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Maurice Ravel - Biografie: Seine Orte, seine Musik und sein Leben

  • peter
  • vor 11 Minuten
  • 16 Min. Lesezeit
Maurice Ravel  - Biografie
Maurice Ravel - Biografie



Ravel kämpfte nie um Anerkennung und er mied konsequent das Scheinwerferlicht. Sein Werk umfasst nur wenig mehr als 70 originale Kompositionen, aber beinahe alles was er für Klavier oder Orchester schrieb, eroberte dank ihrer Klangmagie einen festen Platz im Konzertleben und sicherte ihm einen Platz unter den grossen Komponisten.


Und trotzdem bleibt seine Persönlichkeit verborgen unter einem seltsamen Geflecht von Anekdoten und Verschrobenheiten.


Wer war Maurice Ravel. Welche Menschen und Orte prägten ihn. Eine biografische Annäherung an den Jahrhundertkomponisten aus Frankreich.

 


Doku Johann Strauss (Video):

Maurice Ravel - Biografie

 


Maurice Ravel - Biografie



Famile und Hernkunft


Der Vater stammte aus dem schweizerischen Versoix und war ein erfinderischer Ingenieur. Sein Herzensprojekt, in das er viel Zeit und Geld investierte, war die Weiterentwicklung des Gasmotors. Mit dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 zerschlugen sich jedoch seine Hoffnungen, dieses Projekt jemals vollenden zu können.


Ravel als 6-Jähriger
Ravel als 6-Jähriger

Er hielt sich aus beruflichen Gründen zeitweise in Spanien auf und lernte die Baskin Marie Delouart kennen, die im französischen Baskenland im Hafenstädchen Ciboure aufgewachsen war. Das Paar heiratete 1873 und ließ sich zunächst in Ciboure nieder, wo wenig später ihr erstgeborener Maurice zur Welt kam.


Ein Leben als Künstler war Ravel nicht in die Wiege gelegt. Allerdings scheint in der Familie seines Vaters eine gewisse künstlerische Begabung vorhanden gewesen zu sein. Dessen Bruder war Maler, und von ihm stammt vermutlich auch ein Porträt von Ravels Mutter Marie.

Kindheit in Paris


Noch im Jahr von Maurices Geburt zog die Familie nach Paris, wo der Vater eine Anstellung gefunden hatte. Drei Jahre später kam dort Ravels Bruder Édouard zur Welt.

Die fürsorglichen und kultivierten Eltern verkehrten häufig in Künstlerkreisen. Sie erkannten früh Maurice´ musikalisches Talent und förderten seine ersten Schritte.


Mit sechs Jahren erhielt Maurice ersten Klavierunterricht. Um den Fleiß des Jungen anzuspornen, zahlte ihm der Vater für jede Stunde, die er mit Üben verbrachte, einen kleinen Geldbetrag.


Wahrscheinlich weckte er in Maurice auch die Begeisterung für technische Spielereien. Jahrzehnte später setzte Ravel diesen kleinen Wundern mit seiner Oper *L'Enfant et les Sortilèges* eine liebevolle Hommage – ein Hinweis darauf, wie sehr ihn Spielzeuge und mechanische Gegenstände sein Leben lang faszinierten.


Maurice machte rasch Fortschritte und erhielt bereits mit zwölf Jahren professionellen Unterricht in Harmonielehre.

Einen einzelnen prägenden Lehrer gab es in diesen frühen Jahren allerdings nicht. Da die Familie mehrfach umzog, wechselten auch seine Musiklehrer.

Seine musikalische Entwicklung verlief deshalb etwas unstet, und darüberhinaus galt Maurice nicht gerade als besonders fleißiger Schüler. Dennoch durfte er bereits mit vierzehn Jahren mit einem Werk von Moscheles öffentlich auftreten und bewies dabei eine beachtliche pianistische Technik.



Wichtige Inspirationen der Jugend: Russische und Spanische Musik


In diesem Alter empfing der heranwachsende wichtige Inspirationen.

Besonders einprägsam war für den 14-jährigen der Besuch der Weltausstellung 1889 in Paris.


Diese Weltschau brachte den Besuchern die Musik der ganzen Welt näher. Wie Debussy liess sich Ravel inspirieren und die Besuche gaben seiner Musik nachweislich Impulse durch deren außereuropäische Klänge. neben den gamelan klängen hörte er russische Musik dirigiert von Rimsky-Korsakoff. Besonders die Musik Mussorgskys sollte ihn ein Leben lang begleiten und die Instrumentierung dessen Bilder einer Ausstellung 30 Jahre später wurde zu einem der berühmtesten Werken Ravels




Spanische Musik spielte später in Ravels Werk eine wichtige Rolle, von seiner Mutter erhielt Maurice aber nur einzelne musikalische Impulse aus dem Baskenland. Sie kannte zwar einige baskische Melodien und summte sie gelegentlich, doch spanische Musik spielte im Elternhaus kaum eine Rolle.


Sein Vater, der ein begabter Amateurmusiker war, nahm den jungen Maurice häufig mit in Konzerte. Vermutlich begegnete er dort Künstlern wie Pablo de Sarasate oder Pauline Viardot-García.

Pablo de Sarasate
Pablo de Sarasate

Vor allem Sarasate sollte einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Joseph Ravel hatte den Geiger bereits während seiner Zeit als Eisenbahningenieur in Spanien kennengelernt und der junge Maurice befasste sich intensiv mit Sarates Musik.

Viele Musikwissenschaftler sehen deshalb einen direkten Bezug zwischen Ravels *Tzigane* und Sarasates berühmten *Zigeunerweisen* op. 20. Beide Werke beginnen mit einer ausgedehnten, melancholischen Solokadenz der Violine und münden schließlich in einen rasenden Schlusstanz.




Schwierige Konservatoriumsjahre


Mit dreizehn Jahren komponierte Ravel einige kleinere Stücke und bewies den Eltern und Lehrern, dass er reif für eine höhere Musikausbildung war.

In dieser Zeit lernte Ravel Ricardo Viñes kennen, wie Ravel ein junger Klavierschüler. Ihre Freundschaft hielt ein Leben lang. Viñes wurde später einer der wichtigsten Interpreten von Ravels Klavierwerken.


Gemeinsam beschlossen sie, an der Aufnahmeprüfung für das Pariser Konservatorium teilzunehmen. Viñes wurde aufgenommen. Ravel erreichte nur einen Teilerfolg – es reichte für die Vorbereitungsklasse. Zwei Jahre später wurde er in die Klavierklasse von Charles de Bériot aufgenommen.

Vines, Ravel und Beriot im Konservatorium
Vines, Ravel und Beriot imK onservatorium


Bériot hielt viel von Ravels Talent, aber wenig von seinem Fleiß. Beim Abschluss warf er ihm bitter vor, als Letzter der Klasse abgeschlossen zu haben – er, der eigentlich als Bester hätte abschließen müssen.


Sein einflussreichster Lehrer war André Gedalge. In der Kontrapunktklasse war Gedalge ein Glücksfall für Ravel. Im Gegensatz zu vielen dogmatischen Kollegen gab er den Studenten

Raum für einen persönlichen Stil.


Gedalges Lehre prägte ihn nachhaltig. Die Überzeugung, dass ein Komponist sich nur dann Freiheiten erlauben könne, wenn er sein Handwerk vollständig beherrsche, sollte zu einem Grundprinzip von Ravels eigener Ästhetik werden.

Das Streben nach Perfektionismus motivierte Ravel trotz allen Schwierigkeiten, bis zu seinem 28. Lebensjahr am Konservatorium Unterricht zu nehmen. Dies zeigt, dass er vielleicht kein besonders fleißiger, aber durchaus ein sehr interessierter Student war.



Erste Werke – Weg zum Komponisten


Lange Zeit sah Ravel seine musikalische Zukunft vor allem als Pianist. Deshalb gibt es aus seinen ersten zwanzig Lebensjahren nur wenige Kompositionsversuche.

Vines und Ravel schwärmten für die Musik Chabriers und dessen spanischen Exotismus. Inspiriert von Chabrier schrieb Ravel seine Habanera, ein Klavierkomposition zu vier Händen.


Das Werk erfreute sich bald großer Beliebtheit, auch wenn Ravel später bemängelte, dass es allzustark von der Musik Chabriers beeinflusst war.



Jeux d´eaux - Das erste Meisterwerk


1899 erlitt Ravel zunächst einen Rückschlag. Er präsentierte sein erstes Orchesterwerk, die Ouvertüre Shéhérazade, und musste bei der Aufführung Buhrufe hinnehmen.

Die Kritiker erkannten zwar auch positive Aspekte, doch Ravel selbst war sich der Schwächen des Werkes bewusst.

Der Durchbruch gelang ihm zwei Jahre später mit Jeux d’eau.



Jeux d´eaux bildete für die französische Musik ein wichtiger Meilenstein. Das Werk steht eindeutig unter dem Einfluss von Franz Liszts „Les Jeux d’eau à la Villa d’Este“. Doch während bei Liszt noch die rauschende Klangwelt der Hochromantik dominiert, verwandelt Ravel das Wasser in ein raffiniertes Spiel aus Licht, Bewegung und Klangfarben.


Der Einfluss des Werks war ungeheuer., alle erkannten das Neue, selbst Debussy schien in seinen Estampes und Reflets dans l’eau seinem jüngeren Kollegen nachzueifern.



Die Persönlichkeit Ravels


Viele flüchtige Bekannte empfanden Ravels Persönlichkeit als seltsam. Selbst für viele langjährige Freunde blieb das Innere von Ravel verborgen. Zwar hatte er gepflegte Umgangsformen, war gesellig und hatte eine grossen Freundeskreis, doch stets hielt er Distanz, auch gegenüber engen Freunden.


Sein Professor Faure ermöglichte Ravel Zutritt zu den mondänen Salons des damaligen Paris. Über die Erlebnisse spottete Ravel zwar gemeinsam mit Viñes, aber als mittlerweile ausgeprägter Dandy konnte er den Abenden dort auch etwas abgewinnen.

Ravel als Dandy
Ravel als Dandy

Seine im Salon kultivierten, blasierten, zynischen Auftritte mit plissiertem Hemd und Monokel irritierten sogar seinen besten Freund Viñes.


Seine gute Bekannte Marguerite Long beschrieb ihn wie folgt:


„Er war so etwas wie ein Dandy … Er kleidete sich sehr sorgfältig und hatte eine Vorliebe für schöne Krawatten, deren Auswahl oft Gegenstand endloser Diskussionen war. Diese … akribische Eleganz halfen Ravel dabei, ein bestimmtes Erscheinungsbild zu schaffen und die Maske zu tragen, mit der er stets jeden Eingriff in seine Privatsphäre abwehrte.“

“Il est extrêmement coquet … Sa toilette est toujours très étudiée et il a un penchant pour les belles cravates dont le choix fait l’objet de discussions sans fins. Ce dandysme aigu du début et l’élégance toujours méticuleuse et préoccupée qui suivit procuraient à Ravel une part de cet artifice qui lui était nécessaire pour se créer une apparence, pour porter ce masque dont il usa constamment pour déjouer tout investissement de son intimité.”


Ein Biograf brachte es später treffend auf den Punkt:


„Ravel ist und bleibt ein Rätsel.“Ravel 1907


Prix de Rome


Zwischen 1900 und 1905 bewarb sich Ravel insgesamt fünfmal um den prestigeträchtigen Prix de Rome. Jedes Mal scheiterte er.


Zwei dieser Wettbewerbsteilnahmen führten zu regelrechten Katastrophe:


Im Jahr 1901 erhielt Ravel bei einem Fugenwettbewerb des Konservatoriums null Punkte. Der Konservatoriumsleiter Dubois urteilte: „Unmöglich, wegen schrecklicher Nachlässigkeiten in der Schreibweise.“ Ravel wurde aus der Kompositionsklasse Faurés ausgeschlossen.

1904 nahm Ravel erneut am Wettbewerb teil – diesmal als externer Kandidat. Die Jury schloss jedoch den eingereichten ersten Satz seines Streichquartetts aus, da er angeblich gegen die akademischen Kompositionsregeln verstoßen habe.


Dieser Ausschluss entwickelte sich zur Affaire und wühlte halb Frankreich auf. Viele prominente Komponisten und Kritiker wiesen auf den Misstand hin, dass einem renommierten Musiker die verdiente Auszeichnung verwehrt wurde und der Konservatoriumsdirektor muss im Zuge der Angelegenheit sogar zurücktreten.




Mystizismus und Symbolismus – die französische Spätromantik


In deutschsprachigen Europa hatte sich mittlerweile die spätromantische Musiksprache durchgesetzt.

Richard Strauss und Gustav Mahler führten die Tradition Wagners mit riesigen Orchestern und extremen dynamischen Steigerungen weiter.


Die Französischen Künstler brachen in den neunziger Jahre mit der hochromantischen Musiksprache Wagners. Die Musik der französischen Komponisten wurde sinnlich, subtil und bestach durch feine Nuancen, getragen vom stetigen französischen Streben nach Eleganz.

Ravel und Debussy fanden Inspiration im literarischen Symbolismus. Die Symbolisten wollten Dinge nicht mehr direkt aussprechen. Statt klarer Aussagen suchten sie Andeutungen, geheimnisvolle Bilder und eine Atmosphäre des Unausgesprochenen.


Das emblematischte und wegweisendste musikalische Werk dieser Periode war Debussys Oper „Pelleas“. Debussy, der selbst lange Zeit ein Wagneriste war, verliess mit seiner Oper endgültig das Wagnersche Pathos des Musiktheaters und seine Theatermusik mündete in die mystische Märchenwelt des Symbolismus. Sein Ideal war eine Oper, in der die „Figuren nicht diskutieren, sondern ihr Leben und Schicksal erleiden“.


Der wichtigste Vertreter des litterarischen Symbolismus war Stephane Mallarme. Er gehörte zu den Lieblingsschriftstellern von Ravel. Bereits sechs Jahre vor dem Pelleas hatte Ravel mit „Sainte“ ein Gedicht Mallarmes im Geiste des Symbolismus vertont, es wurde für Ravel zu einem Versuchslabor.

Stephane Mallarme
Stephane Mallarme


Ein zeitgenössischer Musikwissenschaftler beschrieb das Werk als eine „Prozession von teilnahmslosen, verträumt nebeneinandergestellten Akkorden“


Ravels Interesse für den Symbolismus verstärkte sich 1899 gar noch, als er Eric Satie kennenlernte, der ein persönlicher Freund Mallarmes war.

Besonders die Mystik des Mittelalters hatte einen magische Anziehungskraft auf die Symbolisten. In diesem Jahr 1899 schrieb Ravel seine Pavane, bei der Pavane handelte es sich um ein Schreittanz, welcher im 16. Jahrhundert in Spanien sehr beliebt war und Ravel kombinierte seine Vorliebe für spanische Musik mit Harmonien, die eine archaische Färbung erzeugten.



Apatschen und „Miroirs“


In dieser Zeit bildete sich ein grösserer Freundeskreis um Ravel und Vines. Dieser Kreis von avantgardistischen Künstlern nannte sich selbst „die Apatschen“ da sie wie „Stadtindianer“ durch das nächtliche Paris zogen und als sich den Konventionen entzogen. Man las gemeinsam Texte, musizierte und diskutierte. Sie wurden für Ravel ein kreatives Testlabor. Regelmässig nutzte Ravel die privaten Treffen, um neue, noch unveröffentlichte Kompositionen im geschützten Kreis vorzuspielen.

Ravel und die Apatschen
Ravel und die Apatschen

In dieser Zeit entstand Ravels wichtigster Liedzyklus, Shéhérazade. 15 Jahre nach der Expo 89 faszinierte Ravel noch immer das Orientalische. Er beschloss nun Gedichte seines Apatschenkollegen Tristan Klingsor zu vertonen. Immer wieder musste Klingsor Ravel die Gedichte vorlesen, damit der Perfektionist Ravel Rhythmus und Musik gestalten konnte. Für Ravel stand Textverständlichkeit an höchster Stelle. Er lehnte in urfranzösischer Manier die üppigkeit des Belcanto-Gesangsstil ab.


Zum emblematischten Werk Ravels aus der Zeit der Apatschen wurde der Klavierzyklus Miroirs (1905). Ravel widmete jeden der fünf wegweisenden Sätze dieses Werks einem anderen Mitglied der Apachen.

Mit den Miroirs veränderte sich die Musiksprache Ravels. Ravel selbst schrieb später, dass das Werk selbst bei seinen avantgardistischen Freunden auf Ablehnung stiess, was ihn kränkte.

Hören wir die Oiseaux Tristes.



Gaspard – Ravels Stil der Klaviermusik


Ravels philosophische Einstellung wurde stark durch den Symbolismus getrieben. Für diese wiederum spielte der mittelalterlichen Mystizismus eine wichtige Rolle. Der Schriftsteller Aloysius Bertrand war einer der Begründer dieses mittelalterlichen Mystizismus. Sein Hauptwerk „Gaspard de la nuit“ aus den 1830er Jahren gilt als Schlüsselwerk für die Entwicklung des Symbolismus.


Ravel vertonte 3 Gedichte aus dem Zyklus. Das erste Stück, Ondine ist recht repräsentativ für seinen Klavierstil.

Lange Zeit hatte Ravel mit dem Gedanken gespielt eine Pianistenlaufbahn zu verfolgen. Doch die Voraussetzungen waren nicht ideal.


Man bescheinigte Ravel zwar Wärme, Gefühl und Temperament, doch die Bravour anderer Mitschüler erreichte er indessen nicht. Vielleicht lag es an den körperlichen Voraussetzungen, denn Ravel hatte mit seiner Körpergrösse von 1 Meter 57 und lediglich 54 kg Körpergewicht nicht die ideale Körpergestalt für eine Virtuosenlaufbahn.


Es bereitete ihm beispielsweise Schwierigkeiten Oktavenpassagen zu spielen. Diese Schwäche war ihm ernsthaft bewusst: als er 1922 Rollen für Aeolian aufnahm liess er zwei der Stücke durch einen andern Pianisten aufnehmen. Er schrieb später in einem Brief, dass er für gewisse Stücke einen besseren Pianisten als er selber gesucht habe, in seinen Worten “un plus pianiste que moi”.


Robert Casadesus, der Pianist den Ravel wählte, erzählte später, dass Ravels Hände nicht genug gross waren, um in Passagen von Le Gibet die Tasten zu greifen.

Ein Bekannter beschrieb seine Haltung so:

„Er saß ein wenig unter den Klaviertasten. Er hielt die Hände nicht über der Tastatur, sondern fast darunter … was bewirkte, dass … in seinen Werken keine Passagen von Oktaven vorkamen … aber dafür bediente er sich seines außergewöhnlichen Daumens … Tatsächlich sieht man in seinen Klavierwerken den Daumen, der unter der Hand irgendein Thema spielt, während der Rest der Hand eine Begleitung ausführt.“


Konflikt mit Debussy


Die Uraufführung der Miroirs war der unmittelbare Auslöser eines bitteren Streits zwischen Claude Debussy und Maurice Ravel.

Ravel und Debussy
Ravel und Debussy

Debussys treue Anhänger liefen Sturm und warfen dem jüngeren Ravel vor, den atmosphärischen Stil seines älteren Kollegen dreist kopiert zu haben. Insbesondere der Musikkritiker Lalo machte Stimmung und schriebt: “die Ähnlichkeit ist so frappant, dass man gar nicht anders kann, als sie zu bedauern.“


Dies kam nicht von ungefähr, denn Debussy schrieb zuvor über Ravel:

“Ravel sei „äußerst talentiert“, aber ein „Zauberer oder vielmehr ein charmanter Fakir“.

Nun war es an Ravel sich zu wehren und er schrieb einen folgenreichenden Brief an den Lalo. Dort verstieg er sich in der Behauptung, er selbst habe diese moderne Art des Klavierspiels erfunden und Debussys „Pour le piano“ sei eine Kopie seines „Jeux d'eau“.

Nun war Debussy zutiefst gekränkt.


Trotz der Schlammschlacht in den Medien waren sich alle einig: die Unterschiede der Kompositionsstile waren enorm: Debussys Musik floss frei und verschwommen wie ein Gemälde, während Ravel seine Stücke präzise wie ein Uhrwerk konstruierte.

Die beiden grössten lebenden französischen Musiker fanden nicht mehr zueinander doch beide akzeptierten die Grösse des andern. Nach dem Tode Debussys vertonte Ravel sogar zwei Stücke von ihm.



Erste Theaterwerke


1907 nennt man das „spanische Jahr“, Ravel komponierte verschiedene grosse Werke mit Bezug zu Spanien, unter anderem beginnt Ravel die Arbeit an seinem ersten Theaterwerk „L´heure espanole“. Die mit 55 Minuten sehr kurze Oper. basiert auf einer gewagten Handlung und die Musik ist sehr szenisch.


Die Sänger sprechen mehr als sie singen und wirkliche Opernmusik ist erst im Finale enthalten. Die Uraufführung wurde ein Misserfolg. Man muss vermutlich konstatieren, dass Ravel kein Mann des Theaters war. Seine Persönlichste Musik finden wir in den Klavierwerken und den Orchesterwerken.


1909 beginnt Ravel an seinem ersten Ballett „Ma mere l‘ oye“. Zuerst erstellte er eine Fassung für Klavier und etwas später eine Fassung für Orchester. Zum ersten Mal zeigt Ravel in dieser Märchensammlung seine versteckte Kinderseele.

Vielleicht kommt der Hörer in keinem Werk der Ravelschen Seeele näher als im Jardin feerique, dem Zaubergarten, eine Musik mit einer ungeheuren Farbenpracht.



Daphnis et Chloe


1908 sah Paris den Beginn einer wichtigen Epoche. Der spätere Leiter der ballets russes, Serge Diaghilev produzierte in der französischen Hauptstadt die erste Aufführung von Mussorgskis „Boris Godunow“. Der Hauptdarsteller war Schaljapin, der im Jahr zuvor in Paris bereits Furore gemacht hatte.


Ravel, war vom Stück und von Schaljapin hin und weg und lernte Diaghilew kennen.

Diese Beziehung zahlte sich 4 Jahre später aus, als Ravel von den 1909 gegründeten Ballets russes den Auftrag bekam, ein Ballett zu schreiben.


Daraus entstand Ravels wichtigstes Werk für das Theater, „Daphnis et Chloe“.


Die Idee zu „Daphnis et Chloé“ stammte vom Choreografen Michail Fokin, Inspiriert von den Figuren auf attischen Vasen hoffte Fokin, das antike Griechenland so authentisch wie möglich darzustellen

Fokine schuf die Rolle des Daphnis für den Tänzer Nijinsky der zugleich Diaghilevs Geliebter war.

Mitglieder der Ballets russes
Mitglieder der Ballets russes

Pikanterweise choreografierte Nijinsky zur gleichen Zeit sein eigenes, von der griechischen Mythologie inspiriertes Erstlingswerk, L’Après-midi d’un Faune.

Nijinsky hatte einen genialen Einfall. Er inspiriert sich im Louvre von Figuren auf griechischer Vasen, deren Posen er nun zu imitieren versuchte und in Bewegung umzusetzen versuchte.

Als Tänzer des Fauns adaptierte auch dessen Costume und nutzte Make-up, um die sinnliche Natur des Fauns zu verkörpern.

Die Zusammenarbeit mit den Russen entpuppte sich sehr Spannungsreich, Diaghilew und Fokine waren von der musikalischen Umsetzung Ravels nicht überzeugt, und als Ravel Diaghilev die fertige Klavierpartitur von „Daphnis et Chloé“ vorspielte, sah er sich gezwungen dem Russen zu versichern, dass das Werk „mit Orchesterbegleitung und Chor besser klingen“ würde.


1912 fand die Uraufführung im Chatelet statt.


Ravel war unglücklich über die Einstudierung, einerseits ärgerte er sich über die Unstimmigkeiten der Produktion und andererseits standen die Arbeiten der Inszenierung im Schatten von Debussys „Preludes“, welche wenige Tage zuvor uraufgeführt wurden.


Diaghilew kürzte deswegen die Probenzeit für Daphnis, was den Unmut Ravels erzeugte.

Ravel weigerte sich an der Uraufführung gar vor den Vorhang zu treten und musste die kühle Aufnahme des Publikums zur Kenntnis nehmen. Es gab nur wenige Wiederholung und das Ballett wurde erst durch Ravels Orchestrierung als Suite wieder populär.


Trotzdem nahm Ravel sechs Jahre später einen weiteren Auftrag der Ballets Russes an, Aber auch diesmal war Diaghilevs Reaktion auf die Musik von „La Valse“ durchzogen: Er bezeichnete das Werk als „ein Meisterwerk, aber kein Ballett“. Damit endete die Zusammenarbeit Diaghilevs und Ravels.



Der Bruch des grossen Kriegs und der Tod der Mutter


Ravel war nun in der vordersten Reihe der lebenden Musiker, aber der 38-jährige lebt bescheiden mit seinem Bruder und seiner Mutter in Paris. Geld und Ruhm interessierte ihn wenig, er lebte für die Musik.


Mit dem Ausbruch des grossen Kriegs endete die produktivste Phase von Ravel.

Der mittlerweile 40-jährige Ravel wollte sich nützlich machen und bemühte sich eingezogen zu werden.


Ravel war als junger Mann wegen seiner geringen Körpergröße als dienstuntauglich eingestuft worden, nun wurde er nach langem Bewerben einem Sanitätsdienst-Regiment als Kraftfahrer zugeteilt.


So wurde er Zeuge der Grausamkeiten in Verdun. 1917 wurde er aus de Dienst entlassen und er konnte das Werk „le tombeau de Couperin“ beenden, dessen Sätze im Krieg gefallenen Kameraden gewidmet sind.


Der Rigaudon ist zwei Jugendfreunden Ravels gewidmetam ersten Tag ihrer Ankunft an der Front, von derselben Granate getötet wurden.

Die Pianistin Marguerite Long spielte die Erstaufführung dieses Werkes, dessen letztes Stück ihrem geffallenen Mann gewidmet ist.


Trotz seines Engagements in der Armee weigerte sich Ravel im Gegensatz zu Saint-Saens der antideutschen Liga beizutreten, die die Auführung deutscher Musik verbieten wollte.

1916 erkrankte Ravel an Ruhr und Während dem Genesungsurlaub in Paris starb Ravels Mutter, ein für Ravel unersetzlicher Verlust.


Er hatte bis dahin immer mit ihr unter einem Dach zusammengelebt. Aber auch ihr Tod konnte ihn nicht dazu bewegen, ein eigenes Domizil aufzuschlagen. Stattdessen zog er nach dem Krieg mit seinem Bruder Edouard zusammen. Als dieser aber 1920 überraschend heiratete, war das Zusammenleben mit ihm auch nicht mehr möglich.


In den Jahren nach dem Krieg entstanden nur noch wenige Werke. Ravel steckte in einer persönlichen Krise. Dazu kamen gesundheitliche Probleme. Besonders die Schlaflosigkeit plagte ihn – ein Vorbote der Krankheit, die ihn zehn Jahre später mit Wucht treffen sollte.



Umzug nach Montfort-l’Amaury


1921 kaufte Ravel fünfzig Kilometer von Paris entfernt, in Montfort-l’Amaury, die Villa „Le Belvédère“. Dort sollte er die letzten sechzehn Jahre seines Lebens verbringen.

Er bewohnte das Haus allein. Warum er keine Beziehung zu Frauen einging, bleibt bis heute unklar. Ravel blieb unverheiratet und kinderlos. Romantische Bindungen – weder zu Männern noch zu Frauen – sind nicht überliefert. Darauf angesprochen meinte Ravel,


die Musik sei seine Geliebte.

Das Haus wurde zum Abbild seines Inneren. Er baute und dekorierte es eigenhändig um. Heute ist es Museum und lässt sich im Originalzustand besichtigen.


Ravels Haus in Montfort-l’Amaury
Ravels Haus in Montfort-l’Amaury



Von außen wirkt es trotz seines Türmchens schlicht. Innen erwartet den Besucher ein Kuriositätenkabinett: Miniaturschnickschnack, seltsame und wunderbare Gegenstände, die das erwachsene Kind Maurice Ravel gesammelt hat. Und natürlich sein berühmtes Klavier.

Zum Sinnbild dieses kindlichen Ravel wurde seine Oper L’Enfant et les Sortilèges.

Ravel auf dem Balkon seines Hauses in Montfort-l'Amaury


Die Handlung dieses märchenhaften Bühnenstücks ist rasch erzählt. Ein kleiner Junge weigert sich, seine Hausaufgaben zu machen, und wird in seinem Zimmer eingesperrt. Er bekommt einen Wutanfall, zerreißt seine Bücher, zerschlägt ein Teeservice und terrorisiert eine Katze. Doch dann, wie durch Zauberei, erwachen die Gegenstände zum Leben. Sie singen von dem Leid, welches das Kind ihnen zugefügt hat.


Ravel meinte später über diese Oper, dass die Melodie dessen Kern bilde – getreu dem Credo seines Kontrapunktprofessors Gedalge: „Die Melodie ist alles, der Rest ist Sauce.“

Ravel machtes sich ein Spass in den einzelnen Szenen Musikgeschichte zu parodieren.

Der „Tanz des Feuers“ klingt wie eine Parodie auf die Belcanto Oper Rossinis und Donizettis.


L’Enfant ist schwer zu inszenieren. Ravel verlangt ein großes Orchester, einen gemischten Chor aus Erwachsenen und Kindern sowie acht Solisten, die jeweils mehrere der insgesamt dreißig Rollen übernehmen.


Konzertreisen


Nach dem Tod Claude Debussys im Jahr 1918 galt Ravel als der größte lebende französische Komponist. Sein wachsender Ruhm brachte zahlreiche Konzertanfragen mit sich.


So begann Ravel in den zwanziger Jahre häufiger zu Reisen. Seine Rückzugsorte waren Paris und Montfort, er begab sich auch öfters ins Baskenland, nachdem er 1924 zum ersten Mal in Spanien besucht hatte.


1928 führte ihn den Weg sogar in die Vereinigten Staaten. Er trat sowohl als Dirigent wie als Pianist auf. Die Konzerte waren ausverkauft und Ravel durfte umjubelte Wochen geniessen. Allerdings schien die Akklamation mehr seiner Person bestimmt zu sein, denn die Kritiker wiesen wiederholt auf Mängel hin besonders seine Fähigkeiten als Dirigent.

Das beliebteste Konzertstück war seine Sonatine.



Der Klangmagier – die Klavierkonzerte


Im Vergleich zu vielen Kollegen wirkt Ravels Œuvre überschaubar. Und bedenkt man, dass viele Werke Adaptionen von Klavierstücken sind, erstaunt es umso mehr: Er schrieb nur sechsundachtzig Originalwerke. Warum?


Ravel arbeitete seine Kompositionen mit größter Sorgfalt und Detailversessenheit aus. Oft brauchte er lange bis zur Fertigstellung – obwohl er sich wünschte, so fruchtbar zu sein wie die großen Komponisten, die er bewunderte. Igor Strawinsky nannte ihn wegen der Kompliziertheit und Genauigkeit seiner Werke einmal den „Schweizer Uhrmacher“ unter den Komponisten.


Eine Anekdote macht das greifbar. Bei den Proben zum Boléro geriet Ravel heftig mit Arturo Toscanini aneinander. Der Dirigent beschleunigte das Tempo gegen Ende des Stücks. Ravel entgegnete: „Man muss es von Anfang bis Ende in einem einzigen Tempo spielen.“ Die Präzision der Maschine – des Metronoms – ging ihm vor den Schwankungen menschlicher Emotionen.


Mit jedem Werk stiess Maurice Ravel in neue Welten vor. Und doch verbindet sie eines: eine helle, klare, raffinierte Tonsprache, die die Tonalität nie verlässt – und sich über die Jahre auch kaum veränderte. Ähnlich wie Frédéric Chopin machte Ravel keine deutliche Entwicklung durch. Er steht von Anfang an da, als fertiges Phänomen. Nicht Impressionist, nicht Spätromantiker, auch kein Neoklassizist. Sondern alles zusammen.


Am häufigsten assoziiert man Ravel mit dem Attribut des Klangmagiers. Hören Sie den Beginn seines Klavierkonzerts in G-Dur. Er wirkt wie eine Explosion von Klangfarben. Nach einem Peitschenknall beginnt das Klavier in leuchtenden Farben zu flirren. Die Flöte spielt eine baskische Melodie. Jazzig gefärbte Bläser begleiten den Klangreigen.


Dieser Beginn des G-Dur Konzert fasst die Qualität Ravels hervorragend zusammen: eine Vorliebe für exotische und spanische Klänge, eine blühende Fantasie blei gleichzeitigem Perfektionismus, und melodische Raffinesse und Klaviervirtuosität und das alles in einigen wenigen Takten.


Marguerite Long spielte die Uraufführung dieses Konzerts, das ihr auch gewidmet ist. Die Einspielung im April 1932 – kurz nach der Premiere – überwachte der Komponist persönlich. Den berühmten, fließenden Mittelssatz gestaltet sie mit schlichter, berührender Kantabilität, ganz ohne falsches Pathos. Ravel selbst sagte über die eröffnende Melodie: „Dieser fließende Ausdruck! Wie ich ihn Takt für Takt überarbeitet habe! Er brachte mich beinahe ins Grab!“



Zur gleichen Zeit wie sein G-Dur Konzert arbeitete Ravel am Klavierkonzert für die linke Hand alleine. Das Konzert wirkt wie ein Gegenentwurf des G-Dur Konzerts. Es ist ungeheuer virtuos geschrieben und Ravel wollte die Illusion erzeugen eines zweihändigen Klavierparts. Hören wir einen Ausschnitt aus der mörderischen Schlusskadenz:

Klavierkonzert linke Hand


Ein weiteres Beispiel seiner Orchestrierungskunst: der Boléro. Selbst bei extremer Monotonie des Rhythmus zaubert Ravel durch stetigen Instrumentenwechsel eine hypnotische Sogwirkung.



Körperlicher Zerfall und Tod


Die beiden Klavierkonzerte sollten Ravels letzte große Kompositionen bleiben.

Ab den dreißiger Jahren zeigten sich die Vorboten seiner späteren Krankheit. Ravel war geplagt von nie nachlassender Müdigkeit und chronischer Schlaflosigkeit.


Ab 1933 verstärkten sich die Symptome. Zuerst traten Schreibschwächen auf. Die Hand verlor durch Versteifung ihre Geschmeidigkeit. Ab dem neunundfünfzigsten Lebensjahr war es kaum noch möglich, Noten zu schreiben – ausgelöst durch eine degenerative Hirnerkrankung.

Ein Autounfall beschleunigte den körperlichen Zerfall. Ravel litt sehr darunter. Sein Intellekt blieb unangetastet, tragischerweise begann auch die Sprechfähigkeit allmählich zu versagen.


Eine verschworene Gruppe von Freunde unterstützten ihn und sie konnten1935 sogar eine Reise nach Spanien und Marokko organisieren.


Doch nach der Rückkehr saß er nur noch auf dem Balkon seines geliebten Hauses.


Im Dezember 1937 öffneten die Ärzte seinen Schädel. Sie fanden nicht den erwarteten Gehirntumor, die Aerzte erkannten die Ursache seines Zerfalls: die linke Gehirnhälfte war in ihrer Kammer zusammengefallen.


Eine Woche nach der Operation fiel Ravel in Agonie und kurz darauf verstarb er.

Die Beisetzung fand ohne Zeremonie statt – im Familiengrab auf dem Friedhof Levallois in Paris.


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Gaetano Donizetti



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