Salome von Richard Strauss - ein Opernführer: Handlung, Musik, Wissenswertes
- peter
- vor 19 Stunden
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Richard Strauss sah das Theater-Stück «Salome» erstmals 1902 in einer Inszenierung von Max Reinhard, und schuf drei Jahre später eine expressionistische Klangwelt, die mit allem bisher Bekannten zu brechen schien. Trotz der mittlerweile dreizehn Jahren, die seit der Erstaufführung des Theaterstücks vergangen waren, traf das Stück, nun als Oper vertont, bei Traditionalisten auf offene Feindschaft. Doch die Uraufführung in Dresden wurde zur Sensation und die «Salome» trat ihr Siegeszug um die Welt an.
Salome von Richard Strauss
URAUFFÜHRUNG: Dresden, 1905 LIBRETTO: Richard Strauss, basierend auf dem gleichnamigen Roman von Oscar Wilde.
DIE HAUPT PERSONEN: Herodes, Tetrarch von Judäa (Tenor) - Herodias, Gemahlin des Tetrarchen (Mezzosopran) - Salome, Tochter der Herodias (Sopran) - Jochanaan, der Prophet (Bariton) Johannes der Täufer - Narraboth, Hauptmann der Wache (Tenor)
AUFNAHME EMPFEHLUNG: DG, Cheryl Studer, Bryn Terfel, Horst Hiestermann und Leonie Rysanek unter der Leitung von Giuseppe Sinopoli und dem Orchester der Oper Berlin.
Handlung
1. BILD: Der jüdische Tetrarch Herodes lebt mit Herodias zusammen, der früheren Gattin seines Bruders, den er umbringen ließ. Er feiert im Palast seinen Geburtstag. Narraboth, ein Hauptmann der Palastwache beobachtet die Feierlichkeiten. Besonders angetan hat ihn Salome, die Tochter Herodias’ aus erster Ehe. Ein Page warnt ihn, Salome so begierig anzuschauen, da Schreckliches geschehen könne. (Wie schön ist die Prinzessin Salome) Aus dem Verließ ertönt die Stimme Jochanaans, einem Propheten, den Herodes einsperren ließ und unter strengster Bewachung gefangen hält. Jochanaan prophezeit, dass ein Stärkerer kommen werde und dem lasterhaften Leben ein Ende gebieten werde.
2. BILD: Salome verlässt die Feierlichkeiten. Sie ist angewidert von den Avancen ihres Stiefvaters. Vergeblich versucht Narraboth, Salome in ein Gespräch zu verwickeln. Plötzlich ertönt die Stimme Jochanaans. Salome ist fasziniert und gehorcht der Aufforderung Herodes zum Bankett zurückzukehren nicht. Sie verlangt den Unbekannten zu sehen. Die Soldaten verweigern ihr den Wunsch, da Herodes verboten hat, sein Verließ zu öffnen. Doch mit ihren Verführungskünsten schafft sie es, dass Narraboth den Propheten zu ihr bringen lässt. (Vorspiel 3. Bild)
3. BILD: Jochanaan tritt auf. Salome ist augenblicklich fasziniert von seinem Anblick, seiner hellen Haut und den langen schwarzen Haaren. Doch Jochanaan würdigt sie keines Blickes und geißelt Herodias Sündenleben. (Wer ist dieses Weib, das mich ansieht) Salome, rasend vor Begierde, will ihn berühren, doch Jochanaan weist sie zurück. (Jochanaan! Ich bin verliebt in deinen Leib) Salome geht noch weiter und will seinen Mund küssen. Narraboth warnt sie. Salome ist mittlerweile in einem tranceähnlichen Zustand und nimmt den Hauptmann gar nicht mehr wahr. Angewidert verweigert sich Jochanaan Salome. (Niemals, Tochter Babylons, Tochter Sodoms) Unbemerkt von den beiden bringt sich Narraboth um, doch Salome hat keine Augen für ihn. Mit verführerischem Ton versucht Sie ohne Erfolg Jochanaan zu betören. Doch sie lässt nicht von ihrem Wunsch ab. Schließlich verflucht der Prophet Salome und wird wieder in das Verließ gebracht. (Du bist verflucht)
4. BILD: Die Gesellschaft setzt das Fest auf der Terrasse fort. Herodes bemerkt den Leichnam Narraboths und eine unheilige Vorahnung beschleicht ihn. Herodes setzt seine Annäherungen an Salome fort, worauf Jochanaans Stimme wieder ertönt. Herodias schlägt vor, ihn den Juden auszuliefern, worauf fünf Juden erscheinen und verlangen, dass er in ihre Hände gegeben werde. Herodes winkt ab, weil er weiß, dass dies der Tod von Jochanaan bedeutete und zu Unruhen führen würde. (Wahrhaftig Herr) Jochanaan verkündet die Ankunft des Erlösers und zwei Nazarener erzählen von den Wundern des Messias, der Wasser in Wein verwandle und Aussätzige durch einfaches Berühren heile. Herodes will, dass Salome für ihn tanzt und bietet ihr dafür an, ihr einen frei gewählten Wunsch zu erfüllen. Salome willigt ein und führt den Tanz der sieben Schleier auf. (Tanz der sieben Schleier) Nach dem Tanz verlangt sie von Herodes, dass ihr der Kopf des Jochanaan auf einem silbernen Tablett gereicht wird. Herodes versucht verzweifelt, ihr den Wunsch auszureden, doch Salome besteht auf der Vereinbarung. Auf Befehl Herodes’ gehen Wachleute ab und erscheinen wenig später mit Kopf und Schüssel. (Schlussszene) Nachdem Salome den Mund geküsst hat, befiehlt Herodes «Man töte das Weib!»
Kommentar
Die Entstehungsgeschichte: Richard Strauss bekam 1902 von einem befreundeten Schriftsteller eine Kopie von Oscar Wildes «Salome» in der deutschen Übersetzung von Hedwig Lachmann. Er realisierte sofort dessen Attraktivität als Opernstoff und begann mit der literarischen und musikalischen Bearbeitung. Als er das Stück etwas später in Max Reinhards Inszenierung in Berlin sah, und ein Freund zu ihm bemerkte, ob da nicht eine Oper für ihn drin läge, konnte er schon antworten: «Ich komponiere sie bereits!». Strauss war ein beschäftigter Dirigent und es wurde Juni 1905, bis er die letzten Noten komponiert hatte.
Die skandalöse Vorlage von Oscar Wilde und das Libretto: Der Stoff einer 16-jährigen Jungfrau, die den abgeschlagenen Kopf Johannes‘ des Täufers küsst, wurde 1892 als ungeheuerliche Perversion respektive als Resultat moralischer Verdorbenheit aufgenommen und sorgte für einen handfesten Skandal. Oscar Wilde schrieb die literarische Vorlage dieser Oper dreizehn Jahre vor der Uraufführung der Strauss‘schen Oper. Strauss kümmerte sich selbst um die Erarbeitung des Librettos. Er hielt sich an die deutsche Übersetzung musste aber ungefähr die Hälfte des Textes streichen, um die Geschichte operngerecht zu formen.
«Salome» - die erste Oper der Moderne: Die Musik und die zugrundeliegende Thematik der «Salome» hatten 1905 den Nerv der Zeit getroffen. Wissenschaft und Kultur machten in den Jahren des «Fin de siècle» riesige Fortschritte und Veränderungen durch. Siegmund Freud veröffentlichte 1903 seine Traumdeutungen, inspiriert von den Forschungen Charcots. «Jean-Martin Charcot, von 1862 bis 1893 Neurologe an der Salpêtrière in Paris, veranstaltete öffentliche Demonstrationen mit hysterischen Patienten … mit sprachlichen Defekten, bizarren Lähmungen und physischen Krankheiten. Die öffentliche und wissenschaftliche Erforschung der Psychose ließ das konventionelle Leid auf der Bühne, etwas das von Donizettis Lucia oder auch Verdis Violetta altmodisch erscheinen … Die Leiden der Heldinnen italienischer Opern des 19. Jahrhunderts bieten im Vergleich dazu mit ihrer wundervollen Dramatik bloße Bilderbuch-Gefühle. Anders gesagt: die zunehmend fragilen Phantasien der italienischen und französischen Oper sollten glauben machen, dass Verrücktheit ein ästhetischer Zustand sei, dargestellt durch endlose und wundervolle Koloraturen und lyrische Beherrschung.» (Abbate/Parker, «Die Geschichte der Oper»).
Musik - Die Leitmotive: Strauss verwendete in «Salome» eine lange Liste von Leitmotiven. Sie finden im Kommentarteil zu den einzelnen Stücken Notenbeispiele einer Handvoll der wichtigsten Motive. Jeder wichtigen Person wurde ein Leitmotiv zugewiesen, aber auch Dingen (z.B. Herodes Schale) oder Gefühlen (z.B. Besessenheit) wurden Leitmotive assoziiert. Sie widerspiegeln auch das Harmoniegerüst der Oper (siehe unten), so ist beispielsweise das Cis-Dur Leitmotiv der Salome dissonant zum C-Dur Leitmotiv des Jochanaans und beschreibt so die Unvereinbarkeit der Konstellation der beiden Personen.
Musik - Tonarten: Strauss war ein brillanter Harmoniker und er reizte die Sprache der Tonarten in der «Salome» bis zum Exzess aus. Die tonale Anlage der Salome ist höchst komplex und geht bis zur Polytonalität, bei der zeitweise Personen in verschiedenen Tonarten singen. Grundsätzlich band er Tonarten an handelnde Personen. Beispielsweise ist Cis-Moll/Dur eng mit der Person der Salome verbunden. Jochanaans Tonart ist C-Dur, die Tonart der Reinheit und wandelt sich zu Es-Moll, wenn er eingekerkert ist. Sein C-Dur bildet mit Salomes Cis-Dur eine scharfe Dissonanz, genauso wie sich seine Religiosität und ihre Sexualität nicht vereinbaren lässt. Strauss nutzt die Tonarten auch auf einer Makro-Ebene, in dem er jede der vier Szenen durch ein Tonarten-Konstrukt charakterisiert. Beispielsweise verändert er in der zweiten Szene Salomes Tonart in A-Dur, um einen Tritonus zur Tonart des eingekerkerten Jochanaan zu bilden (Es-Moll).
Musik - Tonalität und Chromatismen: Strauss war sich natürlich im Klaren über den Effekt, den er damit auf die Traditionalisten ausübte. Mit «schmunzelnder Feder» schrieb er später über die Reaktion seines Vaters (dem ehemaligen ersten Hornisten des Münchner Opernorchesters) als er ihm aus der «Salome» vorspielte: «Gott, diese nervöse Musik! Das ist ja gerade, wenn einem lauter Maikäfer in der Hose herumkrabbelten» (Strauss, «Erinnerungen an die ersten Aufführungen meiner Opern»). Strauss differenziert den Charakter der Tonalität nach Personen. Es lassen sich drei Gruppen unterteilen. Die Musik von Jochanaan und der Nazarener besitzt eine diatonische Grundlage. Sie ist einfach und langsam geschrieben, es ist die Musik der blinden Gläubigen. Die Musik von Herodes und der Juden ist die schrille, hoch-dissonante Musik, die die Progressiven am meisten beeindruckte. Salomes Musik bildet einen spätromantischen Mittelweg zwischen den beiden Extrempositionen.
Musik - Das Orchester: Strauss’ Orchester hat mit über 100 Musikern spätromantische Größe. Eine fünfzehn-köpfige Blechblass-Gruppe sorgt zusammen mit damals ungewöhnlichen Orchester-Instrumenten wie Celesta, Harmonium und Orgel für neuartige, expressive Tonfarben.
Die Rolle der Salome: Die Rolle der Salome ist charakterisiert durch drei Anforderungen. Erstens braucht sie die stimmliche Durchschlagskraft eines hochdramatischen Soprans, was in der Regel mit reifen Stimmen verbunden ist. Das beisst sich in der Regel mit der zweiten Anforderung, der eines rohen Sex-Appeals einer 16-jährigen. Drittens erfordert sie die Tanzkünste einer verführerischen Frau. Es ist selbstsprechend, dass die perfekte Kombination in einer Person sehr selten ist. In der Regel wird ein Tanzdouble eingesetzt, um die Besetzungsprobleme zu reduzieren.
Die Uraufführung und die Reaktionen: Die Sängerproben bildeten bereits die Vorboten des kommenden Aufruhrs. Die Salome der Uraufführung, Marie Wittich, weigerte sich zuerst die Partie zu singen («Ich bin eine anständige Frau»). Strauss mokierte sich über die Reaktion der «Tante Wittich» und drohte die Uraufführung nach Berlin zu verlegen. Sowohl am deutschen wie am österreichischen Hof wurde das Werk offen abgelehnt. Die Erstaufführung der Salome an der Dresdner Hofoper am 9. Dezember 1905 wurde zur Sensation. Zwar ätzten die Kritiker über das Werk, aber das Publikum war begeistert von Strauss’ «Schocker» und die «Salome» trat ihr Siegeszug in der Welt an. In Wien wurde die Oper nach der ersten Aufführung von der Zensur verboten. Gustav Mahler wollte daraufhin zurücktreten, aber Strauss beschwichtigte ihn, dass er ihn Wien noch gebraucht würde.
Die schönsten Stellen
Wie schön ist die Prinzessin Salome: Schon die ersten Takte sind ungewöhnlich, ein kurzer, flirrender Lauf der Klarinette stellt das Thema der Salome vor:
• Thema Salome
Man spürt die schwüle, sinnliche Atmosphäre von Herodes’ Palast. Strauss berichtete später, dass ihm, als er diese Zeilen erstmals las, bereits die Musik vorschwebte, und er schrieb «Cis-Moll» auf den Rand des Manuskripts.
Vorspiel 3. Bild: Wir hören in der Überleitungsmusik zum 2. Bild die Motive Jochanaans, zuerst das stolze Motiv Jochanaans:
• Jochanaan Motiv
Dann erklingt das Prophezeihungsmotiv
• Prophezeihungsmotiv
Jochanaan! Ich bin verliebt in deinen Leib: Wir hören zum Beginn im Orchester Salomes Besessenheits-Motiv:
• Besessenheitsmotiv
Wer ist dieses Weib, das mich ansieht: Das Orchester eröffnet das dritte Bild mit dem stolzen Leitmotiv von Jochanaan. Er ist die einzige Person, dessen Musik harmonisch komponiert ist. Strauss komponierte sie mit Anklängen an Kirchenmusik, die in einer warmen, festen Stimme gesungen wird. Auf dem Höhepunkt von Jochanaans Anklage setzen vibrierende Streicher ein und unterstreichen die Dramatik des darauffolgenden Dialogs von Jochanaan und Salome.
Niemals, Tochter Babylons, Tochter Sodoms: Diese Passage führt zu einem der Höhepunkte der Oper. Jochanaans Zurückweisung («Niemals, Tochter Babylons, Tochter Sodoms») reizt Salome aufs Höchste und sie singt vier Mal das Kuss-Motiv («ich will Deinen Mund küssen Jochanaan»), das von Strauss vier Mal musikalisch bis zum Rausch gesteigert wird.
• Kussmotiv
Du bist verflucht: Mit einem großen Orchester-Ausbruch markiert Strauss die Verfluchung der Salome und das Bild endet mit einem ungemein farbigen und dramatischen Orchester-Zwischenspiel. Pahlen («Opernlexikon»): «Die technische Meisterschaft des Musikdramatikers Strauss grenzt ans Unfassbare. Wie klingt dieses Orchester! In jedem Augenblick anders und immer genau so, wie die Stimmung es erfordert».
Wahrhaftig Herr, es wäre besser ihn in unsere Hände zu geben: «Das Ausmaß an Dissonanzen, an Orchestervolumen an schierer musikalischer Kakophonie wie in der Salome hatte es bisher noch nicht gegeben. Abstoßende Charaktere wie etwa Herodes zittern und japsen, kreischen und fletschen die Zähne; seine keifende Frau Herodias ist, sofern überhaupt, noch weniger für Lyrik geeignet.» (Abbate/Parker). Der Auftritt der Fünf Juden steht exemplarisch für diesen neuartigen Aspekt der klassischen Musik.
Tanz der sieben Schleier: Salome ist eine der forderndsten Rollen für Sopran. Es verlangt Volumen, Durchhaltevermögen, Kraft und eine durch und durch dramatische Stimme. Nach einem langen und herausfordernden Tanz muss die Sängerin den gewaltigen Schlussteil meistern, den Strauss ihr geschrieben hat. Dies führt bei jeder Inszenierung zur Frage, ob sich die Rolle in einen Tanz- und einen Gesangspart trennen lässt. Bei der Uraufführung weigerte sich Marie Wittich, den erotischen Tanz selbst aufzuführen.
Schlussszene: Die Schlussszene lässt sich nur mehr mit einem Wort umschreiben: «Ekstase». Möglicherweise hat Strauss mit dem Schluss-Gesang der Salome und der Orchesterbegleitung die größte Ekstase der Operngeschichte geschrieben. Sie endet mit der berühmten Dissonanz auf dem sforzato (sfz), fast zu Ende der Oper und der darauffolgenden Cis-Dur Auflösung:
• Schlussakkord
Große Aufnahmen in YouTube
Niemals, Tochter Babylons, Tochter Sodoms – Cheryl Studer: Hören Sie diese fesselnde Szene in einer Aufnahme mit Cheryl Studer. Die amerikanische Sängerin hatte eine ungeheure Bandbreite des Repertoires, 80 verschiedene Rollen verkörperte sie in ihrer Bühnenkarriere. Als sie die Salome in den neunziger Jahren aufnahm, wurde sie als die beste Salome seit langem gewürdigt.
Schlussszene – Ljuba Welitsch 1949: Hören Sie den Schluss aus der 1949-er Version unter der Leitung von Fritz Reiner. «Reiner, der einst in Dresden mit der Musik von Richard Strauss erwachsen geworden ist, steht 1949 am Pult bei ein paar ,Salome’-Aufführungen, die auf dem New Yorker Schwarzmarkt noch gefragter als sämtliche Broadway-Vorstellungen sind, und für die die unter der Hand gehandelten Tickets die damalige Schallgrenze von 100 Dollar pro Stück durchbrechen. Der Grund dafür ist rothaarig, drall und voller leidenschaftlichem bulgarischem Temperament: Ljuba Welitsch hat als entfesselte Salome mit tödlich süßer Kleinmädchenstimme einen Siegeszug durch Europa hingelegt, ihr Ruhm ist ihr schon vorausgereist, und das Debüt an der Metropolitan Opera wird dann der Höhepunkt ihrer Karriere sein. Bevor es, ihrer allzu verzehrenden Gesangstechnik wegen, schnell bergab geht mit ihrer Stimme, reißt sie sogar die strengsten Kritiker zu atemlosen Ovationen hin.» Oder mit den Worten von Jürgen Kesting: «Welitsch‘ Schlussgesang ist, als Vibrieren der Sinne, ein Anschlag auf die Nerven des Hörers. Welitsch singt nicht, sie verwandelt sich in die Figur. Der Klang ihrer Stimme ist gleichzeitig rein und hitzig, klar und exquisit koloriert. ‘Ich hab Deinen Mund geküsst’ ist ein süchtiger Orgasmus.»
Schlussszene – Ljuba Welitsch 1944: Nochmals Ljuba Welitsch mit der Aufnahme aus 1944. Sie hatte das Privileg, 1944 die Rolle der Salome mit Richard Strauss einzustudieren. Sie äussertes sich dazu in einem Interview in der Zeitschrift «Opernwelt»: «Richard Strauss war grandios, er ist mit Matacic und mir jeden Takt, jede Phrase durchgegangen. Zum Beispiel dieses ‘ich habe deinen Mmmmmuuuuunnnd geküsst’, dieses Verlangen, hat er gesagt, muss bei Ihnen rauskommen, es war fantastisch». Dazu Kesting («Große Stimmen»): «Sie wählt in der Aufnahme von 1944 für die klimaktische Phase, auf der letzten Silbe von «Jochanaan» statt des Gis das alternative hohe Dis- und dabei funkelt die schlank-sinnlich Stimme nicht nur wie ein Diamant, sondern sie verbrennt sich. Was Welitsch hinterlassen hat, ist nicht nur die ominöse beste Wiedergabe oder Darstellung dieser Szene - sondern die einzige überhaupt.»
3 Fun Facts
1. Nach der ersten Aufführung 1907 war Schluss mit der «Salome» in der New Yorker Metropolitan Oper. Die Tochter des Financiers J.P. Morgan setzte durch, dass das unmoralische Werk aus dem Repertoire gestrichen wurde.
2. Der Dirigent Karl Böhm lernte in seinen Anfangsjahren Richard Strauss kennen und wurde zu einem seiner größten Interpreten, unter anderem mit einer großartigen Verfilmung der «Salome». Böhm war bekannt für seine sarkastischen Sprüche bei Proben mit Sänger und Orchester. Als ein Hornist eine Stelle mehrmals falsch blies, raunzte er ihn an: «Was machen Sie eigentlich hauptberuflich?»
3. In der Regel wird der Tanz der sieben Schleier von einer Tänzerin gedoubelt. Eine der wenigen Ausnahmen war die bekannte amerikanische Sopranistin Maria Ewing. Sie sang und tanzte die Salome, und zwar konsequent. Ein Schleier nach dem anderen fiel zu Boden, bis sie sich tatsächlich splitterfasernackt präsentierte. Auf YouTube dokumentiert.




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