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Vladimir Horowitz - Biografie: Seine Orte, seine Musik und sein Leben

  • peter
  • vor 1 Tag
  • 15 Min. Lesezeit
Biografie Johann Sebastian Bach

Viele Klavierliebhaber betrachten Vladimir Horowitz als den bedeutendsten Pianisten des 20. Jahrhunderts.


Seine Klangkultur war von überwältigender Ausdruckskraft, und seine Virtuosität verlieh seinem Spiel eine vollendete künstlerische Gestalt. Sein Leben als Künstler war geprägt von extremen Gegensätzen: intensiven Phasen weltweiter Konzerttätigkeit standen tiefe persönliche Krisen gegenüber. Gequält von inneren Dämonen fand er sein eigentliches Glück einzig am Klavier.


Wer war Vladimir Horowitz und welche Orte und Menschen haben ihn geprägt. Eine biografische Annäherung an den Jahrhundertkünstler aus Russland




 


Vladimir Horowitz - Biografie



Behütete Kindheit


Vladimir Horowitz wurde 1903 in der heutigen Ukraine geboren. Weil Dokumente im Zuge der Wirren der russischen Revolution verloren gingen, gibt es widersprüchliche Angaben über den Geburtsort. Heute vermutet man Kiew, eine Angabe, die auch Horowitz selbst machte. Seine ältere Schwester war noch im ca. 100 km entfernten Schtetl Berdych zur Welt gekommen.


Jüdische Bürger waren zu dieser Zeit gesetzlichen Diskriminierungen ausgesetzt. Vladmirs Eltern Sophie und Samuel waren deshalb von Berdych nach Kiew gezogen und lebten dort als assimilierte, jüdische Famile.


Der Vater leitete ein Handelsunternehmen, das technische Geräte aus Deutschland und den USA importierte. Der wirtschaftliche Erfolg ermöglichte der Familie eine großbürgerliche Lebensweise.


Samuel Horowitz war sehr gebildet und bessass eine große Bibliothek, in der Vladimir viel Zeit verbrachte und sich begierig durch die russische Literatur las.

Seine Mutter war eine talentierte Amateurpianistin und gab allen ihren vier Kindern Klavierunterricht. Der kleine Vladimir vergötterte seine Mutter war gerne in ihrer Nähe, wenn sie den älteren Geschwister Unterricht gab.


Im Alter von sechs Jahren begann er selbst mit dem Klavierspiel. Einer seiner ersten Lieblingskomponisten war Sergej Rachmaninov, mit dem ihn 20 Jahre später eine tiefe und langjährige Freundschaft verbinden sollte.

Bereits mit elf Jahren äußerte Vladimir den Wunsch, Komponist zu werden. Zwar galt er als begabter Pianist, wurde jedoch nicht als Wunderkind angesehen. Seine ältere Schwester Regina scheint ihn an Talent übertroffen zu haben, und sie wurde später Professorin an der Musikhochschule.



Konservatoriums Jahre


Seine Eltern beschlossen den talentierten Vladimir wie schon seine Schwester ans Kiewer Konservatorium zu schicken.

Während seiner acht Jahre am Konservatorium hatte Vladimir Horowitz drei prägende Hauptlehrer.

Zunächst erhielt er Unterricht bei Puchalsky. Der 9-jährige fühlte sich nicht wohl und durch Pulchalskys ständigen Druck war Vladimir stets angespannt und hatte keine Freude daran, auch nur vor einer kleinen Gruppe zu spielen. Auch seine Eltern wurden zunehmend verunsichert.


In dieser Phase erwies es sich als hilfreich. dass es in der Familie bereits einen professionellen Musiker gab. Sein Onkel Alexander hatte bei Skrjabin am Moskauer Konservatorium studiert. Als Skrjabin bei einer Konzertreise in Kiev Station machte, organisierte Alexander ein Vorspiel für den jungen Vladimir. Da Skrjabin abends einen Konzerttermin hatte, war es nur kurz, doch es reichte, um den berühmten Komponisten zu beeindrucken und er riet den Eltern zur weiteren Förderung. Er meinte, dass Vladimir enormes Talent habe, allerdings, so seine Mahnung, um ein Künstler zu werden reiche es nicht nur Tonleitern üben.


Skrjabin traf einen wichtigen Punkt. Horowitz bisherige Lehrer Puchalsky und sein nachfolgender Lehrer Tarnowsky waren Schüler von Leschetitzky dessen Schule grossen Wert auf Technik legte, um auf dem Klavier Brillanz und Klangentwicklung zu ermöglichen.


Horowitz wurde mit zunehmenden Alter immer unglücklicher mit dem Unterricht. Und für die letzten Jahre wechselte er zu Blumenfeld, der aus der Rubinstein Tradition kam, der der Tongebung die höchste Priorität zuwies. Rubinsteins klangliches Ideal war die Stimme von Rubini, des berühmtesten Tenors seiner Zeit.


Horowitz fühlte sich durch Blumenfelds Unterrichtsinhalt inspiriert. Was Rubini für Rubinstein gewesen war, wurde für Horowitz der berühmte italienische Bariton Mattia Battistini.

Horowitz wollte zum Sänger des Klaviers werden.

Battistini

Unter Blumenfeld Aufsicht blühte Horowitz auf. Bald galt er als der begabteste Schüler, den das Kiewer Konservatorium je hervorgebracht hatte.


Bei seinem Abschlusskonzert im Jahr 1920 spielte er unter anderem Franz Liszts „Don Juan-Fantasie“, eines der technisch anspruchsvollsten Werke des Repertoires. Als der letzte Ton erklungen war, erhob sich die Jury von ihren Plätzen und applaudierte, was, wie Horowitz später stolz erzählen konnte, in der Geschichte des Konservatoriums noch nie passiert war.



Intermezzo als Künstler im kommunistischen Russland


Zu dieser Zeit waren Moskau und St. Petersburg vom Krieg und der Revolution schwer gebeutelt. Im Jahr 1920 trafen die politischen Wirren nun auch das zuvor weitgehend verschont gebliebene Kiew und die jüdischen Einwohner wurden Opfer eines Pogroms. Auch das Haus der Familie Horowitz wurde von einem Mob gestürmt. Der Vater konnte den ins Haus eindringende Mob mit Hilfe einer Waffe vertreiben, doch die Bolschewiken beschlagnahmten sein Eigentum.


Von einem Tag auf den anderen war die Familie mittellos.

Mit dem gerade erworbenen Diplom in der Tasche stand Vladimir Horowitz nun vor der Aufgabe, den Lebensunterhalt für die Familie zu sichern. Horowitz gab im Mai sein Debut und die Kulturpolitik der Bolschewisten erkannte das Talent des jungen Pianisten und er spulte in den nächsten Jahren in deren Auftrag ein beeindruckendes Programm ab.

In dieser Zeit lernte er den gleichaltrigen Geiger Nathan Milstein kennen, mit dem ihn eine enge Freundschaft verbinden sollte und mit dem er gelegentlich zusammen auftrat.


Horowitz spielte sowohl in abgelegenen Provinzorten als auch an historisch bedeutenden Stätten – etwa im prunkvollen Ballsaal des Winterpalais in Leningrad, in dem schon Anton Rubinstein, Clara Schumann und Richard Wagner musiziert hatten.

Diese Konzerte machten Horowitz landesweit bekannt und 1923 wurde ihm die Ehre zuteil, mit dem berühmten Glasunow in Leningrad Rachmaninows 3. Klavierkonzert zu spielen.



Emigration


Nach 5 Jahren anstrengenden Tourneelebens als Pianist wollte Horowitz die Welt erobern. Er hatte 1000 Pfund angespart, welches er als Startkapital in Ausland mitnehmen wollte. Um den dafür notwendigen Reisepass zu erhalten und der drohenden Einberufung zum Militär zu entgehen, fälschte sein Bruder das Geburtsjahr auf einem offiziellen Dokument und machte aus 1903 das Jahr 1904. Die Täuschung war erfolgreich: Horowitz erhielt den Pass, schmuggelte das Geld in seinen Schuhen über die Grenze und reiste nach Berlin.


Später erinnerte sich Horowitz daran, dass Berlin in jenen Jahren zugleich verfallen und von mitreißender Energie erfüllt war. Die Stadt war ein Zentrum der kulturellen Moderne.

Wenn man sich heutzutage vor Augen führt, welche Künstler in Berlin regelmässig auftraten, dann kann man erahnen, wie die Kultur in Berlin damals pulsierte.


Neben Paris war Berlin das Zentrum der europäischen klassischen Musik. Dirigenten wie Kleiber, Klemperer, Bruno Walter revolutionierten die Oper. Deutsche Pianisten wie Backhaus, Gieseking, Schnabel, Edwin Fischer prägten das Konzertleben.


In diesem Haifisch Becken musste Horowitz sich beweisen. Er erhielt zunächst ein Engagement für drei Auftritte, unter anderem mit Tschaikowskis Klavierkonzert. Horowitz war furchtbar nervös, aber die Kritiken waren freundlich und der Klavierabend im letzten Konzert sogar ausverkauft.


Kurz darauf wurde Horowitz für ein Konzert nach Hamburg eingeladen. Kaum dort eingetroffen kontaktierte ihn ein Manager einer Konzertagentur mit einer dringenden Anfrage: Er teilte mit, dass eine Pianistin kurzfristig für das Tschaikowski Klavierkonzert absagen musste. Das Konzert beginne in 2 Stunden, ob er einspringen könne und das Konzert beherrsche?

Horowitz zögerte nicht lange und der Abend wurde zur Sensation. Horowitz erzählte in seinen späten Jahren, dass er eine solche Raserei in seiner ganzen Karriere nicht mehr erlebt habe. Nach dem Konzert erwartete ihn eine begeisterte Menschenmenge am Ausgang und trug den überglücklichen Pianisten auf den Schultern zum Hotel.



Paris und Tourneeleben in Europa


Als nächste Station war Paris vorgesehen. Horowitz war zusammen mit Alexander Merowitsch emigriert, der als sein Agent fungierte und der die Engagement und Kontakte für Horowitz anbahnen sollte.

Auch Paris war in den 1920er Jahren ein kulturelles Zentrum von europäischem Rang. Noch immer war die Pariser Salonkultur intakt und bildete den Ort, wo kulturelle Netzwerke angebahnt und gepflegt wurden. Horowitz lernte Grössen wie Poulenc, Artur Rubinstein, Szymanowski, Honegger , Respigi und Ravel kennen. Zudem traf er auch auf die Exil-Russen Gemeinde zu der etwa Schaljapin, Prokoviev, Strawinski, Balanchine gehörten und traf auch auf bildende Künstler wie Picasso, Dali oder Cocteau.


Horowitz machte in den Konzertsälen rasch Furore und wurde zum Stadtgespräch. Selbst Artur Rubinstein musste neidlos anerkennen „Il a fait trembler Paris“, „Er ließ Paris erzittern“.

Sein Klavierspiel war neuartig, seine donnernden Oktaven unerhört und seine subtile Klanggestaltung verzauberte Publikum und Kritik gleichermaßen.

In Paris war man sich bald einig, dass man seit Franz Liszt und Anton Rubinstein kein vergleichbares Klavierspiel mehr gehört habe.


Horowitz Französisch war exzellent und so fühlte er sich rasch wohl. Gemeinsam mit Merowitsch richtete er sich in einer kleinen Wohnung in der Rue Kléber ein, um Paris dauerhaft als Stützpunkt zu nutzen.


Das gesellschaftliche Leben in den Salons war allerdings kostspielig. Glücklicherweise fand sich ein einflussreicher Förderer, der ihnen dabei half, lohnende Engagements zu sichern – darunter auch ein Auftritt vor dem italienischen König Viktor Emanuel III. in Rom.

Nun spielte Horowitz in ganz Europa und bestritt wie schon in Russland während mehreren Jahren das fordernde Leben eines reisenden Konzertkünstlers.


Ein wichtiger Vorteil hatte das Leben als reisender Künstler. Auf Reisen konnte Horowitz seine Homosexualität diskret ausleben. In Künstlerkreisen war seine sexuelle Orientierung ein offenes Geheimnis.



Erste USA Aufenthalte, Bekanntschaft mit Rachmaninow


Im Jahr 1927 machte der 24-jährige Vladimir Horowitz eine entscheidende Bekanntschaft: er lernte in Paris den einflussreichen Amerikaner Arthur Judson kennen. Judson galt als die zentrale Figur im amerikanischen Konzertbetrieb jener Zeit und dominierte sprichwörtlich das Konzertwesen. Er wollte den neuen Star unbedingt unter Vertrag nehmen.


Noch im selben Jahr absolvierte Horowitz eine erste Tournee durch die Vereinigten Staaten – mit nicht weniger als 30 Konzerten innerhalb weniger Monate.


Im Folgejahr erfüllte sich für Horowitz ein langgehegter Traum: Er lernte Sergej Rachmaninow persönlich kennen. Dieser lebte zu dieser Zeit im Exil in New York und er sah Horowitz an einem denkwürdigen Konzert in der Carnegie Hall als Horowitz und der Dirigent Beecham sich während Tschaikowskis Klavierkonzert völlig uneinig über die Tempowahl waren.


Nach dem Konzert in der Carnegie Hall schrieb Sergej Rachmaninow Horowitz einen freundlichen Brief, in dem er ihn zu einem persönlichen Kennenlernen einlud, und der junge Horowitz traf mit klopfenden Herzen auf den berühmten Russen.


Die beiden verstanden sich auf Anhieb und bald schon traf man sich in der New Yorker Steinway Hall zum vierhändigen Klavierspiel. Aus dieser ersten Begegnung entwickelte sich eine enge Freundschaft, die bis zu Rachmaninows Tod andauern sollte. Für Horowitz waren diese gemeinsamen Stunden am Klavier einige der schönsten seines Lebens.


Rachmaninow hörte Horowitz häufig bei Aufführungen seiner eigenen Werke und war besonders von dessen Interpretation des 3. Klavierkonzerts beeindruckt. Auf die wiederholte Frage von Journalisten, wie man dieses Werk „richtig“ spiele, antwortete er regelmäßig – nicht ohne ein Schmunzeln –: „Fragen Sie besser Horowitz.


Der 30 Jahre ältere Russe wurde zu einem väterlichen Freund, Mentor und festen Bezugspunkt in Horowitz’ künstlerischer wie persönlicher Entwicklung in seinen 20er- und 30er-Jahren.



Wanda


Wanda Toscanini hatte Horowitz an einem Konzert in Mailand gehört und lernte ihn New York anlässlich einer Party nach dem Konzert, das Ihr Vater mit Horowitz bestritt, persönlich kennen. Die beiden kamen ins Gespräch und am nächsten Tag bekam sie einen Brief von Vladimir mit der Bitte für ein Date.


Wanda erinnerte sich später, dass sie damals mehr vom Künstler Horowitz beeindruckt war als vom Menschen selbst. Dennoch wurden die beiden ein Paar. Enge Freunde äußerten über die Jahre hinweg immer wieder den Eindruck, dass die Verbindung nicht von Liebe geprägt war aber doch von einer gewissen Seelenverwandschaft, die die beiden schicksalshaft aneinander band.


Für Horowitz könnte die Ehe auch ein Weg gewesen sein, gesellschaftlichem Druck hinsichtlich seiner sexuellen Orientierung zu entkommen. Wanda wusste von Horowitz´ Homosexualität. Viele Bekannte des Paars vermuteten, dass sie in der Liaison die Chance sah, sich aus den Klauen ihres despotischen Vaters zu lösen.

Doch sie tauschte den Despoten gegen einen Egozentriker ein und sie musste im Laufe ihres Lebens viel Schlucken. In ihren achtzigern entgegnete sie entnervt einem Journalisten, als sie wieder einmal zum Verhältnis zu Mann und Vater gefragt wurde: „Mein Vater machte mich neurotisch und mein Mann verrückt“( My father made me neurotic and my husband made me crazy.).


Es wäre ein Fehler Wanda zu unterschätzen. Sie wuchs im Laufe der Karriere ihres Mannes zu einer wichtigen Beraterin. Zwar war sie keine professionelle Musikern, sie verfügte aber über eine solide Grundausbildung in Klavier und Gesang.


Allerdings hatte sie als jugendliche Musikerin keine Gnade vor Ihrem Vater gefunden. Dieser wollte keine zweitklassige Musikerin als Tochter ertragen und so wurde sie zu einer Art Assistentin und Begleiterin Ihres Vaters und erwarb auf unzähligen Reisen und Dutzenden wenn nicht hunderten Konzerten wichtige Kenntnisse über das Musikleben.


Wanda und Vladimir heirateten 1933 in Mailand und ein paar Jahre später kam ihr einziges Kind Sonja zur Welt. Arturo Toscanini liebte die kleine Enkeltochter und verbrachte viel Zeit mit ihr.

Doch Sonja wurde von Ihren Eltern sträflich vernachlässigt und von Nanny zu Nanny gereicht, während ihre Eltern häufig abwesend waren, wofür Sonja in ihren Erwachsenenleben mit psychischen Problemen bezahlen musste.


Arturo Toscanini trat oft mit seinem Schwiegersohn bei Klavierkonzerten auf, auch wenn Ihr Repertoire völlig unterschiedlich war. Toscanini schätzte Rachmaninovs Musik nicht hoch ein, seine Idole waren Wagner und Verdi.

Er schätzte aber das Genie seines Schwiegersohns und die Aufnahmen von Tschaikowskis Klavierkonzert 1943 wurde zu einem Höhepunkt der Diskografie beider Männer. Nach der Aufführung soll Toscanini seinem Schwiegersohn in einer seltenen Geste der Anerkennung die Hände geküsst haben.



Erste Depression und Rückkehr


Nach intensiven Jahren als Konzertpianist fiel Horowitz 1937 in ein tiefe Depression, die fast 2 Jahre andauerte. Horowitz meinte später, dass er sich ausgelaugt fühlte nach den vielen Jahren als reisender Interpret. Müde davon immer dieselben Stücke zu spielen und künstlerisch auf der Stelle zu treten. Dazu litt er unter körperlichen Probleme.


Doch das war nicht die gesamte Wahrheit.


Zum einen litt er darunter fern von seiner Familie zu sein. Die geliebte Mutter war ein paar Jahre zuvor gestorben, ohne dass er sie noch sehen konnte.

In seiner neuen Familie fühlte er sich nicht wohl. Der Despotismus seines Schwiegervaters belastete ihn, auch wenn er Arturo Toscanini als Künstler sehr schätzte.


Natürlich ist es nicht auszuschliessen, dass das Eheleben sich auf den psychischen Zustand des homosexuellen Horowitz sich auswirkte, ähnlich wie es Tschaikowski 50 Jahre zuvor ergangen war. Die Homosexualität wurde zum Dämon seiner Ehe und er fand Ausgleich in einer Beziehung zu einem jungen Mann.

Er lernte in diesem Jahr in der Schweiz einen jungen Pianisten kennen. Die Schweiz war in diesen Jahren ein häufiges Reiseziel, weil Rachmaninov mittlerweile dorthin gezogen war und Horowitz die Nähe zu seinem Freund suchte. Rachmaninov wurde für ihn in dieser schwierigen Phase zu einer wichtigen Stütze und das vierhändige Klavierspielen wurde zu einer Art Therapie.


Auch die neue Beziehung hatte eine therapeutische Wirkung. Der junge, gutaussehende Schweizer Pianist hielt die Erlebnisse mit Horowitz in einem Tagebuch fest. Eine deutschsprachige Schriftstellerin stiess nach dessen Ableben 50 Jahre später auf die Notizen und schrieb daraus einen fesselnden Roman über diese Zeit.


Den Ausweg aus der Krise fand Horowitz beim Besuch eines Konzerts von Rudolf Serkin. Horowitz war tief bewegt und er schrieb an Wanda, „ich sah einen wahren Künstler spielen und ich merkte, dass ich meine Kunst um billigen Erfolg verkauft hatte“. Horowitz besuchte Serkin in Basel und beschloss, dass es Zeit war, wieder öffentlich aufzutreten.


Mit dem drohenden Ausbruch des Zweiten Weltkriegs entschieden sich Horowitz und Wanda, dauerhaft in die Vereinigten Staaten überzusiedeln.


Es lagen 12 intensive und künstlerisch erfolgreiche Jahre vor ihm. Er bereicherte nun sein Repertoire, unter anderem spielte er die Uraufführung von Samuel Barbers Klavierkonzert.

Besonders große Freude bereiteten ihm seine eigenen Bearbeitungen und Paraphrasen. Am berühmtesten wurde die Stars und Stripes Forever, die er anlässlich des Ende des Krieges zum ersten Mal präsentierte.


Horowitz nahm in diesen Jahren mit Byron Janis auch den ersten Schüler an. Es machte ihm Spass in die Rolle des Mentors zu schlüpfen, allerdings endete diese Episode mit einem Paukenschlag als er 1951 sich für 2-Jahre von Wanda trennte, als er erfuhr, dass sie mit Janis eine Verhältnis hatte.



Zweite Depression und Rückkehr


1953 fiel Horowitz wieder in ein Loch, aus dem er, zumindest was öffentliche Konzerte betrifft, unfassbare zwölf Jahre nicht mehr herauskommen sollte. Die Umstände sind auch heute nicht restlos geklärt.

Sicher hatten die intensive Konzerttätigkeit und wiederkehrende Gesundheitsprobleme einen hohen Tribut gefordert und Horowitz fühlte sich körperlich und mental ausgelaugt, was ein naheliegender Grund wäre für für eine schöpferische Pause. Doch eine über ein Jahrzehnt andauernde Abstinenz ließ sich damit kaum erklären.


Harold Schonberg begründet in seiner Horowitz Biografie die Depression mit dem Aufkommen einer neuen Kritiker- und Publikumsgeneration. Die Alte Garde, die mit Wagner und der Spätromantik eines Strauss eines Rachmaninov und Puccini aufgewachsen war machte einer Generation der neuen Sachlichkeit Platz, die mit der Musik von Schönberg und Stravinski aufgewachsen war.

Plötzlich war Horowitz nicht mehr die „heisse Ware“, sondern in Virgil Thomsons Sprache „ein Virtuose, ein Meister der Übertreibung, der nicht einmal eine einfache Melodie vortragen konnte wie sie war“. Nicht nur Horowitz der König der Klavierspieler wurde vom Thron geholt, sondern auch Heifetz der König der Geiger, Thomson beschrieb seine Musik als „seidene Unterwäsche“.


Horowitz fand zu Hause keinen Trost. Wanda ertrug zwar seine Launen stoisch, aber vermutlich verstärkte sie seinen Kummer unfreiwillig. Eine langjährige Hausangestellte meinte, dass Horowitz zu Hause stets angespannt war, wenn Wanda zugegen war. War sie verreist, blühte er auf und war sogar zu Spässen aufgelegt.


In den ersten beiden Jahren seines Rückzugs rührte Horowitz das Klavier kaum noch an und verliess das Haus sehr selten. Die Öffentlichkeit gewöhnte sich an die Vorstellung, dass Horowitz möglicherweise für immer verstummt war.

Da er sein Haus kaum noch verliess, kam seine Plattenfirma auf die Idee zu Hause Aufnahmen zu machen, und die Platten dieser Jahre wurden vom Markt gut, aber nicht euphorisch aufgenommen.


Horowitz war bereit an sich und seinen Dämonen zu arbeiten und unterzog sich 1963 sogar einer elektrochemischen Behandlung, um sich von seiner Homosexualität zu kurieren.

Im Folgejahr begann Horowitz, sich mit dem Gedanken anzufreunden wieder in den Konzertsaal zurückzukehren. Die Anekdote über das Ereignis, das Horowitz veranlasste aufs Konzertpodium zurückzukehren ist atemberaubend, und zwar unterrichtete er in dieser Zeit gelegentlich Schüler.

Horowitz wollte einen Nachmittag in der Stadt verbringen und lud einen seiner Schüler ein mit ihm einen Kaffee trinken zu gehen. Er trichterte dem Begleiter ein, falls jemand ihn erkennen sollte, darauf zu bestehen, dass er Mr. Howard hiesse und es sich um eine Verwechslung handeln müsse. Als der Nachmittag kam, sassen die beiden in einem Strassenkaffee und es näherte sich ihnen tatsächlich ein Student mit einer Partitur in der Hand. Aufgeregt flüsterte Horowitz „Denken Sie daran, ich bin Mr. Howard“.

Der Student trat nun an den Begleiter, den er kürzlich in einem Konzert gesehen hatte und wünschte von ihm ein Autogramm. Horowitz sass da wie ein begossener Pudel und ihm dämmerte, dass eine ganze Generation von Pianisten ihn nicht mehr kannte. Jetzt war Horowitz Ehrgeiz geweckt.


Als Horowitz 1965 seine Rückkehr ankündigte, war das ein kulturelles Beben.

Am Nachmittagskonzert befanden viele Berühmtheiten im Publikum: Bernstein, Straiwinsky, Nureyev, van Cliburn und so weiter und warteten gespannt auf Horowitz. Das Konzert in der Carnegie Hall wurde zu einen Triumph. Horowitz ärgerte sich zwar im Nachhinein über manche Fehler, aber er hatte es allen und sich selber bewiesen: er war wieder da. Er war ein glücklicher Mensch und Wanda war gerührt.



Der Künstler


Als Virtuose steht ein Klavierspieler stets im Generalverdacht ein Mechanicus zu sein, ein seelenloser Tastenakrobat.

Für Horowitz war das Virtuosentum aber nie Ziel, sondern blieb stets Zweck. Sein Klavierspiel ruhte auf zwei Grundpfeilern.

Der erste war seine Fähigkeit das Klavier zum Singen zu bringen, die Stimmen so herauszuarbeiten wie es ein vollendeter Sänger tut.


Sein eigentliches Alleinstellungsmerkmal war der zweite Pfeiler, die unvergleichliche, romantische Klangkultur. Horowitz, er war nicht nur der Meister des Fortes sondern auch der Meister des Pianos, und er konnte wie kein andererer Klänge produzieren die er mit seiner unvergleichlichen Anschlagtechnik und einer virtuosen Handhabung der Pedalisierung erreichte.


Als untrüglicher Beweis, dass Horowitz ein vollendeter Künstler war, ist dass er während seiner ganzen Karriere der Pianist der Pianisten war. Er wurde nicht nur vom Publikum verehrt, sondern auch von seinen Kollegen als der Grösste angesehen, in den dreissiger Jahren von Rubinstein, Prokoffiev und Rachmaninov, und später von Argerich, Perahia oder Garrick Ohlsson.


Horowitz war ein Klangtüftler. Er arbeitete obsessiv an Details, spielte einzelne Passagen hunderte Male, bis sie genau die Wirkung erzielten, die er im Ohr hatte. Seine speziell präpariertes Steinway-Instrumente verfügten über eine extrem sensible Mechanik, die auf die kleinste Regung seiner Finger reagierte.

Er war zudem ein fantastischer vom Blatt Spieler. Wenn er einen Komponisten verstehen wollte, besorgte er sich alle verfügbaren Klavier-Transkriptionen und spielte sie durch. Obwohl er im Konzertsaal nur wenig Beethoven spielte, kannte er alle 32 Klaviersonaten auswendig. Sein Gedächtnis war legendär.


Er ging selten in Klavier-Rezitals, aber oft in die Oper und hörte viele Schallplatten, er konnte beispielsweise den ganzen Ring auf dem Klavier auswendig spielen.



Dritte Depression und Rückkehr


4 Jahre später fiel Horowitz wieder in seelisches Tief. Wieder waren es körperliche Beschwerden, die sich bemerkbar machten. Horowitz reagierte mit einer Obsession für Gesundheit. Fortan bestand seine Hauptmahlzeit ausschließlich aus gedünstentem Fisch mit Reis und Erbsen, was er bis an sein Lebensende beibehielt. Selbstverständlich musste Wanda diese Marotte für die nächsten 20 Jahre mitmachen.

Irgendwann rappelte sich Horowitz wieder auf und er begann wieder zu konzertieren. Die Konzerte waren stets sehr gut besucht, doch die Plattenverkäufe nahmen stark ab.



Erneuter Körperlicher Zusammenbruch


Wenn Horowitz konzertierte, dann konnte sich jeder Veranstalter auf zwei Dinge verlassen;

Die erste Gewissheit: Der Großteil der Einnahmen ging an Vladimir Horowitz. Er und Wanda verfügten über ein beinahe enzyklopädisches Wissen darüber, welcher Konzertsaal in welchem Stadtteil welches wirtschaftliche Potenzial bot. Und die beiden waren gewiefte Verhandler.


Die zweite Gewissheit: Horowitz war anspruchsvoll bis ins kleinste Detail. Sein Tross bestand aus sieben Personen, darunter ein persönlicher Koch. Das bedeutete, dass in jedem Hotelzimmer eine Küche verfügbar sein musste. Der Veranstalter hatte sicherzustellen, dass täglich frische Seezunge eingeflogen wurde.


Auch wenn Horowitz die Konzerttätigkeit auf jährlich 30 Konzerte beschränkte, ging es ihm Jahr für Jahr schlechter. Er begann zu Trinken und nahm übermässig Antidepressiva ein. Seine Verfassung war 1982 so besorgniserregend, dass sogar Wanda ihm riet eine Pause zu machen.


Horowitz aber ignorierte die Warnzeichen und sagte eine große Tournee durch die USA und Japan zu. Wanda sah die schlechten Zeichen und beschloss zum ersten Mal Horowitz nicht zu begleiten. Sie konnte – und wollte – seinen Zerfall auf offener Bühne nicht mitansehen.

Was sie befürchtet hatte, trat ein. Die Tournee wurde zum Fiasko. In Japan fühlten sich die Zuhörer angesichts der horrenden Ticketpreise betrogen. Ein prominenter Kritiker in Tokio fasste die allgemeine Enttäuschung schonungslos zusammen: „Ein kaputter Greis.“



Die grosse Rückkehr


Selbst Peter Gelb, der Horowitz seit einigen Jahren als Manager betreute, hatte inzwischen jede Hoffnung aufgegeben. Doch eines Tages stand Horowitz vor ihm, bestens aufgelegt und Gelb traute seinen Augen nicht. War das die gleiche Person, die wenige Monate zuvor noch ein körperliches Wrack gewesen war?


Gelb hatte nun die Idee einen Film zu produzieren: „Horowitz the last Romantic“.

Das Publikum lernte einen Horowitz kennen der sein Leben gelebt hat, der nichts mehr beweisen musste, der es einfach genoss, den Menschen eine Freude zu machen. Die Dokumentation schlug ein wie eine Bombe.


Viele Musikliebhaber liessen sich durch den "Herbst" seiner Karriere verzaubern und erlebten den vielleicht schönsten Horowitz, den es je gab, Horowitz – den Poeten.


Sein Leben hatte noch eine Überraschung bereit. Das Jahr 1986, brachte die vielleicht ergreifendste Tage seines Lebens. Er kehrte für ein paar Tage nach Russland zurück. Er wurde in Moskau und Leningrad bejubelt und sah zum erstenmal die Tochter seiner verstorbenen Schwester und besuchte noch einmal Skrjabins Haus.


Auch kehrte er nach 60 Jahren wieder zurück nach Deutschland und gab frenetisch gefeierte Konzerte und war gerührt und froh dass er seinen Schwur gebrochen hatte nie mehr in Deutschland zu konzertieren.


Mit sich und seinen Dämonen im Reinen starb Horowitz 3 Jahre später an einem Herzinfarkt und wurde in Toscaninis Familiengrab in Mailand beerdigt. Wanda folgte ihm 9 Jahre später.


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