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Clara Schumann - Biografie: Ihre Orte, ihre Musik und ihr Leben

peter
vor 2 Minuten
16 Min. Lesezeit
Clara Schumann  - Biografie, Portrait Clara Schumann
Clara Schumann - Biografie

Clara Schumann hat im Verlauf ihres Lebens über 10.000 Briefe geschrieben. Und doch fragen wir uns bis heute: Gelingt es uns wirklich, hinter die sorgsam gepflegte Fassade dieser Frau zu blicken?

Clara Schumann war eine der grössten Klaviervirtuosinnen ihrer Epoche. Sie behauptete sich als ausübende Künstlerin und als Komponistin in einer Welt, die vollständig von Männern beherrscht wurde – und schuf sich damit eine Stellung in der Musikgeschichte, die bis heute ihresgleichen sucht.

Als künstlerische Partnerin begegnete sie Titanen wie Robert Schumann, Johannes Brahms und Felix Mendelssohn auf Augenhöhe und wurde selbst zu einem Titan. und beeinflusste die Musikgeschichte des 19. Jahrhunderts wie nur wenige.

Wer war Clara Schumann, und welche Menschen und Orte haben sie beeinflusst? Eine biografische Annäherung an die Jahrhundertkünstlerin aus Deutschland.

 


Doku Clara Schumann (Video):

Clara Schumann - Biografie (Video Doku)

 


Clara Schumann - Biografie



Familie und Hernkunft


Kaum ein anderer Künstler hat so viel Musik in seinen Genen mitbekommen wie Clara Wieck. Ihr Vater Friedrich war ein Selfmade Man, der sich das Klavierspiel selber beigebracht hatte und der Begründer einer modernen Lehrtheorie wurde, die er mit seiner berühmten Tochter gleich umsetzen konnte. Neben seiner Lehrtätigkeit besass er ein Verleihgeschäft von Klavieren.

Friedrich Wieck, 45 jährig
Friedrich Wieck, 45 jährig

Als eine seiner geschäftlichen Reisen ihn nach Wien führte, besuchte er 1823 gar Ludwig van Beethoven in dessen Sommerquartier in Hetzendorf. Das ausführliche Gespräch ist in Beethovens Konversationsheften belegt und dokumentiert.

Claras Mutter Mariane stammte aus einer Familie von Berufsmusikern, bekam von Wieck Klavierunterricht und heiratete in der Folge ihren 12 Jahre älteren Klavierlehrer. Sie trat sowohl als professionelle Sängerin und Pianistin auf und unterrichtete auch als Klavierlehrerin.


Mariane  Wieck (geborene Tromlitz, später Bargiel)
Mariane Wieck (geborene Tromlitz, später Bargiel)

Clara wurde 3 Jahre nach der Hochzeit das zweite von 5 Kindern des Ehepaars Wieck. Doch Mariane begann immer mehr unter dem despotischen Ehemann zu leiden. Die vielen Streitereien belasteten die kleine Clara sehr, was sich in einer verspäteten Sprachentwicklung manifestierte.

Als Clara 4-jährig war, beschloss Mariane, sich von Wieck scheiden zu lassen. Dies bedeutete zu dieser Zeit einen Skandal. Wie belastend die Beziehung zu ihrem Mann war, zeigt, dass Mariane das Sorgerecht für viele ihrer Kinder verlor, denn nach dem Gesetz wurden dem Ehemann automatisch die 3 Erstgeborenen zugesprochen. Dazu kam, dass eine geschiedene Frau bittere Armut riskierte.


Ausbildung zur Klaviervirtuosin


Wiecks geübtes Auge erkannte bald, dass Clara musikalisches Talent hatte. Ihr Interesse an Musik hatte sich schon vor dem dritten Lebensjahr manifestiert, und Wieck war der Überzeugung, dass Mädchen besser formbar waren.

Wieck setzte sich nun das Ziel, aus seiner Tochter Clara eine führende Pianistin zu formen. Er ging das Projekt „Clara“ strategisch an. Die Prinzipien dieser Ausbildung schrieb er dreissig Jahre später in seinem Traktat „Clavier und Gesang“ nieder.

Traktat „Clavier und Gesang“ von Friedrich Wieck
Traktat „Clavier und Gesang“ von Friedrich Wieck


Es waren:

  • Zeitlich dosiertes Üben – für Wieck kam Musikalität stets vor Virtuosität

  • Tägliche Spaziergänge, oft bis zu drei Stunden, um mit frischer Luft und Bewegung die Lockerheit der Muskeln zu fördern

  • Umfassende musikalische Bildung: Clara lernte auch Violine spielen und singen


Insgesamt war die Wiecksche Methode ein Protest gegen die damalige Mode der rein mechanischen „Etüden-Wut“: Er forderte stattdessen geistige Präsenz beim Spielen.

Diese für die damalige Zeit moderne Auffassung stand in völligem Kontrast zu seinem despotischen Charakter.

Clara Schumann (als Kind)
Clara Schumann (als Kind)

Clara musste aber viele Opfer erleiden: Sie konnte nur kurze Zeit eine öffentliche Schule besuchen, und längere Zeit wurde ihr der Kontakt mit Gleichaltrigen verboten – einzig die Hauslehrer waren ihre Bezugspersonen. Der scharfsinnige Psychologe Wieck wollte nichts dem Zufall überlassen. Clara musste ihre Gedanken in einem Tagebuch notieren, die täglich von ihrem Vater geprüft und falls notwendig korrigiert wurden.


Wieck verlangte von Clara 100% Umsetzung seiner Vorgaben und konnte selbst bei geringen Abweichungen in schwere cholerische Ausbrüche geraten. Häufige Opfer waren die beiden Brüder von Clara. Robert Schumann beobachtete später, wie ein Sohn vor Claras Augen aufs übelste vom Vater beschimpft und gezüchtigt worden war und Clara darauf ans Klavier ging und seelenruhig eine Sonate spielte.

Clara war sich schon in frühen Jahren klar, dass sie ihrem Vater ihre künstlerische Entwicklung verdankte, aber ihre seelische Entwicklung ihm unterordnen musste, und resümierte viele Jahre später diese Zeit mit den Worten:

„Der Vater war trotz guter Eigenschaften ein Mensch, mit dem sich nur leben liess, wenn man sich ihm ganz unterordnete.“

Wiecks Strategie ging auf, und Clara spielte in ihrem 8. Lebensjahr in einem Hauskonzert Mozarts Es-Dur Klavierkonzert.



Erste Konzerttätigkeit und kleine Kompositionen

Wieck sorgte auch dafür, dass Clara in der Kompositionskunst unterrichtet wurde. Sie begann, kleinere Virtuosenstücke zu komponieren, und das erste Werk mit Opuszahl durfte die zehnjährige Clara gar dem vorbeireisenden Paganini vorspielen. Dieser meinte: „Sie habe Berufung zur Kunst, weil sie Empfindung habe.“

Video-Musikbeispiel: MUSIK POLONAISE, op. 1

Es ist Wieck hoch anzurechnen, dass er Clara nicht verheizte. Er führte sie sachte ans Konzertpodium heran. Das Publikum reagierte begeistert auf die junge Pianistin, und Clara konnte stolz vermelden, dass sie bereits mit elf Jahren gutes Geld verdienen konnte, wovon sie einen Teil abgab.

Doch dies war nur ein schwaches Entgelt für die ausbleibende elterliche Liebe, und sie konstatierte später:


„Sie schenkten mir nie etwas, (Stief-)Mutter meinte immer ‚die hat ja Geld‘.“


Parisaufenthalt 1832 – Inspiration für die junge Komponistin

1832 beschliesst Wieck, mit seiner Tochter nach Paris zu gehen. Die Strapazen einer solchen Reise können wir uns heute kaum noch vorstellen. Vier Tage und Nächte sassen die beiden in überfüllten Kutschen. Eine mitreisende Dame soll aufgrund der Strapazen mehrmals ohnmächtig geworden sein. In Paris mussten sie in der Anfangszeit in kalten, schäbigen Zimmern Vorlieb nehmen. An ein Klavier zum Üben war nicht zu denken, es hätte ja nichts gebracht, Claras Finger waren aufgrund der Kälte klamm.


Wieck machte sich gleich nach Ankunft daran, Auftrittsmöglichkeiten für Clara zu finden. Die beiden Leipziger mussten jeden Sou zweimal umdrehen, denn sie mussten eine beträchtliche Summe in die Garderobe investieren. In der Modestadt Paris wurde erwartet, dass man bei jedem Auftritt in einem Salon anders angezogen war.

Clara Schumann in Paris
Clara Schumann in Paris

Zwar machte Clara in Paris gehörig Furore, doch sie konnte nur einmal öffentlich auftreten. Wenig später verliessen die beiden Paris nach 2 Monaten, da in der französischen Hauptstadt die Cholera ausbrach.


Wieck beklagte die finanziell verlustreiche Reise, doch die vielen illustren Persönlichkeiten, die Clara kennenlernen konnte, erweiterten den Horizont der jungen Frau. Am meisten Eindruck hatte ihr die Musik von Chopin gemacht, den sie bei seinem Antrittskonzert in der Salle Pleyel zum ersten Mal sah. Und der polnischstämmige Komponist wurde zum Leitstern der jungen Komponistin.


Zurück in Leipzig machte sich die 13-jährige an die Komposition einer Konzertfantasie für Klavier und Orchester. Nur wenige Takte genügen, um zu erkennen: Chopins Klavierkonzerte standen Pate.

Musikbeispiel: KLAVIERKONZERT a-moll 3. Satz

Diesen einen Satz ergänzte sie später mit zwei weiteren Sätzen zum Klavierkonzert in a-moll. Robert Schumann war mittlerweile Schüler ihres Vaters geworden, und der 10 Jahre Ältere hatte ihr bei der Instrumentierung geholfen.


2 Jahre später führte Clara Wieck das a-moll Konzert mit Felix Mendelssohn am Pult im Leipziger Gewandhaus auf.

Weitere Kompositionen folgten: Das Nocturne op. 5 hätte aus der Feder von Chopin stammen können, und die 4 Pièces caractéristiques zeigen bereits die Vielseitigkeit von Claras Kompositionsstil. Während die ersten beiden Stücke die Virtuosin zeigen, hören wir im dritten ein gefühlvolles Andante.

Musikbeispiel: MUSIQUE CARACTERISTIQUE, 4. Stück chromatisch

Im vierten Stück hören wir eine weitere Eigenschaft ihres Kompositionstil, eine an Dissonanzen reiche Harmonik.

Musikbeispiel. MUSIQUE CARACTERISTIQUE, 4. Stück chromatisch


Robert tritt in ihr Leben

1831 trat der 21-jährige Robert Schumann als Klavierschüler ins Haus der Wiecks. Die zwölfjährige Clara genoss die Anwesenheit des geselligen und rücksichtsvollen Robert. Gemeinsames Musizieren und unterhaltsame Spaziergänge vertieften ihre Beziehung.



Robert Schumann
Robert Schumann

Robert war sehr eingenommen von Clara und komponierte im Carnaval ein schönes Charakterportrait der temperamentvollen, jungen Frau:

Musikbeispiel. Carnaval CHIARINA, Schumann

Doch zu Claras Leidwesen verlobte sich Schumann 1834 mit Ernestine von Fricken. Claras Beziehung zu Robert kühlte ab, und Wieck beklagte sich monatelang über die Launigkeit seiner Tochter, der er trotz aller Drohungen nicht Herr wurde. Doch die Liaison hielt nicht lange, und es kam ein Jahr später zum ersten Kuss, vor einer Konzertreise Claras.



Liebesbeziehung trotz Widerstand des Vaters

Bereits mit 15 Jahren ist Clara eine erfolgreiche Konzertpianistin und erzielt beträchtliche Auftrittshonorare.


Wieck bekommt Wind von der heimlichen Beziehung seiner Tochter und will die Beziehung zu der nach seiner Meinung windigen Person Schumann um jeden Preis verhindern.

Es beginnt nun ein 3-jähriges Katz-und-Maus-Spiel. Ich möchte diese Episode kurz halten, denn ich glaube, sie ist bei den meisten bekannt. Wieck versucht, die Kontakte Schumanns zu Clara zu verhindern, schickt sie auf lange Konzertreisen, verbannt sie lange Zeit nach Dresden und spioniert seine Tochter aus.


Zwar geben die beiden Liebenden 1837 schriftlich ein Verlöbnisversprechen, doch nach zermürbenden Jahren, Roberts vergeblichen Suche nach einer einvernehmlichen Lösung und übelsten Beschimpfungen Roberts durch Wieck, steht die Beziehung unter einem schwierigen Stern. Wieck ist nicht bereit, auf die Krönung seines pädagogischen Erfolgs zu verzichten, und verweigert die Zustimmung zur Ehe.


Aufstieg zum Star und die Auflehnung gegenüber dem Vater

1837 feiert Clara in Wien einen ungeheuren Triumph, besonders die Konzerte mit den beinahe vergessenen Beethoven-Sonaten lösen einen regelrechten Taumel aus. Clara wird in Wien von Kaiser Ferdinand I. zur k. k. Kammervirtuosin ernannt.

Dieser Erfolg motiviert Clara nun zu einer ungeheuerlichen Tat. Sie beschliesst, auf eigene Faust nach Paris zu gehen und ihrem Vater zu beweisen, dass sie auf seinen Support in Zukunft verzichten könne. Wieck ist aufs Blut empört und setzt alle Hebel in Stellung, um den Alleingang seiner Tochter zu sabotieren. Unter anderem kappt er alle ihre finanziellen Quellen und engagiert eine loyale Spionin als Begleiterin. Vergebens: 7 Monate lang hält es Clara in Paris aus, und sie zieht anschliessend zu ihrer Mutter nach Berlin.

Clara – die Persönlichkeit der jungen Frau

Clara ist nun 20 Jahre alt, und wir nehmen eine reife Persönlichkeit wahr, die unerschrocken Widrigkeiten aushält und sich mutig ihrem Schicksal entgegenstellt.

Robert hatte bereits bei der 11-jährigen konstatiert, dass sie sehr aufgeweckt und beinahe erwachsen sei. Auch gegenüber dem 10 Jahre älteren Schumann zeigte sich Clara in dieser Zeit selbstsicher und auf Augenhöhe. Selbstbewusst gibt sie ihrem Verlobten in den Briefen Instruktionen, wie er sich gegenüber dem Vater zu verhalten habe.

Sicher hat ihre Mutter als Vorbild gedient, die im Fehlverhalten Wiecks konsequent den Weg der Scheidung durchgezogen hatte.


Robert empfindet Clara gelegentlich als furchteinflössend, in einem Brief vermerkt eine Begebenheit im Haus Wieck. Er wurde Zeuge, wie Wieck während des Klavierunterrichts einen seiner Söhne auf übelste Art und Weise zur Schnecke gemacht machte. Fassungslos beobachtete er anschliessend wie Clara darauf seelenruhig eine Sonate zum besten gab.

Clara ist bereit Robert Grenzen aufzuzeigen. Als Schumann sie in einem Brief von oben herab „Kind“ nennt, antwortet sie ihm:

„Im Ernst aber, bin ich ein kleines Kind, das sich zu dem Altar führen läßt wie zur Schule? Nein, Robert! Wenn Du mich Kind nennst, das klingt so lieb, aber wenn Du mich Kind denkst, dann tret' ich auf und sage: ‚Du irrst!‘“

Hinter der erfolgreichen Künstlerin und unerschrockenen Frau steckt auch eine verletzliche Person. Trotz ihrer Triumphe blieb sie lebenslang vom Lampenfieber geplagt, stets fürchtete sie, nicht zu genügen. So nervös sie vor Auftritten war, genauso viel brauchte sie die Bestätigung der gefeierten Klavierspielerin.


Vor Gericht mit Vater und Heirat mit Robert


Da Wieck sich weiterhin mit Vehemenz einer Einwilligung zur Heirat verweigerte, gingen Robert und Clara vor Gericht. In einer einzigartigen, einjährigen Schlammschlacht bezichtigte Wieck Robert in Anklagedokumenten abwechselnd als Alkoholiker, Irrsinnigen, Mittellosen und Mitgiftjäger.


Am wichtigsten war, dass Robert gegenüber dem Gericht seine finanzielle Unabhängigkeit beweisen konnte, denn mittlerweile war er ein erfolgreicher Verleger und Autor seiner neu gegründeten Musikzeitschrift, und er finanzierte die Ausgaben Claras während dieses Jahres, da der Vater allen Zugang zu Vermögenswerten Claras gekappt hatte.


Im September 1840 schliesslich heirateten Robert und Clara in der Schönefelder Kirche in Leipzig. Sie verbrachten ihre ersten vier Ehejahre im Haus an der Inselstraße 18, welches heute ein grossartiges Schumann-Museum ist. Rasch wurde es zu einem kulturellen Zentrum der Stadt, und die beiden empfingen berühmte Persönlichkeiten wie Franz Liszt, Richard Wagner, Hector Berlioz und ganz besonders gerne Felix Mendelssohn.

Die Euphorie der Heirat löste im manischen Robert im Jahr 1840 einen wahren Schaffensrausch aus, und das Jahr wurde zum sogenannten Liederjahr.


Clara musste sich in das Leben einer Hausfrau eingewöhnen, was ihr sichtlich schwerfiel. Besonders, dass sie ihr Klavierspiel massiv einschränken musste, war für sie ein grosser Schlag.

Zur beider Freude wurden sie im Folgejahr Eltern der Tochter Marie.


Clara Schumann mit Tochter Marie
Clara Schumann mit Tochter Marie

Auf Roberts Wunsch hin führten die beiden ein Ehetagebuch, in das beide abwechselnd ihre Gedanken und Wünsche eintragen konnten. Es entsprach dem romantischen Ideal einer verschmolzenen Künstler- und Seelengemeinschaft. Dank diesem einzigartigen Dokument wissen wir viel über die Gedanken der beiden Eheleute.


Clara und Roberts Ehe: Seelenverwandte im Clinch


Wie erging es Clara in diesen Jahren der Ehe mit Robert?


Dazu gibt es in der Literatur unterschiedliche Deutungen, sie reichen von einer glücklichen Künstlerehe bis zu einer toxischen Beziehung.


Robert und Clara Schumann
Robert und Clara Schumann

Wir können sicher davon ausgehen, dass Clara in ihrer Ehe und künstlerischen Entwicklung in diesen wichtigen Jahren sowohl Hochgefühle als auch tiefe Frustrationen erlebt haben muss.

Auf der positiven Seite ist zu vermerken, dass sich Claras Kompositionen dieser Jahre weg von der reinen Virtuosität hin zur Musik mit echtem Tiefgang entwickelten.

Roberts Liederjahr lenkte Claras Interesse dem Lied zu. Clara selbst hatte bei einem italienischen Belcantosänger jahrelangen Unterricht genossen. Sie hatte in ihrer Dresdener Zeit Wilhelmine Schröder-Devrient gehört, und die Wärme ihrer Interpretationen wurde zu einem Vorbild.


Robert unterstützte sie bei diesem musikalischen Reifeprozess nach Kräften. Dieser Prozess manifestierte sich als Erstes in ihren Liedkompositionen:

Liedbeispiel: AM STRANDE


Der literarisch hochgebildete Robert ermunterte Clara auch, ihren künstlerischen Horizont zu erweitern. Er ermunterte Clara, die unter ihrem Vater vernachlässigte Allgemeinbildung nachzuholen. Trotz grösster Belastung begann Clara zu lesen, und sie konnte die Früchte in Form von wundervollen Interpretationen von Gedichten in ihren Liedern ernten.

Hören wir einen Auszug aus der Lorelei, wo sie mit hämmernden Triolen die Beklemmung des Gedichtes von Heine intoniert:

Liedbeispiel: LORELEI


Auf der anderen Seite fühlte sich Robert von seiner Frau bedroht. In der Erwartungshaltung der damaligen Gesellschaft hatte der Mann der alleinige Ernährer zu sein und das Oberhaupt der Familie. Roberts Versuche, Claras Wirkungskreis auf den Haushalt zu richten, standen im krassesten Kontrast zu Claras Wunsch, zu konzertieren und zum Familieneinkommen beizusteuern, was sie ja seit vielen Jahren in ihrer Familie getan hatte.

Mit diesem Umstand allein hätte Clara vermutlich recht gut umgehen können, denn Schwierigkeiten mit einem männlichen Dominanzanspruch war sie vom Umgang mit ihrem Vater gewohnt.

Doch Roberts Erwartungen entsprangen nicht nur dem Zeitgeist. Wir müssen uns vergegenwärtigen, dass er in diesen Jahren kaum als Komponist bekannt war, und er war sicher sehr eifersüchtig auf die Wertschätzung, die Clara in der Öffentlichkeit erfahren hatte und bei zukünftigen Konzerten haben würde. Diese Eifersucht war sicher eine Triebfeder seines Handelns, und der Gedanke, nur der zweite der Schumanns zu sein, war für ihn schwer zu ertragen. Dies sollte sich dann nicht zuletzt in schweren Depressionsanfällen in späteren gemeinsamen Konzertreisen äussern, wie beispielsweise in der vielzitierten Russlandtournee 1844.


Emanzipation


Clara konnte sich bald von ihrem Mann emanzipieren. Der Auslöser waren die wirtschaftlichen Verhältnisse. Der grossbürgerliche Lebensstil und die wachsende Kinderschar erforderten beträchtliche Mittel, und Robert gelang es nicht, eine angestrebte Position im Leipziger Kulturleben zu erwerben.

Dies war der Rettungsanker für Clara, und sie begann 1841 wieder zu konzertieren. Es war für sie eine grosse Befreiung, trotz grosser Belastung wieder die Wertschätzung des Publikums zu erfahren. Für Clara war dies ein unausweichlicher Schritt, sie bekannte später:

»Die Ausübung der Kunst ist ja ein großer Teil meines Ichs, es ist mir die Luft, in der ich atme.«

Roberts Stimmungsschwankungen verstärkten sich, und die beiden beschlossen, nach Dresden umzuziehen. Robert hoffte in der Residenzstadt auf bessere Chancen auf eine Position, und für Clara eröffnete sich die Möglichkeit, im geräumigen Dresdener Hause wieder jederzeit Klavier spielen zu können, ohne dass sie auf ihren Mann Rücksicht nehmen musste.

Doch für Robert öffneten sich keine Türen. Im Gegenteil, die konservative Stadt Dresden bot nicht die Fülle von Gelegenheiten. Die entstehenden Stimmungsschwankungen belasteten die Beziehung weiter.

Neben der wirtschaftlichen Emanzipation folgte nun auch die Emanzipation als Komponistin. Mit der Komposition ihres Trios op. 17 schuf sie ein Werk in einer Gattung, die ihr Mann erst ein Jahr später betreten sollte.


Claras Absicht war eindeutig: sie wollte in einem Feld tätig werden, in dem sie sich nicht dem Vergleich mit seinen Werken aussetzen musste. Sie zweifelte stets an ihrem Stellenwert als Komponistin. Das zeigte sich, als Robert seinerseits begann, Trios zu schreiben. Sofort empfand Clara ihr eigenes Werk als „gar weibisch sentimental“.



Krisenjahre in Düsseldorf

Mittlerweile hatte Clara 6 Kindern das Leben geschenkt, wovon ein Kind früh gestorben ist. Die vielköpfige Familie zog 1850 nach Düsseldorf, denn endlich hatte Robert eine Anstellung als Städtischer Musikdirektor erhalten.

Die ersten Monate der Beziehung Schumanns mit dem Orchester waren herzlich, doch bald stellte sich auf beiden Seiten Frustration ein. Schumann beklagte sich über die nach seiner Meinung „rheinische Schlamperei“ der vornehmlich von Laien besetzten Chöre und Orchester, und die Musiker beschwerten sich über die schwierige Person Schumanns und den unkommunikativen Orchesterleiter. Robert verlor zunehmend den Rückhalt von Leitung und Personal.

Zwar versuchte Clara verzweifelt, bei Proben zeitweise zu assistieren, doch nach wenigen Jahren wurde Schumann nur mehr die Leitung bei der Darbietung der eigenen Werke erlaubt.

Schumanns geistige Verfassung verschlechterte sich zunehmend, einzig eine gemeinsame triumphale Konzertreise nach Holland vermochte das Paar aufzumuntern.


Brahms, Claras annus mirabilis und Roberts Dämmerung und Tod

In diesen Krisenmonaten erschien der 20-jährige Brahms auf der Türschwelle der Schumanns. Die beiden waren überwältigt von dem jungen Künstler und schlossen ihn sofort in ihr Herz.


Brahms durfte im lebhaften Haushalt ein Zimmer beziehen. Clara und Robert empfanden Brahms' Musik als Offenbarung, und inspiriert vom jungen Komponisten begann Clara fieberhaft zu komponieren. Das Jahr 1853 sah die Schöpfung von mehr als einem Dutzend Stücken, darunter das poetische Andante aus op. 22:

Musikbeispiel: Romanze op. 22, Andante

Noch einmal beflügelte die Anwesenheit des jungen Brahms Robert, doch der Absturz Roberts war umso heftiger. Nach dem Sprung in den Rhein 1854 folgten 2 dunkle Jahre Roberts in der Bonner Heilanstalt. Auf Anordnung der Aerzten wurde Clara bis kurz vor dem Tod der Besuch untersagt.


Unterstützt von Brahms und Joseph Joachim, musste Clara nun mit intensiver Konzerttätigkeit beträchtliche Mittel erwirtschaften.

1856 starb Robert Schumann.



Die neue Clara

Clara war sich während des Klinikaufenthaltes klar geworden, dass sie ihre Zukunft ohne ihren Mann planen musste. Am Schluss dieser Zeit stand eine neue Clara Schumann:

Mit dem Tod Roberts verstummte die Komponistin: Sie wollte ihre künstlerische Tätigkeit, aus welchen Gründen auch immer, auf die Konzerttätigkeit fokussieren.

Die 37-Jährige beschloss, sich nie mehr auf einen Mann zu verlassen, weder auf einen Ehemann noch auf einen Impresario. Alles, was sie nun anpackte, tat sie als Frau, die ihre Karriere selbst in die Hand nimmt.


Sie beschloss, ihr Repertoire auf wenige Komponisten zu reduzieren: Chopin, Beethoven und vor allem Robert Schumann.

Die frenetische Tournee Tätigkeit von Clara Schumann

Sie war bereit, für ihre Familie allein Verantwortung zu übernehmen, aber nicht mehr in einem gemeinsamen Haushalt. Sie verteilte nun ihre Kinder auf befreundete Familien respektive angesehene Internate.

Kinder von Clara Schumann (ohne Julie)
Kinder von Clara Schumann (ohne Julie)

Als äusseres Zeichen dieser Wandlung trat Clara in der Öffentlichkeit nur mehr in Witwenkleidung des 19. Jahrhunderts in Erscheinung.


Die neue Clara Schumann
Die neue Clara



Mit dem Tode Chopins und dem Rückzug Liszts wurde Clara Schumann eine der führenden Klaviervirtuosinnen und bereiste in den nächsten 20 Jahren unermüdlich den europäischen Kontinent.



Claras Kinder

Robert hinterliess 7 lebende Kinder. Mit viel Sorgfalt platzierte Clara alle Kinder an geeigneten Orten. Gelegentlich wohnten einzelne Kinder bei ihr zu Hause, doch Clara war sich jederzeit bewusst, dass dies jeweils nur Übergangslösungen waren, denn meist war sie auf Konzertreisen.


Lediglich in den Sommermonaten traf sich die Familie in einem Haus in Baden-Baden, das Clara erwerben konnte, wo die grosse Familie jährlich glückliche Monate verleben konnte.

Kinder in Baden-Baden (nicht vollständig)
Kinder in Baden-Baden (nicht vollständig)

Oft war Brahms ein beliebter Gast im Hause der Schumanns.


Der ältesten Tochter Marie oblag es ab ihrem 20. Jahr, eine Art Ersatzmutter zu sein. Mehr und mehr unterstützte sie ihre Mutter, und sie wurde zur Begleiterin und Assistentin ihrer Mutter.





Clara und Marie Schumann
Clara und Marie Schumann

Die drittälteste Tochter Eugenie war eine ausgebildete Konzertpianistin, und sie zog zusammen mit ihrer Lebensgefährtin in den siebziger Jahren zu Clara nach Frankfurt, wo sie zusammen mit ihrer Schwester Marie und der Mutter Mitglied der verschworenen Truppe der Schumann-Frauen wurde.

Eugenie Schumann
Eugenie Schumann

Die Sorgenkinder Claras waren Ludwig und Felix.

Felix war der empfindsamste der Schumann-Kinder. Seine Tragik war, dass er seinen künstlerischen Neigungen nicht nachgehen konnte. Clara blieb hart und wollte ihn in seinen Ambitionen nicht unterstützen.

Felix Schumann
Felix Schumann


Sie war von seinem literarischen Talent nicht überzeugt und verbat es ihm, unter dem Namen Schumann zu publizieren. Er genoss einen gewissen Rückhalt seines Patenonkels Brahms, der Gedichte von ihm vertonte. Erschwerend kam hinzu, dass Felix 18-jährig an Tuberkulose erkrankt war und gesundheitlich angeschlagen war. Er verstarb noch nicht dreissigjährig, was seine Mutter in eine schwere Depression trieb.


Sein Bruder Ferdinand litt wie sein Vater unter psychischer Labilität. Das erschwerte seine Ausbildung, und im Zuge einer Behandlung aufgrund der psychischen Belastung des Militärdienstes wurde er morphinsüchtig. Er verstarb 42-jährig und hinterliess eine siebenköpfige Familie, für die Clara die Verantwortung übernahm.


Ferdinand Schumann
Ferdinand Schumann


Die reife Künstlerin, Beziehung zu Brahms (?)


Clara Schumann war nun eine europaweit gefeierte Künstlerin, die viele glanzvolle Momente erleben durfte und in allen Königshäusern Europas zu Gast war. London und England wurden zu ihrer beliebtesten Station, und ihre fast 20 Tourneen in Grossbritannien wurden zu wahren Triumph-Fahrten.


Die wichtigste künstlerische Beziehung pflegte sie zu Johannes Brahms und Joseph Joachim.

Über ihre Beziehung zu Brahms ist viel gerätselt worden. Hatten sie nach Schumanns Tod eine Liebesbeziehung? Wir wissen es nicht. Sie hat später ihre Briefe von Brahms zurückverlangt und die meisten vernichtet.

Pikanterweise schwärmte er später für Claras Tochter Julie und schrieb, auf Wolke sieben schwebend, die sogenannten Liebeslieder-Walzer. Geschockt musste er aber erfahren, dass Julie sich verlobt hatte. Seine Schmerzen verarbeitete er mit der düsteren „Alt-Rhapsodie“, basierend auf Goethes Textvorlage, die mit den Worten „Aber abseits, wer ist's?“ beginnt und das Leben eines Einzelgängers thematisiert.


Julie Schumann
Julie Schumann

Clara blieb ihr Leben lang in engem Kontakt mit Brahms. Auch wenn Brahms mit zunehmendem Alter gelegentlich griesgrämig werden konnte und Clara zeitweise Abstand suchte, schickte er ihr jedes Werk zu und erwartete ihre ehrliche Meinung.

Clara und Johannes war eine romantische Kunstauffassung gemeinsam, die beiden den Ruf als „Konservative“ eintrug. Ihnen gemeinsam war die Ablehnung der Musik Liszts und Wagners. Auf das Erlebnis von Wagners „Tristan“ reagierte sie mit den Worten, „dies sei das Widerlichste, was sie je in ihrem Leben gesehen oder gehört habe.“


Zum zweiten wichtigsten künstlerischen Gefährten wurde der Geiger Joseph Joachim. Joachim war einer der wichtigsten ausübenden Künstler des 19. Jahrhunderts. Er war langjähriger Konzertmeister Liszts in Weimar, ein persönlicher Freund Brahms', und der zwölf Jahre Jüngere war zur Stelle, um Clara zu unterstützen, als Robert in die Klinik eingewiesen wurde. Aus Dankbarkeit hatte Clara ihm die Romanze op. 22 gewidmet. Ab den sechziger Jahren wurde er zu einem häufigen musikalischen Partner auf Claras Konzertreisen.


Joseph Joachim und Amalie Schneeweiss
Joseph Joachim und Amalie Schneeweiss



Interessanterweise heiratete Joachim die Konzertsängerin Amalie Schneeweiss und wollte ihr die Auftritte im Zuge der Eheschliessung untersagen. Clara rettete Amalie, indem sie Joachim bat, Amalie begleiten zu dürfen. Joachim konnte nicht nein sagen, und die beiden wurden häufige gemeinsame Interpreten an Liederabenden.



Beginnende gesundheitliche Probleme und Professur für Klavierlehre


Ab den siebziger Jahren begannen gesundheitliche Probleme, Clara zu plagen. Auslöser waren rheumatische Anfälle, zuerst im Arm und später an den Füssen.

Clara begann nun, ein zweites Standbein als Professorin für Klavier aufzubauen. Ihre beiden Töchter Marie und Eugenie unterstützten sie als Angestellte des Konservatoriums. Alle Bewerbenden für ein Studium bei Clara mussten eine Vorausbildung bei den Töchtern durchlaufen, und die geeigneten waren bereit für das Einzelstudium bei Clara.


Clara Schumann mit Marie (links) und Eugenie (neben Clara)
Clara Schumann mit Marie (links) und Eugenie (neben Clara)

Clara unterrichtete dabei mehrere Dutzend Schülerinnen, darunter namhafte Pianistinnen wie beispielsweise Adelina de Lara, die Jahre später über den Unterricht bei Clara berichtete.



Letzte Lebensjahre und Tod

Neben ihrer Professur behielt Clara ihre intensive Konzerttätigkeit bei, die sie bis wenige Jahre vor ihrem Tod fortsetzte.


Eine Beziehung ist sie nach Robert nie mehr eingegangen. Eine Ausnahme bildete eine kurze Romanze anfangs der sechziger Jahre, die sie aber aufgrund der Spielsucht des Mannes nach wenigen Monaten abbrach.

Neben ihren Töchtern blieben Freundinnen wie die Schwester List und Künstlerkolleginnen wie Pauline Viardot und die besagten Brahms und Joachim die wichtigsten Bezugspersonen. Neben der grossen Verwandtschaft pflegte Clara einen riesigen Bekanntenkreis in ganz Europa, von dem die über 10.000 Briefe zeugen, die sie verfasst hat.

In den letzten Lebensjahren prasseln Ehrungen wie warmer Regen auf die sichtlich gerührte Clara. Doch ihr Leben wird getrübt von den Verlusten ihrer Kinder Felix, Ferdinand und Julie, die sie erleben muss, und den zunehmenden rheumatischen Beschwerden.

Dazu kommt ein wachsendes „Kopfleiden“, welches zu Schwerhörigkeit führte.

Im März 1896 erleidet Clara einen schweren Schlaganfall und stirbt am 20. Mai im Alter von 76 Jahren an einem weiteren Anfall. Im Beisein von Brahms wird Clara neben Robert in Bonn begraben.

Erschüttert schreibt Brahms seine vier ernsten Gesänge und folgte 1 Jahr später Clara. 

CLARA SCHUMANN - BIOGRAFIE



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Clara Schumann


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