Der fliegende Holländer von Richard Wagner- ein Opernführer: Handlung, Musik, Wissenswertes
- peter
- 19. Juli
- 8 Min. Lesezeit

Mit dem «fliegenden Holländer» gelang Wagner sein erstes Meisterwerk. Die vollendete Orchestersprache, die grandiosen Leitmotive und die grossartigen Chorszenen machen dieses Werk zum einem der Gipfelwerke des deutschen Komponisten.
Der fliegende Holländer - Handlung
Der fliegende Holländer - Steckbrief
KOMPONIST: Richard Wagner
URAUFFÜHRUNG: Dresden, 1843
LIBRETTO: Richard Wagner, basierend auf einer Legende und Schriften von Heinrich Heine.
DIE HAUPT PERSONEN: Senta, Tochter des Seefahrers Daland (Sopran) - Erik, Jäger und Verlobter Sentas (Tenor) - Daland, Schiffskapitän und Vater der Senta (Bass) - Holländer, Verfluchter und Kapitän des Holländers (Bariton) - Steuermann, Matrose auf dem Schiff Dalands (Tenor).
AUFNAHME EMPFEHLUNG: DECCA, Leonie Rysanek, George London, Giorgio Tozzi und Karl Liebl unter der Leitung von Antal Dorati und dem Chor und Orchester des Royal Opera House Convent Garden.

Handlung
1. AKT:
Daland ist mit seinem Handelsschiff in einen Sturm geraten und muss in einer schützenden Bucht namens Sandwike Zuflucht suchen. (Ouvertüre) Das Schiff liegt ruhig vor Anker und dem Steuermann wird die Nachtwache übertragen. Um sich wachzuhalten singt er ein Lied. (Mit Gewitter und Sturm) Unbemerkt ankert ein Schiff in der Nähe. Der Kapitän dieses Schiffs ist verdammt auf ewig auf der See zu sein.
Nur alle 7 Jahre, wie jetzt, darf er an Land gehen. Fände er dort eine Frau wären er und seine Mannschaft vom Fluch erlöst. (Die Frist ist um) Als Daland auf Deck geht, erkennt er im Nebel ein zweites Schiff. Daland lädt den Kapitän auf sein Schiff ein. Dieser erfährt im Gespräch mit Daland von dessen Tochter Senta. Der Holländer zeigt Daland sein Gold und hält um die Hand von dessen Tochter Senta an. Daland ist geblendet ob des Reichtums und willigt ein.
2. AKT:
Zu Hause in Dalands Spinnerei sind die Frauen an der Arbeit. (Summ und brumm) Dalands Tochter Senta ist versunken in das Gemälde des fliegenden Holländers, dessen Geschichte Mary ihr erzählt hatte. Senta erzählt den Spinnerinnen von ihrer Vision als Erlöserin. (Johohoe!) Sentas Verlobter Erik betritt die Spinnerei und berichtet von der Ankunft Dalands. Die Mädchen rennen zum Strand.
Erik hält Senta zurück, denn er ist verunsichert von der Schwärmerei Sentas für den Holländer. Er versichert ihr seine Liebe und erzählt ihr seinen Traum, wo er sie mit einem Fremden aufs Meer hinaus entfliehen sah. Gebannt hört Senta ihm zu und ruft: «Ich muss ihn sehn! Mit ihm muss ich zugrunde gehn!». Entsetzt stürmt Erik aus dem Zimmer.
Senta betrachtet in Gedanken versunken das Bild des Holländers, als Ihr Vater den Holländer zu ihr bringt. Nun stehen sich Senta und der Holländer gegenüber. (Wie aus der Ferne längst vergang’ner Zeiten) Daland kommt zurück und will von ihnen die Entscheidung hören. Senta und der Holländer geloben die Heirat. Daland fordert sie auf zur Rückkehrfeier zu erscheinen.
3. AKT:
Die Dorfbewohner feiern die Ankunft der Seeleute mit einem Fest auf dem Schiff Dalands. Sie rufen den Matrosen des Holländers zu, doch dort bleibt es gespenstisch dunkel und ruhig. (Steuermann lass die Wacht) Die Matrosen Dalands singen übermütig und verspotten die Matrosen des Holländers.
Plötzlich ertönt ein unheimlicher Gesang vom Holländer-Schiff und das Meer beginnt zu tosen. Erik versucht Senta noch einmal umzustimmen und erinnert sie an ihr Treuegelübde. Der Holländer will Senta verschonen und sticht ohne sie in See. Senta gelobt ihm Treue, steigt auf einen Felsen und stürzt sich ins Meer. In weiter Ferne entsteigen beide in verklärter Gestalt dem Meer; der Holländer hält Senta umschlungen. (Verloren, ach verloren … Du kennst mich nicht)
Kommentar
Der biografische Hintergrund:
Wagners biographische Anekdote über den Bezug zum «fliegenden Holländer» ist Legende geworden: Wieder einmal zwang ihn die Angst vor seinen Gläubigern zur Flucht in Eile. Er verließ 1839 in Riga mit Paris als Ziel, dem Mekka der Opernwelt, wo er an der Grand Opéra seinen «Rienzi» inszenieren wollte.

Wagner beschloss mit seiner Frau Minna auf dem Wasserweg nach Paris fliehen und sie wurden in Königsberg an Bord der «Thetis» geschmuggelt.

In der Meerenge zwischen Dänemark und Schweden geriet das Schiff in schwere Stürme. Der Kapitän war gezwungen, in Sandwike, an der Südküste Norwegens, vor dem starken Westwind Zuflucht zu suchen. Nach ein paar ruhigen Tagen in der Nordsee brach ein noch schlimmerer Sturm aus, der zwei Tage lang mit turmhohen Wellen und schrecklichen Gewittern tobte.
Und wie genau Wagner das Libretto nach eigenen Erfahrungen gestaltet hat, zeigt der erste Auftritt von Daland, der sich während eines Sturms an einem verstecken Ort ankert und ruft: «Sandwike ist es! Ich kenne die Bucht genau.»
Als die Wagners nach Umwegen in Paris ankamen, sollten sie fast drei Jahre in der französischen Hauptstadt verweilen. In Paris schrieb er das Libretto zum Holländer. Aus der Rienzi-Inszenierung wurde nichts und Wagner musste das Libretto zum Holländer verkaufen, um sich finanziell über Wasser halten zu können, was ihn nicht daran hinderte, das Libretto für seine eigenen Zwecke weiterzuverwenden.
1842 verließ er Paris in Richtung Dresden, wo er die Zusage bekommen hatte, für die Uraufführung des Rienzi aufzuführen.
Der «neue Wagner»
Mit dem «Holländer» beendet Wagner seine frühe Phase. Mit 30 Jahren hat Wagner musikdramatisch und künstlerisch seinen Stil gefunden. Auch wenn vieles noch weiterentwickelt werden sollte, finden wir in dieser Oper alle Anlagen des reifen Wagners:
Wagners Lebensthemen
Der Weg zum Musikdrama
Das Libretto aus der eigenen Feder
Die Verwendung der Leitmotive
Wagners Lebensthemen
Mit dem Holländer hat Wagner seinen unverwechselbaren künstlerischen Weg gefunden:
«Vier Topoi, die auch in Wagners weiterem Schaffen dominieren bilden die Eckpfeiler der Handlung im fliegenden Holländer: die Todessehnsucht, die Opferbereitschaft der Frau, der Liebestod, und die Erlösung.»
(Holland/Csampai, «Opernführer»)».
Diese Themen sind biografisch bestimmt, so darf vermutet werden, dass die Person und das Schicksal des Holländers einen Bezug zur Person Richard Wagners haben:
genauso wie der Holländer ist der Künstler Wagner ein Getriebener, einer der durch die Unbill der politischen und wirtschaftlichen Umstände als Künstler die Erlösung sucht. Diese Erlöserin taucht im «Holländer» in der Person der Senta auf, dem ersten «Weib der Zukunft» Wagners. In dieser Oper ist dieses «Weib der Zukunft» noch passiv, indem sie sich dem Tod hingibt, spätere Erlöserinnen-Figuren werden einen umfassenderen Anspruch entwickeln.
«Wagner hat über nichts so tief wie über die Erlösung nachgedacht: seine Oper ist die Oper der Erlösung. Irgendwer will bei ihm immer erlöst sein ... dies ist sein Problem. »
(Nietzsche).
Der Weg zum Musikdrama:
Noch ist der Holländer zu einem gewichtigen Teil eine Nummernoper. Doch Wagner beginnt bereits, die Nummern miteinander zu verbinden und zu Szenen zu formen und bildet die ersten Ansätze zum Musikdrama.
Das Libretto aus der eigenen Feder:
Die Story hat Wagner aus einem Buch Heinrich Heines («Aus den Memoiren des Herren von Schnabelewopski») entnommen, der dort eine Jahrhunderte alte Sage zitierte. Wagner hat an der Geschichte nur wenig verändert, doch hat er laut eigener Aussage mit diesem Werk den Schritt vom «Verfasser von Operntexten zum Dichter» gemacht.
Er war nun in der Lage den Personen der Senta und des Holländers sein eigenes Inneres zu übertragen. Das aufgewühlte Meer wird zur Metapher des Unwetters, das in den Protagonisten wütet.
«Ich kann nur in Extremen Leben»
sagte Wagner über sich selbst. Kein Satz trifft die Beziehung des Holländers und Sentas besser, denn die Beziehung ist mehr als Liebe, sie sucht die Erlösung durch den Tod. So ruft Senta im zweiten Akt: «Ich muss ihn sehn! Mit ihm muss ich zugrunde gehn!» Erik und Daland sind die Gegenwelt, deren Handlung rein äußerlich bleibt. Dies äußert sich in der Musik, die bei Daland und Erik sehr tonal bleibt und bei Senta und dem Holländer bereits eine charakteristische Chromatisierung erfährt.
Die Verwendung der Leitmotive:
Noch hat Wagner nicht die Kunstfertigkeit der Verwendung der Leitmotive und der «Holländer» ist auch nicht seine erste Oper mit dieser Technik. Doch zum ersten Mal haben die Leitmotive eine die Oper dominierende Prägnanz und Breite.
Sie finden in den Kommentarteilen zu den Szenen verschiedene Notenbeispiele zu den wichtigsten Motiven.
Uraufführung in Dresden:
Die Uraufführung fand am 2. Januar 1843 im Königlichen Hoftheater in Dresden statt mit Wagner am Dirigentenpult. Nach der triumphal aufgenommenen Uraufführung des Rienzi am selben Ort drei Monate zuvor hoffte Wagner eine Wiederholung.
Er wurde aber enttäuscht, das Publikum empfing sein Werk äußerst lauwarm und es wurde nach vier Vorstellungen abgesetzt. Zwar soll Wilhelmine Schröder-Devrient eine beeindruckende Senta gewesen sein, doch die zusammengewürfelte Inszenierung und die weiteren Sänger entsprachen nicht Wagners Erwartungen. So richtig in Schwung kam der Erfolg des Holländers erst mit der angepassten Fassung der Zürcher Aufführung von 1852.
Die schönsten Stellen
Ouvertüre:
Die Oper beginnt mit einer der unvergleichlichen Ouvertüren Wagners. Das stürmische Meer wird wie in einer sinfonischen Dichtung lautgemalt. Rossinis und Meyerbeers Stürme sind nur ein laues Lüftchen im Vergleich zu Wagners Orkan. Wir hören in dieser Eröffnung drei wichtige Leitmotive. Gleich zu Beginn ertönt das Holländer-Motiv:

Kurz darauf das prägnante Geister-Motiv:

Nach diesem Abschnitt hören wir ein lyrisches Thema, das sogenannte Erlösungsmotiv:

Und kurz darauf das Liebesmotiv:

Wieder setzt das Unwetter ein und es erklingt das Matrosenlied «Steuermann, lass die Wacht», welches wir im 3. Akt hören werden. Zum Schluss beruhigt sich die Stimmung wieder und mit dem Thema des Erlösungsmotivs klingt die Ouvertüre feierlich aus.
Mit Gewitter und Sturm
Diese sehnsüchtige Arie des Steuermanns ist ein schönes Matrosenlied. Die Partie des Steuermanns ist sehr hoch geschrieben und erreicht in diesem Lied am Schluss sogar das hohe C.
Die Frist ist um
Die wenigen Takte, die den Monolog des Holländers einleiten zeichnen die Einsamkeit und Trostlosigkeit der Bucht als Spiegelbild seiner Seele. Der einsetzende Monolog lässt zu Beginn keine Tonart erkennen und kreiert so eine gespenstische Spannung.
Im zweiten Teil «Wie oft in Meeres tiefsten Schlund» hören wir die wichtigsten Leitmotive des Holländers.
Im dritten Teil «Dich frag ich gepriesener Engel Gottes» wird der Holländer von den Tremolos der Violinen begleitet, die zwischen den Tonarten C-Dur und C-Moll changieren und so seinen Aufruhr zwischen Bangen und Hoffnung auf Erlösung musikalisch zeichnen.
Im vierten Teil kehrt die trostlose Stimmung des Anfangs zurück. Die Stimmung ist gekippt und der Holländer ist bereit die Hoffnung aufzugeben: «Ihr Welten, endet euren Lauf! Ew’ge Vernichtung, nimm mich auf!».
Als die Musik den Schluss-Akkord erreicht passiert das Wunder, er ist in strahlendem C-Dur geschrieben und mit einer kurzen, strahlenden Kadenz endet dieser große Monolog.
Summ und brumm
Wagner schätzte Carl Maria von Weber und diese Szene ist eine unverhohlene Kopie des berühmten Vorbilds, der Spinnradszene aus dem Freischütz (Schelm, halt fest).
Johohoe!
Wagner hatte nach eigenen Aussagen diese Ballade ganz zu Beginn geschrieben und sie wurde der Dreh- und Angelpunkt der Musik und der Dramatik der Komposition. In den ersten beiden Strophen hören wir die Geschichte des Holländers und es tauchen die wichtigsten Leitmotive auf. Dieser Teil beginnt im Orchester mit dem Motiv des Holländers gefolgt von Sentas gesungenem Geistermotiv und er endet mit dem Erlösungsmotiv.
Anschließend stimmen die Mädchen ergriffen in das Erlösungsmotiv ein, und Senta beendet die Ballade ekstatisch mit dem Wunsch den Holländer zu erlösen.
Wie aus der Ferne längst vergang’ner Zeiten
Diese Szene ist kein Duett zweier Handelnden, sondern zweier Getriebenen ihres Schicksals. Was ihnen widerfährt ist vom Schicksal vorgegeben, sei es der Fluch des Holländers oder Sentas Bestimmung als Erlöserin. Es ist ein zärtliches, verträumtes Duett zweier verwandter Seelen. Text und Musik beschreiben keine Liebesduett, sondern eine nicht-ausgesprochene Bestimmung und Erlösung.
Steuermann lass die Wacht
Mit einer Überleitungsmusik und ohne Pause beginnt der dritte Akt mit dem Matrosenchor. Die Chorstellen des «fliegenden Holländers» sind überwältigend in ihrer musikalischen Wirkung.
Verloren, ach verloren … Du kennst mich nicht:
Wagner hat zu diesem Schluss eine elektrisierende Musik komponiert. Auf den dramatischen Abschied des Holländers «Verloren, ach verloren», erfolgt die Entsagung der Senta.
3 Fun Facts
1. Richard Wagner konnte bei der Uraufführung auf die berühmte Wilhelmine Schröder-Devrient in der Rolle der Senta zählen: «als sie in der Generalprobe im zweiten Akt ihre Ballade beginnen sollte, hielt sie gleich beim ersten Johohoe inne, schüttelte den Kopf, stampfte mit dem Fuß und sprach zu Wagner: ‘Ich kann und kann mit dem Zeug nichts anfangen.’ - Wagner war ziemlich kleinlaut und ließ das Orchester nochmals anfangen, und nun ging es ja, allein der richtige Geist kam, wie so häufig, erst am Abend der ersten Aufführung über die geniale Frau.» (Erinnerungen der Marie Schmole-Heine)

2. Richard Wagner vergötterte seine Hunde, sie begleiteten ihn überall hin. In Riga war ihm Robber zugelaufen. Als Wagner und Minna wegen Schulden bei Nacht und Nebel verschwinden musste, passte Robber nicht in die Kutsche. Sie mussten deswegen auf dem Schiffsweg ausweichen. Die stürmische Überfahrt mit der Thetis wurde zur Legende und zur Geburtsstunde des «fliegenden Holländers». Ohne den Hund Robber gäbe es diese Oper vielleicht nicht.

3. Wagner Vorbild für Senta war seine damalige Frau Minna Planner. Er verdankte ihr viel. Sie war eine beliebte Schauspielerin und konnte Richard mit dem verdienten Geld über Wasser halten. Ihre Beziehung war leidenschaftlich und explosiv, in ihren aktiven Schauspieljahren hatte Minna viele Bewunderer was zusammen mit Wagners Geldproblemen steter Quell des Zwists war. Die beiden sollen sogar bei ihrer Trauung vor dem Traualter noch miteinander gestritten haben.
Biografie von Richard Wagner (Doku)
Der fliegende Holländer von Richard Wagner




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