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Tristan und Isolde von Richard Wagner- ein Opernführer: Handlung, Musik, Wissenswertes

  • peter
  • vor 18 Stunden
  • 17 Min. Lesezeit
Biografie Johann Sebastian Bach

Wagners Anspruch war die größte Liebesmusik zu komponieren, die bisher erklungen war. Dazu musste er für «Tristan und Isolde» eine neue Musiksprache erfinden. Diesen Anspruch löste er ein und komponierte ein Werk, das mit seiner sinnlich-aufwühlenden Chromatik für die nächsten fast 100 Jahren einen ungeheuren Einfluss auf die klassische Musikwelt ausüben sollte.



 


Tristan und Isolde von Richard Wagner



URAUFFÜHRUNG: München 1865 LIBRETTO: Richard Wagner, basierend auf Gottfried von Strassburgs «Tristan und Isolde» und Novalis’ «Hymne an die Nacht».

DIE HAUPT PERSONEN: Isolde, Verlobte des irischen Fürsts Morold (Sopran) – Brangäne, ihre Dienerin (Mezzosopran) - Marke, König von England (Bass) – Tristan, Neffe Markes (Tenor) – Kurwenal, Knappe Tristans (Bariton) – Melot, Höfling Markes (Bariton).

AUFNAHME EMPFEHLUNG: WARNER CLASSICS, Ludwig Suthaus, Kirsten Flagstad, Blanche Thebom, Dietrich Fischer-Dieskau, Josef Greindl unter der Leitung von Wilhelm Furtwängler und dem Philharmonia Orchester und Chor des Royal Operahouse Convent Garden.



Handlung


Vorgeschichte: Irland liegt mit seinem Untertanengebiet England im Krieg. Der irische Fürst Morold will den Zins in Kornwall einziehen und wird von Tristan, dem Neffen des englischen Königs Marke, erschlagen. Statt des Zinses schickt Tristan den Kopf des Erschlagenen an dessen irische Braut Isolde und löst damit einen Krieg zwischen den beiden Ländern aus. Tristan ist beim Kampf schwer verwundet worden. Die einzige Person und die ihn heilen kann ist Morolds Witwe Isolde, die heilkundig ist.

Er lässt sich unter dem falschen Namen Tantris (einem Tristan-Anagramm) an die irische Küste bringen, wo er von Isolde aufgefunden wird. An seiner Wunde, die genau in das Schwert Morolds passt, erkennt sie den Mörder ihres Mannes. Als sie darauf Tristan töten will, öffnet der seine Augen und Isolde verliebt sich in ihn. Sie pflegt ihn gesund und Tristan schwört ihr seine Liebe.

Als Tristan heimkehrt, empfiehlt er seinem König Marke, Isolde zu heiraten und so die beiden Reiche zu befrieden. Marke entsendet darauf Tristan als Brautwerber nach Irland. Tristan bringt nun Isolde auf einem Segelschiff nach England, wo er auf jeglichen Kontakt mit ihr verzichtet.


1. AUFZUG: Auf Tristans Schiff auf hoher See während der Überfahrt von Irland nach Kornwall. (Einleitung) Die Prinzessin Isolde ist auf Deck mit ihrer Dienerin Brangäne und gibt ihrer Frustration Ausdruck, dass sie dem alten König Marke als Friedenspfand versprochen wurde. Ihre Liebe gehört Tristan, der zu ihrer Demütigung die Rolle des Brautwerbers übernommen hatte.

Seit der Abfahrt hat er jeden Kontakt mit ihr vermieden. Sie beauftragt ihre Dienerin Brangäne ihn aufzusuchen. (Frisch weht der Wind) Brangäne übermittelt Tristan Isoldes Wunsch ihn zu sehen. Doch Tristan behauptet trotz der stillen See, er sei am Schiffsteuer unabkömmlich. Kurwenal verhöhnt Brangäne und singt «Herr Morold zog zu Meere her», einem Lied, welches Morolds jämmerlichen Tod verspottet.

Um noch mehr Salz in die Wunde zu streuen, wird das Lied von den Matrosen freudig aufgenommen. Isolde konnte den Spottgesang Kurwenals hören und zittert vor Wut. Ihr Zorn wallt schrecklich auf und Brangäne versucht sie zu trösten, dass sie immerhin die Frau eines Königs werde. Isolde öffnet nun Brangäne ihr Herzen und erzählt die Geschichte von Tantris. Wenn sie Marke heiraten würde wäre der Mann, den sie eigentlich liebt, stets zum Greifen nahe, das könnte sie nicht ertragen («Ungeminnt den hehrsten Manne stets mir nah’ zu sehn»).

Da meint Brangäne mit anzüglicher Stimme, dass da immer noch der Liebestrank wäre. Sie hat von Isoldes Mutter, einer Heilkundigen, verschiedene magische Getränke erhalten. Sie holt den Schrein und nimmt den Liebestrank heraus. Doch Isolde packt eine andere Flasche. Entsetzt erkennt Brangäne, dass sie den Todestrank in der Hand hält. (Weh, ach wehe dies zu dulden)

Da ertönen plötzlich Matrosengesänge, das Land ist in Sicht. Kurwenal kommt zu Isolde, um sie zu bitten, sich bereit zu machen, um an Land zu gehen. Sie aber teilt ihm mit, dass sie nicht daran denke, das Schiff zu verlassen und verlangt Tristan zu sehen. Kurwenal geht ab, um Tristan die Nachricht zu melden. Isolde verlangt nun von Brangäne, wenn sie mit Tristan zusammen ist, ihnen den Todestrank zu erreichen. Brangäne ist zu Tode erschrocken. Tristan tritt ein und Isolde erinnert ihn an seinen Schwur.

Doch Tristan bleibt kühl und verweist auf die Sitte, die es ihm nicht geziemt sich der Braut als Brautwerber zu nähern. Isolde erinnert ihn, dass sie ihren Mann verlor und ihn rächen müsse, wenn Tristan unnahbar bleibe. Tristan gibt ihr sein Schwert und fordert sie auf zuzustechen. Isolde lehnt ab und fordert ihn auf mit ihr Sühne zu trinken und sie winkt Brangäne, den Sühnetrank bringen.

Tristan entreißt ihr die Schale und trinkt zusammen mit Isolde das Getränk. Die beiden schauen sich in der Erwartung des Todes an. Doch Brangäne hatte es nicht übers Herz gebracht, ihnen die Todesdroge zu geben, sondern gab ihnen den Liebestrank. So ist es zu Ihrer Überraschung nicht der Tod, der sich einstellt, sondern feurige Liebesglut. Als sich ihre Blicke wieder treffen, sind sie voll Sehnsucht und sie fallen sich mit den Worten «Tristan! - Isolde!» in die Arme und verweilen in dieser Stellung. Als Marke auf Schiff kommt begrüßt er sie freudig, doch die beiden haben nur Blicke füreinander. (Tristan! Isolde! Treulosester Holder!)


2. AUFZUG: In Isoldes Gemächern in Markes königlichen Burg in Kornwall. (Einleitung zum 2. Aufzug) Marke ist mit seinem Gefolge auf eine nächtliche Jagd gegangen. Isolde erwartet den heimlichen Besuch Tristans. Brangäne warnt sie, dass der Jagdausflug eine Finte sei, sie misstraut Melot, der für Marke spioniere und sich als Freund bei Tristan eingeschmeichelt habe. Isolde lässt sie die Fackel löschen, das Zeichen für Tristan zu kommen. Aufgeregt rennt Isolde die Treppe hinauf und versucht Tristan zu erkennen.

Als sie ihn sieht, winkt sie mit einem Tuch. Die beiden fallen sich in die Arme und versichern sich ihrer grenzenlosen Liebe. Tristan führt Isolde zu einer blumenumrankten Bank unter dem von Sternen übersäten Himmel und sie beschwören Nacht und Tod als Symbole ihrer Liebe. (O sink hernieder) Brangäne warnt die beiden noch einmal vor der Rache Marke und begibt sich in ihr Turmgemach, um über die beiden zu wachen. (Einsam wachend)

Die beiden haben kein Gehör für Brangänes Warnung. Tristan erhofft, dass nie mehr Tag werde und äußert als höchste Vollendung seiner Liebe zu sterben. (Lausch Geliebter) Isolde versucht ihm den Gedanken ausreden. Sie könnte seinen Verlust nicht überleben. Daraus entsteht der Gedanke gemeinsam den Liebestod zu sterben. (So starben wir)

Brangänes Vermutung waren zutreffend.

Triumphierend präsentiert Melot die beiden Liebenden seinem König. Tief beschämt und betrübt klagt Marke Tristan des Verrats an und will eine Erklärung von dem Neffen, den er wie ein Sohn liebt. (Tatest Du’s wirklich?) Tristan hat keine Erklärung. Er spricht auch nicht zu Marke, sondern er bittet Isolde ihm in den Tod zu folgen und küsst ihre Stirn. Wütend zückt Melot seine Waffe, Tristan stürzt sich in Melots Schwert und sinkt schwer verwundet nieder. (O König, das kann ich Dir nicht sagen)


3. AUFZUG: Tristan liegt unter einer großen Linde auf einem Ruhebett. Der tödlich verwundete wurde von Kurwenal in Tristans altes Schloss in der Bretagne gebracht, wo Tristan einst aufwuchs.

Kurwenal weiß, dass nur Isoldes Heilkünste ihn retten können und hat nach ihr rufen lassen. (Vorspiel und Hirtenreigen) Ein Hirte tritt zu Kurwenal, der an Tristans Bett wacht. Der Hirte beobachtet das Meer, doch kein Schiff ist in Sicht, das Hilfe bringen könnte. Tristan wacht auf und ist verwirrt. Kurwenal versucht Tristan aufzumuntern.

Langsam kommt er zu sich und als seine Gedanken im Fieberwahn zu Isolde gehen wird Tristan aufgeregt. Kurwenal wird pathetisch, doch Tristan bringt die morbide Stimmung zurück. Lange verweilt er in einem Dämmerungszustand, doch die Gedanken an Isolde kehren zurück, die Musik bäumt sich auf und Tristan singt sich in ein Feuer.

Bald sinkt er wieder erschöpft zurück. Als Kurwenal ihm berichtet, dass er nach Isolde rufen ließ, kommt die Ekstase in Tristan zurück und schon glaubt er fiebrig ein Schiff zu sehen. (Noch losch das Licht nicht aus) Er erwartet Isolde ungeduldig und seine Ekstase steigert sich. Als er sie sieht, erhebt er sich aus dem Bett und läuft ihr entgegen. (Oh diese Sonne!)

Als Isolde ihn in den Armen hält realisiert sie, dass er in kürze sterben wird, sie hofft noch eine Stunde mit ihm zu verbringen.

Doch Tristan stirbt nach ihrer ersten Umarmung. Erschüttert bricht sie bewusstlos über der Leiche zusammen. Der Steuermann kommt herein und meldet, dass Marke sie verfolgt hat. Der König hatte von Brangäne alles erfahren und ist gekommen, um zu verzeihen. Doch Kurwenal erwartet fälschlicherweise dessen Rache und verschließt das Tor.

Bald ruft Brangäne, doch Kurwenal will sie nicht reinlassen. Melot steht vor dem Tor und bricht es auf. Kurwenal wird in einen Kampf mit ihm verwickelt und tötet ihn, danach richtet er sich selbst. Bald schon steht Marke vor der Tür, dringt hinein und geht erschüttert an Tristans Bett. Marke sieht Isolde, die nicht mehr ansprechbar ist. Entrückt ist sie in Tristans Reich eingedrungen und ihre Seele verlässt die Welt. (Mild und leise)



Kommentar


Libretto und der biografische Bezug: Als Inspiration für eine Liebesoper diente Wagner seine außereheliche Beziehung zu Mathilde Wesendonck, die 1852 in sein Leben trat. Er lernte die 24-Jährige in seinem Zürcher Exil kennen. Die darauffolgende Geschichte ist wohlbekannt. Ihr Ehemann Otto wurde sein Zürcher Mäzen und Wagner begann mit der in enger Nachbarschaft lebenden Mathilde eine heimliche Beziehung (von der Wagner in späteren Jahren stets behauptete sie sei platonisch gewesen).

1854 schrieb er an Liszt, «er habe bisher nie das eigentliche Glück der Liebe genossen und er wolle ihr nun ein Denkmal setzen». Die Handlung von «Tristan und Isolde» ist bezeichnend: Tristan (Wagner) und Isolde (Mathilde) können auf Erden nicht zusammenkommen wegen Isoldes Beziehung mit König Marke (Otto). Zuflucht finden die beiden im Liebestod. Diese Handlung entnahm er Gottfried von Strassburgs «Tristan und Isolde», auf das ihn Schopenhauer aufmerksam gemacht hatte.

Er übernahm den Kern der Erzählung, vereinfachte die Geschichte drastisch und fokussierte sie fast vollständig auf die Liebesgeschichte. Eine zweite wichtige literarische Grundlage bildete Novalis’ «Hymne an die Nacht», dessen Todessehnsucht ihn zusammen mit der Lektüre von Schopenhauers Werk zum spirituellen Dreieck des zweiten Satzes inspirierte: der Nacht, der Liebe und des Todes. 1857 war das Libretto fertiggestellt und er begann in Zürich mit der Komposition des ersten Aufzugs.

Den zweiten Aufzug beschloss er in der Einsamkeit Venedigs zu komponieren und ließ seinen Érard-Flügel über die Alpen transportieren. Den dritten Akt schrieb er in der Schweiz, im Luzerner Nobelhotel «Schweizerhof».


Wagners große Krise: Wagners Beziehung zu Mathilde war nicht die alleinige Triebfeder für die Komposition des Werks. Wagner, der ständig von Geldsorgen gepeinigt war, wollte mit dem Textbuch zum «Ring» Einnahmen generieren, doch sein Verlag hatte die Publikation abgelehnt. Und da eine mögliche Aufführung eines Ring-Zyklus sowieso in weiter Ferne lag beschloss er das Werk ruhen zu lassen und begann die Arbeiten an «Tristan», von dem er sich baldige Erlöse erhoffte.

Doch nach der Fertigstellung musste er erkennen, dass die deutschen Bühnen das Werk als unaufführbar hielten, dies betraf sowohl die Orchestermusik wie auch für die Gestaltung der beiden Sängerrollen. Damit blieb Wagner die Hoffnung auf die Pariser Grand Opéra. Um seine Musik zu fördern, dirigierte dort 1860 in symphonischen Konzerten einige Einleitung (daraus zu «Tannhäuser» und zu «Tristan»), was dann in das berühmte «Tannhäuser»-Fiasko von 1861 und noch mehr Schulden mündete.

Der Tristan blieb weiterhin in der Schublade und harrte seinem größten Fiasko: der Produktionsaufnahme der Wiener Hofoper, die 1864 nach 77 Proben entschied das Werk nicht aufzuführen. Wagner schlitterte dadurch in die bedrohlichste Krise seines Lebens. Er fand bei keinem seiner Gönner Aufnahme und vagabundierte einige Wochen durch Süddeutschland, bis mit dem Auftauchen Ludwig II sich das größte Wunder seines Lebens ereignete und ihn rettete.


Uraufführung und Wirkung: Ludwig hatte die Macht und die Mittel eine Aufführung anzuordnen. Mit der Hilfe Hans von Bülows und des begnadeten Sängerehepaars von Caroldsfeld (mehr weiter unten in den «Fun Facts») gelang es in Ludwigs Münchner Theater eine Produktion auf die Beine zu stellen.

Am Tage der geplanten Uraufführung im Mai 1865 ging aber alles drunter und drüber. Am Morgen erschien die Polizei in Wagners Privathaus, um seine Möbel zu pfänden, Cosima (Wagners Geliebte und Ehefrau des Dirigenten von Bülow) eilte zur königlichen Hofkasse und konnte das notwendige Geld auftreiben. U

nd dann ereilte Wagner die Botschaft, dass die Isolde indisponiert sei und die Aufführung musste verschoben werden. Am 10. Juni erfolgte schließlich die umjubelte Uraufführung im Münchner Nationaltheater. Die Wirkung des Werks war ungeheuer. Obwohl die nächste Aufführung erst 9 Jahre später erfolgte (in Bayreuth), wirkte das Werk auf alle nachfolgenden Komponisten, insbesondere auf Gustav Mahler, Richard Strauss , Alban Berg und Arnold Schönberg.

Viele andere wie Debussy, Leoncavallo, Ravel, Stravinsky sahen ihren Stil offen unter dem Einfluss Wagners und des Tristans. Die Aussage, dass der Tristan das einflussreichste Werk der klassischen Musikgeschichte ist, ist in der Musikwissenschaft unumstritten. Selbst Puccini schrieb in seiner unvollendeten Turandot vor dem Liebesduett Turandot – Calaf (an der Stelle wo er verstarb) auf die Partitur Seite «e poi Tristano» (und nun Tristan).



Musik – die «Tristan-Harmonik»: Was ist denn das Revolutionäre an der Musik? Ich verweise an dieser Stelle auf die Informationen zur kommentierten Stelle der «Einleitung» weiter unten, die mit Notenbeispielen der Tristan-Harmonik (und dem berühmten «Tristan-Akkord») etwas auf den Grund gehen. Summarisch lässt sich sagen, dass Wagner die Harmonie von der Melodie gelöst und mit der Chromatik ersetzt hat.

Das war aber kein Selbstzweck (wie später bei den Komponisten der atonalen Musik), sondern Ausdrucksmittel, um die ungestillte Liebe durch unendliche chromatische Entwicklungen darzustellen. Für diesen Schmerzenszustand gibt es nur eine mögliche Erlösung: sterben, zugrunde gehen, nie mehr aufzuwachen! Wagner hält in diesem Werk dem Hörer vier Stunden lang diese Auflösung der Dissonanzen vor, bis sie im letzten Akkord mit dem Tod Tristans und dem Verstummen Isoldes endlich erklingt.



Musik – die Leitmotive: Richard Wagner hatte einmal «Tristan und Isolde»» als «eine einzige Liebesszene» bezeichnet. Er überhöhte deren Liebe durch den Todeswunsch und stand vor der Aufgabe dieses metaphysische Gefühl befriedigend in Worte umzusetzen und spürte instinktiv die Unmöglichkeit eines solchen Unterfangens.

Diese Aufgabe musste das «wissende» Orchester übernehmen, welches mit Leitmotiven das Unmögliche ausdrücken musste, womit diesem Werk der musikalischen Semantik der Leitmotive eine außerordentlich wichtige Funktion zufiel. In den kommentierten Stellen werden ihnen die wichtigsten Leitmotive vorgestellt.

Zu der Leitmotivik gehört auch die leitmotivische Verwendung von Solo-Instrumenten, welche einzelnen Personen zugewiesen werden. Besonders das Englischhorn hat mit dem Erscheinen des Hirten (3. Aufzug) und dem Abschied Tristans (2. Aufzug) eine herausgehobene Rolle. Auch die Bassklarinette als Begleit-Instrument des Marke und die Soloviolinen der Brangäne sind unter diesem Aspekt zu nennen.


Musik – die Anforderung an die Stimmen: Nicht nur zu Wagners Zeiten war die Besetzung der beiden Hauptrollen schwierig, sondern während der ganzen Rezeptionsgeschichte steht das Thema bei Inszenierungen stets im Vordergrund. Während bei der Rolle der Isolde der Sängerinnen-Pool stets etwas besser war, bedeutete die Besetzung eines Tristans stets eine Knacknuss.

Es scheint denn auch in der Aufnahmegeschichte keinen idealen Tristan gegeben zu haben, zu extrem sind die stimmlichen Anforderungen an den Sänger. Er muss in dieser (beinahe) Zwei-Personen Oper während vier Stunden im schwierigem hohen Übergangsbereich gegen ein großes Orchester ankämpfen unter Vorgabe der Textverständlichkeit. Besonders die 50 Minuten des dritten Aufzuges sind endlos und es entspricht einer stimm-athletischen Meisterleistung diese Rolle live durchzustehen.

Auch die Rolle der Isolde erfordert riesiges Durchhaltevermögen, insbesondere im zweiten Aufzug, wo Isolde während 75 Minuten pausenlos singen muss. Dazu muss sie die Wandlung der wütenden Frau des ersten Aufzuges zur Liebenden des zweiten und der Verzweifelten und Entrückten des dritten Aufzuges glaubwürdig über dem großen Orchester mit den notwendigen Timbre und Farben gestalten vermögen.

Frida Leider, Kirsten Flagstadt und Birgit Nilsson waren in den Jahren 1920-1980 die dominierenden «hochdramatischen» Isolden. Frida Leider wurden die schönsten Farben zugesprochen, Flagstadt die schönste Wärme der Stimme und Nilsson die metallene Durchschlagskraft. Im 21. Jahrhundert scheint Nina Stemme bislang die führende Interpretation der Isolde gelungen zu sein.



Die schönsten Stellen


Einleitung zum 1. Aufzug: Um den Tristan musikalisch zu verstehen, offenbart uns bereits die Einleitung die wichtigsten Gedanken Wagners. Die Einleitung beginnt mit dem Einsatz der Celli, die das sogenannte Leidensmotiv ertönen lassen:

• Leidensmotiv

Schon die ersten drei Töne des Leidensmotivs sind Charakteristika des Unglücks: der erste Tonsprung auf die lange Note ist die kleine Sexte (dem klassischen Bedrohungs-Intervall) und der nächste Tonsprung ist eine kleine Sekunde (die höchstmögliche Dissonanz). Bereits im dritten Takt erklingt in den Oboen das Sehnsuchtsmotiv, dessen Beginn mit dem Schluss des Leidensmotivs zusammenfällt:

• Sehnsuchtsmotiv

Bei diesem berühmten Zusammentreffen der beiden Motive ertönt der legendäre «Tristanakkord», ein Akkord mit einer seltsam schwebenden Dissonanz, der weder Schmerz noch Freude, sondern eine Art « unbestimmte Suche nach Auflösung» ausdrückt:

• Tristanakkord

Diese Dissonanz wird aber mit dem Sehnsuchtsmotiv nicht aufgelöst. Und nun passiert das Revolutionäre, nach ca. 1’30’’ bricht aus den Violinen und Bratschen im f eine schmerzlich-süße Sequenz aus, die sich wiederum drängend versucht aufzulösen:

• Falsche Auflösung

Doch die Auflösung ergibt sich nicht, denn mit der Erreichung des Zieltons ist eine weitere Dissonanz erschienen und so weiter. Die Musik wird während des ganzen Vorspiels die Auflösung dieser seltsam schmerzlichen und unsicheren Dissonanz suchen und sie nicht finden. Es ist - um in Wagners Worten zu sprechen - eine «Sehnsucht», dessen Verlangen «unstillbar ist und sich ewig erneuert».

Dieses ungestillte Verlangen wird während der ganzen Oper den Hörer begleiten! Kurz nach dieser Stelle begegnen wir einem verwandten Motiv mit dem berühmten, prägnanten Septimen-Sprung, dem wir wieder begegnen werden, wenn sich Tristan und Isolde später tief in die Augen schauen und deswegen den Namen «Blick-Motiv» bekommen hat:

• Blick-Motiv

Immer wieder baut Wagner chromatische Dissonanzenketten ein, um den Effekt zu verstärken, wie zum Beispiel nach ca. 2’30’’:

• Tristan Chromatismus


Frisch weht der Wind: Nach dem Gesang des Matrosen hören wir Isolde, die tiefschwarze Gedanken peinigen. Als sie Todeswünsche äußert ertönt das Todesmotiv:

• Todesmotiv (todgeweihtes Haupt)

Doch ganz hat sie die Hoffnung auf Tristan nicht aufgegeben und sie wiederholt ihr Todesmotiv und lässt es bei «Herz» mit dem Sehnsuchtsmotiv verschmelzen:

Todesmotiv und Herz


Weh, ach wehe dies zu dulden: Isolde beginnt die Erzählung des «siechen Tristans» mit dem Motiv des verwundeten Tristans, welches wiederholt im Orchester gespielt wird:

• Tristan-siech

Als sie erzählt, dass sie sich ihm erbarmte, hört man sowohl das Sehnsuchtsmotiv wie auch das Motiv des siechen Tristan, was zusammen einen ergreifenden Effekt auslöst. Doch dann wandern die Gedanken wieder zu ihrer Demütigung und das rauschende Zorn-Motiv taucht in den tiefen Streichern auf:

• Zornmotiv

Der Zorn verraucht nicht und sie wünscht sich unter Trompeten-Fanfaren den Tod für beide, begleitet vom Todesmotiv («Fluch, dir Verruchter! … Tod uns beiden!»). Nun beginnt Brangäne mit «Welcher Wahn» auf bezauberndste Weise Isolde zu beschwichtigen. Auf diesen schönen Übergang Brangänes zur nächsten Szene war Wagner sehr stolz und beschrieb ihn in einem Brief an Mathilde Wesendonck.


Tristan! Isolde! Treulosester holder!: Wir hören in der großartigen Szene des Liebeseruption die Motive, die wir bereits kennen. Das anfänglich zurückhaltende Entzücken weicht einer Liebesglut, die durch den Chor der Männer, die den König begrüßen noch gesteigert wird. Das Orchester wogt und tobt und peitscht die Liebenden an.


O sink hernieder: Dieser sogenannte «Nachtgesang» beginnt mit zartesten Akkorden der gedämpften Streicher und mit einer unendlichen Melodie in Tristans Stimme, dem traumhaften Nachtanrufungsmotiv:

• Nachtanrufungsmotiv

Nun machte Wagner etwas, was er immer versuchte zu vermeiden: das gleichzeitige Singen zweier Stimmen, was seiner Meinung unnatürlich war. Im Liebesduett bleibt ihm nichts mehr anderes übrig, als das völlige Verschmelzen der beiden Liebenden zu «heilger Dämm’rung hehres Ahnen löscht des Wähnens Graus welterlösend aus».


Barg im Busen: Ergriffen singt Isolde anschließend die träumerische Melodie von «Barg im Busen»:

• Barg im Busen

Verträumt klingt diese danach diese Nachtmusik aus. Wagner verwendet einen Teil seiner Motive für diese Stelle aus «Träume» dem fünften seiner Wesendonck-Lieder (auf Gedichten von Mathilde Wesendonck).


Einleitung zum 2. Aufzug: Das Vorspiel kündigt die nächste Szene inhaltlich an. Nach einem schmerzlich-dissonanten Akkord des Beginns hören wir nach wenigen Takten geschäftige Achtelbewegungen der Violinen, die schon bald zu einem neuen wichtigen Motiv in den Flöten führen, welches zur Basis aller kommenden Liebesmotive werden wird, dem Liebesruf-Motiv, hier im schnellen Tempo gespielt:

• Liebesrufmotiv

Allmählich wird das Verlangen drängender und wir hören in den Violinen und Holzbläser das Seligkeitsmotiv, welches mit seinem abwärtsdrängenden Charakter mit dem Liebesrufmotiv verwandt ist:

Seligkeitsmotiv


Isolde! Geliebte!: Wagner komponierte ein ekstatisches Wiedersehen der beiden, das kaum zu schildern ist. Das Liebesmotiv explodiert in den Bläsern und während zwei Minuten glühen die beiden Stimmen und das ganze Orchester in roten Farben ohne erkennbare Melodien und ohne zusammenhängende Worte in einem ekstatischen Taumel, das Isoldes Stimme zweimal ins hohe C führt.

Himmelhöchstes Weltentrücken! Mein und Dein! Ewig, ewig ein». Als sich der Taumel legt, beginnt mit «Das Licht! O dieses Licht» das sogenannte Tagesgespräch der beiden, in dem sie die vergangenen Ereignisse verarbeiten. Dieser Dialog dauert eine Viertelstunde und selbst Wagner war der Meinung, dass er etwas gar lang geraten ist. Während der Tag das Symbol der bitteren Realität von Isoldes unglücklicher Ehe mit Marke ist, ist die Nacht das Symbol der wahren inneren Welt der beiden mit ihrer uneingeschränkten Liebe.


Einsam wachend: Brangäne singt ihren sogenannten «Wachtgesang» im Zwiegespräch mit zwei Soloviolinen. Ihre Warnung («Habet acht! Bald entweicht die Nacht») ist nächtlich-schwebend und erzeugt mit einem Crescendo eine hypnotische Wirkung.


Lausch Geliebter: Eingeleitet vom wunderschönen Liebesruhemotiv, (das wir in verschiedenen Varianten hören werden) beginnt das Morgenlied:

• Liebesruhe

Mit dem Sterbenswunsch erscheint das Todesmotiv:

• Todesmotiv

So starben wir: Von schweren Bläsern begleitet spricht Tristan vom gemeinsamen Tod und wir hören zum ersten Mal das Liebestod Motiv:

• Liebestodmotiv

Isolde nimmt das Motiv ergriffen auf und die Melodie führt Isoldes Stimme in ins hohe A. Aus der Ferne hören wir für einen kurzen Moment noch einmal den zärtlichen Wachtgesang Brangänes. Anschließend führt ein kurzes Taggespräch zum großen Duett «O ew’ge Nacht», dem Finale und Liebesrausch. Die Stimmen Tristans und Isoldes steigen immer höher, die Ekstase steigert sich unaufhörlich, 2 mal explodiert das Orchester in der orgasmischen Ekstase - beim zweiten Mal hören wir Brangänes Schrei und Kurwenal steht bei ihnen und ruft «Rette Dich Tristan!» und Marke erscheint vor dem umschlungenen Liebespaar.


Tatest Du’s wirklich?: Markes Klage wird herzzerreißend von einer Bassklarinette gezeichnet. Der König und die Klarinette singen abwechselnd ihr klagendes Lied, von den tiefen Streichern düster begleitet.

Im zweiten Teil hellt sich die Stimmung eingeleitet von einem Englischhorn auf, als Marke von seiner wundervollen Frau, der königlichen Braut erzählt. Doch dann kehrt die Bassklarinette zurück und fällt zum Schluss in bodenlose Tiefen, als Zeichen der grenzenlosen Schmach des betrogenen Königs.


O König, das kann ich Dir nicht sagen: Ein einsames Englischhorn spielt das Leidensmotiv mit dem Tristanakkord der Bläser. Es ist der Abschied Tristans, der seinen Tod ankündigt. Isolde verspricht ihm zu folgen.

Von fiebrigen Akkorden begleitet, wirft sich Tristan in Melots Schwert.

Vorspiel und Hirtenreigen: Düsterkeit und Schwere liegen wie dunkle Schatten über dem Vorspiel zum Dritten Aufzug, welches die unendliche Einsamkeit Tristans ausdrückt. In der Ferne ertönt die Schalmei eines Hirten.


Noch losch das Licht nicht aus: Tristan ist elektrisiert, sein Jubelgesang erklimmt immer größere Höhen.


Oh, diese Sonne!: Die Melodie von «Barg im Busen» begleitet synkopisch pulsierend im Bass des Orchesters Tristans Ungeduld. Von verschiedenen Motiven begleitet wächst Tristans Erregung. Als er in Isoldes Arme ist, erreicht das Sehnsuchtsmotiv seinen Höhepunkt.


Mild und leise: Der sogenannte «Liebestod» ist eigentlich kein Tod, sondern wie Wagner die Szene nannte, eine «Verklärung», oder wie Isolde es ausdrückt: «Ertrinken – versinken - unbewusst höchste Lust!». Die Oper verklingt mit der Auflösung der Spannung nach vier Stunden mit den zwei berühmten B-Dur Schluss-Akkorden.



Große Aufnahmen in YouTube


Einleitung zum 1. Aufzug - Wilhelm Furtwängler: Wir hören die Einleitung in der Interpretation Wilhelm Furtwänglers. Seine Aufnahme von 1952 gilt unter den meisten Experten als Referenzaufnahme. Furtwängler wird oft als einer der großen Wagnerianer des 20. Jahrhunderts bezeichnet.


Einleitung zum 1. Aufzug - Leonard Bernstein: Bernsteins «Tristan» bekam viel Aufmerksamkeit wegen den exzessiv langsamen Tempi, die Bernstein gelegentlich nahm, um die Partitur auszukosten. Beachten Sie beispielsweise die Länge der Pause, die Bernstein bei der Fermate nach ca. 40s nimmt, handgestoppte 10s!


Tristan! Isolde! Treulosester Holder! – Birgit Nilsson: Hören diese Stelle aus der Böhm Aufnahme von 1966. Birgit Nilsson begibt sich furchtlos in das Wiedersehens-Duett, ihre gleißenden hohen Töne sind unnachahmlich.


Isolde! Geliebte! – Kirsten Flagstadt / Ludwig Suthaus: Hören das Wiedersehen in der flammenden Interpretation von Suthaus und Flagstadt aus der Furtwängler-Aufnahme. Flagstadt war bereits 57 Jahre alt und ihre Stimme noch in blendender Verfassung, einzig die 2 hohen C lagen nicht mehr sauber drin und wurden im Studio von Elisabeth Schwarzkopf nachgesungen.


O sink hernieder - René Kollo / Margaret Price: Margaret Price, die Isolde auf Kleibers Aufnahme war eine angestammte Mozart Sängerin, ihre Stimme ist dadurch etwas schlanker als die einer «Hochdramatischen». Zusammen mit Kollo bringt sie eine zauberhafte zärtliche Stimmung in diese romantische Stelle, die von Kleiber mit einem langen Bogen dirigiert wurde.

Besonders schön ertönt das entrückte Entschwinden der beiden Stimmen am Schluss.

O sink hernieder - Lauritz Melchior / Frida Leider: Als zweites hören wir diese Stelle aus der 1929er Aufnahme mit Lauritz Melchior und Frida Leider, dirigiert von Albert Coates. Leider bezeichnete sie als ihre beste Aufnahme. Leiders Stimme verströmt mit ihrem warmen Vibrato eine intensive Wärme.


O sink hernieder - Martha Mödl / Ramón Vinay: Sowohl Martha Mödl wie auch Ramón Vinay hatten glanzvolle Mittellagen (welche für Wagners Musik essenziell sind) und lassen diese Stelle besonders glanzvoll ertönen.


Mild und leise – Nina Stemme: Nina Stemme ist die Isolde unserer Zeit. Hören Sie ihre grandiose Verklärung. Ihre Stimme hat die Durchschlagskraft und Wärme, die selig macht.



3 Fun Facts


1. Wagner hoffte seine Geldprobleme mit den Aufführungen des soeben fertiggestellten «Tristan» lösen zu können. Doch ein um das andere Theater lehnt eine Aufführung ab. Die letzte Hoffnung des hoch verschuldeten Wagners war Wien. Doch nach 77 Proben und weiteren Wechselschulden kam das Ende: Das Werk sei unaufführbar, so das Urteil der Beteiligten. Wagner drohte aufgrund seiner Schulden das Gefängnis. Bevor er in den Wiener Schuldturm geworfen wurde, um Zahlungen an seine Gläubiger zu erzwingen, flüchtete er in Frauenkleidern aus der Stadt


2. Wagner lud viele seiner Freunde zur Uraufführung nach München ein, darunter auch Mathilde Wesendonck und ihren Mann und Wagner-Mäzen Otto. Mathilde war zur Kompositionszeit Wagners heimliche Geliebte und Muse dieser Oper. Mathilde sagte begreiflicherweise ab, was Wagner irritierte. Er konnte nicht begreifen, dass es Mathilde peinlich sein musste, dass ihrem Mann ihre intimen Geheimnisse auf der Bühne präsentiert werden sollten.


3. Mit dem Tenor Ludwig Schnorr von Carolsfeld (der hieß wirklich so!), den Wagner 1862 zum ersten Mal in «Lohengrin» hörte, stieß Wagner endlich auf den Tenor seiner Träume. Er verhieß ihm den lang ersehnten Sänger des Tristans. Schnorr begeisterte

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