Sergej Prokofiev - Biografie: Seine Orte, seine Musik und sein Leben
- peter
- vor 1 Tag
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Sergej Prokofiew darf mit Fug und Recht als eine der bedeutendsten Künstlerpersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts genannt werden. Er war ein prägender Teil von 3 Epochalen, kulturellen Umwälzungen: Des „silbernen Zeitalter der Russischen Kultur“, der „Avantgarde von Paris“ und des „sozialistischen Realismus“.
Er komponierte inmitten von Weltkriegen und epochale Umwälzungen in einer Fülle und Reichtum, das uns mit Ehrfurcht erfüllt.
Wer war Sergei Prokofiew und welche Menschen und Orte haben ihn geprägt. Eine biografische Annäherung an den Jahrhundert Künstler aus Russland.
Doku Sergej Prokofiev (Video):
Sergej Prokofiev - Biografie
Behütete Kindheit in Sontsovka
Prokofiew kam 1891 in Moskau zur Welt. Sein Vater war ausgebildeter Ökonom und hatte kurz nach seiner Heirat mit Maria die Anstellung als Verwalter eines abgelegenen Guts namens Sontsovka in der ländlichen Provinz in der Region Donezk an. Sehr zum Missfallen seiner Frau, die sehr gebildet war und sehr gut Klavier spielte.
Sergej wuchs als Einzelkind auf, denn seine Eltern hatten bereits 2 Kinder verloren und Sergej war deshalb ein Wunschkind der 34-jährigen Mutter und des bereits 45-jährigen Vaters. Das Leben auf dem Gut war eintönig und die Mutter war erfreut, als sie früh die musikalische Neigung ihres Sohnes bemerkte, und die Amateurpianistin förderte Ihren Sohn persönlich am Klavier.
Obwohl die Prokofiews als Gutsverwalter eine angesehene Stellung hatten, wurden sie von der lokalen Aristokratie mit Herablassung behandelt. Und so entwickelte Sergej früh eine Abneigung gegenüber der Russischen Aristokratie.
Seine Spielkameraden waren die Kinder der Angestellten. Sie wurden von Ihne Eltern dazu angehalten, sich Sergej gegenüber devot zu erweisen. In Kombination mit seiner Rolle als Einzelkind entwickelte sich Sergei zu einer herrischen Persönlichkeit, die Widerspruch nur schwer ertrug.
Die Abgeschiedenheit des Landlebens beflügelte seine Fantasie. Schon als Kind schrieb er kleine Theaterszenen, die er mit den gehorsamen Kindern der Angestellten umsetzte.
Als Sergei neun Jahre alt war, verbrachte die Familie einige Tage in Moskau. Ein Freund der Familie arrangierte ein Treffen mit Sergei Tanejew, dem Direktor des Moskauer Konservatoriums. Tanejew war beeindruckt vom Talent des zehnjährigen Jungen und empfahl dringend eine professionelle Förderung.
Der Besuch der Musikinstitutionen in Moskau war für Sergej ein überwältigendes Ereignis. Er sah unter anderem Gounods Faust und Tschaikowskis Dornröschen.
Zurück in Sontsovka war Sergej klar: er will Komponist werden. Rasch schrieb er ein kleines Drehbuch und schrieb eine Oper namens „der Riese“. Und er inszenierte sie mit Verwandten und Kindern der Gutsangestellten. Sergei war Regisseur, Komponist, Dirigent Musiker und Schauspieler in einem.
Auf Anraten Tanejews engagierten die Eltern den jungen Musiker Reinhold Glière als Lehrer. Dieser kam regelmässig auf das Gut um Prokofiew zu unterrichten. Dies strapazierte die finanzielle Situation der Familie sehr, die Eltern nahmen die Einschränkungen ohne Klagen hin.
Während eines Besuchs in Sankt Petersburg ein Jahr später hörte und sah er viele weitere Meister wie Rachmaninov, Schaljapin und Scriabin.
Die Arbeit Glières trug rasch Früchte und Sergej machte in Klavierspiel und Komposition ungeheure Fortschritte. Glière ermunterte Serge, seine Eindrücke in einem Tagebuch festzuhalten. Prokofiew wurde nun zu einem leidenschaftlichen Tagebuchschreiber, dank dem die Nachwelt viel über sein Leben weiss.
Im Laufe der Jahre entwickelte sich daraus fast eine Obsession: Er hielt alles und jedes minutiös fest, was später seine Freunde im Konservatorium irritieren sollte, wenn er ihre Verspätungen bei Verabredungen immer auf die Minute genau festhielt und auch noch mitteilte.
Konservatoriums Jahre
Als Sergej 12 Jahre alt war stellte seine Mutter ihren Sohn Glasunow vor, dem angesehenen Leiter des Petersburger Konservatoriums. Sergej spielte ihm seiner Kompositionen vor und Glasunow war beeindruckt von dem Jungen aus der Provinz.
Glasunow wollte ihn in seinem Konservatorium haben und begleitete ihn in den nächsten Monaten auf seinem Weg durch die vielen Eintrittsprüfungen. Als diese geschafft waren, entschieden die Eltern, dass die Mutter in St. Petersburg bei ihrem Sohn bleiben sollte, wo auch einige ihrer Verwandten lebten. Für die Mutter war es die Gelegenheit der Enge Sontsovkas zu entfliehen und für den Vater dagegen begannen Jahre der Einsamkeit auf dem Land.
Den Unterricht am Konservatorium schilderte Prokoview als teilweise quälend. Sicher profitierte er enorm vom Unterricht, doch er empfand die konservative Auffassung der Professoren als hemmend.
Seine hochgestellten konservativen Lehrer wie Glasunow oder Rimski-Korsakow waren unbestritten musikalisch brillant. Prokoview schätzte Rimski als Komponist sehr, doch er empfand seinen Lehrstoff als konservativ, langweilig und wenig inspirierend. Rimski seinerseits empfand seinen Schüler Prokofiew als „fähig, aber unreif“.
Einzig der Professor Tscherepnin war empfänglich für neue Strömungen und er blieb in den folgejahren ein wichtiger Bezugspunkt in Prokoviews Leben.
So begann Prokofiew während seiner Studienzeit, in zwei musikalischen Sprachen zu schreiben: konventionell – für die Prüfungen und den Unterricht – und modern, gewagt, experimentell – für sich selbst.
Seine Mutter blieb in dieser Zeit seine wichtigste Bezugsperson. Sie organisierte seinen Alltag und so war es kein Wunder, dass sich so Prokofiews soziale Kompentenzen sich nicht verbesserten und seine Konservatoriumskollegen Prokofiew als seltsamen Menschen empfanden.
Doch musikalisch war seine Zeit in St. Petersburg ein wahres Feuerwerk an Inspiration. In diesen Jahren begann das silberne Zeitalter der russischen Kunst und Literatur, das in der Musik ihren Widerhall fand mit Jahrhundertkünstlern wie beispielsweise Stravinski, Scriabin, Rachmaninov, Schaljapin, Diaghilev oder Nijinski.
Als Konservatoriumsstudent hatte Prokofiew Zugang zu den Kulturinstitutionen und sah jede Saison dutzende Opernproduktione, Theateraufführung und durfte später als Mitglied der Kompositionsklasse auch an vielen Proben von Sinfonie-Orchestern zuhören. Prokofiew gab sein ganzes Taschengeld für Partituren aus, mit denen er gebannt die Proben mitverfolgen konnte.
Bei einer dieser Proben wohnte er der Uraufführung von Skrjabins dritter Sinfonie bei. Und durfte miterleben, wie Rimski-Korsakow vor Entsetzen über die überladene Klangwelt verzweifelt die Arme verwarf.
Ein junger Visionär tritt ins Rampenlicht
Mittlerweile waren im Konservatorium 5 Jahre vergangen und Prokofiew konnte nun als freier Musiker arbeiten.
Nach dem Abschluss seines Grundstudiums entschloss sich Sergej, in Teilzeit in den Fächern Komposition und Klavier weiter am Konservatorium zu studieren. Gleichzeitig wollte er sich als freier Künstler etablieren.
Wichtig für seine professionelle Entwicklung wurde die Bekanntschaft mit den Organisatoren der Konzertreihe der „Abende für zeitgenössische Musik“. Diese erkannten das das Potenzial von Prokofiew und begannen ihn zu fördern. Dies war für Prokofiew entscheidend, denn hier fand er Rückhalt für seine musikalischen Neigungen im Gegensatz zum Konservatorium.
Auch Stravinski konnte Prokofiew dort in kleinem Kreis hören und war beeindruckt.
In seinem 18. Lebensjahr bekam Prokofiew die Gelegenheit, bei einem öffentlichen Konzertabend aufzutreten.
Von allen beteiligten Künstlern hatte er den größten Erfolg.
Beflügelt durch diesen Zuspruch steigerte er seine Kompositionstätigkeit und begann in diesen Jahren den perkussiven Stil seiner Klaviermusik zu entwickeln. Er war ein brillanter Klavierspieler und konnte diese Werke mit erstaunlicher Kraft und brillantem metallischen Klang darbieten.
In diesem Jahr starb sein Vater im entfernten Sontsovka. Er hatte viele Entbehrungen für die Zukunft seines Sohnes auf sich genommen, ohne dass er dessen späteren Erfolg erleben durfte.
Prokofiew hatte keine enge Bindung zu seinem Vater und der Verlust scheint ihn nicht tief getroffen zu haben, doch der Tod entzog ihm und seiner Mutter die finanzielle Basis. Damit wurde der Druck auf Prokofiew grösser, zum Familieneinkommen beizutragen.
1912 bekam er die Gelegenheit sein erstes Klavierkonzert in einem öffentlichen Konzert zu zeigen.
Die Wirkung war gross, zwarr kritisierten die einen die ungewöhnlichen Rhythmen, andere aber sahen das Werk als Aufbruch zu einer neuen musikalischen Ära.
Aber alle waren sich in einem einig: Mit Prokofiew war ab jetzt zu rechnen.
Am Konservatorium näherte sich das Ende seiner Ausbildung – mit dem traditionellen Abschlusskonzert für Konzertpianisten welche üblicherweise bekannte Stücke wie z.B. Liszts 2. Klavierkonzert spielen, doch Prokofiew stellte sein Können nie unter den Scheffel und präsentierte selbstbewusst sein 1. Klavierkonzert.
Fünf Abschluss-Studenten nahmen am „battle of pianos“ teil und der Gewinner durfte sein Werk im Konservatorium präsentieren. Glasunow, der konsertavtive Leiter des Konservatorium tat alles, um Prokofiews Sieg zu verhindern.
Prokofiev gewann den ersten Preis.
Beflügelt vom Erfolg begann Prokofiew am zweiten Klavierkonzert zu arbeiten. Nach Vollendung musste er hart üben, um es in die Finger zu bekommen, denn es entpuppte sich technisch als sehr schwierig.
Die Uraufführung geriet zu einem kleinen Skandal. Es wurde in Pavlovks, der Sommerresidenz des Zaren, einem schockierten konservativem Publikum vorgestellt und erzeugte erregte Reaktionen.
Diaghilev: Mentor wider Willen
Mittlerweile war der Krieg ausgebrochen. Prokofiew hatte Glück, als einziges Kind einer Witwe war er vom Kriegsdienst gesetzlich befreit. So konnte er seine Karriere trotz des Krieges weiterverfolgen.
In der Zwischenzeit hatte er eine Beziehung zu der Tochter eines reichen Industriellen, doch der wollte seine Tochter nicht an einen Boheme verschachern und schmetterte die Verlobungsanfrage Prokofiews ab.
Diese Enttäuschung konnte Prokofiew jedoch schnell hinter sich lassen, da er in London eine wichtige Begegnung machte. Der Leiter der „Abende für zeitgenössische Musik“ hatte ihm Sergei Diaghilew vorgestellt, dem Leiter der Ballet russes, die seit einigen Jahren in Paris und ganz Europa für Furore sorgten.
Prokofiew spielte ihm aus seiner soeben fertig gestellten Oper „Maddalena“ vor und hoffte Diaghilev für ein Opernprojekt zu gewinnen. Doch der winkte ab, schlug aber ein Ballettprojekt vor, ein Zeichen, dass er durchaus große Stücke auf Prokofiew hielt.
Vom Menschen Prokofiew war Diaghilew allerdings wenig angetan. Der grossbürgerliche, kultivierte Impresario war von der arroganten, direkten Art Prokofiews abgestossen. Doch der extrem hellsichtige und künstlerisch versierte Diaghilev sah im musikalisch revolutionären Prokofiew die Zukunft und er wurde in den nächsten 15 Jahren bis zu seinem Tod zu einer entscheidenen Figur für Prokofiew.
Er nannte ihn später schmunzelnd sein zweiter Sohn, Stravinsky war natürlich sein Erster, und Diaghilev wollte nicht, dass sein zweiter Sohn seine kreative Energie an der veralteten Kunstform Oper verschwendete, sondern in der Form der Zukunft: dem modernen Ballett.
Prokofiew war zwar enttäuscht, dass nichts aus der Oper wurde, aber sah in der Beziehung zu Diaghilew seine Chance. Er willigte ein und begann die Arbeit an einem Ballettprojekt.
Prokofiew war ein extrem produktiver und disziplinierter Künstler und schon bald stellte er Diaghilev das Projekt in dessen Quartier in Italien vor.
Der kunstsinnige Impresario war nur mässig beeindruckt und erkannte, dass Prokofiew in manchen Bereichen noch künstlerische Bildung benötigte. So führte er ihn auf eine Art Bildungsreise durch mehrere italienische Städte. Prokofiew war überwältigt – und akzeptierte deshalb ohne Widerrede, dass Diaghilew seinen ersten Ballettentwurf ablehnte: zu wenig russisch, zu wenig modern, lautete das Urteil.
So verliess Prokofiew nach mehreren Wochen Italien mit einen neuen Projekt für ein neues Ballett in der Tasche und einem alten, welches er anderweitig verwerten wollte.
Aus dieser Resteverwertung entstand in wenigen Monaten die Skythische Suite, welche Anfang 1916 im Mariinsky Theater uraufgeführt wurde.
Für seinen ehemaligen Lehrer Glasunow, der im Publikum sass, war diese archaische Musik zuviel und er verliess noch während der Aufführung demonstrativ den Saal.
Die Aufführung erzeugte viel Wirbel und die Kritiken der konservativen Rezensenten waren teils vernichtend.
Noch berühmter als die Premiere wurde eine Aufführung, die gar nie stattfand. Als ein Jahr später eine Aufführung kurzfristig abgesagt werden musste, weil Musiker notfallmässig für einen Kriegseinsatz abgezogen wurden, erschien am Folgetag ein Artikel über diese „barbarische und motorische Aufführung“.
Geschrieben von einem Journalisten, der den Verriss schon im Voraus geschrieben hatte und die Absage des Konzerts nicht realisiert hatte. Das war natürlich Wasser auf die Mühlen Prokofiews, weil es so alle kritischen Besprechungen als Vorurteile entlarvte.
Prokoview besuchte 1915 auf Anraten Diaghilews Strawinski, der wenig zuvor mit Petruschka und dem Sacre für die Ballet russes weltweit beachtete Produktionen geschrieben hatte. Für beide Künstler war der Besuch nicht einfach, da sie in Ihrer Persönlichkeit nicht gegensätzlicher sein konnten und sahen, dass sie ernsthafte Konkurrenten waren. Wie auch immer Prokofiew konnte von Strawinski profitieren.
Er besuchte zudem in paris und London Aufführungen der Ballet russes und begann die Arbeit am Ballett Le Chout, der Narr. Doch durch die Kriegswirren sollte es bis 1923 dauern, bis das Ballett auf die Bühnen kommen sollte, mehr darüber später.
Emigration
In erstaunlich kurzer Zeit verwandelte sich Petersburg vom Zentrum des Zarenreichs zur Hauptstadt des bolschewistischen Russland. Diese welthistorische Umwälzung hinterließ in Prokofjews Werken dieser Zeit überraschend wenig Spuren. Er befand sich in einem wahren Schaffensrausch – und komponierte unter anderem eines seiner bekanntesten Werke: die Sinfonie classique.
Man reibt sich die Augen über diese scheinbare Rückwärtsgewandtheit. Der musikalische Avantgardist Prokofjew setzte sich selbst eine gepuderte Perücke auf, und komponiert Humor in der Musik inmitten der grossen Tragödie des militärischen und ökonomischen Zusammenbruchs des russischen Reichs.
Es hat in dieser schweren Zeit im Konzertsaal bei der Uraufführung nicht so viele Zuhörer. Unter ihnen befindet sich ein Kommissar für Volksbildung und was er gehört hat, gefällt ihm. Er besucht Prokofjew im Künstlerzimmer und verhilft ihm zu einer Ausreisegenehmigung für eine Bildungsreise.
Es wird allerdings 1918 bis Prokofiew ausreisen kann. Sein Ziel sind die Vereinigten Staaten und er muss den langen und gefährlichen Weg über Sibirien auf sich nehmen, um in Tokyo sich nach San Franzisco einzuschiffen.
Seine Mutter blieb in Russland zurück. Prokofjew hatte nur mit einem Aufenthalt von wenigen Monaten gerechnet – tatsächlich sollte es fast ein Jahrzehnt dauern, bis er wieder russischen Boden betreten würde.
Magere Jahre in den USA
Dank Empfehlungsschreiben konnte Prokofjew rasch als Konzertpianist Fuß fassen und Geld verdienen. Ihm war jedoch bewusst, dass das Publikum nicht bereit war, ein reines Programm mit seinen eigenen Werken zu hören. Daher spielte er unter anderem auch Werke von Skrjabin und Rachmaninow – letzterer saß sogar einmal im Publikum.
Prokofjews kraftvoller Stil kam gut an: Er erhielt bald den Ruf des „Pianisten mit den stählernen Fingern“ und durfte bereits wenige Wochen später mit Orchester in der renommierten Carnegie Hall auftreten.
In dieser Zeit lernt er eine Konzertsängerin kennen, Lina Codina. Es ist von seiner Seite eine Liebe auf ersten Blick und sie wird einige später seine Frau werden.
Um seinen Lebensunterhalt zu sichern und denjenigen seiner Mutter in Europa, musste Prokofjew seine kompositorische Tätigkeit zunächst einschränken. Sein wichtigstes Projekt in dieser Phase war die Oper Die Liebe zu den drei Orangen, für die er die Chicagoer Oper gewinnen konnte. Dieses Herzensprojekt wurde schließlich 1922 uraufgeführt, doch der Erfolg blieb verhalten. Obwohl die Oper seine liebste Gattung blieb, konnte sich keine seiner sieben Bühnenwerke dauerhaft im Repertoire etablieren.
Mit dem Misserfolg dieses Projektes beschloss er seinem 4-jährige Amerikaaufenthalt ein Ende zu setzen. Die Zuschauer waren für seine Musik noch nicht bereit, und Prokofiew sah sich als Komponist und nicht als reisender Konzertpianist.
Karriereboost in Paris
Während seiner Zeit in Amerika hatte Prokofiev 1921 9 Monate im zauberhaften St. Brevin verbracht. Auch Lina und Seine Mutter waren an den Badeortt der französischen Atlantikküste gekommen und Prokofiew genoss die Nachbarschaft zum russischen Dichter Balmont mit dem er das Werk „Die Glocken“ umsetzte und dem er das 3. Klavierkonzert widmete, welches er teilweise in St. Brevin schrieb.
Dieses Konzert wird 10 Jahre später das erste Werk sein, welches er auf Grammophon aufnahm.
Neben der Komposition widmete er sich in Saint-Brévin ausgiebig seinem größten Hobby: dem Schachspiel. Dort empfing er seinen Freund den Schachweltmeister José Raúl Capablanca, gegen den er mehrere Partien spielte.
Inzwischen hatten sich die Ballet russe von den mageren Kriegsjahren erholt und Diagilew rief Prokofiew nach Paris um das Ballet „Le Chout“ auf die Bühne zu bringen. Prokofiew hatte den Grossteil des Werke noch vor dem Krieg geschrieben und hatte wichtige Aenderungswünsche Diaghilvs in St Brevin umgesetzt. Die Pariser Aufführungen wurden trotz einer eher schwachen Choreografie ein großer Erfolg.
Der später berühmt gewordene Choreograph Sergej Lifar, der in der Uraufführung tanzte, beklagte später die schweren Kostüme, die das Tanzen erheblich erschwerten.
Intermezzo in Ettal
Nach den anstrengenden USA Jahren sehnte sich Prokofiew nach Ruhe und Rückzug und einem Ort wo er sich ganz dem Komponieren widmen konnte. Mittlerweile hatten er und Lina sich verlobt und sie entschieden sich für das abgelegene Ettal in Bayern.
Auch privat ereignete sich viel: Prokofjew heiratete Lina und sie wurde schwanger mit ihrem ersten Sohn, und seine Mutter zog ebenfalls nach Ettal, allerdings war sie bei schlechter Gesundheit.
Doch die 2 Jahre im Ettal waren wenig fruchtbar. Prokofjew widmete sich fast ausschließlich der Der feurige Engel (the fiery angel), für das er selbst das Libretto verfasst hatte. Die Musik war jedoch extrem komplex, und es gab Tage, an denen er kaum mehr als zwei Takte zu Papier brachte. Das Projekt versandete und wurde später aber in überarbeiteter Form zur Grundlage seiner Dritten Sinfonie.
Unbefriedigende Jahre in Paris
Aufgrund der wirtschaftlich schwierigen Nachkriegsjahre musste Prokofiew immer wieder monatelange Konzertreisen unternehmen, um seinen Lebensunterhalt zu sichern. Prokofiew beklagte sich bitterlich, dass seine Arbeit als Komponist nicht reichte für ein ausreichendes Einkommen.
Um näher an Konzertleben und an deren Geldströmen zu sein, beschloss die Familie nach Paris zu ziehen. Allerdings sollten sie in den nächsten 5 Jahren ein unstetes Leben führen, im Sommerhalbjahr residierten Sie ausserhalb der Stadt und im Winterhalbjahr zogen sie jeweils in wechselnde möblierte Pariser Appartements.
Auch kompositorisch lief es nicht rund, Prokofjews zunehmend komplexer und dissonater Kompositionsstil stiess nicht auf Anklang. Seine Zweite Sinfonie, die von seinem alten Freund Sergej Kussewizki in Paris uraufgeführt wurde, erwies sich als Misserfolg.
Im selben Jahr starb auch seine Mutter im Alter von neunundsechzig Jahre.
Euphorischer erste Besuche in Russland
In einer schwierigen Lebensphase begann in Prokofjew der Wunsch nach Russland zurückzukehren zu wachsen. Er intensivierte den Briefwechsel mit alten Freunden und Bekannten in der Heimat.
Es war erneut Diaghilev, der Prokofjew künstlerisch neue Perspektiven eröffnete. Der aufkommende russische Kollektivismus und der Pavillon der Russen an der „Exposition des Art Deco“ in Paris hatte das Interesse an Russland angefeuert und inspirierte Djagilew dazu, ein Ballett über den neuen Sowjetmenschen in der Zeit der Industrialisierung in Auftrag zu geben.
Prokofjew griff das Thema begeistert auf und komponierte „Le pas d’acier“ das 1927 in Paris mit großem Erfolg uraufgeführt wurde.
Der Briefwechsel mit Russland begann sich zu intensivieren und Prokofiew begann davon zu träumen, das neu erstellte Projekt auch in Russland aufführen zu können, insbesondere weil sein Herzensprojekt „die Liebe zu den 3 Orangen“ in Leningrad, wie Petersburg mittlerweile hiess, im Gegensatz zu Chicago herzlich aufgenommen wurde.
Die Kommunistische Partei sah in der Annäherung an Prokofiew die Chance einen propangandistischen Erfolg zu erzielen und er wurde 1927 eingeladen Russland zu besuchen.
Was dann geschah, übertraf seine kühnsten Erwartungen: Seine Auftritte in Moskau und Leningrad gerieten zu wahren Triumphzügen und er wurde wie ein heimgekehrter Held gefeiert. Gerührt wohnte er einer Aufführung seiner Oper „Liebe zu den 3 Orangen“ bei. Neben ihm sass just der Kulturkommissar, der ihn 10 Jahre zuvor in der Pause der Aufführung der klassischen Sinfonie besucht hatte.
Begeistert beschloss Prokofiew in den folgenden Jahren Russland regelmässig zu besuchen. Der zweiter Besuch führte ihn unter anderem in die Nähe seines Geburtsorts in der Ukraine. Dort sassen bei einem Konzert drei junge Musiker, die später einflussreiche Interpreten seiner Musik werden sollten.
Langer Abschied von Paris und Künstlerische Weiterentwicklung
Zurück in Paris arbeitete Prokofiew an einem weiteren Ballettprojekt für die Ballett russes, dem „Verlorenen Sohn“ und wieder konnte Prokofiew mit Genugtuung den grossen Anklang beim Publikum entgegennehmen.
Allerdings wurde der Erfolg durch die vielen Auseinandersetzungen überschattet, die bei der Arbeit am Projekt mit den Künstlern wie Balanchine ergaben.
Stravinski, dessen „Renard“ im ersten Teil des Abends gegeben wurde, schrieb später über die schwierige Persönlichkeit Prokofiews, der „in sozialen Kontakten stets dominieren wollte, und dem es großen Spaß machte, andere lächerlich zu machen … und der vermutlich ein echter Sadist sei“.
Für Stravinski und Prokofjew noch einschneidender war, dass Diaghilev 1929, aufgrund einer damals nicht kurierbaren Diabetes zurückzuführen verstarb. Damit verlor Prokofiew seinen wichtigsten Bezugspunkt in Paris.
Doch künstlerisch durchlief Prokofjew in den 1930er Jahren eine atemberaubende Wandlung. Er nannte seinen neuen Stil „neue Einfachheit“ und im Urteil von viele Musikkennern entwickelte Prokofiev in seiner zweiten Lebenshälfte seine schönste Musik, sie wurde zugänglicher und melodiöser. Der zweite Satz seines Violinkonzerts gilt als einer der ersten Zeugen dieser Entwicklung.
Erste Projekt in Russland und Erste Ernüchterung
In dieser Zeit begannen sich Prokofiews Gedanken bezüglich einer Rückkehr in die Heimat zu konkretisieren, trotz des Widerstands seiner spanischstämmigen Frau, die gegen diesen Plan war und Paris unter keinen Umständen verlassen wollte – zumal sich die finanzielle Situation der Familie dank den erfolgreichen Balletten und sprudelnden Tantiemen aus den USA sehr verbessert hatte.
Mit der Machtübernahme Stalins, begann sich auch die sowjetische Kulturpolitik zu verändern, was nicht ohne Auswirkung auf Prokofiew bleiben sollte.
Als erstes zerschlug sich sein Projekt einer russischen Aufführung von Le pas d´acier. Die sowjetischen Kulturbehörden warfen dem Werk vor, ein verzerrtes Bild der Realität zu zeichnen – geschrieben von „eigensüchtigen Emigranten“, die ihr Land in schwierigen Zeiten verlassen hätten.
Prokoview reagierte und verfolgte nun ein neues Ballett Projekt, welches vom Bolschoi Theater angeregt wurde. der Vertonung von „Romeo und Julia“ als Ballett.
Einen Großteil der Musik komponierte er während eines Aufenthalts in Polenowo, der Sommerresidenz des Bolschoi-Theaters, und er kehrte Herbst zu einer Probeaufführung zurück.
Allerdings tat sich das von Tschaikowskis Musik geprägte Bolschoi-Ensemble mit den ungewohnt synkopierenden Rhythmen schwer und lehnten das Werk ab. Es sollte noch 5 Jahre dauern, bis das Werk in Leningrad aufgeführt werden sollte.
Umzug nach Moskau – Stalins eiserne Faust wird spürbar
1936 siedelte die Familie Prokofiew nach Russland um. Prokofiew hatte sich bei den sowjetischen Behörden ausbedungen, dass er weiterhin Auslandreisen machen durfte und der russische Staat ihm ein privilegierten Lebensstandard garantierte.
Im selben Jahr hatte sich sich in Moskau ein kulturpolitische Beben ereignet, als Stalin nach einem Besuch von Schostakovitch Oper Lady Macbeth einen Artikel in der Prawda schreiben liess mit dem Titel “ Chaos statt Musik ”, der mit dem ominösen Satz gipfelte: „Dieses Spiel kann böse enden“.
Prokofiew gab möglichen Kritikern Nahrung, da er im ärmlichen Russland weiterhin darauf bestand seine teuren westlichen Anzüge zu tragen. 1937 erlaubte er sich sogar einen teuren Ford zu importieren, in ein Land, in welchem die Leute sich kaum ein Fahrrad leisten konnten.
Prokofiew Schaffensdurst war ungebrochen, als er mit seinen Kindern die Kinderoper besuchte, bat Natalja Sats, die Leiterin der Kinderoper, Prokofjew, ein Werk zu schreiben, das Kinder an Orchesterinstrumente heranführen würde. Prokoview war begeistert und schrieb die Verse zu Peter und der Wolf gleich selbst. Das Werk wurde zu einem grossen Erfolg.
Ein Jahr später musste Prokofiew zu seiner Erschütterung zur Kenntnis nehmen, dass Sats in einem Gulag inhaftiert worden war, weil ihr Mann, ein hoher Regierungsbeamter, einer Säuberung zum Opfer gefallen war.
Eisenstein
1937 unternahm Prokofiew eine seiner letzten Auslandsreisen. Sie führte ihn bis nach Hollywood, wo er Walt Disney kennenlernte. Prokofiew war beeindruckt von den Fortschritten der Filmkunst.
Dieser Besuch war umso wichtiger, als dass im Folgejahr der russische Filmregisseur Sergej Eisenstein auf ihn mit der Idee zukam einen Musikfilm über den russischen Nationalhelden Alexander Newski zu drehen. Prokofiew sah in Medium Film die Möglichkeit mit seiner Musik ein Milionenpublikum zu erreichen und Eisenstein wurde nach Diaghilev zu seiner zweiten wichtigen künstlerischen Vaterfigur.
Wie Diaghilev war Eisenstein ein hochgebildeter, visionärer Intellektueller aus großbürgerlichem Hause, der Prokofjews künstlerische Energie und Ideen zu fokussieren wusste.
Prokofjew besaß ein feines Gespür für den Rhythmus von Filmszenen. Wie Eisenstein später schilderte, begann Prokoview beim Ansehen der Filmszenen mit den Finger zu trommeln, bis er den richtigen Rhythmus aufgenommen hatte und die passende Musik komponieren konnte.
Berühmt wurde die Szene der „Schlacht auf dem Eis“ – eine der ikonischsten Momente der sowjetischen Filmmusikgeschichte.
Mira
Prokofiew lebte mit seiner Familie in einer für sowjetische Verhältnisse geräumigen Apartement in einem Block, der für Künstler vorgesehen war.
Das Zusammenleben mit Lina war schon in Pariser Zeiten nicht ohne Spannung gewesen, doch Linas Frust über ihre Situation verhärtete das Eheleben.
So kam es nicht überraschend, dass Prokowief Lina verliess, als er sich 1941 in die 20-jahre jüngere Mira Mendelsohn verliebte. Die literarisch gebildete Mira wurde nun zu einer unersetzlichen Begleiterin, die zugleich Geliebte, Sekretärin, Managerin und Beraterin wurde und von Prokoviews Freunde als überaus grosszügige und kluge Person geschätzt wurde.
Prokofiew zog nun in die kleine 1 ½ -Zimmer Wohnung zu Lina und ihren Eltern, was damals für sowjetische Verhältnisse nicht ungewöhnlich war.
Prokofiew widmete sich nun intensiv den Klaviersonaten, welche unter anderem von Sviatoslav Richter und Emil Gilels uraufgeführt wurden.
Kriegswirren
Mit dem Angriff von Hitler Deutschland hatte der Krieg auch Russland erreicht und die deutschen Trupppen näherten sich Moskau. Die sowjetische Führung beschloss, die bedeutendsten Künstler des Landes zu evakuieren – unter anderem in den Kaukasus.
Mira begleitete Prokofiew und Lina und die Kinder mussten in Moskau ausharren.
Iwan der Schreckliche
Ein halbes Jahr später hatte Prokofiew grosses Glück, denn Eisenstein rief ihn zu sich nach Alma Ata. Während viele andere Komponistenkollegen in ärmlichere, kältere Gefilde umgesiedelt wurden, konnte Prokofiew in das warme Kasachstan ziehen, wo Eisenstein am Film „Iwan der Schreckliche“ arbeitete, das von Stalin über seinen Kulturminister persönlich in Auftrag gegeben wurde.
Der Film war sowohl bei der Kritik und beim Publikum ein gewaltiger Erfolg. Eisenstein und Prokofiew bekamen nach dem Krieg dafür den Stalinpreis erster Klasse und Charlie Chaplin schrieb Eisenstein der Film sei „der größte historische Film, der je geschaffen wurde“.
Demütigungen und Krankheit
Auch in den letzten Kriegsjahren und den ersten Nachkriegsjahren blieb Prokofiew bemerkenswert produktiv doch in den folgenden Jahren wurden Politik und Gesundheit immer mehr zu dominierenden Themen seines Lebens.
Mit dem Ende des Krieges begann der skrupellose Shdanow eine repressive Kulturpolitik die selbst hochgestellte Musiker wie Prokofiev, Schostakowitsch und Chatschaturjan in ständiger Angst leben liess und gezwungen wurden regelmässige Jubelchöre und patriotische Kantaten zu schreiben.
Als Prokofiew 1948 beschloss Mira zu heiraten, ereignete sich das Undenkbare. Lina verlor den Schutz des Status als Frau eines hochgestellten Künstlers. Sie hatte gelegentlich für ausländische Botschaften Übersetzungsarbeit geleistet und wurde der Spionage angeklagt. Sie wurde zuerst in das berüchtigte Gefängnis Lubjanka gesteckt und wurde wenig später zu Haft in einem Arbeitslager verurteilt.
Prokofiew war war zutiefst erschüttert über diese Entwicklung und war ohnmächtig. Er machte sich schwere Vorwürfe und intensivierte den Kontakt zu seinen mittlerweile erwachsenen Söhnen.
Dank seiner vielfachen Stalinpreise erster Klasse konnte er sich eine Datscha in Nikolina Gora, einem Künstlerdorf außerhalb Moskaus, leisten. Dort versuchte er, sich wenigstens teilweise von der politischen Realität abzuschirmen.
Mit sechzig Jahren erlitt er nach einem Sturz einen schwere Gehirn Erschütterung, was seine Gesundheit stark beeinträchtigte und ihn auf ärztliches Anraten zwang seine Kompositionsarbeit erheblich einzuschränken.
Tod im Schatten Stalins
1953 verstarb Prokofiew in seiner Datscha. Sein Tod und die Beerdigung wurde von der Oeffentlichkeit nicht zur Kenntnis genommen, da Stalin am selben Tag wie Prokofiew verstarb.
Mira wurde 15 Jahre nach Prokofjews Tod neben ihm auf dem Nowodewitschi-Friedhof beigesetzt.
Lina Prokofjew, konnte das Arbeitslager nach 8 Jahren verlassen und 20 Jahre später in den Westen ausreisen. Dank Tantiemen hatte sie ein bescheidenes Einkommen. Sie wirkte 1986 bei Chandos als Sprecherin einer Aufnahme von Peter und der Wolf mit und starb 3 Jahre später in London.
Sergej Prokofiev - Biografie




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