Sergei Rachmaninoff - Biografie: Seine Orte, seine Musik und sein Leben
- peter
- vor 23 Stunden
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Rachmaninow lernte die Härten des Lebens früh kennen. Der Vater verspielte das Vermögen der jungen Familie, der frühe Tod zweier Geschwister und das Zerbrechen der Familie traumatisierten Sergei. Der Absturz seiner ersten Sinfonie raubte ihm den Glauben an sich selbst und stürzte ihn in eine lähmende Depression. Er verlor durch Krieg und Revolution seinen Besitz und musste Russland als 40 jähriger verlassen.
Doch Rachmaninow gab nie auf. Immer wieder richtete er sich auf, und schenkte der Welt Werke für die Ewigkeit.
Wer war Sergei Rachmaninoff und welche Orte und Menschen haben ihn geprägt? Eine biografische Annäherung an den Jahrhundertkünstler aus Russland.
Doku Sergei Rachmaninoff (Video):
Sergei Rachmaninoff - Biografie
Sorgenfreie erste Kindesjahre
Als Sergei Rachmaninoff im Jahr achtzehnhundertdreiundsiebzig in der Nähe der russischen Stadt Nowgorod geboren wurde, führte seine Familie ein zufriedenes, von materiellen Sorgen befreites Leben.
Die Basis für das privilegierte Leben stammte aus dem achtzehnten Jahrhundert: eine Zarin hatte einem Ururgroßvater aufgrund seiner Verdienste den Adelstitel und einen Stammsitz verliehen. Die Familie blieb dem Zarenthron loyal verbunden, und es war Tradition, dass die männlichen Familienmitglieder die Offizierslaufbahn einschlugen, so auch Sergeis Vater. So deutete nichts darauf hin, dass Sergei einst Musiker werden sollte.
Sergei war das vierte von total sechs Kindern, und trotz der militärischen Ausbildung war der Vater liebevoll mit seinen Kindern, und sie wuchsen in einem liberalen Umfeld auf.
Beide Eltern waren sehr musikalisch und freuten sich, dass sie beim vierjährigen Sergei musikalische Neigungen bemerkten.
Besonders der Klang des Klaviers und die farbige Klangpracht der russischen Kirchenglocken faszinierten den kleinen Sergei, wenn er beispielsweise mit seiner Großmutter die Sophienkirche in Nowgorod besuchte.
Russische Glocken Nowgorod (Sophienkirche, die SR regelmäßig besuchte)
Der kleine Sergei erhielt von seiner Mutter ersten Klavierunterricht, und bald schon engagierten die Eltern auf Anraten von Sergeis Grossvater eine professionelle Klavierlehrerin.
Familiäre Traumata
Doch die Idylle hielt nicht lange an, denn der Vater konnte den Genüssen des Lebens nicht widerstehen. Seine Leidenschaft für das Kartenspiel und sein undisziplinierter Lebensstil liessen das Familienvermögen schmelzen wie Schnee an der Sonne. Das beträchtliche Familienvermögen, bestehend aus fünf Landgütern, welches die Mutter in die Ehe gebracht hatte, löste sich nach und nach in Luft auf. Dies führte zu endlosen Streitigkeiten der Eltern, die Sergei belasteten.
Hinzu kam, dass seine Schwester an der Diphtherie starb, welche Sergei selbst überlebt hatte, was bei ihm Schuldgefühle auslöste.
Schliesslich brach die Familie in Sergeis zehnten Lebensjahr auseinander, und der traumatisierte Sergei zog mit Mutter und Geschwistern in eine ärmliche Wohnung nach St. Petersburg.
Intermezzo im Konservatorium – Trauma des Todes der Schwester
Mit Hilfe der Verwandten konnte die Familie für Sergeis älteren Bruder eine Offiziersausbildung finanzieren, doch für Sergei reichte das Geld nicht mehr.
Zum Glück gelang es seiner Klavierlehrerin, ihm einen Platz am Konservatorium in Sankt Petersburg und ein Stipendium zu verschaffen, und Sergei begann seine Ausbildung als zum Musiker.
Doch die schwierige familiäre Situation hinterließ Spuren: Sergei wurde zu einem ungeselligen und undisziplinierten jungen Studenten, der durch sein Verhalten die Konservatoriumsausbildung und das Stipendium gefährdete.
Als der Konservatoriumsprofessor Zwerew sich bereit erklärte, Sergei bei sich in Moskau kostenlos in seinem Pensionat für Hochbegabte aufzunehmen, wie schon seinen Cousin Alexander Ziloti, willigte Sergei begeistert ein, denn soeben hatte seine geliebte Schwester Jelena ein Engagement als Sängerin an einem Moskauer Theater ergattern können, und die beiden hofften, gemeinsam Moskau zu erobern.
Doch das Hochgefühl währte nur kurz, denn noch bevor Jelena ihr Engagement am Bolschoi-Theater antreten konnte, erlag sie einer Infektion. Unter Tränen und einsam bestieg der zwölfjährige Sergei den Zug nach Moskau.
Inspirationsreiche Jahre bei Professor Zwerew
Sergei bezog nun sein Zimmer im Privathaus von Professor Zwerew. Mit vier weiteren Studenten durfte er in den nächsten vier Jahren eine intensive und hochstehende Ausbildung zum Musiker genießen.
Zwerew war für Sergei ein Glücksfall: Der liberale, gebildete Homosexuelle konnte ihn zu einem disziplinierten Studenten formen. Während des Tages studierten die Jugendlichen im Konservatorium, und sie waren verpflichtet, in der Pension täglich sechs Stunden zu üben. Abends lud Zwerew illustre musikalische Gäste ein und liess seine Studenten vorspielen, bei dem er nicht mit Lob sparte – etwas, das Rachmaninoff später mit Dankbarkeit vermerkte.
Einer dieser abendlichen Besucher war Peter Tschaikowski. Der berühmte Komponist freundete sich mit Sergei an und die beiden pflegten in den nächsten Jahren einen regelmäßigen Austausch, und der berühmte Musiker entwickelte sich zu einer wichtigen Bezugsperson für Rachmaninoff.
Auch der gemeinsame Besuch von Konzerten und Opern gehörte zur musikalischen Ausbildung. Sergei konnte in den Moskauer Theater- und Konzertsälen viele Berühmtheiten hören – unter all jenen hinterließ ein Konzert von Rubinstein den tiefsten Eindruck. Wie kein anderer konnte Anton Rubinstein die Klangfarben eines ganzen Orchesters auf dem Klavier leuchten lassen.
Bruch mit Zwerew und Sergei findet eine neue Familie
Nach fast vier Jahren endete die Zeit bei Zwerew, als Sergei sein Pensionat nach einem Zwist verließ.
Hier kam nun seine Tante Warwara, die Schwester seiner Mutter, rettend zur Hilfe. Ihre vermögende Familie nahm den sechzehnjährigen auf und bot ihm in den nächsten Jahren eine familiäre Wärme, die Sergei so lange vermisst hatte. Eine besondere Beziehung entwickelte er zu seiner Cousine Natascha, die später seine Frau werden sollte.
Die unbeschwerten Sommermonate auf dem Familiengut Iwanowka zusammen mit den Geschwistern zählten zu den schönsten Erlebnissen seiner Jugend.
Die familiäre Einbindung zahlte sich aus, und mit achtzehn Jahren schloss er sein Studium am Konservatorium mit der einstündigen Oper Aleko als Examensarbeit ab und durfte dafür eine Goldmedaille entgegennehmen.
Doch die größte Aufmerksamkeit erregte er mit dem ersten Satz seines Klavierkonzertes, welches er am Abschlusskonzert präsentieren durfte.
Ein Meisterwerk aus dem Nichts – Entschluss Komponist zu werden
Auch wenn die beiden Examenswerke Sergeis großes Talent andeuteten, kam das folgende Ereignis wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Mit neunzehn Jahren schrieb er das meistgespielte Werk seiner Lebenszeit: das cis-Moll Prélude.
Erinnern Sie sich noch an die Glocken von Nowgorod? Sie hören sie hier mit schweren Akkorden im Bassregister leuchten – zusammen mit der choralartigen Melodie im Diskant.
Der vielleicht stolzeste Moment seiner ersten zwanzig Jahre kam, als das St. Petersburger Mariinski-Theater beschloss, Rachmaninoffs einstündige Oper Aleko zusammen mit Tschaikowskis neuem Einakter Iolanta aufzuführen.
Stolz durfte der neunzehnjährige Rachmaninoff seinen Namen gleichberechtigt neben dem seines Idols sehen.
Weitere traumatische Ereignisse – Das Fiasko der Ersten Sinfonie
Doch das Hochgefühl wurde durch den Tod zweier wichtigen Menschen jäh gestoppt: fast zeitgleich starben Zwerew und Tschaikowski. Rachmaninoff wusste, dass er Zwerew viel verdankte. Und der von ihm verehrte Tschaikowski hätte Rachmaninoff wichtige Türen öffnen können.
In den folgenden zwei Jahren führte Rachmaninov ein undiszipliniertes, hedonistisches Leben.
Schmerzlich vermisste er eine Person, die ihn künstlerisch beraten konnte, und es wurde achtzehnhundertfünfundneunzig, bis er bereit war, sich an die Arbeit an seiner ersten Sinfonie zu machen.
Was nun folgte, wurde zu einem der berühmtesten künstlerischen Schicksalsschläge der Musikgeschichte. Der renommierte Alexander Glasunow hatte sich bereit erklärt, die Uraufführung zu dirigieren. Doch was Rachmaninov im Saal zu hören bekam, löste in ihm blankes Entsetzen aus – Glasunow dirigierte die Sinfonie träge und uninspiriert. Gerüchte besagten gar, dass Glasunow betrunken gewesen sein soll. Sergei verließ den Saal, hielt sich draußen die Ohren zu – unfähig, das Ende mitzuerleben.
Die Sinfonie fiel durch, und die Zeitungskommentatoren sparten nicht mit Kritik. Am bösesten war der Leningrader César Cui, der dem Moskauer Rachmaninoff folgenden Satz an den Kopf schleuderte:
„Gäbe es in der Hölle ein Konservatorium, wäre Rachmaninow zweifellos dessen erster Schüler“.
Rachmaninov fiel in eine tiefe Depression. Monatelang war er kaum in der Lage, das Bett zu verlassen, geschweige denn, sich aus dem Hause zu wagen. Er meinte später: „Ich war wie ein Mensch, der einen Schlaganfall erlitten hat und für lange Zeit sowohl Kopf als auch Hände verloren hat…“
Per aspera ad astra – oder das Wunder des zweiten Klavierkonzertes
Einige Monate nach der desaströsen Uraufführung erhielt Rachmaninoff ein Angebot, als Dirigent an einem privaten Opernhaus zu arbeiten. Er sagte zu und konnte nun wichtige praktische Erfahrung als Dirigent von Opern sammeln und dank sehr guten Kritiken wieder Selbstvertrauen tanken. Doch die Depression hielt sich hartnäckig.
Tante Warwara und seine Verlobte Natascha überzeugten ihn schließlich, bei einem Arzt Hilfe zu suchen und dieser empfahl eine Hypnosetherapie. Eine solche Empfehlung war zu dieser Zeit nicht ungewöhnlich, da Siegmund Freuds bahnbrechendes Buch Traumdeutung erst zwei Jahre später erscheinen sollte, und die Hypnosetherapie schon mehr als hundert Jahre praktiziert wurde.
Rachmaninov begab sich in die Obhut des Universitätsprofessors Dr. Dahl und absolvierte in den nächsten einhundert Tagen beinahe täglich eine Sitzung.
Dahl gelang es, den von den vielen Traumata gezeichneten Rachmaninov wieder aufzurichten und ihn zu einem fortan disziplinierten Arbeitsleben zu bewegen.
Mit neuer Kraft begann Rachmaninoff auf einem abgeschiedenen Landgut die Arbeit an einem neuen Klavierkonzert.
Vier Jahre nach dem Fiasko seiner ersten Symphonie ertönte das zweite Klavierkonzert in Moskau. Diesmal wurde die Uraufführung zum Triumph des Komponisten, und es etablierte sich rasch im Repertoire der großen Konzertsäle Europas. Hören Sie die schweren Glockenklängen in den Bässen des Klaviers in den einführenden Takten des Konzerts.
Familienvater
Bestärkt durch diesen Erfolg beschlossen Sergei und seine Cousine Natascha zu heiraten. Da eine Trauung durch einen synodalen Priester kirchenrechtlich nicht möglich war, wurde sie von einem Militärgeistlichen durchgeführt.
Natascha gebar in den kommenden drei Jahren zwei Töchter, und Sergei wurde zu einem fürsorglichen Vater, der seine beiden Töchter vergötterte.
Nach der Heirat verbrachte das Paar in der Folge viele Sommermonate auf dem Familiengut Iwanovka, welches Rachmaninoff später kaufte. Er erwarbs sich ein vertieftes Wissen über moderne Landwirtschaft und verwaltete das Gut mit viel Geschick – und es wurde zu seinem bevorzugten Ort zum Komponieren.
In Moskau übernahm Rachmaninow nun eine ehrenvolle Anstellung als Dirigent für das russische Opernrepertoire am Bolschoi-Theater, es sollte seine letzte feste Anstellung sein.
Seine Hauptmotivation war, am Bolschoi Theater eigene Werke aufführen zu können – was teilweise gelang. Die grösste Aufmerksamkeit erhielt aber die Wiederaufnahme von Mussorgskis Boris Godunow mit seinem Freund Schaljapin in der Hauptrolle und sie etablierte Rachmaninov als einen der führenden Dirigenten Russlands.
Doch die zeitintensive Arbeit als Dirigent ließ ihm kaum noch Raum zum Komponieren, und nach zwei Jahren gab er die Stelle wieder auf.
Dresden – Berührung mit der Avantgarde, Arbeit an seiner zweiten
Mittlerweile erschütterten vorrevolutionäre Unruhen das zaristische Russland. Rachmaninov siedelte neunzehnhundertsechs mit der Familie nach Dresden über, um Abstand zu den Wirren zu gewinnen.
Die Musikwelt Dresdens gab ihm einen wertvollen Einblick in das Musikgeschehen Westeuropas und er konnte in der Semperoper mit Strauss’ Salome mit eigenen Augen eines der Schlüsselwerke der Moderne erleben.
In seiner Heimat galt Rachmaninoff schon seit geraumer Zeit als konservativer Gegenpol zum revolutionären Skriabin. Trotzdem schätzte er die Musik von Strauss bis auf die omnipräsenten Dissonanzen als hoch ein.
Doch sein Urteil über die Musik der Moderne lautete: „Heute schreiben die Komponisten gute Musik, aber früher war sie besser.“
Womöglich inspiriert durch viele Konzertbesuche im Gewandhaus begann er die Arbeit an seiner zweiten Sinfonie in Dresden und beendete das Werk in der Sommerfrische von Iwanovka und aus dem berühmten Adagio scheint die Idylle des Landgutes zu strömen:
Diesmal präsentierte Rachmaninoff seine Sinfonie persönlich vom Dirigentenpult aus– vermutlich nicht ohne Herzklopfen nach dem Fiasko seiner Ersten. Doch diesmal feierte das Publikum die neue Sinfonie und den Komponisten enthusiastisch.
Zum ersten Mal in den USA – Uraufführung des dritten Klavierkonzerts
Neunzehnhundertneun war es schließlich soweit, und Rachmaninoff reiste erstmals in die USA. Angelockt hatten ihn die interessanten Gagen, und er meinte augenzwinkernd, er mache die Tournee, um sich mit dem Erlös ein Auto zu kaufen.
Für die Tournee schrieb er das virtuose dritte Klavierkonzert. Es gehört zu den Schwierigsten der Literatur und gilt als das Konzert mit den meisten Noten pro Sekunde.
Da er es erst kurz vor der Atlantiküberfahrt fertiggestellt hatte, musste Rachmaninoff den gewaltigen Klavierpart mit einer stummen Klaviatur auf dem Ozeandampfer einüben.
Heute gehört das Werk unbestreitbar zu den größten seines Genres. Bei den ersten Aufführungen in den Vereinigten Staaten wurde es allerdings eher verhalten aufgenommen. Erst die Interpretation durch Horowitz Jahre später machte es zum Erfolgsstück.
Auf die wiederholte Frage von Journalisten, wie man dieses Werk „richtig“ spiele, antwortete Rachmaninoff später regelmäßig – nicht ohne ein Schmunzeln: „Fragen Sie besser Horowitz.“
Die Glocken
Zurück in Russland wandte sich Rachmaninov geistlicher Musik zu. Es entstand unter anderem seine Liturgie – komponiert ausschließlich für Chor und Solisten, da im Gottesdienst der griechisch-orthodoxen Kirche Instrumente nicht gestattet sind.
Erinnern Sie sich noch an die Kirchenglocken von Nowgorod? Immer wieder hören wir in seinen Werken Anklänge an die Glockentöne der orthodoxen Kirche.
Neunzehnhundertdreizehn beschloss Rachmaninow, diesen Glocken ein eigenes Werk zu widmen. Die Skizzen dazu schrieb er in Rom – am selben Schreibtisch, an dem einst Tschaikowski sein Capriccio Italien geschrieben hatte. Die Umstände waren dramatisch: Seine Tochter erkrankte schwer, und Rachmaninoff befürchtete, dass seine sechsjährige Tatjana – wie schon zwei seiner Schwestern – früh an einer Infektion sterben könnte. Glücklicherweise trat dies nicht ein.
Das Werk erhielt einen besonderen Platz in seinem Œuvre – Rachmaninoff sagte einmal, dass dies unter all seinen Werken sein Liebstes sei.
Künstlerischer Stillstand während des Krieges und der Emigration
Der Ausbruch des Krieges kam für Rachmaninoff überraschend. Täglich verfolgte er vertieft in den Zeitungen das Kriegsgeschehen und was er las, lähmte ihn zunehmend und seine Kompositionsarbeit kam fast zum Erliegen. Dabei musste er noch von Glück sprechen, denn der vierzig-jährige wurde gemustert aber aus gesundheitlichen Gründen freigestellt.
Mittlerweile hatte sich in Russland eine neue Komponistengeneration eingestellt. Skriabin, Stravinsky und Prokoffieff machten mit ihren revolutionären Werken Furore. Rachmaninoff nannte ihre Musik „Modernismus“.
Wenn das Gespräch auf Skrjabins Lichteffekte kam, begannen Rachmaninoffs Lippen zu zittern ob des unfundierten Modernismus seiner Musik.
Spätestens mit der Oktober Revolution wurde die Situation für die adlige Familie ungemütlich. Während eines Besuchs in Iwanovka, tauchte überraschend ein Funktionär der neuen Machthaber mit Bauern im Schlepptau auf und der Bolschewik drohte Rachmaninoff.
Nun erkannte er die Zeichen der Zeit. Die Familie beschloss Russland zu verlassen und verlor damit ihr ganzes Vermögen, Iwanovka eingeschlossen.
In dieser kritischen Phase erhielt er eine telegrafische Einladung zu einem Konzert in Stockholm, diese war Gold wert, da sie ihm ein Visa für eine Auslandsreise ermöglichte. Hektisch verliess die Familie ihre Heimat und erreichte in einer 4-tägigen, dramatischen Reise nach Stockholm im Dezember 1918 das sichere Ausland. Rachmaninoff wusste damals nicht, dass er Russland nie wieder betreten sollte.
Emigration und Pianistenleben in den USA.
Die Rachmaninoffs blieben ein Jahr in Skandinavien, bevor sie sich zu ihrem endgültiges Ziel, den Vereinigten Staaten aufmachten. In den USA blieb die Ankunft des Russen nicht unbemerkt und er erhielt viele Einladungen zu Konzerten. Für Rachmaninoff war es klar, dass er in den kommenden Jahren das harte Leben als Konzertpianist führen würde, um seiner Familie eine gesunde finanzielle Basis wiederherzustellen.
Genauso detailbessessen wie er komponierte, bereitete sich Rachmaninoff nun auf seine Konzerte vor. Nach eigener Aussage legte er auf die Klangfarbe den größten Wert, wie es schon sein Vorbild Anton Rubinstein gehalten hatte.
Ein befreundeter Pianist hörte ihm einmal bei Üben zu, und stellte fest, dass Rachmaninoff beim Einüben einer Chopin Etüde während einer ganzen Stunde nicht mehr als 3 Takte pro Minute spielte und so sicherstellte. dass jeder Ton mit der gewünschten Klangwirkung angeschlagen wurde.
Neben seinen Klavierkonzerten wurden seine Préludes, die er vor dem Krieg geschrieben hatte, zu seinen wichtigsten Konzertstücken. Wir hören seine berühmte g-moll Prélude gespielt mit großen Farbreichtum durch den Komponisten selbst.
Die Arbeit zahlte sich aus und Rachmaninoff wurde zum bestbezahlten Instrumentalsolisten im Klassikbereich und die Familie konnte sich bald eine großzügige Wohnung in New York leisten.
Mit dem erworbenen Vermögen zeigte sich Rachmaninoff sehr großzügig und er half vielen Freuden, die in der Heimat am Hungertuch nagen mussten oder in der Fremde gestrandet waren.
Rachmaninoff konzertierte nicht nur in den USA, sondern häufig auch in Europa. Doch die langen Tourneen und gigantischen Transfer per Zug und Dampfer bewirkten einen permanenten Erschöpfungszustand, so dass die Kompositionstätigkeit stark eingeschränkt wurde. Erst Mitte der zwanziger Jahre konnte er sich aufraffen ein 4. Klavierkonzert zu komponieren und eine fast 10-jährige Durststrecke als Komponist zu überwinden.
Der Erfolg blieb diesmal aus und der ewige Selbstzweifler Rachmaninoff begann das Werk, wie er es bei vielen anderen Werke getan hatte, zu überarbeiten.
Umzug in die Schweiz
Rachmaninoff sehnte sich nach Ruhe und Raum für Komposition und suchte nach einem neuen Ort. Eine Rückkehr in die Heimat, wie es Prokoffiev später tat, kam für ihn nie in Frage. Im Gegenteil 1932 protestierte er in der New York Times gegen die Praxis der Folterungen durch die russische Geheimpolizei, worauf seine Musik für einige Jahre in der Sowjetunion verboten wurde.
Zusammen mit Natascha beschloss er 1930 an den Schweizer Vierwaldstättersee umzuziehen. Die Familie liess am Seeufer ein moderne Villa bauen, die sie Senar nannten und verbrachten dort viele glückliche Sommermonate.
Die wichtigste Komposition dieser Zeit, war die Rhapsodie über ein Thema von Paganini. Wie schon Brahms und Liszt wagte sich Rachmaninow an ein Werk mit Variationen über das berühmten Thema. Neben dem Paganini Thema verwendete er in mehreren Variationen den „Dies Irae“ Hymnus, z.B. hören wir es im Diskant des Klaviers in der 7. Variation:
Paganini, Variation 7
Das „Dies Irae“-Thema war ein wiederkehrendes Leitmotiv seiner Kompositionen, er verwendete es in fast 20 seiner Werke. Immer wieder liess er das Thema des “Jüngsten Gerichts“ ertönen. Viele psychologische Abhandlungen wurden darüber geschrieben.
Die Paganini Variationen wurden berühmt mit der 18. Variation, wo Rachmaninov das Thema von Paganini einfach umgekehrt und er damit ein wunderschönes, romantisches Thema erschöpft, das Hollywood später freudig aufgriff:
Paganini, Variation 18
Der Krieg führt zurück in die USA – Tod in Kalifornien
Mit der Machtübernahme Hitlers und den zunehmenden Spannungen sah Rachmaninoff die Zeichen der Zeit und löste schweren Herzens den Haushalt in der Schweiz auf und zog zuerst nach New York und dann in das wärmere Kalifornien.
Rachmaninoff schonte sich auch nach Erreichen seines sechzigsten Altersjahr nicht. Oft erwarteten ihn auf Tourneen an den Bahnhöfen Druckfahnen seiner Kompositions Entwürfe, die er mühselig im Zug bearbeiten musste.
Gesundheitliche Probleme zwangen ihn nun häufiger, unfreiwillge Pausen zu nehmen und er beschloss die Aufnahmetätigkeit zu Lasten der Konzertätigkeit zu forcieren. Mittlerweile hatte die Aufnahmetechnik grosse Fortschritte gemacht, und er begann systematisch wichtige Werke aufzunehmen.
1943 brach im knapp siebzig-jährige ein Lungenkrebs aus, verursacht durch den lebenslangen, starken Nikotinkonsum. Kurze Zeit später verstarb Rachmaninoff. An den Beerdigungsfeierlichkeiten sang ein Chor seinem Wunsch gemäß, ein Stück aus der Ganznächtliche Vigil. Rachmaninoffs letzte Ruhestätte wurde der Walhall Friedhof in New York.
Sergei Rachmaninoff - Biografie




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