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Lohengrin von Richard Wagner- ein Opernführer: Handlung, Musik, Wissenswertes

  • peter
  • vor 10 Stunden
  • 14 Min. Lesezeit
Biografie Johann Sebastian Bach

«Lohengrin» ist ein großartiges Bühnenwerk und war lange das meistgespielte Werk Richard Wagners. König Ludwig II sah es 1857 in München und verliesss tränenüberströmt das Theater. Diese Erfahrung sollte nicht nur sein, sondern auch Wagners Leben verändern.




 


Lohengrin von Richard Wagner



«Lohengrin» ist ein großartiges Bühnenwerk und war lange das meistgespielte Werk Richard Wagners. König Ludwig II sah es 1857 in München und verliesss tränenüberströmt das Theater. Diese Erfahrung sollte nicht nur sein, sondern auch Wagners Leben verändern.


«Lohengrin» «»


URAUFFÜHRUNG: Weimar, 1850 LIBRETTO: Richard Wagner, basierend auf verschiedenen altdeutschen Sagen, u.a. «Parzival» von Wolfram von Eschenbach und dem «Lohengrin» Gedicht (Verfasser unbekannt).

DIE HAUPT PERSONEN: Heinrich, deutscher König (Bass) - Lohengrin, Ritter des heiligen Grals (Tenor) - Elsa, Tochter des verstorbenen Herzogs von Brabant (Sopran) - Gottfried, Sohn des verstorbenen Herzogs von Brabant (stumme Rolle) - Friedrich von Telramund, brabantischer Graf (Bariton) - Ortrud, Friedrichs Frau und heidnische Seherin (Mezzosopran)

AUFNAHME EMPFEHLUNG: EMI, Elisabeth Grümmer, Jess Thomas, Dietrich Fischer-Dieskau, Christa Ludwig, Gottlob Frick unter der Leitung von Rudolf Kempe und den Wiener Philharmonikern sowie dem Chor der Wiener Staatsoper.


Handlung


VORGESCHICHTE: Der deutsche König Heinrich ist nach Brabant gekommen. Er will diesen Teil seines Reichs zur Dienstpflicht gegen die ungarischen Angreifer verpflichten. In Brabant herrscht Zwist. Der verstorbene Graf hatte zwei Kinder, Elsa und Gottfried. Diese hatte er der Vormundschaft des Grafen Friedrich von Telramund unterstellt und ihm Elsas Hand in Aussicht gestellt. Doch Elsa schlug die Heirat aus. Darauf hat Friedrich Ortrud geheiratet. Nach dem rätselhaften Tod von Gottfried hat Friedrich Elsa beschuldigt, Gottfried mit Hilfe eines geheimnisvollen Manns getötet zu haben.

1. AUFZUG: (Vorspiel) Nun soll der König vor dem Gerichtsbaum darüber richten. Elsa wird die Möglichkeit, gegeben sich vor Gericht zu verteidigen. Sie erscheint und macht einen abwesenden Eindruck, noch immer steht sie unter dem Schock des Todes ihres Bruders. (Einsam in trüben Tagen) Als nächstes spricht Friedrich. Für seine Anschuldigung will er keine Beweise präsentieren. Stattdessen verweist er auf seine Verdienste, das Reich vor dem Angriff der Dänen beschützt zu haben. Er schlägt dem König ein Gottesgericht vor, sprich ein Zweikampf zwischen ihm und dem geheimnisvollen Beschützer Elsas. Diese ist einverstanden und verspricht demjenigen, der für sie kämpft ihre Hand und den Thron. Doch niemand meldet sich. Weil dies einem Schuldspruch Gottes gleichkäme, wiederholt Elsa ihren Aufruf.

Von weitem erblickt man ein Boot, das von einem Schwan gezogen wird. (Du trugest zu ihm meine Klage) Dem Kahn entsteigt Lohengrin, in silberner Rüstung, mit Helm und Schwert. Gebannt schauen die Leute auf den Ritter. Friedrich ist entsetzt. (Nun sei bedankt, mein lieber Schwan) Elsa wiederholt ihr Gelübde, ihren Retter zum Mann zu nehmen. Lohengrin verspricht ihr für Sie zu kämpfen, doch nur unter der Bedingung, dass sie ihn nie nach seinem Namen und seiner Herkunft fragen dürfe.

Die edlen von Brabant empfehlen Friedrich, nicht gegen den von höheren Mächten geschützten Ritter zu kämpfen. Doch Friedrich will eher tot als ein Feigling sein und stellt sich dem Kampf. Der Platz wird ausgemessen. Feierlich schwören alle Beteiligten, das Gottesurteil des kommenden Kampfes anzunehmen. Mit Schwertern wird der Kampfplatz abgesteckt. Der Kampf beginnt, Lohengrin gewinnt und schenkt dem am Boden liegenden Friedrich sein Leben.

2. AUFZUG: Verlassen sitzen Ortrud und Friedrich vor der Kirche. Die Schmach sitzt tief. Friedrich verflucht seine Frau und wirft ihr vor, sie habe ihm bezeugt, dass sie gesehen habe wie Elsa ihren Bruder umgebracht habe, und nun hat Gott dies als Lüge offenbart. Ortrud steht zu Ihrer Behauptung und erklärt, dass der Ritter nur durch einen bösen Zauber gesiegt habe. Rache sei aber möglich, wenn Friedrich es schaffe, bei Elsa Argwohn zu schaffen, so dass sie Lohengrin nach Namen und Herkunft frage. Dann wäre der Zauber des Ritters gebrochen.

Da erscheint Elsa auf dem Balkon. Ortrud schickt Friedrich weg. Sie erzählt Elsa, dass sie von Telramund verstoßen worden sei. Aus Mitgefühl nimmt Elsa Ortrud bei sich auf. Ortrud macht sich auf den Weg zu Elsas Kammer. Sie triumphiert. Heuchlerisch gaukelt Ortrud der glücklichen Elsa Dankbarkeit vor und empfiehlt ihr auf der Hut zu sein. Denn der Fremde könnte so schnell gehen, wie er gekommen sei und säht so ersten Argwohn. (Du ärmste kannst wohl nicht ermessen) Friedrich triumphiert und sieht die Stunde der Rache kommen.

Es wird Tag. Der Platz füllt sich mit Menschen und die Edlen treffen im Palast ein. (In Frühn versammelt uns unser Ruf) Der Heerrufer verkündet, dass Friedrich geächtet ist, nachdem er den Gotteskampf verloren hat. Weiters kündigt er die Hochzeit von Lohengrin und Elsa an, die heute noch erfolge. Lohengrin soll der Heerführer sein, der die Brabanter in den Krieg gegen die Ungarn führen soll. Vier Edle beraten sich heimlich, denn der König will das Land in einen Krieg führen, gegen einen Gegner, der sie nie bedroht hat und sie beraten, wie sie dem König entgegentreten können. Da tritt Friedrich in ihre Mitte, und bietet sich ihnen als Anführer an.

Die Vorbereitung der Hochzeit beginnt. Vier Edelknaben verkündigen die Ankunft Elsas in der Kirche. Sie tritt in Begleitung eines langen Zugs von Edlen vor der Kirche auf. Plötzlich tritt Ortrud hervor und wirft Elsa vor, zu Unrecht die Königskrone zu empfangen. Elsa erkennt ihren Fehler, Ortrud vertraut zu haben. Diese wirft Elsa vor, sich einem Unbekannten hingegeben zu haben. Elsa bezichtigt sie des Lästerns, denn Lohengrin habe den Gotteskampf gewonnen. Ortrud wirft nun Lohengrin vor, sich eines Zaubers zu bedienen, der ihm Macht verleiht. (Zurück Elsa, nicht länger will ich dulden) Lohengrin und Heinrich erscheinen und sehen den Aufruhr. Lohengrin schickt Ortrud weg und versucht Elsa zu beruhigen. Mitten in der Trauung erscheint Friedrich. Auch er wirft Lohengrin vor, sich eines Zaubers zu bedienen. Nur wenn er seine Herkunft, Name und Stand preisgebe, ließen sich Zweifel zerstreuen. Lohengrin erklärt, nur Elsa Rechenschaft schuldig zu sein. Heinrich spricht sich für Lohengrin aus. Doch bei Elsa sind die Zweifel gesät. (Welch ein Geheimnis muss der Held bewahren) Friedrich tritt unbemerkt zu Elsa. Er werde heute Nacht in ihrer Nähe sein. Wenn sie ihn rufe, werde er einen winzigen Teil von Lohengrins Körpers abtrennen, dann sei sein Bann gebrochen, und Lohengrin werde sie nie verlassen. Lohengrin scheucht ihn weg und fragt Elsa, ob sie zur Hochzeit bereit sei. Sie bejaht und die Trauung wird im Münster feierlich vollzogen.

3. AUFZUG: (Vorspiel) Elsa und Lohengrin werden zum Brautgemach geführt. Zum ersten Mal sind die beiden allein. (Treulich geführt) Sie erklären sich ihre Liebe. Elsa bedauert, dass sie in dieser schönen Stunde seinen Namen nicht kenne. Lohengrin erklärt, dass er sie in großer Not gerettet habe und er ihr Vertrauen verdiene. Elsa drückt ihre Angst aus, dass er etwas zu verschweigen habe. Lohengrin fordert nachdrücklich ihr Vertrauen und mahnt an ihr Versprechen, nicht nach seiner Herkunft zu fragen. Damit verstärkt er aber Elsas Angst, dass er sie eines Tages verlassen werde. Lohengrin schwört ihr ewige Treue, doch das reicht Elsa nicht. Sie ist besessen von dem Gedanken, dass der Tag komme, an dem der Schwan ihn wieder abholt und sie stellt Lohengrin die unselige Frage nach seiner Herkunft. Plötzlich dringt der bewaffnete Friedrich mit seinen vier Verschwörern ins Schlafgemach ein. Elsa hat sie bemerkt und kann Lohengrin sein Schwert reichen. Friedrich stürzt sich auf seinen Widersacher und wird mit einem Streich Lohengrins getötet. Lohengrin ist erschüttert. Alles ist zu Ende. Auf seine Anordnung wird Elsa von den Kammerzofen hinausbegleitet. (Weh, nun ist all unser Glück dahin)

Es ist morgen. Die Adligen treffen mit ihrem Heergefolge ein. König Heinrich empfängt das Heer in einer feierlichen Zeremonie. Die feierliche Handlung wird jäh unterbrochen, als Friedrichs Leiche hereingetragen wird und Elsa tiefbetrübt auftritt. Lohengrin erscheint und muss dem König berichten, dass er das Heer nicht anführen wird. Er berichtet, dass Elsa ihren Schwur gebrochen hat und verkündet feierlich allen seine Herkunft. Er sei ein Ritter vom heiligen Gral, gekommen von der Burg Montsalvat. Sein Vater sei Parzival, er selbst sei sein Ritter, Lohengrin genannt. Er wurde vom Gral ausgesandt, um das Böse zu bekämpfen und die Tugend zu beschützen. (In fernem Land)

Elsa erkennt ihren Fehler. Lohengrin verkündet, dass mit der Frage nach seiner Herkunft sein Zauber erloschen sei. Auf dem See erscheint der Schwan. Lohengrin übergibt Elsa Schwert und Ring und verabschiedet sich von ihr. Ortrud tritt mit jubelnder Gebärde hervor. Triumphierend erklärt sie, dass der Schwan niemand anders als der verzauberte Gottfried sei, der verschwundene Bruder Elsas. Lohengrin kniet nieder und betet. Da erscheint eine weiße Taube. Der Schwan versinkt, und an seiner Stelle steht der entzauberte Gottfried. Elsa umarmt ihren Bruder und bricht tot zusammen. (Mein lieber Schwan)


Kommentar

Handlung und Libretto: «Lohengrin» ist eine glänzende Oper, mit großartigen Szenen und starken Kontrasten. Wie im «Tannhäuser» stellt Wagner zwei verschiedene Welten einander gegenüber. Im «Lohengrin» ist es die Reinheit der Gralsritter und die dunkle Welt der heidnischen Zauberer. Wie gewohnt schrieb Wagner Handlung und Libretto selbst. Viele Themen der Oper Lohengrin konnte Wagner verschiedenen mittelalterlichen Sagen entnehmen. Er war auf die Lohengrin-Sage gestoßen, die in der Tannhäuser Erzählung zitiert wird. In den so produktiven Marienbader Kurwochen von 1845 (wo er auch seine Ideen für den Tannhäuser und die Meistersinger entwickelte) las er Eschenbachs Parzival und entwickelte die Geschichte Lohengrins, dem Sohn des Gralsritters. Dass Lohengrin zu einer stimmigen und packenden Erzählung wurde, ist Wagners Verdienst, der die verschiedenen Sagen und Bruchstücke mit seiner Idee zusammenschweißte und Personenportraits mit psychologischer Tiefe entwickelte.

Uraufführung: Im Herbst 1845 schrieb er die Prosafassung und im Frühjahr war das Textbuch fertig. Erst 1848 schloss er die Komposition ab, da er als Kapellmeister in Dresden stark eingespannt war. In diesem Jahr schloss sich Wagner den Dresdener Revolutionären an und er musste im Sommer Hals über Kopf fliehen, womit sich sein Traum, die Oper in Dresden aufzuführen, in Luft auflöste. Erst sein Freund Franz Liszt konnte das Werk 1850 mit Erfolg in Weimar uraufführen.

Das Frageverbot – die Interpretation des Werkes: Viele Bücher und Aufsätze wurden über dieses Thema der Befragung geschrieben. Im Allgemeinen ist das Befragungsverbot als ein Gleichnis der vorbehaltlosen Liebe zu sehen, wie sie beispielsweise von der Kirche gefordert wird. Die Frage nach der Herkunft käme einer Entmystifizierung des Göttlichen gleich und würde damit zu dessen Machtverlust führen. Im Lohengrin geht die Interpretation noch eine Ebene tiefer. Für Wagner steht Lohengrin für den Künstler, der von seinem Publikum jenseits des Rationalen «rückhaltlos aufgenommen und verstanden werden will». Der Gral ist schlussendlich ist die Freiheit des Künstlers. Und Elsa? Wagner selbst sah Elsa als «das Unbewusste». In ihm versuchte Lohengrin, der das Bewusste repräsentiert, sich zu erlösen (gemäß einem Brief Wagners). Ihr Tod lässt sich so verstehen, dass Lohengrin (der Künstler) nur angebetet und nicht verstanden wurde (Wagner), so dass sie nach seiner Herkunft fragen musste. Lohengrins wahrer Gegenspieler ist nicht Friedrich von Telramund, sondern Ortrud. Diese Person war keine Sagengestalt, sondern sie ist eine geniale Schöpfung Wagners. Ortrud ist die in germanischer Religion verhaftete Zauberin, die im zweiten Akt die germanischen Götter Freia und Wotan anruft. Fast wird diese Oper zu einem Kampf zwischen Gottesreich (vorbehaltlose Liebe) und Heidentum (Zaubermacht). Analysiert man Ortrud auch eine Ebene tiefer, lässt sie sich als die Reaktionärin verstehen (Wagner in einem Brief), die dem revolutionären Künstler (Lohengrin bzw. Wagner) entgegensteht. Am Ende scheitern beide, der Künstler, weil er die Anerkennung nicht erhält, und der Reaktionär, weil die Geschichte ihm nicht rechtgibt. Der Künstler aber schafft den Raum fürs Neue (Gottfried) und wird dadurch erlöst.

Leitmotive: Im «Lohengrin» nutzte Wagner Leitmotive, sie unterscheiden sich aber noch erheblich von der späteren Leitmotivik des Rings. Im Lohengrin sind die Motive länger - es sind eher Themen als Motive – und sie werden nicht so kunstvoll miteinander verwoben und entwickelt, wie in seinen späteren Werken. Zwei der Hauptmotive (das Gralsmotiv und das Lohengrin Motiv) stellen wir ihnen im Abschnitt zu Elsas Traumerzählung vor. Zwei weitere wichtige Motive sind das Fragemotiv und das Ortrud Motiv:

• Ortrud Motiv

• Frage Motiv

Interessant ist das Ortrud Motiv aus zwei Gründen: einerseits ist es in Fis-Moll geschrieben und als Mollparallele diametral dem A-Dur Gralsmotiv entgegensetzt, Wagner positioniert also Ortrud musikalisch als die Gegenspielerin Lohengrins. Darüber hinaus ist es verwandt mit dem sogenannten Fragemotiv, Wagner stellt also einen musikalisch einen Zusammenhang zwischen Ortrud und der verbotenen Frage her.

Wagners letzte romantische Oper: «Lohengrin» wird gelegentlich auch «Wagners letzte romantische Oper» genannt, einem Werk, das mit Stücken ausgestattet ist, die noch Nummern-Charakter besitzen. Die ersten beiden Akte zeigen Ensemble-Szenen, die aus der Meyerbeer‘schen Grand Opéra stammen könnten. Trotzdem brachte diese Oper Wagners Werk einen Schritt weiter zum Musikdrama. Das Volkstümliche des Fliegenden Holländers oder die Arien des Tannhäusers sind passé, das Werk ist musikalisch durchstrukturiert. Wagner beendete diese Oper im Alter von 35 Jahren. Die nächste Oper die Wagner verfasste, sollte fünf Jahre später das Rheingold sein, wo er mit dem Beginn des Rings seinen Anspruch an das musikdramatische Werk einzulösen begann.


Die schönsten Stellen

Vorspiel: Erstmals nennt Wagner die Einleitung nicht mehr «Ouvertüre», sondern «Vorspiel». Dies dokumentiert die Wandlung der Rolle der Einleitung. Sie ist nicht mehr ein die Themen exponierendes Stück (wie es noch im Tannhäuser war), sondern sie wird zu einem Teil der Geschichte, wo der Hörer auf das Kommende eingestimmt wird. Im Wesentlichen umfasst die Ouvertüre das Gral Thema.

Einsam in trüben Tagen (Elsas Traumerzählung): Nach einem kurzen Beginn von Flöten und Streicher beginnt Elsa ihren Traum mit reiner und leuchtender Stimme. Das langsame Tempo verstärkt das Gefühl der Einsamkeit. Der folgende Abschnitt beinhaltet ein großartiges Crescendo. Es beginnt mit «da drang aus meinem Stöhnen» und endet mit «in die Lüfte», wunderbar begleitet von schwirrenden Violinen. Elsa sinkt in den Schlaf und eine wunderschöne orchestrale Überleitung führt in das Grals Motiv. Ihre Vision beginnt…

• Das Gralsmotiv:

In den Bläsern hören wir das Lohengrin Motiv:

• Lohengrinmotiv

Du trugest zu ihm meine Klage: An dieser Stelle hat Wagner eine virtuose Chorstelle geschrieben. Der Theatermann Wagner hat diese Passage brillant komponiert, die Dramatik des Auftritts ist mit Händen zu greifen.

Nun sei bedankt, mein lieber Schwan: Dieser Auftritt Lohengrins ist eine der großen Herausforderungen bei der Inszenierung dieser Oper, wie man das Auftauchen des Schwans inszenieren kann, ohne plump zu wirken oder gar Lächerlichkeit zu provozieren. Musikalisch präsentiert Wagner uns einen überwältigenden Abschnitt, der für sich sprechen soll, so nimmt er dem Regisseur bewusst den Druck weg, in die Falle einer Überinszenierung zu treten. Fanfaren, ein langes Crescendo, Blechbläser und ein virtuoser Chorabschnitt zeigen den großartigen Theatermenschen Wagner.

Du ärmste kannst wohl nicht ermessen: Diesem Duett wird eine Ähnlichkeit zu Bellinis Musik attestiert. Tatsächlich achtete Wagner den Sizilianer wegen dessen sanften Melodien. Wagner hat Bellinis Romeo und Julia Werk (mit dem Titel «I Capuleti e Montecchi») mehrmals gesehen und war von ihm tief beeindruckt. Die Duette zwischen dem Sopran und dem Mezzo dieser Oper (Romeo ist eine Hosenrolle) waren vermutlich ein Vorbild für diese Szene. Zufälligerweise (oder eben nicht) ruft Ortrud im ersten Teil dieser Szene die auf einem Balkon stehende Elsa (!!!) mit verlockendem, verziertem Gesang zu sich. Gegen Schluss des Duetts vereinen sich die beiden Stimmen in bester italienischer Manier - eine großartige Szene.

In Frühn versammelt uns unser Ruf: Dieser Akt beginnt mit einer schönen Morgenszene. Mit Fanfaren und Chören kreiert Wagner eine großartige Stimmung.

Zurück Elsa, nicht länger will ich dulden: Diese Szene zeigt ein hochdramatisches Wortgefecht zwischen Ortrud und Elsa. Wagner hat diese Szene bewusst spärlich instrumentiert, um die Verständlichkeit der Worte zu gewährleisten. Die Szene der beiden Frauen wird immer wieder durch Einwürfe des Chores begleitet, was die Dramatik der Situation großartig steigert.

Welch ein Geheimnis muss der Held bewahren: Wagner hat an dieser Stelle ein brillantes, mehrstimmiges Stück geschrieben.

Treulich geführt: An dieser Stelle erklingt Wagners berühmter Hochzeitsmarsch.

Weh, nun ist all unser Glück dahin: Tiefe Stille breitet sich aus. Noch hört man im Orchester Motive des Glücks, doch sie haben nicht mehr die Süße der Wonne.

In fernem Land: In strahlendem A-Dur erzählt Lohengrin von seiner Herkunft. Es ist eine helle, hohe Tonart, die von den himmlischen Sphären des Grals kündet. Hohe flirrende Geigen vermitteln das Gefühl der Entrücktheit und des sphärischen. Lohengrins Erzählung ist in einem feierlichen, gemessenen Tempo komponiert. Die Stimme muss würdevoll, doch leicht, glänzend und mysteriös sein, fern vom pathetisch-heroischen. Mit feierlicher Stimme besingt er das alljährliche Wunder: «Alljährlich naht vom Himmel eine Taube, um neu zu stärken seine Wunderkraft. Es heißt der Gral». Ein wunderschönes weiches forte seiner Stimme in A glänzt über dem schwirrenden Klang der Violinen. Die hohe Tessitura der folgenden Passage hält die Dramatik und Feierlichkeit hoch. Es ist für den Tenor eine anspruchsvolle Stelle, er muss die Stimm-Kraft hochhalten, ohne die Stimme überanzustrengen. Zum Schluss enthüllt Lohengrin seinen Namen. Die Stimme ändert sich, sie wird prächtig, ruhmreich und heroisch, keineswegs hohl, sondern edel. Es ist der Höhepunkt und Schlüssel der Oper. Ähnlich dem Tannhäuser mit der Rom Erzählung des letzten Aktes, muss der Tenor seinen wichtigsten Abschnitt am Schluss singen. Das heißt, der Sänger muss am Schluss über genügend stimmliche Kraftreserve verfügen, um diesen Abschnitt zu einem Höhepunkt des Abends zu bringen. In Lohengrin ist die Aufgabe «einfacher» denn die die Gralserzählung («In fernem Land») und der Abschied («Mein lieber Schwan») sind lyrische Stücke die beinahe Belcanto Charakter aufweisen, während die Rom-Erzählung eine dramatische Stimme erfordert.

Mein lieber Schwan: Der Tod Elsas ist der einzige tragische Tod in Wagners Werk. Sonst haben alle Frauen-Tode einen Sinn im Erlösungstod. Doch Elsa ist keine Erlöserin, denn Lohengrin verklagt sie bitterlich.


Große Aufnahmen in YouTube

Einsam in trüben Tagen – Gundula Janowitz: Janowitz‘ Interpretation dieser Arie ist schlicht großartig. Wir hören in dieser Arie die Reinheit, Verletzlichkeit und Zuversicht der Elsa. Ihr Crescendo ist atemberaubend und der Schluss ist weltentrückt.

Nun sei bedankt, mein lieber Schwan - Placido Domingo: Zu dieser Szene schrieb Franz Liszt, der Dirigent der Uraufführung und Vertrauter Wagners, einen interessanten Kommentar. Er betonte, dass in dieser Stelle das Timbre des Tenors Anmut, Samtigkeit und Weichheit erfordert, was weit weg ist vom gängigen Wagner Tenor mit seiner vokalen Wuchtigkeit. Domingo sang den Lohengrin zum ersten Mal 1968. Er sah aber, dass er noch nicht bereit war, die Stimme litt unter der Belastung, und erst 15 Jahre später war sang er ihn wieder. Mit viel Belcanto löst er die Forderung Franz Liszts ein. Die Kritiker waren sich einig, dass Domingos Lohengrin ein großer Gewinn war. Der Glanz seiner Stimme und lyrischer Belcanto ergeben ein bestechendes, stimmiges Bild und begeistern den Hörer. Diskussionen gab es einzig über die Artikulation. Seine deutsche Aussprache hat große Schwächen. Der Großteil der Kritiker störte sich nicht daran, Arnold Whittal meinte sogar spöttisch, dass Montsalvat sich schließlich näher an Madrid befindet (in einem unnahbaren spanischen Gebirge) denn an Bayreuth, und so ein Ritter mit spanischem Akzent eigentlich zu erwarten ist.

Du ärmste kannst wohl nicht ermessen – Christa Ludwig / Elisabeth Grümmer: Hören Sie die Balkon-Szene in der absoluten Traumbesetzung. Kaum eine Sängerin konnte so viel Wärme in ihre Stimme bringen wie Elisabeth Grümmer (Elsa). Christa Ludwig (Ortrud) zeigte in mehreren Aufnahmen eine großartige Ortrud.

In fernem Land – Jussi Björling: «Björling sang wenige Wochen vor seinem Tode die Gralserzählung zum ersten und letzten Male öffentlich. Auch wenn die schwedische Sprache nicht unbedingt die geeignete für den Lohengrin ist, auch wenn diese interpretatorisch noch am Anfang steht, zu burschikos gesungen ist und auch einen musikalischen Fehler enthält – hier ist sie, die ideale Lohengrin-Stimme. Björling ist vielleicht der größte Verlust für den Wagner-Gesang gewesen, den man sich vorstellen kann: Distanz und Weltferne und schmerzlich getönte Sinnlichkeit». (Fischer, große Stimmen). Beispielsweise sein Crescendo (1:55) ist atemberaubend und die Melancholie, die über der Interpretation schwebt, ist ungemein stimmig.

In fernem Land – Lauritz Melchior: Hören Sie die Aufnahme des Skandinaviers aus dem Jahr 1940. Der Däne Lauritz Melchior war vielleicht der größte Wagner Tenor der Geschichte. Seine Stimmreserven scheinen unerschöpflich und seine Diktion ist hervorragend, wahrscheinlich zurückgehend auf seine Bayreuther Zeiten, wo er noch mit Cosima Wagner die Rolle einstudierte.

In fernem Land – Franz Völker: Kesting («Die großen Sänger»): «Sein Lohengrin unter Tietjen gehört zu den erfüllenden Momenten des Wagner Gesangs. Er besticht durch eine ausdrucksvolle Phrasierung und einem Ton von lyrischem Zauber». Fischer (große Stimmen): «Völker hat in den dreißiger Jahren Lohengrin-Maßstäbe gesetzt, die bis heute nicht übertroffen wurden. Seine Paarung von heldischer baritonaler Kraft und lyrischer Sensibilität war Labsal für die Ohren jener Wagnerianer, die «Bell-Canto» satthatten».

Mein lieber Schwan – Jonas Kaufmann: Hören Sie Jonas Kaufmann mit dem Schwanengesang. Seine Stimme ist romantisch und heroisch und besticht durch schöne Diminuendi und Pianissimi. Lohengrin ist wahrscheinlich Kaufmanns beste Wagner Rolle.


3 Fun Facts

1. Aufgrund seiner Verwicklung in die Dresdener Revolutionswirren konnte Wagner die Oper nicht selbst auf die Bühne bringen. Wagner wurde steckbrieflich gesucht und musste aus Dresden fliehen. Ein Jahr später zeigt er die Komposition in Weimar Franz Liszt, bei dem er auf seiner Flucht vor der Polizei Halt machte. Dieser nahm das Werk in seine Hände und dirigierte ein Jahr später die Uraufführung in Weimar. Wagner konnte dieser nicht beiwohnen, da er in der Schweiz im Asyl feststeckte und während 12 Jahren deutschen Boden nicht mehr betreten konnte. Erst 11 Jahre später konnte er seine Oper zum ersten Mal erleben! Ironisch und etwas stolz meinte Wagner bei dieser Aufführung in Wien, «er sei mittlerweile der einzige Deutsche, der die Oper noch nie gehört habe.»

2. Der legendäre Tenor Leo Slezak sang den Lohengrin einst in einem Provinztheater. Als er im dritten Akt wie geplant den Schwan besteigen wollte, fuhr dieser ohne ihn weg. Slezak rief darauf in die Kulissen: «Bitte schön, wann geht denn der nächste Schwan».

3. Der Tenor Lauritz Melchior wollte als Lohengrin wie einstudiert in der Schlafzimmerszene das unter dem Bett platzierte Schwert gegen seinen Widersacher Telramund erheben. Er fand die Requisite nicht. Ohne zu zögern streckte den überraschten Widersacher mit einem Kinnhaken zu Boden.

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