Leonard Bernstein - Biografie: Seine Orte, seine Musik und sein Leben
- peterlutz66
- vor 3 Stunden
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Es gab im 20. Jahrhundert nur wenige Künstler, die mit so vielen Talenten gesegnet waren wie Leonard Bernstein. Sie waren sein Glück und seine Tragödie. Denn er wollte alle seine Talente ausleben, Komponist, Dirigent, ausführender Künstler, Schauspieler, Lehrer und wurde so zum getriebenen mit einem gigantischen Lebenswerk.
Er litt unter Anfeindungen durch das Establishment, für seine politischen Ansichten, für seine Homosexualität, für sein Judentum und gar unter dem Vorwurf der Gotteslästerung durch seine Musik.
Doch im Gegensatz zu seinem größten Vorbild, Gustav Mahler, erfuhr Bernstein den Ruhm schon früh und wurde zu einem der größten und gefeierten Künstler der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
Wer war Leonard Bernstein und welche Menschen und Orte prägten ihn. Eine biografische Annäherung an den Jahrhundertkünstler aus den USA.
Die Biografie von Leonard Bernstein
Kindheit und Elternhaus
Leonards Eltern stammten aus dem heute ukrainischen Dubno, damals einem jüdisch geprägten Schtetl. Die beiden flohen mit nur 16-Jahren während den Wirren des ersten Weltkrieges nach Amerika, um der Armut und den grassierenden Pogromen zu entkommen. Sie fanden in Massachusetts eine neue Heimat, wo Leonard 1918 als erstes von drei Kinder geboren wurde.
Vater Samuel war ein ungemein geschäftstüchtiger Mann und schaffte eine bemerkenswerte Karriere vom besitzlosen Teenager zum selbstständigen, erfolgreichen Unternehmer in Massachusetts. Mit jedem weiteren geschäftlichen Erfolg zog die Familie jeweils in eine bessere Unterkunft um. Dies belastete den sensiblen, kleinen Leonard. Dazu kam, dass die Eltern sich ständig stritten, und Leonard entwickelte sich zu einem scheuen, kränklichen Kind.
Der einzige Lichtblick dieser ersten Jahre waren die Gottesdienste in der Synagoge, wohin der gläubige Vater in regelmässig mitnahm. Dort genoss er den Gesang und das Orgelspiel der Kantoren. Diese Erlebnisse waren so prägend, dass später von keinem anderen bekannten klassischen Komponisten so viele Spuren jüdischer, chassidischer Musik zu hören ist wie von Leonard Bernstein.
Das erste Klavier
Im Alter von 7 Jahren veränderte sich sein Leben schlagartig, denn er bekam das erste Klavier. Leonard war dermaßen talentiert, dass er angeblich innert kürzester Zeit besser als seine Klavierlehrerin das Instrument beherrschte.
In den ersten Jahren kam er kaum in Kontakt mit klassischer, europäischer Musik. Dies änderte sich bei einem Konzertbesuch des 13-jährigen in Boston. Bernstein erwarb sich einen Klavierauszug des Bolero und verbrachte damit jede freie Minute.
Ein künstlerisches Universalgenie
Mittlerweile war die Familie trotz der Wirtschaftskrise zu Wohlstand gekommen und 1931 bekam der dreizehnjährige einen Flügel.
Nun gab es für Leonard kein Halten mehr. Als 15-jähriger hatte er als Pianist seinen ersten öffentlichen Auftritt mit dem Klavierkonzert von Edvard Grieg.
Das Klavier öffnete ihm nun die Welt zu weiteren Meisterwerken. Der 15-jährige Teenager Leonard begann regelmäßig in den Sommerferien seine Freunde zusammenzutrommeln und in ihrem grossen Haus Bearbeitungen von Opern aufzuführen. Die Inszenierung muss man sich am Beispiel der Oper Carmen so vorstellen:
Idee und Produktion: LEONARD BERNSTEIN
Musikalische Adaption: LEONARD BERNSTEIN
Musikalische Leitung: LEONARD BERNSTEIN
Regie: LEONARD BERNSTEIN
Hauptrolle (Carmen): LEONARD BERNSTEIN
Klavierbegleitung: LEONARD BERNSTEIN
(wenn er nicht gerade singen muss)
Dieses Beispiel zeigt schon früh exemplarisch den Charakter des Künstlers und Menschen Bernstein. Er war mitreißend, universal begabt, ein überragender musikalischer Künstler, er war sowohl Interpret wie auch Komponist und … er gönnte niemandem das Scheinwerferlicht außer sich selbst.
Studium und Überväter
Bernsteins Verhältnis zu seinem Vater war stets gespannt. Sein Vater war dominant, geld- und streitsüchtig. Bernstein wurde später nie müde zu behaupten, dass sein Vater ihn von seiner Karriere als Musiker abhalten wollte. Tatsache ist, dass der Vater viel Geld ins Leonards Förderung investiert hatte, beispielsweise zahlte er eine Radiostation, die eine wöchentliche 15-minütige Sendung mit Klaviermusik des Teenagers Bernstein ausstrahlte und er finanzierte sein Musikstudium, das Bernstein in Harvard im Jahr 1935 begonnen hatte.
Dort lernte er den ersten einer Serie von Übervätern kennen: Aaron Copland. Als er den bereits bekannten Komponisten kennenlernte, war Bernstein elektrisiert von der Wahlverwandtschaft mit dem 20-Jahre älteren Professor. Wie Bernstein war Copland Amerikaner, Jude, intellektuell, politisch links, homosexuell, klassischer Komponist und er verwendete in seinen Kompositionen amerikanische Stilmittel. Copland wurde nun zum Mentor und Leitstern von Bernsteins ersten kompositorischen Gehversuchen.
Bernstein zahlte es später vielfach zurück, als er als Dirigent Coplands Werk aktiv förderte.
Zum zweiten Übervater wurde der Grieche Dmitri Mitropoulous der damals oft die Boston Philharmonic dirigierte.
Sein Charisma und seine Energie inspirierten Bernstein und es waren seine mitreissende Persönlichkeit, die Bernstein bewog Dirigent zu werden. Mitropoulos wurde für ihn nicht nur ein künstlerisches Rollenmodell, er zeigte auch, dass auch ein homosexueller Mann im konservativen Establishment Amerikas Dirigent eines großen Orchesters werden konnte.
Der dritte Übervater wurde auf den jungen Studenten Bernstein aufmerksam, als der mit Mitstudenten eine weitherum beachtete Aufführung von „The cradle will rock“ aus dem Boden stampfte. Der russischstämmige Serge Koussevitzky, Chef der Boston Symphony, lernte das Ausnahmetalent in der Sommerakademie Tanglewood kennen, wo Bernstein die Möglichkeit erhielt Praxis als Dirigent eines Studentenorchesters zu sammeln. Leonard war fasziniert vom Charisma des Russen und dieser wurde sein Mentor für die kommenden Jahre.
Der vierte, und letzte Übervater wurde der damals berühmte Dirigent Fritz Reiner, als Bernstein zusätzliche Semester am Curtis Institute anhängte. Der deutsche Professor Reiner war ungemein detailversessen. Von ihm lernte Bernstein, dass ein Dirigent die Partitur bis ins letzte Detail kennen musste. Stand ein Student am Dirigier-Pult pflegte Reiner das Stück bisweilen zu unterbrechen und den armen Dirigenten zu fragen: "was spielt die zweite Klarinette in diesem Takt?". Bernstein wusste es immer. Reiner war beeindruckt von Bernstein und er war der einzige Student, dem Reiner je eine 1 gab.
Sensationeller Durchbruch in New York
Nach dem Studium tat sich Bernstein schwer einen für ihn geeigneten Job zu finden und schlug sich mit Gelegenheitsarbeiten unter anderem als Arrangeur von Broadway Stücken durch.
Plötzlich öffnete sich eine Tür als Assistent beim neu ernannten Leiter der New Yorker Philharmoniker. Der frisch eingesetzte Rodzinski ernannte ihn trotz heftigen Widerstands seines Vorstand zum Assistenz Dirigenten, auch wenn dem fünfundzwanzig Jährigen nur in Notfällen ein Einsatz winkte. Zu ungewöhnlich war es zu dieser Zeit, dass ein 25-jähriger Schnösel und dazu auch noch Amerikaner diese Stelle ausfüllen sollte.
Wie auch immer, zum ersten Mal erhielt Bernstein ein nennenswertes Gehalt und erzielte die ersehnte Unabhängigkeit von seinem Vater.
Bernstein begann diesen Routinejob mit Fleiß auszufüllen und befürchtete, dass er die nächsten Jahre als Assistent abseits des Rampenlichts verkümmern würde.
Doch das Schicksal wollte es anders. Am 14. November 1943 war der berühmte Gastdirigent Bruno Walter unpässlich und er sagte am frühen Morgen des Konzerttages ab.
Das Besondere war, dass die Aufführung von CBS landesweit im Radio ausgestrahlt wurde.
Der Einzige, der als Ersatz für den berühmten Walter in Frage kam war Leonard Bernstein. Was nun folgte wurde zur Legende.
„ANKÜNDIGUNG“
Das Konzert war eine regelrechte Sensation. Bernsteins Debüt kam auf die Titelseite der New York Times des nächsten Tages.
Selbst die abgebrühten Musiker des New Yorker Philharmonic bereiteten dem Grünschnabel am Schluss eine Standing Ovation und viele der Musiker betrachteten diesen Auftritt später als einen der Höhepunkte ihrer Karrieren.
In der Folge verschlechterte sich die Beziehung zu seinem Vorgesetzen Rodzinsky. Dieser war entsetzt, dass der Assistent ihm in seinem ersten Jahr als Orchesterleiter die Show gestohlen hatte. Dazu kam, dass Bernstein begann seine Arbeit zu vernachlässigen.
Durchbruch auch als Komponist
Denn Bernstein wollte jetzt auch als Komponist reüssieren.
Bernstein war zu dieser Zeit als Komponist kein unbeschriebenes Blatt. Die erste Symphonie, Jeremiah, war 1939 wohlwollend aufgenommen worden, erzeugte aber im Konzertbetrieb keine Resonanz.
Die Wende brachte der Besuch eines Mannes, der ihn für ein Projekt begeisterte. Der Mann war Jerome Robbins. Er war Solotänzer einer Ballett Company und wollte nun sein eigenes Werk inszenieren und suchte einen Komponisten.
Aus der Zusammenarbeit der beiden kongenialen Künstler wurde Fancy free, ein 25-minütiges Ballett-Werk über 3 Seeleute, die am Hafen von New York Landurlaub bekommen, das Bernstein im klassisch-jazzigen Stil vertonte. Das mitreißende Stück wurde in der Metropolitan Opera in der 1944er Saison zu einem großartigen Erfolg.
Nun beschlossen potente Produzenten viel Geld in die Hand zu nehmen, um das Werk in eine Broadway Produktion umzubauen.
Für die Dialoge kamen Betty Comden und Adolphe Green an Bord. Bernstein wurde in dieser Produktion einer von vielen und etwa ein Viertel der Songs stammten von anderen Komponisten.
Landesweit berühmt wurde die Broadway Adaption, die nun „on the town“ hieß, als sie mit Gene Kelly und Frank Sinatra in den Hauptrollen verfilmt wurde und rasch Kultstatus errang.
Doch die Komposition, mit der Leonard Bernstein für immer identifiziert werden sollte kam ein paar Jahre später. 4 Große Künstler taten sich 1949 zusammen, um die West Side Story zu kreieren. Wieder war Jerome Robbins an Board, Arthur Laurents schrieb die Story und Stephen Sondheim war für die Verse verantwortlich. Nach einem guten Start verzögerte sich das Projekt immer wieder und wurde 1959, 10 Jahre nach dem Beginn der Arbeiten zur größten Broadway Sensation nach Oklahoma 20 Jahre zuvor. Die elektrisierenden Rhythmen, der jazzige Sound und die Ohrwürmer wie Maria oder America machten den 41-jährigen Bernstein unsterblich.
Europareisen und Beginn der Dirigiertätigkeit in Israel
Doch kehren wir zurück in die vierziger Jahre. Die Erfolge als Dirigent und Komponist öffneten Bernstein die Türen zum Ausland und kurz nach Ende des Weltkriegs gab Bernstein in Europa seine ersten Konzerte. Allerdings mit geringer Ausbeute, sein extrovertierter Dirigierstil war dem europäischen Publikum noch zu ungewöhnlich.
Wichtiger war seine erste Reise nach Palästina 1947, wo er mit einem zusammengewürfelten Orchester innerhalb von 60 Tagen sagenhafte 40 Konzerte aufführte und so den Beginn des Israel Philharmonic Orchestra gewissermaßen einläutete.
Schon im Folgejahr kam er zurück und das open-air Konzert für die israelischen Truppen in der Wüstenstadt Be’er Scheva während des arabisch-israelischen Krieges wurde zum Mythos.
Die Beziehung zu diesem Orchester hielt ein Leben lang und Bernstein wurde in Israel später zur lebenden Legende.
Kompromisse und Eintritt ins Establishment
Trotz seines Talents und Berühmtheit fand sich kein großes Orchester, welches ihn als künstlerischer Leiter engagieren wollte. Nach exzessiven Jahren entschied sich der homosexuelle Bernstein Kompromisse zu machen. Er heiratete die gebürtigen Chilenin Felicia Montealegre. Die Ehe war glücklich, die beiden bekamen 3 Kinder und die ausgebildete Sängerin Felicia wurde zu einer Partnerin auf Augenhöhe.
Nichtsdestotrotz musste sie in ihrer 25-jährigen Ehe häufig wegschauen, wenn Bernstein seine Homosexualität in kurzlebigen Affären auslebte.
Bernstein nimmt die Scala im Flug
1954 war das Jahr, wo er zum ersten Mal auch in Europa zu einer Berühmtheit wurde.
Leonard Bernstein war gerade auf einer Nordamerika Tournee als er angefragt wurde, an der Mailänder Scala die kurzfristig angesetzte Medea zu dirigieren.
Zuerst war er sprachlos, denn er hatte noch nie eine Oper in einem Opernhaus dirigiert. «Was ist Medea? Und wer ist Cherubini?» fragte das 35-jährige Wunderkind, der noch nie von diesem Werk gehört hatte. Maria Callas hatte der Scala den Amerikaner ans Herz gelegt, da sie kürzlich eine Radioübertragung eines seiner Konzerte gehört hatte. Nur zehn Tage später feierten er und Maria Callas mit diesem Werk einer der größten Operntriumphe der Nachkriegsjahre.
Bernstein als homo politicus, Candide
Bernstein hatte aus seinen linken politischen Ansichten nie einen Hehl gemacht. Bereits als 21-jähriger hatte er mit Mitstudenten eine vielbeachtete Aufführung von „the cradle will rock“, einer amerikanischen Oper in Brechtschen Stil aufgeführt, das gewerkschaftliche Thesen proklamierte und so die Überwachungs Behörden auf ihn aufmerksam gemacht.
Ihm wurde auch angekreidet, dass er während des Weltkriegs weder als Soldat gedient hatte noch als Truppenunterhalter agierte.
1956 schrieb er Candide. Die literarische Vorlage stammte von Voltaire, der die Institutionen, wie die Kirche oder dem Adel anklagte, die Bevölkerung zu manipulieren. Damit schien er den Nagel auf den Kopf getroffen zu haben, denn der Vatikan setzte das Werk kurz nach der Veröffentlichung auf den Index.
200 Jahre später war der Adressat der Kritik nicht mehr die Kirche. Bernsteins Candide ist ein Werk, welches unter dem Eindruck der McCarthy Ära der USA der fünfziger Jahre geschrieben wurde. Menschen, die der kommunistischen Umtriebe verdächtigt wurden, wurden vor parlamentarische Untersuchungsausschüsse (z. B. dem Komitee für unamerikanische Umtriebe, dem House Committee on unamerican Activities) gezerrt, verhört und wurden so stigmatisiert. Betroffen waren viele Künstler, die als Folge unter Boykotten und faktischen Berufsverboten litten, weil die Theater bei deren Engagement Angst vor Repressalien hatten. Beide Hauptautoren der Candide, der Komponist Bernstein und die Librettistin Hellman, waren persönliche Zielscheiben von heftigen Verfolgungen der Tribunale. Für beide war Candide eine Herzensangelegenheit. Bernstein begleitete die Uraufführung mit einem in der New York Times veröffentlichten Artikel, der Amerikas puritanischen Snobismus, dessen Doppelmoral sowie die inquisitorischen Angriffe auf das Individuum anklagte.
Diese Oper(ette) von Leonard Bernstein ist ein absolutes Juwel. Jedes der Stücke besitzt umwerfendem Humor, Leidenschaft und Musikalität. Es ist Komödie und Gesellschaftskritik zugleich. Zu Berühmtheit hat es die Ouvertüre gebracht und man muss fast schon zu Rossini zurück gehen, um ein Vorspiel zu finden, das so perfekt die Komik der Handlung festhält.
So hatte Bernstein im konservativen Amerika der fünfziger Jahre einen schweren Stand eine seriöse, herausgestellte Position zu bekommen. Nicht nur war er politisch verdächtig, sondern auch mehr oder wenig offen homosexuell.
Erst die Wahl von John F. Kennedy 1961 brachte die Wende und es war ein gewisser Leonard Bernstein, der die Feierlichkeiten der Amtseinführung musikalisch begleiten durfte.
Der begnadete Kommunikator
1954 wurde Bernstein von CBS beauftragt eine didaktische Einführung zur fünften Sinfonie Beethovens für das Fernseh-Publikum zu produzieren.
BEETHOVENS FÜNFTE
Das Publikum und CBS waren begeistert und daraus wurde eine 5-jährige Serie, die ab 1958 von den noch berühmteren Young People‘s Concerts abgelöst wurden. Eine Sendung für Kinder, denen die Musik nähergebracht werden sollte.
Die Serie lockte während sagenhaften 14 Jahren ein Millionenpublikum vor den Fernseher und Bernstein wurde für eine Generation von Amerikanern zu einer Haushaltsmarke.
Die Jahre als Leiter der NY Philharmonic
1957 war es endlich so weit, und Bernstein wurde zum Leiter der NY Philharmonic ernannt, fast 15 Jahre nach dem sensationellen Debut.
Bernstein sorgte als Dirigent für volle Säle, förderte amerikanische Musik und zeigte dem Publikum viele moderne Werke.
Für die New Yorker Philharmoniker waren es goldene Jahre. Als Orchester der Young People‘s Concert wurden die Musiker ein Jahrzehnt lang aller Geldsorgen entledigt und sie dankten es Bernstein mit unermüdlichem Einsatz während den vielen Tourneen mit dem begehrten Orchester-Leiter. Zudem bekam Bernstein 1961 ein 7-Jahres Vertrag, was im schnelllebigen Musik-Geschäft sehr ungewöhnlich war.
Doch ein Übel begleitete Bernstein seine lange Zeit mit dem New Yorker Orchester, und zwar entwickelte sich Harold C. Schonberg, der Kritiker der einflussreichen New York Times, zu einem Intimfeind. Die beiden hatten unterschiedliche Sichtweisen wie Musik zu vermitteln sei und Schonberg vergällte Bernstein mit konstanten Anfeindungen Bernsteins Zeit in New York.
Komponist von „ernsthafter Musik“ und die 12-Ton Musik
Bernstein war als Komponist sein Leben lang hin und hergerissen zwischen Broadway und Kunst.
Für die Kunst sprach, dass für ihn als Intellektueller Erfolge in der ernsthaften Musiksparte für künstlerische Legitimation sorgen würde.
Für den Broadway sprach, dass er das ersehnte Rampenlicht brachte und für die notwendigen Einkünfte sorgte.
In allen seinen 3 Sinfonien thematisiert er den jüdischen Glauben. Er beschäftigte sich mit den Zweifel der Menschen am Glauben, sah aber auch im Glauben den Ort wo sie letztlich Zuversicht finden konnten.
Bernstein kehrte so in seiner ernsthaften Musik zu seinen Wurzeln zurück, als er als Kind von der Synagogenmusik in den Bann gezogen wurde.
Bernstein war nicht religiös, im Sinne, dass er an einen weisen alten Mann mit Bart glaubte. Mehr war er fasziniert von der Religiosität, und er war tief überzeugt, dass Musik die einzige Sprache war, die religiöse Gefühle ausdrücken konnte.
Als Komponist war Bernstein ein „Neoklassiker“ im Sinne von Strawinsky und kein „Moderner“, dies wurde ihm von der Avantgarde um Boulez vorgeworfen.
Zwar verwendete auch Bernstein 12-Ton Musik in seinen Kompositionen, beispielsweise verwendete er in einer Sinfonie für den Glauben diatonische Musik und kontrastierte die Musik der Ungläubigen mit 12-Ton Musik. Die Avantgarde nahm ihm dies nicht ab und warf ihm Effekthascherei vor. Dies scheint etwas ungerecht zu sein, da bereits der unverdächtige Richard Strauss dieses Stilmittel in seiner Salome verwendet hatte.
Doch Bernsteins Sinfonien blieben Liebhabermusik, auch wenn gewisse Sätze wie beispielsweise die Partyszene der zweiten Sinfonie, oder der langsame Satz mit Sopranstimme der dritten Sinfonie ein breiteres Publikum begeistern können.
Mahler
Bernstein betonte mehrfach, dass von allen Komponisten Gustav Mahlers Musik diejenige war, die ihm am meisten am Herzen lag.
Mahler war ein Seelenverwandter Bernsteins, da er sowohl Dirigent und Komponist war und der Glaube ein wichtiges Thema in seinen Kompositionen spielte. Mahlers Musik war zwar nicht jüdisch, doch immer schimmert in Mahlers Musik das Erbe der Synagogenmusik und der Klezmer Musik durch.
Gustav Mahlers Witwe Alma beehrte Bernstein 1960 sogar mit ihrer Präsenz an einer Probe anlässlich des 100. Geburtstages Mahlers.
In den sechziger Jahren unternahm Bernstein als erster Komponist eine Gesamtaufnahme der Mahler Sinfonien und löste ein weltweites Revival des beinahe vergessenen Komponisten aus.
Und als Bernstein anlässlich der Trauerfeierlichkeiten Roberts Kennedys Begräbnis das Adagietto der 5. Sinfonie unendlich langsam und traurig spielen liess, führte dies zu einer Mahler Begeisterung in breiteren Kreisen, die bis in die heutige Zeit anhält.
Wiener Jahre und Jet Set Künstler
In den siebziger Jahren wendete sich Bernstein Europa zu. Weichgeklopft von den nicht nachlassenden Kritiken Schonbergs und geschmeichelt durch die hohen Gagen in Wien wechselte er seinen künstlerischen Mittelpunkt in die österreichische Hauptstadt. Dort erfuhr er die Wertschätzung, die er in New York vermisste.
Sein größtes künstlerisches Anliegen war es, den Wienern ihren Mahler zurückzubringen. Er konnte es nicht verstehen, dass sie den Komponisten, der zum Wiener geworden war, einfach links liegen lassen konnten.
Bernstein erkannte, dass in Wien noch immer Reste des Antisemitismus in der Luft lagen. Noch gab es Musiker im Orchester, die einst Parteimitglied waren. Bernstein nannte den Trompeter der Philharmoniker, der ein ehemaliges SS-Mitglied war, scherzhaft „meinen Lieblings Nazi“.
Bernstein wurde so auch in Europa zu Lenny und wurde neben Herbert von Karajan zur bestimmenden Dirigentenpersönlichkeit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
Zurück zu den Wurzeln in älteren Jahren
Mit dem Eintritt ins sechste Lebensjahrzehnt begann Bernstein wieder zu seinen Wurzeln zurückzukehren. Zuerst verließ er seine Frau und kehrte zu seinem Homosexuellen-Leben zurück, das er nun nach der 68er Revolution und dem Leben in Europa ungefährdet ausleben konnte und zog mit einem Lebens Partner zusammen.
1952 hatte Bernstein eine 1 aktige Oper mit dem Titel „Trouble in Tahiti“ geschrieben, über ein Ehepaar, das sich ständig streitet, unübersehbar hat Bernstein das Familienleben seiner Eltern beschrieben. 30 Jahre später schrieb er den Einakter zu einem abendfüllenden Stück um, das den Titel A quiet place trägt.
Neben seinem Leben als Jet-Set Dirigent, begann Lenny sich als Lehrer zu engagieren. Er verwendete viel Zeit in die Ausbildung junger Dirigenten und Dirigentinnen und wollte so das zurückgeben, was er vierzig Jahre zuvor in Tanglewood erfahren durfte.
Letzte Jahre
In den 80-er Jahren begannen sich gesundheitliche Probleme bemerkbar zu machen. Sein lebenslang starker Tabak- und Alkoholkonsum forderten nun ihren Tribut.
Als die Berliner Mauer 1989 fiel, war Bernstein zur Stelle. Nur zwei Wochen später führte er mit den Symphonikern des Bayerischen Rundfunks Beethovens 9. Sinfonie in Berlin auf. Er ergänzte das Orchester mit Musiker aus Paris, London, New York und Leningrad, den alliierten Mächten, und sie sangen gemeinsam die Ode an die Freiheit (Bernstein hatte das letzte Wort geändert). Das Konzert wurde zum musikalischen Denkmal dieses historischen Ereignisses.
Zum letzten Mal konnte Bernstein die große Bühne genießen.
Im August 1990 erlitt er während eines Konzerts einen Schwächeanfall und er konnte es nur mit viel Mühe zu Ende bringen und er verliess das Podium mit den Worten ‚it’s over‘.
2 Monate später verstarb er in New York. Als letztes wollte der bettlägerige seine Aufnahme Beethovens Missa solemnis hören, danach hörte sein Herz auf zu schlagen.
Sein Grab befindet sich in New York, seine Freunde legten ihm einen Taktstock und die Partitur von Gustav Mahlers 5. Sinfonie mit in den Sarg.



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