Herbert von Karajan - Biografie: Seine Orte, seine Musik und sein Leben

Herbert von Karajan gehört zu den grossen Dirigenten des 20. Jahrhunderts. Er war der Gestalter von Visionen und prägte die Aufnahmegeschichte des 20. Jahrhunderts wie kein anderer.
Karajan war scheuer Mensch und seine Visionen erschuf er in seinem Inneren. Er arbeitete konsequent an seinem Imperium, um seine Visionen umsetzen zu können.
Zugleich wurde kaum ein anderer Künstler so heftig kritisiert, für seine Rolle im Dritten Reich ebenso wie für die Kommerzialisierung der klassischen Musik und für einen masslosen Klangkult.
Wer war Herbert von Karajan und welche Orte und Menschen prägten ihn. Eine biografische Annäherung an den Jahrhundert-Künstler aus Oesterreich.
Doku Herbert von Karajan - Biografie (Video):
Herbert von Karajan - Biografie
Herknunft und Familie

Herbert von Karajan kam 1908 als Zweitgeborener in Salzburg zur Welt.
Das klangvolle „von“ hatten seine bürgerlichen Vorfahren als Anerkennung für besondere Leistungen in Form eines Adelspatentes erworben.
Der Vater war als Arzt und Chirurg in Salzburg tätig. Seine Mutter Martha entstammte einer slowenischen Familie. Über seine Familie und Kindheit hat Karajan nur wenig erzählt.

Er verbrachte seine ersten 18 Jahre in Salzburg, welches zu dieser Zeit noch eine charmante Habsburger Provinzstadt war und bis weitgehend so aussah, wie Mozart es verlassen hatte. Sie wurde von der Festung Hohensalzburg überragt und war noch ohne den Rummel der Festspiele. Allerdings verfügte das Städchen mit einem Theater, einer Oper und sogar einer Musikschule, dem sogenannten Mozarteum, über respekable kulturelle Institutionen.
Karajans Vater spielte als Laienmusiker im Orchester des Mozarteums die zweite Klarinette
Jugend – Konservatorium in Salzburg, Studium in Wien
Der musikalische Vater erkannte Talent und Neigung schon früh, und so begann Karajan bereits 1912 als vierjähriger eine pianistische Ausbildung. Mit 8 Jahren studierte er am Mozarteum. Besonders der Direktor Paumgartner förderte den jungen Karajan persönlich. Parallel zur musikalischen Ausbildung schloss er 1926 das Gymnasium ab.
Karajan zog mit 18 Jahren als Student nach Wien. Trotz seines grossen musikalischen Talents studierte er neben dem Studium am Konservatorium 3 Semester an einer Technischen Hochschule. Danach konzentrierte er sich auf sein Musikstudium mit Schwerpunkt auf Klavier und Dirigieren. Allerdings resümierte Karajan später, dass er bis auf das Partiturlesen nichts Wesentliches über das Dirigieren gelernt habe. Immerhin lernte er dank dem Zugang zu den verbilligten Studentenplätzen der Staatsoper die Opernliteratur à fond kennen. Dazu sah er auch an der Staatsoper die Grossen seiner Zeit (Furtwängler, Krauss, Strauss und Bruno Walter).
Karajan lanciert seine Karriere gleich selbst und lernt in Ulm das Handwerk des Opernkapellmeisters on the job.
Der Berufseinstieg als Dirigent fiel Karajan schwer, denn Dirigierpraxis hatte er am Konservatorium keine erhalten; erst durch einen Kurzauftritt mit einem Studentenorchester bekam er einen ersten Vorgeschmack.
Nun wagte Karajan eine verwegene Tat. Zum ersten und nicht zum letzten Mal pokerte der selbstbewusste 20-Jährige mit hohem Einsatz. Er beschloss, ein eigenes Konzert auf die Beine zu stellen, engagierte 1929 auf eigene Rechnung ein Berufsorchester und präsentierte sich dort unter anderem mit Werken von Tschaikowski und Strauss. Der Abend wurde zu einem vollen Erfolg, und tatsächlich öffnete sich eine Türe. Im Publikum befand sich der Intendant des Ulmer Stadttheaters, der dem jungen Karajan nach einem Probedirigat die Stelle als Kapellmeister für die Oper anbot.
Der Intendant war sehr mutig, denn Karajan gestand ihm, dass er noch nie eine Oper dirigiert habe. Schon zwei Monate später stand Karajan in „Figaros Hochzeit“ am Dirigentenpult. Die Ressourcen des Theaters waren überschaubar: Das Orchester umfasste 26 Personen, die Bühne war sehr klein, und geprobt wurde im Wirtshaus nebenan. Dazu musste sich Karajan um alle technischen und szenischen Belange selbst kümmern und erlernte so von der Pike auf das Handwerk des Opernkapellmeisters.
Karajan: "Stellen Sie sich vor, es war ein Theater, das natürlich hauptsächlich mit Anfängern und mit ganz ausgesungenen Leuten bestückt war. Da kam bei der Rosenkavalier-Einstudierung ein Sänger, der sagte, ich singe den „Ochs“, aber ich muss Ihnen sagen, ich kann nicht Noten lesen. Ich sagenur, das ist wunderbar, dann werden Sie jetzt auch nichts gelernt haben, und dann werden wir es zusammen machen, und ich habe es ihm einfach vorgespielt, bis er es auswendig gekannt hat. Das waren ungefähr, kann ich mich noch erinnern, 75 Soloproben nur mit Ihm."
Karajan liess sich von den bescheidenen Möglichkeiten nicht limitieren und führte am kleinen Stadttheater gar so grosse und anspruchsvolle Werke wie „Die Meistersinger von Nürnberg“ auf.
Assistent an den Salzburger Festspielen – 2 grosse Inspirationen
Karajan blieb 5 Jahre am Ulmer Stadttheater. Die probenfreien Sommermonate nutzte er, um in Salzburg als Assistent bei den Grossen zu lernen. Seine Erfahrungen sind mit 2 Namen verbunden: Max Reinhardt und Arturo Toscanini. Beide wurden prägend für seine spätere Entwicklung. Max Reinhardt war der grösste lebende Theaterregisseur und -produzent.
Herbert von Karajan lernte von Max Reinhardt vor allem die Kunst der perfekten optischen und dramaturgischen Inszenierung, insbesondere den gezielten Einsatz von Licht. Damit verlieh Reinhardt der Szene Tiefe und eine beinahe bildhauerische Plastizität. Reinhardt komponierte Lichtwechsel wie Musik; in seinem Theater war das Visuelle dem Text gleichgestellt. Ohne Reinhardts Einfluss wären die späteren Salzburger Wagner-Inszenierungen nicht Karajans denkbar.
Reinhardt-Bild versus Karajan-Bild (Inszenierung)

Als Karajan Donizettis Lucia und Verdis Falstaff unter Toscaninis Stabführung sah, war das eine Art Erweckungserlebnis. Die feine Melodieführung und Toscaninis musikalisches Feuer elektrisierten den jungen Dirigenten, und Karajan reiste wiederholt nach Mailand, um Toscanini zu sehen.
Karrieresprung in Aachen – Schatten des NS-Regimes
1934 beschloss der Ulmer Intendant, sich von Karajan zu trennen. Nicht aus Unzufriedenheit, sondern weil er wusste, dass der talentierte Karajan an einem grösseren Theater den nächsten Schritt machen musste.
Für Karajan kam dies zu einer unguten Zeit, denn aufgrund der Wirtschaftskrise und seiner altersbedingten Unerfahrenheit war es fast unmöglich, eine Stelle als Dirigent zu erhalten. Karajan verbrachte ein bitteres Jahr auf der Suche nach einer Stelle.
Endlich gab es in Aachen eine Vakanz, und Karajan packte seine Chance. Aachen bedeutete mit seinem grossen Orchester und angesehenen Chor einen schönen Karrieresprung.
Nun durfte sich Karajan „Jüngster Generalmusikdirektor Deutschlands“ nennen. Politisch hatte sich der Wind gedreht: 1933 waren die Nazis an die Macht gekommen.
Der berühmte „Fall Hindemith“ hatte die Musikszene aufgewühlt. Dabei hatte sich der Dirigent Wilhelm Furtwängler öffentlich in einem Zeitungsartikel für den Komponisten Paul Hindemith eingesetzt, dessen Werke von den Nationalsozialisten als „entartet“ und „kulturbolschewistisch“ diffamiert wurden.
Die Nationalsozialisten reagierten mit scharfem politischem Druck, woraufhin Furtwängler von all seinen hochrangigen Musikämtern zurücktreten musste. Auch in Aachen hatten die Nazis innert kürzester Zeit dem Kulturbetrieb den Stempel aufgedrückt: Die Musik jüdischer Komponisten wurde ausgemerzt, Orchester mussten jüdische Musiker entlassen, und die Naziflagge wurde ein ständiges Dekorationselement der Theater.

Nach Quellenlage war Karajan bereits 1933 in die Partei eingetreten und musste aus formalen Gründen den Parteieintritt erneuern, um den Aachener Posten zu sichern. Trotz der wirtschaftlichen Notlage im Deutschen Reich konnte Karajan im Vergleich zu Ulm aus dem Vollen schöpfen, denn die Nationalsozialisten sahen in der Kultur einen grossen Hebel, und Hitler war ein bekennender Wagner-Fan. So bekam Karajan die Mittel und inszenierte in seinem 29. Altersjahr bereits seinen ersten Ring-Zyklus. Damit konnte sich Karajan einen Namen machen, und bald wurde er in die Musikzentren Europas eingeladen.
Beginn der Rivalität mit Furtwängler
Unter anderem führte ihn eine Einladung zu einer Tristan-Aufführung nach Wien. Es war sicher eine grosse Genugtuung, auf der Bühne der Staatsoper in sein Heimatland zurückzukehren. Allerdings musste er hinter den Kulissen schockiert feststellen, dass die Wiener Oper unter sehr fragwürdigen Bedingungen spielte. Seinen Tristan musste er praktisch ohne Probe dirigieren.
1938 gab es zwei wichtige Ereignisse. Zum einen heiratete Karajan Elmy Holgerloef. Allerdings hielt die Ehe dem umtriebigen Leben eines reisenden Kapellmeisters nicht stand, und die beiden trennten sich nach kurzer Zeit wieder.
Weit dauerhafter zeigte sich das zweite Ereignis. Karajan dirigierte zum ersten Mal die Berliner Philharmoniker. Allerdings führte das erste Zusammentreffen beinahe zu einer Katastrophe. Selbstbewusst forderte der 30-Jährige Probenzeit für ein Konzert mit einem Repertoirestück, welches das Orchester schon unzählige Male gespielt hatte und besser kannte als der Dirigent. Karajan hatte gar die Chuzpe, Proben mit einzelnen Instrumentengruppen anzusetzen. Doch der Tanz auf dem Hochseil klappte, Orchester und Dirigent verstanden sich auf Anhieb.
Eine weitere Zusammenarbeit wurde vom angestammten Leiter Furtwängler abgeblockt.

Entweder aus Rivalität oder weil Furtwängler seine Stellung nicht gefährden wollte, denn seit der Affäre Hindemith galt Furtwängler bei den Nazis als unsicherer Künstler. Sein Einsatz für sogenannte „entartete Musik“ und jüdische Künstler machte ihn für das Nazi-Regime verdächtig.
Doch Karajan wollte sich in Berlin unbedingt etablieren und an der renommierten Staatsoper dirigieren. Der Intendant Tietjen bot ihm darauf zwei Produktionen an, doch Karajan gab ihm kühl vor, welche Werke er aufzuführen gedenke. Wiederum pokerte Karajan in einer wichtigen Situation hoch. Das Resultat gab ihm recht, denn Tietjen hatte schlechte Karten, da gute Dirigenten in Berlin mittlerweile Mangelware waren, und er gab nach. Karajan durfte den Fidelio dirigieren und wurde in Berlin zum angesagten Dirigenten.
Hitler diskreditiert Karajan
Mit der Ernennung an die Staatskapelle bekam Karajan auch einen Vertrag mit der Deutschen Grammophon Gesellschaft. Am 20. April 1939 verlieh ihm Adolf Hitler den Titel „Staatskapellmeister“.
In der Ernennung zum Staatskapellmeister sahen die Nazis die Gelegenheit, eine potenzielle Alternative zu Furtwängler aufzubauen. Möglicherweise war es der machiavellistische Göring, der via Tietjen in der Zeitung einen Artikel mit dem Titel „Das Wunder Karajan“ platzieren liess, worin der brisante Satz stand, dass einige ältere Dirigenten von Karajan lernen könnten. Furtwängler verstand den Wink und protestierte beleidigt bei höheren Stellen.
Karajans Freude währte aber nur kurz, denn zum einen wuchsen ihm die Verpflichtungen ausserhalb Aachens über den Kopf, und er gab den Posten auf.

Zum andern kam Karajan in ernsthafte Schwierigkeiten. als in einer Aufführung im Beisein Hitlers einige Patzer passierten. Karajan erklärte später einer der Sänger soll angetrunken gewesen sein. Hitler war gar nicht erfreut und zitierte Karajan zu sich in die Loge.
Karajan über Hitler: Sie waren damals in Berlin bald ein prominenter Mann, da werden sie auch zwangsläufig mit den obersten Nazis zusammengekommen sein. Wie war das denn? Mit dem bin ich nicht zusammengekommen, nein. Ich habe mit Hitler gesprochen, vielleicht 3 Minuten in der Pause von Meistersinger.
Gemäss Winifred Wagner, der damaligen Leiterin der Bayreuther Festspiele soll Hitler sie angewiesen haben, Karajan mit einem Auftrittsverbot in Bayreuth zu belegen.
Karriereknick bis zum Kriegsende
Karajans Position wurde zunehmend kritischer. Er erhielt sogar einen Marschbefehl, den er aber nur mit grösster Mühe abwenden konnte. Die Situation in Deutschland wurde brenzliger.
Karajan konnte sich mit Auftritten im besetzten Paris profilieren, und er wurde 1944 in die sogenannte Gottbegnadeten-Liste aufgenommen, die ihn vor Einsätzen an der Heimatfront bewahrte.
Karajan beschloss nun, sich mit seiner zweiten Frau Anita Gütermann nach Italien abzusetzen. Sie konnten sich dort dank der Hilfe von verschiedenen Bekannten über Wasser halten. Diese Zeit liegt weitgehend im Dunkeln.
Arte-Ausschnitt: Karajan lässt sich von amy scheiden und will anita heiraten. doch die partei stellt sich quer. Anita ist so genannte vierteljüdin, wenn auch mit guten beziehungen. Es wird erzählt, dass anita sich mit den nazi-größen gut verstanden hat, und das haben verwandte, bekannte erzählt, dass sie mit goebbels in venedig eine eine gondelfahrt gemacht haben soll und dabei diese erlaubnis zur heirat bekommen haben soll.
Nachkriegsjahre
Nach dem Ende des Krieges wurde Karajan bis 1947 mit einem Auftrittsverbot belegt. Danach gelang es Karajan, sich der Öffentlichkeit mit Aufnahmen mit den Wiener Philharmonikern wieder in Erinnerung zu rufen.
Der wichtigste Schritt gelang ihm an der Scala, wo er die Leitung der Deutschen Saison übernahm und bis 1956 blieb. Aus dieser Zeit ist besonders die Zusammenarbeit mit Maria Callas zu nennen. Vor allem die Produktion der Lucia führte ihn mit Callas nach Berlin, wo das Gespann die Sensation des Jahres darstellte.
Zusammenarbeit mit Walter Legge – erstes erfolgreiches Plattenprojekt
Der englische Kulturmanager Legge wurde in den Nachkriegsjahren zum wichtigsten künstlerischen Partner Karajans. Legge erkannte früh das enorme Potenzial der Schallplattenindustrie nach dem Krieg und gründete das Philharmonia Orchestra mit den besten Musikern Londons, das speziell für Aufnahmen zusammengestellt wurde. Legge war Produzent beim Label EMI und engagierte Karajan, um die Philharmonia zu einem Spitzenorchester zu formen. In den Folgejahren produzierte das Orchester eine ungeheure Anzahl von Opern- und Orchesteraufnahmen.

So wurde der Brite zum Geburtshelfer des zweiten Karajan: des Schallplattenkünstlers. Karajan nutzte die Chance, Aufnahmen herzustellen, die der technischen Perfektion so nahe kamen, wie es zuvor kaum denkbar gewesen war. Zu den herausragendsten Aufnahmen gehörten beispielsweise die Mozart-Hornkonzerte, welche bis heute als „Jahrhundert-Aufnahme“ gelten.
Legges Gattin Elisabeth Schwarzkopf gehörte zu den Sängerinnen, mit denen Karajan besonders gern und oft zusammenarbeitete. Legge hatte in Wien ein legendäres Mozart-Ensemble geformt, und die Aufnahme von Figaros Hochzeit begründete Schwarzkopfs Karriere als Jahrhundert-Gräfin.
In Interviews hob Schwarzkopf wie viele andere Sänger die überragenden Begleiterqualitäten Karajans hervor:
Ausschnitt Schwarzkopf: „Mit uns Sänger war er phänomenal. Ich, die ich gar keine große Stimme gehabt habe, ich konnte mit ihm wirklich so leise singen, wie es manchmal sein muss. Ich bin manchmal bis ans Flüstern gegangen und man konnte über sein Orchester noch immer drüber kommen.“
Wir hören in „Figaros Hochzeit“ einen Karajan, beseelt vom dramatischen Feuer. Inspiriert von seinem grössten dirigentischen Vorbild, dem Heissporn Toscanini, peitscht er die Wiener – ganz unwienerisch – mit atemlosem Puls durch die Figaro-Ouvertüre.
Schmach in Bayreuth
1951 öffneten in Bayreuth die ersten Festspiele nach dem Krieg. Zu Karajans Freude wurde er eingeladen und mit exzellenten Aufführungen empfahl er sich im Festspielhaus als der kommende Wagner-Dirigent.
Als es um die Planung der kommenden Jahre ging, pokerte Karajan wie gewohnt hoch. Er forderte von Wieland und Wolfgang Wagner für die ihm anvertrauten Inszenierungen neben dem Dirigat die Verantwortung für die Regie.
Damit trat er in ein Wespennest, denn Wieland Wagner sah sich selbst in der Rolle des ersten Regisseurs und wies das Ansinnen schroff zurück. Dies führte zum endgültigen Bruch Karajans mit Bayreuth, und obwohl das Wagner-Repertoire zu Karajans wahrscheinlich liebsten Fächern gehörte, sollte er nie mehr in Bayreuth dirigieren.
Furtwängler stirbt und Karajan wird Leiter der Berliner
Trotz seiner unbestreitbaren Erfolge als Schallplatten-Musiker war Karajan frustriert, denn er konnte weder bei den Wiener noch bei den Berliner Philharmonikern Generalmusikdirektor werden. Die Machtposition Furtwänglers verhinderte beides, denn Furtwängler konnte zeit seines Lebens seine Abneigung gegen den sogenannten „Herrn K.“ nicht ablegen.
Mit Furtwänglers Ableben veränderte sich die Situation. Die Berliner Philharmoniker sprachen sich für Karajan und gegen Furtwänglers Stellvertreter Celibidache aus, und Karajan fand sich am Ziel seiner Wünsche: Er war der Nachfolger in einer glorreichen Ahnenreihe.

Die Nazifrage
Die erste Verpflichtung führte Karajan gleich auf eine schwierige Mission, nämlich zu seinem ersten Amerika-Aufenthalt. Er bestritt mit den Berlinern eine Tournee, die ursprünglich mit Furtwängler geplant war. Als die Berliner in den USA ankamen, empfing sie eine Hundertschaft von Demonstranten mit Nazi-Vorwürfen.
Die nächsten sechs Wochen wurden für Karajan zu einem Gang über heisse Kohlen. Zwar bejubelte das Publikum die Auftritte, und die Kritiken waren stets positiv. Doch nur ein ungeschicktes Wort auf die Vorwürfe zu seiner Vergangenheit hätte Karajans Karriere ruinieren können. Damit wollen wir die Frage aufwerfen, ob Karajan nur ein Mitläufer war oder ein Gesinnungstäter. Karajan selbst sah sich als Mitläufer und Opfer.
Video: Interview Karajan. Ich wollte nichts machen, was nicht wirklich mit meinem Beruf zu tun hatte. Und von allen Freunden, die man hatte, hat sich kein einzige mehr gemeldet. Jeder hat Angst gehabt, dass er mit ihnen zu tun hat, es ihm angekreidet wird, und da werden sie alle feig. Die Infamie bei dem ganzen Vorgehen war ja die, dass man immer eine Sache ins Licht gebracht hat, ohne zu fragen, ob das richtig ist oder nicht. Dann wurde darum geredet, und wenn Sie nicht schuldig waren, hat kein Mensch von denen, die sie zuerst denunziert haben, gesagt, das war ein Irrtum. Das ist dann in der Luft stehen geblieben.
In der Literatur und der öffentlichen Diskussion gibt es unterschiedliche Meinungen. Im Gegensatz zu Furtwängler liess sich bei Karajan kein Widerstandswille beobachten. Trotzdem sah die Mehrheit in ihm den Opportunisten, dem keine anderen Möglichkeiten offenstanden, um seinen Beruf auszuüben.
Das möglicherweise letzte Wort zu dieser Diskussion hat der Historiker Michael Wolffsohn mit seiner umfangreichen Recherche geliefert („Genie und Gewissen: Herbert von Karajan zwischen Musik und Nationalsozialismus“). Sein sinngemässes Fazit war: „Ja, formal sei Karajan durch seinen Parteieintritt ein Nazi geworden. Aber faktisch? Nein, als Gesinnungsnazi sehe er ihn nicht.“
Karajan wird zum allmächtigen Musiker
Mit dem Tode Furtwänglers war Salzburg wieder ins Blickfeld gekommen. Salzburg war der einzige Festspielort, welcher mit Bayreuth mithalten konnte. Die Salzburger nahmen Karajan mit Handkuss, und er übernahm 1956 die künstlerische Leitung.
Karajan initiierte nun zwei wichtige Schritte. Als Erstes gestaltete er den Bau des neuen „Grossen Festspielhauses“ massgeblich mit. Dies ermöglichte den zweiten Schritt, nämlich das Repertoire zu öffnen. Bis anhin standen Mozart- und Strauss-Opern im Zentrum der Festspiele. Mit den riesigen Dimensionen des neuen Festspielhauses konnte Karajan sogar Monsterproduktionen wie beispielsweise den 65er Boris Godunow inszenieren.
Karajan hatte auch die österreichische Hauptstadt im Blickfeld. Wieder einmal pokerrte er hoch. Er engagierte sich als Leiter der Wiener Symphoniker und zeigte er während vielen Jahren Präsenz in Wien.
1957 fiel die Bastion der Wiener Staatsoper und Karajan wurde dessen Direktor. Das Niveau der Staatsoper war mittlerweile auf einen Tiefpunkt gefallen und die Wiener suchten eine starke Hand.
Karajan überzeugte die Wiener mit einer genialen Idee. Er schlug vor, das bisherige Ensembleprinzip, also eine fixe Sängertruppe, die alle Genres singt, zu sprengen und mit Kooperationen mit anderen Opernhäusern zu durchmischen. Damit würde beispielsweise das Personal der Mailänder Scala die italienischen Partien in italienischen Produktionen in Wien singen und umgekehrt.
Damit sollte das Niveau der Staatsoper gesteigert werden und gleichzeitig Kosten geteilt werden.
Das Konzept funktionierte, und bald schon begeisterten Tebaldi und del Monaco das Wiener Publikum in Verdis Otello.
Mit der Ämterkumulation von Berlin, Salzburg und Wien sowie der Zusammenarbeit der Staatsoper mit Mailand wurde Karajan zum mächtigsten Musikverantwortlichen Europas.
Trotzdem gelang es Karajan nicht, in Wien das Steuer herumzureissen. Letztendlich war er mit den vielen Ämtern und den vielen Tourneen zeitlich zu beansprucht, um die Probleme der grossen und schwierigen Staatsoper wirklich zu lösen. Mit den Jahren begann der ständige Ärger gar Karajans Gesundheit zu belasten, und nach sieben Jahren war Schluss. Es erging ihm wie seinen berühmten Vorgängern Mahler und Böhm: Er floh vor dem launischen Publikum und dem verkrusteten Umfeld.
Osterfestspiele in Salzburg: Karajan tilgt die Schmach von Bayreuth
Seit der schroffen Abfuhr durch Wieland Wagner war es Karajans Ziel, Bayreuth als führenden Festspielort abzulösen und so seine Schmach zu tilgen.
Weil Karajan vor allem Wagner inszenieren wollte, entfiel der Sommer als Option, denn Bayreuth band die wichtigsten Wagner-Interpreten.
Aus der negativen Erfahrung mit der Wiener Staatsoper beschloss Karajan, im neuen Projekt auf statt den Wiener Philharmoniker auf die Berliner Philharmoniker zurückzugreifen. Er reduzierte sein Engagement bei den Salzburger Sommerfestspielen und begann, in Salzburg ein eigenes Festspiel zu organisieren, die sogenannten Osterfestspiele.
Die Osterfestspiele wurden zu den Karajan-Festspielen, bei denen er als künstlerischer Leiter, Dirigent, Regisseur und Beleuchter amtete. Nun musste Bayreuth sich warm anziehen, denn in den ersten 10 Jahren setzte Karajan fast ausschliesslich Wagner-Werke auf das Programm.

Die Wagner-Inszenierungen warfen hohe Wellen. Karajan konnte von seinen Erfahrungen mit Reinhardt profitieren. Zusammen mit dem Bühnenbildner Günther Schneider-Siemssen sahen die Zuschauer im Grossen Festspielhaus kinohafte Breitwand-Bühnenbilder mit spektakulären Lichteffekten, getragen von den betörenden Klängen der Berliner in Höchstform.
Natürlich passte Karajans Ansatz nicht allen, und es meldete sich laute Kritik an seinen Regiekünsten. Doch alle mussten Karajan zugestehen, dass er den Anspruch der Inszenierung eines Gesamtkunstwerks im wagnerischen Sinne ehrlich und mit grossem Gestaltungswillen einlöste.
Karajans Musik ändert sich – Bau der Philharmonie in Berlin
Mit der Übernahme der Berliner Philharmoniker erfuhr der Musiker Karajan eine wichtige künstlerische Entwicklung. Die heissblütigen Tempi der fünfziger Jahre wichen langen Bögen und ausdrucksstarken Passagen.
Vergleichen wir doch 2 kurze Passagen aus Beethovens 5. Sinfonie. Zuerst die heissblütige Aufnahme von 1954 mit dem Philharmonia Orchestra.
Ausschnitt Philharmonia Beethoven 5. Sinfonie 1954 (siehe Video zu Beginn)
Und nun hören wir die klangvollere, wärmere Interpretation aus der legendären
Gesamteinspielung der Beethoven Sinfonien mit den Berlinern von 1962.
Ausschnitt Berliner PH Beethoven 5. Sinfonie 1962 (siehe Video zu Beginn)
Ob Karajan sich dabei künstlerisch bewusst Furtwängler annäherte oder ob es sich um einen selbstgewählten Reifeprozess handelte, ist schwer zu beurteilen.
Die 60er Jahre brachten eine wichtige Neuerung. Die neue Philharmonie wurde gebaut. Scharoun gestaltete als Architekt die Pläne, und Karajan plante die technische Einrichtung. Von nun an brauchten die Berliner für ihre Aufnahmen nicht mehr ins Studio zu gehen. Die prächtige Philharmonie wurde zum optischen Sinnbild des opulenten Orchesterklangs der Berliner unter Karajan.
Die Zusammenarbeit von Karajan und den Berlinern sollte über 30 Jahre dauern. Basis war eine harmonische menschliche und künstlerische Zusammenarbeit.
Karajan: Und das finde ich so schön dass dann alle anderen Dinge vollkommen wegfallen. Ich habe eigentlich nie Schwierigkeiten gehabt weil man in dem Moment wo jeder spürt auf ihn kommt es an, aber in der Einheit von vielen Menschen das ist mein meine Idee von Ensemble
Karajan war kein Tyrann wie Toscanini; bei Proben hob er nur selten seine Stimme. Seine Autorität kam stets vom Musikalischen. Karajan hatte ein phänomenales Gedächtnis. Er konnte nicht nur Opern und Konzerte auswendig dirigieren, sondern auch detaillierte Stimmführungen einzelner Takte von Werken aus dem Stand erklären, die er viele Jahre nicht mehr dirigiert hatte.
Seine Proben waren nie Routine, so vermied er, dass die Zusammenarbeit in einen Stillstand geriet.
Oft nahm er Teile des Orchester im Sommer zu Aufnahmen nach St. Moritz. Gemeinsam genossen sie Musik, Natur und Sonne in den Schweizer Bergen. Dies schweisste Dirigent und Orchestermusiker zusammen, und die Berliner taten alles für ihn. So wurden die Berliner zu Karajans Stradivarius.
Zum äusserlichen Markenzeichen Karajans wurde das Dirigieren mit geschlossenen Augen.
Ausschnitt Karajan: ich komme zu einer anderen Form von Konzentration, das kommt wahrscheinlich davon, weil ich seit 35 Jahren immer intensiv mich mit Yoga beschäftigt habe und es eben auch tatsächlich praktiziere. Man kommt zu einer anderen Verinnerlichung, wenn man die Augen zumacht.
An seinem Dirigierstil entzündete sich aber auch die wachsende Kritik an seiner Musikauffassung. Der Hauptvorwurf seiner Kritiker richtete sich gegen die perfektionistische Ästhetik eines masslosen Klangkults. Donizetti, Ravel, Strawinski, Beethoven – alles im selben kosmopolitischen Ton. Das böse Wort „Klangteppich“ machte die Runde, als werde die Musik zu einem rein sinnlichen, „kulinarischen“ Konsumgut.
Aufnahmen für Schallplatte / CD und TV
Auf jeden Fall verkauften sich die Karajan-Aufnahmen hervorragend. Mittlerweile hatte Karajan einen exklusiven Zusammenarbeitsvertrag mit der Deutschen Grammophon unterschrieben und begann nun konsequent, am „Imperium Karajan“ zu arbeiten.
Unermüdlich produzierte er Aufnahme für Aufnahme und wurde mit geschätzten 200 Mio. Tonträgern zum meistverkauften Dirigenten seiner Zeit. Vermehrt begann er auch, für das Fernsehen zu produzieren.
Einen ungeheuren Meilenstein erreichte er 1977, als er mit der Direktübertragung von Beethovens Neunter an Silvester die sagenhafte Zuschauermenge von 200 Mio. erreichte. Auch begann er, erfolgreich Opernverfilmungen zu machen.
Karajans Repertoire war breit; am meisten lag ihm Richard Wagner am Herzen, dessen künstlerische Auffassung des Gesamtkunstwerks er teilte und dem er sich vollständig verschrieb. Zu seinem Leidwesen wurde er aber nie als der führende Wagner-Dirigent seiner Zeit angesehen. Zuerst stand ihm Furtwängler vor der Sonne, und in den sechziger Jahren stellte Solti mit seinem Jahrhundert-Ring Karajans Wagner-Aufnahmen in den Schatten.
Am ehesten konnte Karajan bei Strauss den Führungsanspruch durchsetzen. Bereits Richard Strauss hatte nach einer Elektra Aufführung in Aachen den jungen Karajan über den Klee gelobt.

Seine späteren Aufnahmen von Rosenkavalier und Salome gehören unbestritten zu den Perlen der Aufnahmegeschichte. Dazu kommen weitere Perlen in der italienischen Oper, die zum Allerschönsten gehören.
Karajan war besessen von den technischen Möglichkeiten. Er sah die Chancen der CD und der DVD und lernte den Gründer von Sony Akio Morita kennen und der investierte als Verehrer Karajans erheblich in das damals neue Medium CD.
Ausschnitt Akio
Der Privatmann
Karajan hielt sein Privatleben vor der Öffentlichkeit weitgehend verborgen. Er lebte seit 1958 in dritter Ehe mit der Französin Eliette Mouret, die 2 gemeinsame Töchter gebar. Die Familie wohnte wechselweise in Anif bei Salzburg, in St. Moritz und in Südfrankreich. Berühmt war seine Begeisterung für schnelle Autos, das Skifahren und Segeljachten.
Die letzten Jahre
1978 feierte er seinen siebzigsten Geburtstag. Sein Repertoire veränderte sich noch einmal. Die Auswahl seiner Werke wurde philosophischer, und der Klang wurde dichter und schwerer. Die 9. Mahlers wurde zu einem unvergesslichen Werk.

Auch religiöse Werke rückten in den Vordergrund, etwa die Missa solemnis und Verdis Requiem. 1985 dirigierte er Mozarts Krönungsmesse im Petersdom in Rom, im Rahmen eines von Papst Johannes Paul II. zelebrierten Hochamtes.
Doch hinter den Kulissen hatte sich das Verhältnis zu den Berlinern längst verschlechtert. 1982 hatte Karajan wieder einmal hoch gepokert: Er wollte die Klarinettistin Sabine Meyer als Solo-Klarinettistin durchsetzen. Das Orchester pochte aber auf sein Recht, Mitglieder selbst zu wählen.
Die entstandene Wunde sollte nie ganz heilen.
Karajan arbeitete daher wieder häufiger mit den Wiener Philharmonikern.
Zur gleichen Zeit wurde das Leben mühsamer. Jahrelange Rückenschmerzen, mehrere Operationen und eine angeschlagene Gesundheit zwangen ihn, zeitweise im Sitzen zu dirigieren. Trotzdem trat er weiter auf.
Ausschnitt (Arte): Jetzt tut ihm jeder Schritt weh. Boreliose, Schlaganfall und die ewigen Rückenschmerzen werden unerträglich. Seitdem ich seriöserweise dirigiere, bin ich laut ärztlichem Buch, Krankenbuch durch 44 Sachen gegangen. Also nicht Schnupfen, sondern wirklich schwere Sachen.
1987 nahm er die Einladung zu deren Neujahrskonzert an. Die Öffentlichkeit beobachtete den vom Alter gezeichneten Maestro fasziniert.
Im April 1989 legte Karajan das Amt als Chefdirigent der Berliner Philharmoniker nieder. Er hatte das Orchester über 30 Jahre als sein Instrument geformt. Am Ende musste der Dirigent auf Lebenszeit erkennen, dass es ihm nie ganz gehörte.
Im Juli desselben Jahres starb er in Anif bei Salzburg an einem Herzinfarkt. Entsprechend seiner Verfügung wurde er auf dem Ortsfriedhof von Anif beerdigt.m 50. Geburtstag starb Glenn Gould an den Folgen eines Schlaganfalls.
Herbert von Karajan - BIOGRAFIE
Weitere Komponisten- und Künstlerbiografien:
Gaetano Donizetti
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
War von Karajan ein Adliger?
Das klangvolle „von“ hatten seine bürgerlichen Vorfahren als Anerkennung für besondere Leistungen in Form eines Adelspatentes erworben.
Was lernte Karajan von Max Reinhardt
Karajan blieb 5 Jahre am Ulmer Stadttheater. Die probenfreien Sommermonate nutzte er, um in Salzburg als Assistent bei den Grossen zu lernen. Seine Erfahrungen sind unter anderem mit Max Reinhardt verbunden. Er wurde prägend für seine spätere Entwicklung. Max Reinhardt war der grösste lebende Theaterregisseur und -produzent. Herbert von Karajan lernte von Max Reinhardt vor allem die Kunst der perfekten optischen und dramaturgischen Inszenierung, insbesondere den gezielten Einsatz von Licht. Damit verlieh Reinhardt der Szene Tiefe und eine beinahe bildhauerische Plastizität. Reinhardt komponierte Karajan blieb 5 Jahre am Ulmer Stadttheater.
Die probenfreien Sommermonate nutzte er, um in Salzburg als Assistent bei den Grossen zu lernen. Seine Erfahrungen sind mit 2 Namen verbunden: Max Reinhardt und Arturo Toscanini. Beide wurden prägend für seine spätere Entwicklung. Max Reinhardt war der grösste lebende Theaterregisseur und -produzent. Herbert von Karajan lernte von Max Reinhardt vor allem die Kunst der perfekten optischen und dramaturgischen Inszenierung, insbesondere den gezielten Einsatz von Licht. Damit verlieh Reinhardt der Szene Tiefe und eine beinahe bildhauerische Plastizität. Reinhardt komponierte Lichtwechsel wie Musik; in seinem Theater war das Visuelle dem Text gleichgestellt. Ohne Reinhardts Einfluss wären die späteren Salzburger Wagner-Inszenierungen nicht Karajans denkbar.
Wieso hatte Karajan eine rivalisierende Beziehung zu Furtwängler?
Zum ersten Mal kamen die beiden 1938 in eine Konkurrenzsituation. Karajan dirigierte dann zum ersten Mal die Berliner Philharmoniker, deren Erster Dirigent Furtwängler war. Der Einsatz war erfolgreich, Orchester und Dirigent verstanden sich auf Anhieb.
Eine weitere Zusammenarbeit wurde vom angestammten Leiter Furtwängler abgeblockt. Entweder aus Rivalität oder weil Furtwängler seine Stellung nicht gefährden wollte, denn seit der Affäre Hindemith galt Furtwängler bei den Nazis als unsicherer Künstler.
In Karajan sahen die Nazis die Gelegenheit, eine potenzielle Alternative zu Furtwängler aufzubauen. Möglicherweise war es der machiavellistische Göring, der via Tietjen in der Zeitung einen Artikel mit dem Titel „Das Wunder Karajan“ platzieren liess, worin der brisante Satz stand, dass einige ältere Dirigenten von Karajan lernen könnten. Furtwängler verstand den Wink und protestierte beleidigt bei höheren Stellen.
Nach dem Krieg fiel es Karajan schwer seine Wunschpositionen zu bekommen (Berliner PH, Wiener, PH, Salzburger Festspiele) Trotz seiner unbestreitbaren Erfolge als Schallplatten-Musiker war Karajan frustriert, denn er konnte weder bei den Wiener noch bei den Berliner Philharmonikern Generalmusikdirektor werden. Die Machtposition Furtwänglers verhinderte beides, denn Furtwängler konnte zeit seines Lebens seine Abneigung gegen den sogenannten „Herrn K.“ nicht ablegen.
Wie war Karjans Verhältnis zu den Nazis und Hitler
Mit der Ernennung an die Staatskapelle verlieh ihm Adolf Hitler Am 20. April 1939 den Titel „Staatskapellmeister“.
In der Ernennung zum Staatskapellmeister sahen die Nazis die Gelegenheit, eine potenzielle Alternative zu Furtwängler aufzubauen. Möglicherweise war es der machiavellistische Göring, der via Tietjen in der Zeitung einen Artikel mit dem Titel „Das Wunder Karajan“ platzieren liess, worin der brisante Satz stand, dass einige ältere Dirigenten von Karajan lernen könnten. Furtwängler verstand den Wink und protestierte beleidigt bei höheren Stellen.
Karajan kam aber wenig später in ernsthafte Schwierigkeiten. als in einer Aufführung im Beisein Hitlers einige Patzer passierten. Karajan erklärte später einer der Sänger soll angetrunken gewesen sein. Hitler war gar nicht erfreut und zitierte Karajan zu sich in die Loge.
In einem Video äusserte sich Karajan über Hitler:
Interviewer: Sie waren damals in Berlin bald ein prominenter Mann, da werden sie auch zwangsläufig mit den obersten Nazis zusammengekommen sein. Wie war das denn?
Karajan: Mit dem bin ich nicht zusammengekommen, nein. Ich habe mit Hitler gesprochen, vielleicht 3 Minuten in der Pause von Meistersinger.
Gemäss Winifred Wagner, der damaligen Leiterin der Bayreuther Festspiele soll Hitler sie angewiesen haben, Karajan mit einem Auftrittsverbot in Bayreuth zu belegen.
Karajans Position wurde zunehmend kritischer. Er erhielt sogar einen Marschbefehl, den er aber nur mit grösster Mühe abwenden konnte. Dazu kam, dass er eine Vierteljüdin heiratete, was seine Stellung gefährdete. Die Situation in Deutschland wurde brenzliger. Mit Dirigier-Einsätzen im besetzten Paris konnte Karajan seine Position festigen und er verbrachte die letzten Kriegsmonate im besetzten Mailand.
Wie war Karajans Verhältnis zu Bayreuth resp. den Wagner?
1951 öffneten in Bayreuth die ersten Festspiele nach dem Krieg. Zu Karajans Freude wurde er eingeladen und mit exzellenten Aufführungen empfahl er sich im Festspielhaus als der kommende Wagner-Dirigent.
Als es um die Planung der kommenden Jahre ging, pokerte Karajan wie gewohnt hoch. Er forderte von Wieland und Wolfgang Wagner für die ihm anvertrauten Inszenierungen neben dem Dirigat die Verantwortung für die Regie.
Damit trat er in ein Wespennest, denn Wieland Wagner sah sich selbst in der Rolle des ersten Regisseurs und wies das Ansinnen schroff zurück. Dies führte zum endgültigen Bruch Karajans mit Bayreuth, und obwohl das Wagner-Repertoire zu Karajans wahrscheinlich liebsten Fächern gehörte, sollte er nie mehr in Bayreuth dirigieren.
Seit der schroffen Abfuhr durch Wieland Wagner war es Karajans Ziel, Bayreuth als führenden Festspielort abzulösen und so seine Schmach zu tilgen.
Jahre später baute er die Karajans Osterfestspiele auf und spielte dort viele Wagner Opern und trat damit in direkte Konkurrenz zu Bayreuth.
War Karajan ein Nazi?
Karajan selbst sah sich als Mitläufer und Opfer. Er selbst betonte, dass er nie etwas machen wollte, was nicht wirklich mit seinem Beruf zu tun hatte.
In der Literatur und der öffentlichen Diskussion gibt es unterschiedliche Meinungen. Im Gegensatz zu Furtwängler liess sich bei Karajan kein Widerstandswille beobachten. Trotzdem sah die Mehrheit in ihm den Opportunisten, dem keine anderen Möglichkeiten offenstanden, um seinen Beruf auszuüben. Es wurde ihm vorgeworfen, dass er bereits 1933 der Partei beigetreten sei und 1935 die Mitglieschaft erneuert hatte.
Das möglicherweise letzte Wort zu dieser Diskussion hat der Historiker Michael Wolffsohn mit seiner umfangreichen Recherche geliefert („Genie und Gewissen: Herbert von Karajan zwischen Musik und Nationalsozialismus“). Sein sinngemässes Fazit war: „Ja, formal sei Karajan durch seinen Parteieintritt ein Nazi geworden. Aber faktisch? Nein, als Gesinnungsnazi sehe er ihn nicht.“
Wieso dirigierte Karajan mit gesschlossenen Augen?
Karajan selbst äusserte sich wie folgt: : ich komme zu einer anderen Form von Konzentration, das kommt wahrscheinlich davon, weil ich seit 35 Jahren immer intensiv mich mit Yoga beschäftigt habe und es eben auch tatsächlich praktiziere. Man kommt zu einer anderen Verinnerlichung, wenn man die Augen zumacht.




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