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Le nozze di Figaro von Wolfgang Amadeus Mozart- ein Opernführer: Handlung, Musik, Wissenswertes

  • peter
  • vor 1 Tag
  • 12 Min. Lesezeit
Biografie Johann Sebastian Bach

Dass Da Ponte und Mozart aus dieser verwickelten Komödie ein Meisterwerk formen konnten, grenzt an ein Wunder. Mit «Le nozze di Figaro» hat Mozart nicht nur herrliche Situationskomik mit umwerfender Musik geschrieben, sondern auch fünf unsterbliche Rollenportraits für die Hauptpersonen erschaffen.


 


Le nozze di Figaro von Wolfgang Amadeus Mozart



URAUFFÜHRUNG: Wien, 1786 LIBRETTO: Lorenzo Da Ponte, basierend auf der Komödie «La Folle Journée ou le Marriage de Figaro» von Pierre Augustin Caron de Beaumarchais.

DIE HAUPT PERSONEN: Graf Almaviva, Adliger und Dienstherr (Bass) – Gräfin Almaviva, seine Frau (Sopran) - Figaro, Kammerdiener des Grafen (Bass) - Susanna, Kammerzofe der Gräfin und Verlobte des Figaro (Sopran) - Cherubino, Page des Grafen (Sopran) - Marzellina, Haushälterin der Gräfin (Mezzosopran)

AUFNAHME EMPFEHLUNG: EMI mit Elisabeth Schwarzkopf, Sena Jurinac, Irmgard Seefried, George London und Erich Kunz unter der Leitung von Herbert von Karajan und dem Chor der Wiener Staatsoper und den Wiener Philharmoniker. Als Alternative bietet sich ein Opernfilm an: DG mit Mirella Freni, Kiri Te Kanawa, Dietrich Fischer-Dieskau und Maria Ewing unter der Leitung von Karl Böhm und dem Chor und Orchester der Wiener Philharmoniker.



Handlung


1. AKT: Im Schloss des Grafen Almaviva. (Ouvertüre) Figaro und Susanna sind Diener und Zofe des Grafen und der Gräfin Almaviva und wollen bald heiraten. Susanna warnt Figaro, dass der Graf Andeutungen gemacht habe, das Recht auf die erste Nacht wieder einführen zu wollen. Das erzürnt Figaro. Er sagt seinem Herrn den Kampf an und verlässt zornig das Zimmer. (Se vuol ballare signor contino) Susanna trifft auf die Haushälterin Marzellina. Sie streiten sich über Geld, dass Figaro einmal von Marzellina geliehen haben soll. Und das will sie angesichts der geplanten Hochzeit wieder zurück. Das würde jedoch die Hochzeit verunmöglichen. (Via resti servita, madama brillante) Erzürnt verlässt Marzellina das Zimmer. Nun tritt Cherubino, der Page Almavivas, in Susannas Zimmer. Der Graf hatte ihn bei einem amourösen Abenteuer erwischt und will ihn bestrafen. Cherubino bittet Susanna, ein gutes Wort bei der Gräfin einzulegen. (Non so piu cosa faccio)

Da hören Sie den Grafen eintreten, der Susanna besuchen will. Schnell versteckt Cherubino sich und bekommt mit, wie der Graf Susanna Avancen macht. Doch er kommt nicht weit, denn der Musiklehrer Bartolo ist im Anmarsch. Nun muss Almaviva seinerseits sich verstecken, um in dieser kompromittierenden Situation nicht erwischt zu werden. Als er hört, wie Bartolo von Cherubinos Schwärmereien erzählt, kommt er erzürnt aus seinem Versteck heraus. Nach einem kurzen Gespräch findet er zu seiner Verblüffung Cherubino in seinem Versteck. Der Graf platzt vor Wut kann aber Cherubino nicht bestrafen, weil der im Versteck die gräfliche Liebeserklärung an Susanna mithörte. Um ihn loszuwerden ernennt der Graf seinen Pagen zum Offizier, der raschestmöglich einrücken muss. Figaro gibt ihm spöttisch gute Ratschläge mit. (Non piu andrai)


2. AKT: In den Gemächern der Gräfin. Die Gräfin leidet unter der Treuelosigkeit ihres Gatten und möchte lieber sterben als unwürdig weiterzuleben. (Porgi amor) Figaro besucht die Gräfin, um ihr einen Plan vorzuschlagen, wie man dem Grafen eine Lektion erteilen könnte. Der Graf soll zu einem Rendez-vous mit Susanna eingeladen werden, wo aber der verkleidete Cherubino erscheinen soll. Gleichzeitig soll er ein anonymes Schreiben erhalten, dass ihn warnt, seine Frau habe am gleichen Abend ein Rendez-vous. Die Gräfin willigt zögernd ein und Figaro verlässt das Zimmer, um Cherubino zu rufen. Dieser kommt, um Susannas Kleider anzuprobieren. Er darf zuerst der Gräfin ein Lied vorsingen. (Voi che sapete) Nun wird Cherubino in die Intrige eingeweiht und ist bereit Susannas Kleider anzuprobieren.

Als er halbnackt ausgezogen ist, klopft es. Es ist der Graf! Cherubino muss sich verstecken, um die Gräfin vor der kompromittierenden Situation zu retten. Der Graf tritt misstrauisch ein. Wieso war das Zimmer abgeschlossen? Er durchsucht das Zimmer und stößt auf eine verschlossene Türe zum Nebenraum. Er vermutet Cherubino drin und fordert, dass er rauskommt. Doch nichts passiert. Währenddem er ein Werkzeug holt, um die Tür aufzubrechen, ist Susanna geistesgegenwärtig von hinten ins Zimmer geeilt und hat das Fenster geöffnet, damit Cherubino hinausspringen kann. Als der Graf die Türe aufbrechen will, öffnet sie sich … und Susanna erscheint. Der Graf ist verwirrt und bittet seine Frau um Verzeihung. Da hören sie von Figaro, dass der Gärtner erbost sei, da seine Blumen zertreten worden seien, als jemand aus dem Zimmer sprang. Als der Graf das offene Fenster im Nebenraum bemerkt, rettet Figaro die Situation in dem er behauptet, er sei gesprungen, weil er mit Susanna im Raum war. Die Situation scheint gerettet. Nun meldet der Gärtner, der Übeltäter habe beim Sprung einen Zettel verloren. Es ist der Einberufungsbefehl Cherubinos. Der Graf hält ihn Figaro wütend unter die Nase, doch der behauptet in der Not, Cherubino habe ihn ihm gegeben. Und nun tritt auch noch Marzellina hinzu. Sie will, dass der Graf die Heirat zwischen Figaro und Susanna verhindert, weil Figaro der älteren Frau einst die Hochzeit versprach, um zu Geld zu kommen. Genüsslich verbietet der Graf vorläufig die Hochzeit. (Finale Akt II)


3. AKT: Die Gräfin und Susanna wollen den Grafen auch ohne Cherubino zu einem Rendez-vous locken und die Gräfin beschließt als Susanna verkleidet hinzugehen. Susanna geht nun zum Grafen, um ihm ein Treffen vorzuschlagen. (Crudel! Perche finora farmi languir cosi?) Der Graf hat erfahren, dass er von seinem Diener hintergangen werden soll und singt sich in Rage. (Mentre io sospiro)

Am Abend meldet der von Marzellina eingeschaltete Advokat, dass Figaro in Tat und Wahrheit der Sohn der Marzelline sei, der ihr als Neugeborener geraubt wurde. Alle Probleme mit den Schulden haben sich damit gelöst, der Hochzeit steht nichts mehr im Wege und sie wird für den nächsten Tag angesetzt. Marzellina und Bartolo beschließen gleich auch noch zu heiraten. (Riconosci in questo amplesso)

Die Gräfin befindet sich in ihren Gemächern und denkt melancholisch an die glücklichen Tage ihrer Ehe zurück. (Dove sono i bei momenti) Sie diktiert Susanna am Schreibtisch eine Einladung an den Grafen zum abendlichen Rendezvous. (Che soave zeffiretto)

In einer Zeremonie übergibt der Graf Susanna am Vorabend der Heirat den Brautschleier, dabei übergibt Susanna ihm heimlich ein Brieflein, welches mit einer Nadel verschlossen ist. Beim anschließenden Tanz sieht Figaro, wie sich der Graf beim Öffnen des Briefs an der Nadel sticht und ist amüsiert, dass der lüsterne Graf wieder einmal ein Liebesbrieflein bekommen hat, ohne zu wissen, dass es von Susanna stammt.


4. AKT: Der Tag der Hochzeit ist angebrochen. Barbarina sollte die Nadel Susanna zurückgeben, hat sie aber verloren und ist aufgelöst. (L’ho perduta) Figaro hat Barbarina getroffen und von der Nadel erfahren. Jetzt weiß er, wer das Brieflein geschrieben hat und ist außer sich, dass Susanna wagt ihn zu betrügen. (Aprite un po quegli occhi) Susanna ist glücklich. Doch Figaro ist erzürnt, denn er denkt, dass sie sich auf das Rendez-vous mit dem Grafen freut. (Deh vieni non tardar)

Am Abend im Schlossgarten. Figaro will das Treffen der beiden beobachten. Die Gräfin tritt in der Verkleidung von Susanna auf und unweit davon steckt Susanna in der Kleidung der Gräfin. Cherubino taucht überraschend auf und nähert sich der vermeintlichen Gräfin. Er hat sich in sie verliebt und versucht ungestüm sie zu küssen. Susanna klärt ihn über seinen Irrtum auf. Figaro will sich an Susanna rächen und umwirbt die vermeintliche Gräfin. Eine Ohrfeige von Susanna bringt ihn zurück in die Realität. Schließlich trifft die vermeintliche Susanna auf den Grafen. Dieser umwirbt sie heftig. Beschämt muss er erkennen, dass er seine Gattin vor sich hat. Der Graf entschuldigt sich bei seiner Gattin und versöhnt sie mit einer Liebeserklärung. Nun treffen sich alle im Garten und sind sich einig, dass jeder die Lektion gelernt habe.



Kommentar


Fünf Jahre vor der französischen Revolution: Dass Mozart 1786 dieses Lustspiel auf die Bühne bringen konnte grenzt an ein Wunder. «Kein anderer Komponist jener Zeit wäre im Wien des Jahres 1786 auf die aberwitzige Idee gekommen, für die kaiserliche Hofoper Joseph II ausgerechnet Beaumarchais’ satirisch-bissige Gesellschaftskomödie vertonen zu wollen, das politisch brisanteste Theaterstück jener Jahre, dessen Aufführung auch in Wien verboten war.» (Quelle: Attila Csampai, Opernführer)


Das Libretto von Da Ponte: Der damalige Hofpoet der Hofoper, Lorenzo Da Ponte, musste der Zensur versprechen gewisse Passagen abzumildern, wie zum Beispiels Figaros Brandrede des fünften Aktes. Nichtsdestotrotz orientierte sich die Handlung getreu an der Vorlage. Das Risiko der Verwendung dieses Stücks war nicht nur politischer, sondern auch dramaturgischer Art. Beaumarchais’ Komödie war sehr lang und sehr kompliziert, es bleibt Da Pontes Verdienst die Verdichtung auf ein operntaugliches Libretto glänzend hinbekommen zu haben. Unter anderem reduzierte er die Anzahl der Hauptpersonen von 16 auf 11 und die Anzahl der Akte von 5 auf 4. Mozart hat seine Kompositionstechnik auf diese Komplexität ausgerichtet. Beispielsweise ist das Finale des zweiten Aktes mit beinahe 1‘000 Takten das längste Finale das Mozart je geschrieben hat, es ist beinahe ein Theater im Theater, das über 20 Minuten dauert und dramaturgisch und musikalisch keine einzige langweilige Sekunde hat. «Le nozze di Figaro» bildet die erste Zusammenarbeit Da Pontes mit Mozart. Dies ist eine Gelegenheit einen kurzen Exkurs zu Lorenzo da Ponte zu machen und über seinen spannenden Lebenslauf zu schreiben. In einer jüdischen Familie geboren, konvertierte er früh und wurde praktizierender katholischer Priester. Er wurde jedoch wegen unstetem Lebenswandel aus Venedig verbannt, und verdiente in der Folge in Dresden als Hoflibrettist sein Brot. Nächste Station war Wien mit Werken für Salieri und andere Komponisten. 1786 schrieb er als Angestellter der Hofoper sechs Libretti, eines davon war «Le nozze di Figaro». Zusammen mit Mozart entwickelte er die italienische komische Oper mit «Cosi fan tutte» und «Don Giovanni» weiter. Er verlor seinen Posten 1790 mit dem Tode Joseph II. Da er nicht zurück nach Venedig durfte, ging er weiter nach London. Dort kam er in finanzielle Schwierigkeiten und musste 1804 nach New York fliehen, wo er verschiedenen Tätigkeiten nachging, wie Tabak- und Gemüsehändler, Italienischlehrer und brachte es bis zu einer Professur an einer renommierten Universität. Ein Höhepunkt seines Aufenthaltes war eine von ihm maßgeblich geförderte Aufführung des «Don Giovanni» 1825.


Die weiblichen Hauptrollen: Die Rollenbilder dieser Oper sind Figuren, die viele große Sänger inspiriert haben. Mozarts Menschenkenntnis hat Rollen aus Fleisch und Blut geschaffen. Am meisten fühlte Mozart mit den Frauenfiguren. Den Personen des Cherubino, der Susanna und der Gräfin komponierte er die gefühlvollsten, und unsterblichen Stellen dieses Meisterwerks. Allen voran der Gräfin mit den beiden großartigen Arien «Porgi amor» und «Dove sono» und der Susanna mit der Arie «Deh, non vieni tardar» und den vielen schönen Duetten. Auch die Rollen des Cherubino, des Conte und des Figaro sind von Mozart musikalisch charakteristisch gezeichnet worden und haben ihren festen Platz in der Opern-Geschichte bekommen.


Die Ensembleszenen: Diese Oper ist ein Werk der Ensemble-Szenen. Da Ponte und Mozart haben die Zahl der Arien stark zurückgenommen und den Ensembles einen breiten Platz eingeräumt. Neben den großen Finali des zweiten und vierten Aktes sind die beiden Sextette hervorzuheben und eines der schönsten Duette der Operngeschichte «Che soave zeffiretto».

Die meisterhafte Orchestrierung: Die Orchestrierung des Figaro ist vollendet: jede Nummer hat ihre individuelle orchestrale Prägung bekommen, dies ist zweifellos eine der innovativsten Aspekte dieser Oper. Zuvorderst muss der Reichtum der Bläserpartitur hervorgehoben werden, die perfekt auf die herrschende dramaturgische Situation abgestimmt ist, seien es militärische Trompeten in Figaros «Non andrai», die Oboe und Fagotte des «Che soave zefiretto», die Klarinette des «Porgi amor» oder der Einsatz der Hörner in der Arie des (gehörnten) Figaros des ersten Aktes, die wir in seiner Arie des vierten Aktes wieder antreffen werden. Auch den Streicherklang variiert Mozart aufs Vorzüglichste, seien es die lieblichen Pizzicati in der Rosenarie, die gedämpften Streicher im «Voi che sapete» oder die Szene nur für Streichorchester in Barbarinas Arie.


Geschichte und Uraufführung: Mozart begann die Kompositionstätigkeit im Oktober 1785 und beendete die Oper nach sechs Monaten. Die Uraufführung fand am 1. Mai 1786 im Wiener Burgtheater im Beisein des Kaisers statt. Über den Erfolg herrscht Unklarheit. Tatsache ist, dass sie nur neun Mal wiederholt wurde, was möglicherweise der politischen Sprengkraft geschuldet sein könnte oder auf die schiere Komplexität der Inszenierung, welche für die damalige kurze Probentätigkeit eine gewaltige Herausforderung bedeutete. Das Werk verbreitete sich anschließend nur schleppend, was sich aber mit der triumphalen Prager Erstaufführung schlagartig änderte und ihm den Kompositionsauftrag des «Don Giovanni» einbrachte.



Die schönsten Stellen


Ouvertüre: Selten führt eine Ouvertüre so musikalisch mitreißend in das Geschehen wie das Vorspiel zu dieser Oper. Ein quirliges Anfangsmotiv, ein brillantes Thema und ein sprudelndes Schlusspresto machen aus der Eröffnung ein Schmankerl für den Konzertsaal.


Se vuol ballare signor contino: Ob dieses «Ius primae noctis» tatsächlich verbreitet war oder mehr einer Legende als der Realität entsprach ist umstritten. Auf jeden Fall entflammte das Thema die Emotionen und eignete sich so hervorragend als Thema für ein Schauspiel. Mozart komponierte die Musik des Dieners spöttisch mit einem zierlichen, höfischen Menuett, dessen Text Figaro hasserfüllt herauszischt.


Via resti servita, madama brillante: Das zänkische Duett zweier Frauen war ein Klassiker der Oper des 18. Jahrhunderts. Mozart unterlegte die Szene glänzenderweise mit der falschen Süße einer schmeichelhaften Melodie und mit Streichern, die vor Vergnügen hüpfen.


Non so piu cosa faccio: Cherubino, der Page des Grafen, singt mit jugendlichem Gefühl, Ungeduld und Unsicherheit über seine Liebe zu Susanna, zur Gräfin und zu allen Frauen. Mozart lässt diese großartige, lyrische Melodie von zärtlich gedämpften Streichern begleiten.


Non piu andrai: Diese berühmte Arie ist eine politisch heikle Verspottung des adligen Cherubinos durch den Diener. Im ersten Teil hören wir Figaros höfische (allerdings musikalisch sehr simple) Verspottung des Narziss’ Cherubino, der den Fandango des Tanzsaals nun mit dem Marsch des Militärs tauschen muss, was Mozart mit den musikalischen Elementen des Militärs im zweiten Teil farbig zeichnet.


Porgi amor: In dieser Arie vermisst die Gräfin die Zeiten, als der Graf sie noch innig liebte. Zweifellos ist «Porgi amor» einer der Höhepunkte der Oper und eine der schönsten lyrischen Stücke, die für Sopran geschrieben wurden. Die Musik ist in Dur gesetzt, obwohl die Stimmung der Gräfin traurig und kontemplativ ist, dies macht vielleicht sogar den Reiz dieses Stückes aus. Die Arie beginnt in piano und kulminiert in der Mitte, mit dem herzzerreissenden Todeswunsch «o mi lascia almen morir», der sich zwei Mal wiederholt, begleitet von der überirdisch-schmerzlichen Kantilene der Klarinette. «Porgi amor» ist der erste Auftritt der Gräfin. Sie ist alleine auf der Bühne und muss gleich die schönste Arie der Oper singen, manche Sängerin hat deswegen Respekt vor diesem Stück. Sonst gibt es keine großen gesangstechnischen Schwierigkeiten, es ist eine einfache Kavatine und deren Dauer vergleichsweise kurz. Aber wie immer bei Mozart, sind die einfachen Dinge die schwierigsten.


Voi che sapete: Cherubino ist eine Hosenrolle für einen jungen Sopran. Er ist der Page des Grafen und in einem Alter, in dem die Gefühle erwachen. «Voi che sapete» ist eine gesungene Liebeserklärung eines Adoleszenten an alle Frauen. Mozart hat diese berührende Szene in einem naiven, kindlichen Ton komponiert. Die Arie wird eröffnet mit einer graziösen Melodie begleitet von synkopierten Violinen, welche eine Gitarre imitieren, die Susanna spielt. Mit der Zeit wird die Musik intensiver. Mozart moduliert die Melodie in kleinen Schritten und evoziert eine leidenschaftliche, sich steigernde Stimmung und gibt der Person des Cherubino einen überirdischen Glanz.


Finale Akt II: Das Finale des zweiten Aktes hat ungeheure Dimensionen, es besteht aus beinahe 1‘000 Takten und ist ein Kunstwerk in sich. Es beginnt mit dem Duett des Grafen und der Gräfin. Nach und nach erscheinen fünf Personen, von denen jeder die Musik verändert, bis die Verwirrung komplett ist. Besonders komödiantisch wird die Musik, wenn Susanna mit einem unschuldigen Menuett aus der Kammer tritt, und der Graf und die Gräfin verblüfft auf sie starren.


Crudel! Perche finora farmi languir cosi?: Die Szene des Grafen und Susanna beginnt in Moll, denn der Graf ist immer noch verstimmt. Doch bald schon hellt sich seine Stimmung auf als Susanna das Stelldichein ankündigt: mit (wenig noblen) großen Tonsprüngen zeigt der Graf seine allzu menschliche Erregung und Vorfreude.


Mentre io sospiro: Mozart zeichnet einen bis zur Lächerlichkeit hochmütigen Grafen, indem er das Orchester unisono mit seiner Stimme verschmilzt und mit stolzen Koloraturen diese Rachearie beenden lässt.


Riconosci in questo amplesso: Aus diesem «Colpo di scena» entwickelt sich ein schönes Sextett.


Dove sono i bei momenti: Es ist nach «Porgi amor» wieder ein Klagelied, gesungen mit der aristokratischen Würde einer Gräfin. Die Melodie des «Dove sono» hat Mozart im «Agnus dei» der Krönungsmesse in C-Dur KV 317 wiederverwendet. Im übertragenen Sinn fühlt sich die Gräfin als Opfer des Grafen.


L’ho perduta: Mozart komponierte für diesen Auftritt Barbarinas ein exquisites Stück, die einzige Arie in Moll.


Aprite un po quegli occhi: Figaro beschreibt in dieser Arie die Frauen als Meister der Täuschung. Wie schon sein Meister zuvor, darf auch Figaro eine Wut Arie singen. Doch Mozart will auch diesen Mann nicht völlig ernst nehmen, zu kokett ist die Begleitung der Streicher und Bläser komponiert.


Deh vieni non tardar: Im wiegenden Rhythmus und begleitet vom zärtlichen Pizzicato der Streicher und lieblichen Einwürfen der Holzbläser entfaltet sich die Rosenarie der Susanna. Es ist eine wunderschöne, lyrische Liebeserklärung an ihren zukünftigen Mann Figaro, und die Utopie einer Welt, in der es keine Standesunterschiede mehr gibt. Die Arie ist ein bedeutender Ruhepunkt der Oper.




Große Aufnahmen in YouTube


Via resti servita, madama brillante - Diana Damrau / Jeanette Fischer: Sehen Sie diese Szene musikalisch und komödiantisch hervorragend interpretiert in der Fernsehversion einer Inszenierung der Scala.


Porgi amor – Elisabeth Schwarzkopf: Hören Sie diese Arie in der wunderbaren, melancholischen, unschlagbaren Interpretation von Elisabeth Schwarzkopf. Jedes Wort bekommt eine schöne Tonfarbe. Die Atmung ist nicht wahrnehmbar und lässt die Musik mit schönen langen Phrasierungen glänzen.


Voi che sapete – Maria Ewing: Hören und sehen Sie eine magische und hypnotisch gesungene Interpretation von Maria Ewing in der Verfilmung von Ponnelle.

Finale Akt II - Kiri Te Kanawa / Mirella Freni / Dietrich Fischer-Dieskau / Hermann Prey: Hören Sie und sehen Sie dieses umwerfende Aktfinale großartig gespielt und gesungen in Jean-Pierre Ponnelles Opernfilm dirigiert von Karl Böhm.


Che soave zeffiretto – Elisabeth Schwarzkopf / Irmgard Seefried: Hören Sie dieses Duett in der wunderbaren Interpretation von Elisabeth Schwarzkopf und Irmgard Seefried. Zur Seefried dieser 1953er Aufnahme unter Furtwängler meinte Kesting («Die großen Sänger»): «Will man etwas von der seelischen Wirkung ihres Singens spüren, muss man die frühen Aufnahmen hören … sie hat mit der Schwarzkopf eine Partnerin, die der Vollkommenheit so nahe kommt wie nur möglich.»


Deh vieni non tardar – Lucia Popp: Die Rosenarie ist nur von wenigen so innig wie von Lucia Popp gesungen worden, vielleicht die beste Susanna auf Platte.



3 Fun Facts


1. Mit 29 Nummern und den zwei grossen Finali des zweiten Aktes hat die Oper gigantische Ausmasse angenommen. Trotzdem hat Mozart es geschafft in den sechs Monaten der Kompositionstätigkeit auch noch an zwei Klavierkonzerten, dem Schauspieldirektor, der maurischen Trauermusik und mehreren kammermusikalischen Werken zu arbeiten.

2. Um Mozarts Idee einer Oper basierend auf Beauchmarchais Komödie zu verwirklichen, sprach Da Ponte persönlich beim Kaiser vor, und konnte so das Recht zu der Aufführung erwirken.

3. Mozart schrieb für «Le nozze di Figaro» zwei Sextette. Für sechs Stimmen hatte er vier Jahre vorher den 6-stimmigen Kanon «Leck mich am Arsch» geschrieben. Der Verlag beschloss ihn zu publizieren, allerdings mit dem Text «Lass uns froh sein».

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