn nur einen albernen Alten. Darauf stirbt Don Giovanni und wird von unterirdischen Furien in den Abgrund gezogen. (Don Giovanni, a cenar teco m’invitasti) Und nun kommen alle ins Schloss und Leporello erzählt was vorgefallen ist. Alle freuen sich über die Rache des steinernen Gastes und schmieden neue Pläne. Leporello will sich nach einem neuen Herrn umsehen, Donna Anna und Ottavio wollen heiraten und Donna Elvira will ins Kloster. Alle singen die Moral der Geschicht: Das ist das Ende dessen, der Böses tut.



Kommentar


Da Pontes Libretto: Nach dem überwältigenden Erfolg seines «Le nozze di Figaro» in Prag, wollte Mozart für die böhmische Hauptstadt ein Nachfolgewerk schreiben. Er bat da Ponte um einen Vorschlag für ein Thema und dieser schlug den Stoff des Don Juan vor. Mozart war begeistert und da Ponte machte sich an die Arbeit. Da das 18. Jahrhundert das Urheberrecht nicht kannte, bediente sich Da Ponte großzügig bei existierenden Werken. Dies waren hauptsächlich «El burlador de Sevilla» von Tello (das Vorbild aller späteren Don Juan Stoffe) und «der steinerne Gast» von Bertati. Um das Resultat zu beschreiben, was aus der Zusammenarbeit Da Pontes und Mozarts wurde, darf man nicht an Superlativen sparen. «Welttheater auf der Stufe des Don Quijote und Hamlet» oder «Oper der Opern» sind immer wieder gehörte und gelesene Attribute. Der Philosoph Soren Kierkegaard war ein glühender Bewunderer dieser Oper. Er äußerte sich dazu ausführlich und fasste die Bedeutung des Werks in folgende Worte: «Mit seinem Don Juan tritt Mozart ein in die kleine unsterbliche Schar von Männern, deren Namen, deren Werke die Zeit nicht vergessen wird, da die Ewigkeit ihrer gedenkt.» Der Hauptanteil der Lorbeeren gebührt Mozart. Die Musik spiegelt die Dramatik des Werkes in gelungenster Weise und jedes Stück aus der Oper scheint vollendet zu sein. Dal Ponte wird zwar ein guter Text konzediert, doch fällt er, was die Persönlichkeit der Figuren betrifft, deutlich hinter den Figaro zurück.


Tragödie oder Komödie?: Kaum eine andere Oper bietet so viel Fläche für Diskussionen und Analysen. Beispielsweise die Frage, ob es sich um eine Tragödie oder Komödie handelt hat manchen Experten zu der Feder greifen lassen. Da Ponte nannte es «dramma giocoso» (also eine Mischung) und Mozart nannte es in seinem persönlichem Opern-Verzeichnis eine «Opera buffa». Tatsächlich treffen wir auf drei klassische Charaktere der Opera Buffa (Giovanni, Leporello, Zerlina) aber auch drei Charaktere der Opera Seria (Ottavio, Donna Anna, Komtur).


Casanova und Da Ponte: Neben der literarischen Figur des Don Juan lebte zur Zeit der Komposition des Don Giovanni ein tatsächlich lebender legendärer Frauenverführer: Giacomo Casanova. Dieser war zu der Zeit der Komposition bereits über 60 Jahre alt und «im Ruhestand». Er war mit da Ponte befreundet und besuchte ihn und Mozart bei den Vorbereitungen zu der Aufführung in Prag und war bei der Erstaufführung zugegen. Anscheinend gab er Ratschläge für das Libretto, aber es ist unklar ob Da Ponte diese berücksichtigt hat.


Der Standesunterschied: Mozart spricht vieles nicht aus, sondern man findet es zwischen den Zeilen. Beispielsweise, dass die Rolle des Leporello gleich groß ist wie die seines aristokratischen Herrn, und dass beide dasselbe Stimmfach haben. Das war im höfischen Wien revolutionär und sprengte alle Normen. Zwar ist zum Schluss alles positiv ausgegangen, aber alle sind gezeichnet vom Vorgefallenen. Donna Anna bittet ihren Verlobten Don Ottavio, ihr noch ein Jahr Bedenkzeit zu geben. Leporello muss sich einen neuen Herrn suchen, und Donna Elvira geht ins Kloster. Nur Zerlina und Masetto, die Leute aus dem Volk, sind miteinander glücklich. Die Adligen - wir sind am Vorabend der französischen Revolution - sind die Verlierer.


Der steinerne Gast: Kurz nachdem Mozart den Kompositionsauftrag für Don Giovanni aus Prag bekam, ereignete sich die Katastrophe des Todes seines Vaters. Mozart war erschüttert. Daraus kristallisierte sich der Gedanke, dass Mozart seinen Vater und Übervater im steinernen Gast verewigte. Tatsächlich hat sich Mozart nie zu einem möglichen biografischen Hintergrund dieser Figur geäußert und so bleibt diese These Spekulation.



Die schönsten Stellen


Ouvertüre: Die Oper beginnt mit schicksalsschweren Akkorden. Mit d-Moll wählt Mozart für den Beginn der Ouvertüre eine Tonart, die er den tragischsten Momenten vorbehält, wie beispielsweise seinem Requiem. Tatsächlich treffen wir diese Akkorde gegen Ende der Oper wieder an, beim dramatischen Höhepunkt, wenn der steinerne Gast Don Giovanni besuchen wird. Nach ca. 2 Minuten wechselt die Musik nach D-Dur und wir hören eine brillante, festliche Musik.


Notte e giorno faticar: Leporello ist ein Buffo Charakter, ein Mann aus dem Volke. Mozart hat für ihn eine einfache und effektvolle Musik geschrieben: volksliedhaft hat jede Silbe einen Ton, außer bei «Voglio far il gentiluomo» (ich will den Aristokraten mimen) wird die Musik lang und rhythmisch. Leporellos Auftrittsarie ist hinreißend. Der Text «Notte e giorno faticar» («Nacht und Tag sich abzumühn»), ist sprichwörtlich geworden. Plötzlich erscheint Don Giovanni mit Donna Anna. Interessanterweise erfahren wir in der ganzen Oper nicht, was genau im Schlafzimmer passiert ist - ist «etwas» passiert? falls ja war es einvernehmlich? Und das Tragische geschieht, Don Giovanni ersticht den herbeigeeilten Komtur. In diesem Moment wird aus dem Spiel mit der Liebe ein Spiel auf Leben und Tod. Diese 3 Szenen spielen sich in nur 5 Minuten ab. Ein wahrlich atemberaubender Beginn!


Ah, chi mi dice mai: Donna Elvira ist eine selbstbewusste Frau von adligem Geblüt. So hat Mozart diese Arie ist sehr farbig orchestriert, mit abwechselnden Instrumenten, die die musikalischen Motive Stafettenmässig weitergeben. Alles fließt in dieser Arie und die Läufe verlangen nach einer Ebenmäßigkeit der Stimme der Sängerin.


Madamina, il catalogo è questo: Mit kichernden Flöten begleitet, beginnt Leporello aus dem Register der Eroberungen vorzulesen. Die Arie trägt aus diesem Grund den Titel «Register-Arie».

In Italien, sechshundertvierzig / in Deutschland, zwei hundert und einunddreißig / Hundert in Frankreich / in der Türkei einundneunzig

/ Aber in Spanien schon ein Tausend und drei.

Die größte Frechheit spart Leporello sich für den Schluss auf:

Wenn sie nur einen Rock trägt, ihr wisst schon was er tut.

Aufreizend langsam singt er vier Mal «Quell’ che fa» und stochert genüsslich in der Wunde der armen Elvira rum. Mozart und Da Ponte beweisen wahrhaft schwarzer Humor.


La ci darem la mano: In dieser Szene erleben wir zum ersten Mal Don Giovannis Verführungskunst. Diese besteht einerseits in einer verführerischen, schmachtend gesungenen Melodie. Darüber hinaus lügt er ihr die Heirat und Reichtum vor. Psychologisch interessant ist, dass Don Giovanni sich musikalisch der bäuerlichen Umgebung anpasst und Mozart ihm eine einfache, alles andere als aristokratische Melodie in die Kehle legt. Zerlina ziert sich etwas «Vorrei e non vorrei» («ich will und will doch nicht»), doch Mozart zeigt uns mit seiner Musik, dass sie sich gerne von ihrem Märchenprinz Don Giovanni einseifen lässt, denn er lässt sie musikalisch alles wiederholen, was Don Giovanni ihr vorsingt, bis sie schlussendlich die Melodie gemeinsam singen.


Or sai chi l’onore: Diese Arie zeigt eine Donna Anna mit starkem innerem Feuer. Die Arie ist schwieriger als es auf den ersten Blick erscheint. Die vielen repetitiven Motive müssen klug gestaltet werden, damit diese Arie für den Zuhörer nicht monoton erscheint.

Dalla sua pace: Diese Arie ist sparsam orchestriert und hat eine hohe Stimmlage. Sie ist ein lyrischer Ruhepunkt und muss in schönem legato gesungen werden.


Fin ch’han dal vino: Don Giovannis Champagner Arie ist ein ausgelassenes Stück, in dem er in atemberaubenden Tempo Leporello Anweisungen für den Abend gibt. Leporello soll ein Fest mit Musik und Tanz organisieren und sicherstellen, dass alle betrunken sind, damit Don Giovanni seiner Lieblingstätigkeit nachgehen kann. 12 neue Eroberungen sollen bis am nächsten Tag auf der Liste stehen. Don Giovanni ist ein Mörder und ein Verführer, doch er hat auch einen großen Appetit fürs Leben, was Mozart mit dem vorwärtsdrängenden Puls der Musik und den schnellen Noten unnachahmlich komponiert hat. Beim Anhören der Arie ist es uns trotzdem nicht möglich ihn zu verabscheuen.


Batti, batti o bel Masetto: Selbst wenn Zerlina in dieser Arie ihren Masetto um den Finger wickelt, und Mozart mit Trillern neckische Momente komponiert hat, ist es doch eine wunderschöne Liebesarie. Hervorzuheben ist Mozarts schöne Idee des Solo-Cello, das ihre Stimme während dieser Arie zärtlich umspielt.


Protegga il giusto Cor: Wir kommen zu einer großartigen Stelle. Der Auftritt der drei Verfolger von Don Giovanni ist bekannt unter dem Namen «Masken-Terzett». Es ist ein großartiges und erhabenes lyrisches Stück, in welchem die drei den Himmel um Beistand bitten. Die Orchester Begleitung der drei Stimmen besteht lediglich aus Bläsern. Don Ottavios Stimme bildet das Bassfundament für den innigen Gesang der beiden Frauen.

Finale Akt I: Dies ist die berühmte Tanzszene. Ein Orchester ist auf der Bühne und Mozart lässt gleichzeitig 3 Tänze in drei verschiedenen Taktarten spielen. Das erste Orchester spielt ein Menuett im 3/4-Takt (für das aristokratische Trio), das zweite einen Tanz im 2/4-Takt (für Don Giovanni und Zerlina) und das dritte im 3/8-Takt (für die Landleute). Der Rest der Szene versinkt im Aufruhr der Verführungsszene und der anschließenden Maskerade Don Giovannis.

Ah, taci ingiusto core: Aus der Balkonszene der Elvira entsteht ein unwiderstehliches Trio. Während Leporello komödiantisch den Don Giovanni mimt, entspannt sich ein wunderschönes Duett der beiden vermeintlich Liebenden mit den Einwürfen Leporellos.


Deh vieni alla finestra: Dieses Ständchen für Elviras Zofe ist ein romantisches Stück. Die Klänge der begleitenden Mandoline geben dem Stück eine unverwechselbare Note. Es wird in der abendlichen Stille mit gedämpfter Lautstärke gesungen, damit es von den Nachbarn nicht gehört wird. Da Ponte hat dieses Stück meisterhaft in Verse geschmiedet. Es sind lange romantische Verse, die auf einer schwachen Betonung enden, was der Sprache etwas Sanftes und Wogendes verleiht. Da Ponte hat die Worte so zärtlich gestaltet, dass die Grenze zur Komödie fast schon überschritten werden:

Tu ch’ai la bocca dolce piu che la miele / tu che il zucchero porti in mezzo al core

Du deren Mund süßer als Honig ist / Du, die du den Zucker mitten im Herzen trägst

Vedrai carino: Wieder schenkt Mozart Zerlina ein magisches Liebeslied und wieder wickelt Zerlina ihren naiven Verlobten um ihre Finger. Die schönsten Arien hat Mozart den Frauenstimmen vorbehalten. Fast mütterlich spricht sie dem übel zugerichteten Masetto Trost zu. Sie singt eine Melodie mit ebenmäßigen Noten in einem einfachen 3/8 Takt, die ohne große Tonsprünge komponiert sind. Zusammen mit den zärtlichen Trillern des Orchesters übt das eine beruhigende, fast tröstliche Wirkung auf den geschundenen Masetto aus. Im zweiten Teil hören wir im Orchester das Pulsieren ihres Herzens. Mit einem zärtlichen Orchester-Coda und dem pulsierenden Herzen endet dieses herrliche Stück.


Sola in buio loco: Diese Szene entwickelt sich in ein effektvolles Sextett bei welchem Mozart meist Stimmgruppen bildet, die teilweise fast schon Chor-Charakter haben.

Il mio tesoro: Don Ottavio ist von zwei Gefühlen geprägt, einerseits von der Pflicht zur Rache und andererseits von der Liebe zu Donna Anna. Diese Gefühle müssen mit einer aristokratischen Würde gesungen werden. Die Arie beginnt mit einem warmen expressiven Thema, dolce e espressivo, das von einem schönen Motiv der Streicher begleitet wird. Der zweite Teil der Arie ist der Rache gewidmet. Die Musik wird erregter. Ein virtuoser Lauf zeigt einen aufgewühlten und entschlossenen Don Ottavio. Diese Arie ist ein Prüfstein für Tenöre. Es braucht einen endlos langen Atem, Koloraturfähigkeiten und die Fähigkeit große Tonsprünge zu bewältigen. Alles Ingredienzen, die auch gestandene Sänger zum Schwitzen bringen.


O statua gentilissima: In der Friedhofsszene begegnen wir zum ersten Mal dem steinernen Komtur. Mozart greift hier mit dem Einbezug der Posaunen zu einem musikalischen Mittel, das er nur selten einsetzte (z.B. bei den überirdischen Erscheinungen wie im Idomeneo).

Non mi dir: Diese Arie ist aus dramatischer Sicht zwar etwas unnötig, aber musikalisch schlicht großartig. Das Orchester beginnt mit einem überirdischen Thema, welches von Donna Anna wiederholt wird. Die Arie bekommt in der Folge beinahe kirchlichen, gebetsartigen Charakter und eine chromatische Folge von Tönen beschreiben Schmerz und Trauer, bis das Thema des Anfangs wiederholt wird. Der zweite Teil ist im Tempo eines bewegten Allegretto mit schönen Koloraturen geschrieben.


Già la mensa è preparata: Don Giovanni ist unbekümmert. Hat er vergessen, dass er den Komtur zum Essen eingeladen hatte? Das Orchester spielt fröhlich Musik aus der Zeit Mozarts. Darunter zitiert Mozart auch ein Stück aus Le nozze di Figaro («Non più andrai»). Als Leporello dies hört, sagt er «Questa poi la conosco pur troppo» («dies kenn ich leider»). Es handelt sich um ein Insiderwitz da Pontes, denn der Leporello der Uraufführung war der Figaro der Uraufführung von «Le nozze di Figaro».


Don Giovanni, a cenar teco m’invitasti: Don Giovannis Charakter zeigt sich in dieser dramatischen Szene. Er ist kein Feigling. Trotz der von Mozart musikalisch so großartig gezeichneten dramatischen und spukhaften Atmosphäre und der Erscheinung des steinernen Gastes bleibt Don Giovanni standfest bei seinen Prinzipien.


Große Aufnahmen in YouTube


Madamina, il catalogo è questo – Ferruccio Furlanetto: Sie hören eine großartige Interpretation von Ferruccio Furlanetto, begleitet von der komödiantischen Schauspielerei von Donna Elvira und Don Giovanni in dieser Aufnahme der Metropolitan Opera. Allein das Mienenspiel ist ein Vergnügen.


Madamina, il catalogo è questo – Giuseppe Taddei: Eine weitere Aufnahme dieser Szene von Giuseppe Taddei, dem vielleicht renommiertesten aller Leporellos. Hier in der legendären Giulini-Aufnahme aus den fünfziger Jahren.


Fin ch’han dal vino – Cesare Siepi: Hören und sehen Sie Cesare Siepi in der Aufzeichnung aus Salzburg unter der Leitung von Wilhelm Furtwängler. Seine Champagner Arie ist brillant und man kauft ihm das Berechnende sofort ab.


Vedrai carino – Cecilia Bartoli: Hören Sie Cecilia Bartoli, für einmal zärtlich, fast schon unschuldig. Der zweite Teil dieser Arie singt sie überirdisch. Wie kann Masetto bei diesem pochenden Herzchen und schmachtenden Weibchen anders als schwach werden.


Il mio tesoro – John Mc Cormack: Für viele war die Interpretation von Mc Cormack aus dem Jahr 1916 der Gold Standard dieser Arie. Kesting zählt diese den größten Aufnahmen: «Wer z.B. begreifen will, dass ein sicher zentriertes gerundetes F’ in einer Tenorstimme wichtiger ist als ein noch so schallendes C’’, höre Mc Cormacks Haltenoten, angeschlagen mit der Resonanz einer Glocke. Mc Cormack übertrifft alle anderen Sänger in dieser Arie.


Il mio tesoro – Richard Tauber: Richard Tauber war unbestritten einer der großen Tenöre des letzten Jahrhunderts. Sein schönes Mittelregister und die ungemein musikalische Phrasierung waren unvergleichlich. Ein weiteres Markenzeichen Taubers waren die unglaublich langen Phrasen, die Tauber phänomenal in der Lage war auf dem Atem singen und zu halten. Man höre nur das «cercar» oder «tornar».


Non mi dir – Lucia Popp: Genießen Sie überirdisch-schönen Gesang in der Aufnahme von Lucia Popp.



3 Fun Facts


1. Berühmt ist die Anekdote, dass Mozart die Ouvertüre in der Nacht vor der Erstaufführung niedergeschrieben haben soll. Man muss davon ausgehen, dass Mozart das Werk bereits im Kopf hatte und die nächtliche Niederschrift lediglich den letzten Schritt bedeutete. Fieberhaft wurde die Partitur von den Kopisten für das Orchester während des Tages fertiggestellt. Der Beginn der Oper musste von 19 Uhr auf 19.45 verschoben werden, da noch nicht alle Musiker ihre Kopie hatten! So konnte die Ouvertüre nicht geprobt werden. Mozart scheint mit der Aufführung recht zufrieden gewesen zu sein: «Es sind zwar viele Noten unter die Pulte gefallen, aber im Ganzen ist die Ouvertüre doch recht gut von statten gegangen!». Der Jubel des Publikums war groß.

2. Neben der literarischen Figur des Don Juan lebte zur Zeit der Komposition des Don Giovanni ein tatsächlich lebender legendärer Frauenverführer: Giacomo Casanova. Dieser war zu der Zeit der Komposition bereits über 60 Jahre alt und im Ruhestand. Er war mit da Ponte befreundet. Casanova besuchte Da Ponte und Mozart bei den Vorbereitungen zu der Aufführung in Prag und war bei der Erstaufführung präsent. Anscheinend gab er Ratschläge für das Libretto, aber es ist unklar ob Da Ponte diese berücksichtigt hat.

3. In einer Aufführung des Don Giovanni 1949 in Edinburgh war der Dirigent Rafael Kubelik besessen, den richtigen Ort für die drei Posaunen zu finden, die hinter den Kulissen den Auftritt des steinernen Gastes begleiten. Kein Ort war gut genug, um den gewünschten Soundeffekt zu kreieren, bis jemand auf die Idee kam, es in der Bühnentoilette zu versuchen. Das Resultat war so überzeugend, dass man beschloss, diesen (stillen) Ort zu wählen. Am Aufführungs-Abend spielte der Spülmechanismus der Toilette verrückt und die Toiletten begannen just im falschen Moment zu rauschen. Dies bekamen auch die Radiohörer von BBC hautnah mit, die die Aufführung live mitverfolgen konnten.

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