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Igor Stravinsky - Biografie: Seine Orte, seine Musik und sein Leben

  • peter
  • vor 16 Stunden
  • 7 Min. Lesezeit
Biografie Johann Sebastian Bach

Kein anderer Komponist hat eine vergleichbar musikalische Breite wie Igor Stravinsky. Er überraschte in seinen späten Jahre mit der Komposition von serieller Musik, verzauberte mit den Kompositionen seiner mittleren, neoklassizistischen Phase und wurde in seinen frühen Jahren mit seinen berühmten Balletten zum Revolutionär.


Sein Sacré du Printemps veränderte die Musik für immer und Arthur Honegger verglich die Wirkung dieses Werks zurecht mit der der Atombombe.


Wer war Igor Stravinsky und welche Orte und Menschen haben sein Leben geprägt?

Eine biografische Annäherung an den Jahrhundert Künstler aus Russland.

 


Doku Igor Stravinsky (Video):

 


Igor Stravinsky - Biografie



Jugend in Oranienbaum


Stravinsky wurde 1882 in Oranienbaum, ca. 30 km von St. Petersburg in eine gutsituierte Familie geboren. Seine Familie entstammte dem Bürgertum und Igor wuchs im vorrevolutionären St. Petersburg des Zaren Nikolaus auf.


Sein Vater war ein begabter Musiker und Bass an einem Musiktheater.


Stravinsky war ein begabter Pianist und beherrschte mit 15 Jahren Mendelssohns Klavierkonzert. Sein Vater wünschte, dass er Rechtswissenschaft studieren würde, was er dann auch in St. Petersburg tat.

Dort lernte er den Sohn von Rimsky-Korsakov kennen und der vermittelte ihm einen Termin bei seinem Vater.


Dieser erkannte das Talent Stravinskys und riet ihm davon ab, das Konservatorium zu besuchen. Stattdessen wurde Stravinsky mit 23-Jahren ein Schüler dieses Russischen Meisters, den Stravinsky als seinen zweiten Vater betrachtete, denn sein leiblicher Vater war bereits 1902 verstorben.

Stravinsky waren knappe 3 Jahre bei Rimsky vergönnte, bis zu dessen Tod im Jahr 1908.




Junges Familienglückin der Ukraine


Schon früh gründete der junge Russe eine Familie. Als 23-jähriger heiratete er Jekaterina Nossenko heiratete, seine Kusine ersten Grades.


Die beiden konnten auf dem Anwesen von Jekaterinas Vater in Ustilug, der heutigen Ukraine ein Haus bauen, wo sie während mehreren Jahren jeweils die wärmere Jahreszeit verbrachten. Dort wurde 1906 ihr erstes Kind geboren und Stravinsky begann seine ersten Meisterwerke zu komponieren.



Stravinsky in Paris


An einem Konzert in St. Petersburg hörte der Theater-Unternehmer Sergei Diaghilev Strawinskys Scherzo und das Feu d’artifice und wünschte vom jungen Komponisten für seine Pariser Saison der Balletts Rußes ein Auftragswerk,


So kam Stravinsky zum ersten Mal 1910 nach Paris. Sein erstes Ballettwerk für Dhigailevs Compagnie des Balletts Rußes war der Feuervogel.


Paris wurde in den nächsten Jahren der Hauptfokus seiner künstlerischen Tätigkeit und Stravinsky kam wiederholt zurück für die Folgeprojekte für Dhiagilevs Ballet-Truppe, die mit Stravinskys Musik Weltberühmtheit erlangte.



Stravinsky wird mit dem Sacré berühmt


Die Aufführung des “Sacré du printemps” wurde zum Theater-Jahrhundertskandal und machte den 31-jährigen auf einen Schlag zu einer Berühmtheit. Doch was genau passierte in diesen Jahren?


1909 ereignete sich im Théâtre du Châtelet Musikgeschichte: das moderne Ballett wurde geboren. Dort präsentierte der russische Impresario Diaghilev zum ersten Mal in Paris seine «Ballets Rußes».


Vaslav Nijinsky und Anna Pawlowa waren die Stars des russischen Mariinski Theaters. Sie tanzten zu der Choreografie des begnadeten Choreographen Michel Fokine. Das Ballett schien zu dieser Zeit tot, erstarrt in ihren Figuren. Fokine befreit es von den leeren Pirouetten, Dhiagilev vereinte es zum Gesamtkunstwerk von Tanz, Musik und Bühnenbild und Nijinski wurde zum «Gott des Tanzes».


Für die Saison 1913 wechselt Dhiagilev ins neu gebaute Théâtre des Champs-Élysées.

Das Stück, welches präsentiert wurde, war Strawinskis «Sacré du Printemps». Schon das Thema des Balletts, ein ritueller Mord an einer jungen Frau, wirft seine Schatten voraus. Die Choreografie Fokins, der schockierende Tanz Nijinskis, die Kostüme und vor allem der noch nie gehörte Klang der Musik Strawinskis katapultierte das Werk in die Moderne.


Die Frenesie des Publikums war gigantisch, Gegner und Anhänger johlten, pfiffen und gerieten sich während der Aufführung in die Haare, was sich zum größten «Theaterskandal der Geschichte» ausweitete. Einzig der Dirigent behält kaltes Blut und dirigierte das Werk zu Ende. Der Abend erhielt den Spitznamen «Massacre du Printemps».


Als Andenken an die berühmten Ballets Rußes liess die Stadt Paris beim Centre Pompidou einen Strawinski Brunnen errichten, der ein auffälliges und beliebtes Photosujet auf dem Igor-Strawinski-Platz wurde. Er wurde von Jean Tinguely und Niki de Saint Phalle gestaltet und 1983 dort installiert. Er besteht aus mehr als einem Dutzend Figuren, die vom Wasser animiert werden und die alle einen Bezug zu Strawinski und seinem Werk haben, wie zum Beispiel einen Feuervogel.



Komponisten-Jahre am Genfersee

Der Weltkrieg beendete die Phase der Pariser Ballette und die Familie Strawinski verbrachte die Kriegsjahre mit ihren 4 Kindern in der Schweiz.

Mit dem ersten Auftragswerk für Paris, dem Feuervogel, hatte Strawinski seinen Winterwohnsitz bereits an den Genfersee verlegt. Einerseits weil seine Frau wegen Gesundheitsproblemen diesen milden Ort schätzte und andererseits, weil der Impresario der Balletts Rußes, Dhiagilev, in Lausanne zeitweise sein Lager aufgeschlagen hatte. Strawinski arbeitete in dieser Zeit an vielen bedeutenden Werken wie zum Beispiel der Sacré du Printemps, les noces oder l’Histoire du Soldat.


Er freundete sich mit dem Dirigenten Ernest Ansermet an, der ein wichtiger Förderer seiner Werke wurde und bis 1930 sieben seiner Werke uraufführte.


Ebenfalls fand er ein herzliches Verhältnis zum Schriftsteller Ramuz, der den Text zu «L’histoire du Soldat» schrieb, basierend auf einer russischen Erzählung.


Die meisten Häuser oder Hotels, wo die Strawinskis wohnten, stehen nicht mehr, dafür ist die wunderschöne Villa Rogivue noch immer in ihrer vollen Pracht in einem Park zu sehen. Hier wohnte Stravinsky mit Familie von 1915-1917.


Zurzeit beherbergt sie ein schönes Restaurant und ein Gasthaus und nennt sich «La maison d’Igor».



Künstlerfreundschaften


Stravinsky liebte die Künste und suchte stets die Zusammenarbeit mit Vertreter anderer Kunstgattungen.


Berühmt wurden die Freundschaften mit Jean Cocteau und Pablo Picasso, die auch privat Zeit zusammen verbrachten als sie gemeinsam Rom und Neapel erkundeten.


Cocteau schrieb das Libretto zu Ödipus Rex und mit Picasso realisierte er unter anderem eine Pulcinella Produktion in Paris, wo dieser für Kostüme und Bühnenbild verantwortlich zeichnete.



Wanderjahre in Frankreich


1920 zog Strawinski, der in Geldnöten war, auf Einladung von Coco Chanel in deren Villa Bel Respiro nach Granches bei Paris.


Coco Chanel hatte bei der Uraufführung des «Sacré du Printemps» im Zuschauerraum gesessen und den Komponisten kennengelernt. Wahrscheinlich hatten Chanel und Strawinski während seines Aufenthalts in Granches eine Affäre.



Biarritz


1921 zog Strawinski mit finanzieller Unterstützung seiner Gönner mit seiner Familie nach Biarritz. Die finanzielle Abhängigkeit Strawinskis war der russischen Revolution geschuldet, aufgrund derer es Strawinski nicht mehr möglich war, auf die Royalties seiner Ballette in Russland zuzugreifen.


Die Wahl des Wohnsitzes erfolgte wegen des milden Klimas, der gesunden Luft und deren positiven Einfluss auf die Gesundheit seiner Frau und nicht zuletzt, weil sich in diesem mondänen Ort bereits eine grosse Kolonie von Russen befand.



Strawinski war in dieser Zeit ein Vertrag mit der Pariser Klavierbau-Firma Pleyel eingegangen. Sie hatten ihm dort ein Büro zur Verfügung gestellt und Paris wurde zu seinem Zweitwohnsitz, wo er seine Beziehung mit der Geliebten Vera de Bosset pflegte, die ihn, mit Wissen seiner Frau, auch auf seinen Reisen begleitete.


In dieser Biarritzer Villa an der Rue de la Frégate Nummer 9 lebte die Familie Strawinski und der Russe komponierte hier wichtige Werke.


In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatte sich eine russische Kolonie in Biarritz zu bilden begonnen. Reiche Adlige bauten sich Villen und verbrachten dort vor allem die «russische Saison» zwischen September bis November.


1892 wurde die prächtige orthodoxe Kirche eröffnet. Als 1917 die Revolution ausbrach, fanden sich viele Russen in Biarritz ein, die als «Weißrussen» bekannt waren.


Zum gesellschaftlichen Zentrum wurde die Villa Belza. Der Name der Villa kam von Baskisch «belza» was «schwarz» bedeutet, es war der Zweitname der Frau des Erbauers. Der Schwager Strawinskis, Gregori Beliankin, hatte die Villa 1923 in ein russisches Restaurant umgebaut und ein Cabaret eingerichtet, wo die Russen mit Kosakenchören und Themenabenden ganz wie zu Hause ausgelassen feiern konnten.



Tragödie in Paris


Schließlich verließen die Strawinskis Biarritz 1924, «ermüdet von den Winterstürmen», in Richtung Nizza und dann Paris.


Nach den Jahren in der französischen Provinz, hatten die Strawinskis von 1936 bis zum Ausbruch des Weltkriegs in Paris an der Rue Faubourg Honoré seinen Wohnsitz. Später bezeichnete er diese Jahre als die traurigsten seines Lebens.


Die Familie wurde Opfer der Tuberkulose. Während Strawinski fünf Monate hospitalisiert werden musste, starben seine Frau Jekaterina und die Tochter Ludmilla an dieser Krankheit.



Emigration in die USA


1939 beschloss Strawinsky zusammen mit Vera de Bosset in die Staaten zu emigrieren. Er hatte in den 3 Amerika Besuchen seit den zwanziger Jahren bereits Kontakte knüpfen können.


Doch als erstes heirateten Igor und Vera in New York. Die beiden zogen zuerst nach Beverly Hills, dann nach Hollywood, wo sie bis Ende der sechziger Jahre wohnten.


Walt Disney brannte darauf mit Strawinsky zusammenzuarbeiten, um die Musik von “Sacré du printemps” für seinen Trickfilm “Fantasia” zu verwenden und sie realisierten gemeinsam dieses Projekt. Dies führte dazu, dass Strawinsky einige seiner Werke überarbeitete, um die Royalties sicherzustellen, da die Russischen Verwertungs-Rechte in den USA nicht akzeptiert wurden.



Neoklassizistische Phase


Ab den vierziger Jahre begann Strawinski vermehrt zu dirigieren und zu reisen. Mit den Werken für den Konzertsaal beipsielsweise die Sinfonie in C, die Sinfonie in 3 movements und das Concerto in D, hatte er in den vierziger Jahren ein entsprechendes Repertoire komponiert. Mit diesen Werken und seiner Oper “The rakes progress” beendete er seine “neoklassische” Phase, die durch die serielle Spätphase abgelöst wurde.



Die Uraufführung von «The rake’s progress» dirigierte er 1951 im Teatro alla Fenice in Venedig. Es ist eine seltsame Oper mit den vom Cembalo begleiteten Rezitativen, die in dieser atonalen Zeit seltsamerweise tonal komponiert wurde und bisweilen an Mozart, Händel und Donizetti gemahnt. Ein Rückblick auf vergangene Zeiten.



In den fünfziger Jahren lernte er den Dirigenten Robert Craft kennen, der bis zu Strawinskis Tod seine künstlerische rechte Hand wurde.


1962 wurde Strawinski anlässlich seines 80. Geburtstag von John und Jackie Kennedy im Weißen Haus mit einer Medaille und einem Dinner geehrt.



Letzte Ruhestätte in Venedig


Die letzten beiden Jahre verbrachte er in New York. Schließlich starb er dort in seinem Apartment in der 5th Avenue an Herzversagen, ausgelöst durch ein Lungenödem.


Auf seinem eigenen Wunsch wurde er 1971 neben seiner Frau in Venedig zur letzten Ruhe gesetzt,


Zufälligerweise (oder vielleicht doch nicht?) steht wenige Meter neben dem Grab Strawinskis auch dasjenige von Sergei Diaghilev, dem berühmten Impresario der Ballets Rußes und künstlerischen Weggefährten, der 1929 im venezianischen Exil gestorben war. Seither besuchen Musikfreunde aus aller Welt das Grab Stravinskys und ehren diesen Großen der Musik, der wie kaum ein anderer die Musik des 20. Jahrhunderts beeinflusst hatte.



Igor Stravinsky - Biografie

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