Claudio Abbado - Biografie: Seine Orte, seine Musik und sein Leben

Herbert von Karajan gehört zu den grossen Dirigenten des 20. Jahrhunderts. Er war der Gestalter von Visionen und prägte die Aufnahmegeschichte des 20. Jahrhunderts wie kein anderer.
Karajan war scheuer Mensch und seine Visionen erschuf er in seinem Inneren. Er arbeitete konsequent an seinem Imperium, um seine Visionen umsetzen zu können.
Zugleich wurde kaum ein anderer Künstler so heftig kritisiert, für seine Rolle im Dritten Reich ebenso wie für die Kommerzialisierung der klassischen Musik und für einen masslosen Klangkult.
Wer war Herbert von Karajan und welche Orte und Menschen prägten ihn. Eine biografische Annäherung an den Jahrhundert-Künstler aus Oesterreich.
Doku Herbert von Karajan - Biografie (Video):
Claudio Abbado - Biografie
Kindheit und Jugend
Claudio Abbado kam 1933 als drittes von vier Kindern in Mailand zur Welt.
Beide Eltern waren Musiker. Sein Vater war Professor für Geige an einem Mailänder Konservatorium. Er soll bereits mit sechs Jahren Werke von Paganini gespielt haben und galt als Wunderkind.

Claudios Mutter war Pianistin und stammte aus einer Familie mit vielen Musikern im Stammbaum. So ist es nicht verwunderlich, dass sich Claudio, wie seine drei Geschwister, der Musik zuwandte.
Der Vater brachte Claudio das Geigenspiel bei und beaufsichtigte streng seine Fortschritte. Seine Mutter brachte ihm das Klavierspielen bei und führte ihn behutsam mit poetischen Geschichten ins Klavierfach ein.
Claudio begeisterte sich dabei mehr fürs Klavier und entwickelte sich zu einem hervorragenden Klavierspieler.
Doch dass nicht das Klavier seine musikalische Zukunft sein sollte, realisierte er bereits mit sieben Jahren:
„Ich stand oben in der Gallerie der Scala und sah hinunter auf den kleinen Mann, der wie von Zauberhand diese Musik erklingen liess. Für mich war es wie die Entdeckung einer neuen Welt. Da wusste ich, dass ich eines Tages ein Dirigent sein würde."
Dieses Jahr, 1940, markierte auch den Anfang des Krieges. Die Familie war antifaschistisch eingestellt, und die Mutter half sogar Juden und Partisanen bei der Flucht. Während der dunklen Jahre des Faschismus und des Krieges spielte sich das Privatleben der Familie in den eigenen vier Wänden ab, und die Familie spielte zu Hause Kammermusik. Diese Erfahrung des Zusammenspielens und des gegenseitigen Zuhörens sollte Claudio für sein späteres Leben entscheidend prägen.

Von klein auf fand Claudio zu seiner zweiten Leidenschaft: dem Bücherlesen. Seine Mutter war eine erfolgreiche Kinderbuchautorin, und Claudio fand Inspiration zuerst bei Märchen und später bei den grossen Klassikern der Weltliteratur.
Schon früh war Claudio ein in sich gekehrter Junge, der seine Fantasie beim Lesen und am Klavier auslebte.
Eintritt ins Konservatorium
Mit 16 Jahren begann er sein Studium am Conservatorio in Mailand. Abbado erzählte nicht viel über seine Jahre als Musikstudent. Am einprägsamsten waren seine Literaturkurse beim späteren Literaturnobelpreisträger Salvatore Quasimodo. Den Musikstudenten stand das Fach als freie Wahl zur Verfügung. Zu seinem Glück waren sie nur zu zweit, und Abbado konnte sein Verständnis für die Weltliteratur vertiefen.
1952 durfte er kurz dem betagten Toscanini vorspielen, der ihm versicherte, dass er Erfolg haben werde.
Prägende Monate bei Swarowsky in Wien
Der Dreiundzwanzigjährige beschloss nun, einen Sommerkurs für Dirigenten zu belegen, und lernte dort Zubin Mehta kennen. Dieser erzählte ihm, dass Swarowsky in Wien Meisterkurse für Dirigenten gebe.

Abbado beschloss, dem Rat von Mehta zu folgen, und ging, unterstützt von einem Stipendium, nach Wien. Mit dabei war auch seine Konservatoriumskollegin, die Sängerin Giovanna Cavazzoni, die er vor der Abreise nach Wien heiratete. Auf dem Bild sehen wir die beiden auf einem Foto aus den 1960er-Jahren mit ihren beiden gemeinsamen Kindern.

Swarowsky war ein bedeutender Dirigierlehrer, besonders für moderne Musik. Die Uraufführung von Gustav Mahlers 8. Sinfonie hatte er unter der Leitung des Komponisten selbst als Chorknabe miterlebt, und er bezeichnete diese Erfahrung später als musikalisches Schlüsselerlebnis. Später vertiefte er sein Verständnis durch Studien bei Arnold Schönberg und Anton Webern.

Bei Swarowsky konnte Abbado in die Musik des zwanzigsten Jahrhunderts eintauchen.
Aus dieser Zeit hat Abbado eine Liebe für die Musik von Gustav Mahler und Alban Berg mitgenommen.
Mit seinem Freund Zubin Mehta begann er im Chor zu singen, denn das war die einzige und grossartige Gelegenheit, grosse Dirigenten wie Bruno Walter, George Szell oder Karl Böhm hautnah zu erleben.
Besonders Bruno Walter, der in Hamburg und Wien mit Gustav Mahler zusammengearbeitet hatte, machte die Einstudierung von Mahlers zweiter und vierter Sinfonie zu einem authentischen und unvergesslichen Erlebnis.
Intermezzo: Zögernder Beginn der Karriere
1958 besuchte Abbado einen Dirigierkurs in Tanglewood und gewann dort den Koussevitzky-Preis.
Die Bestätigung, dass er zum Dirigenten taugte, war da. Doch anders als Mehta drängte er nicht sofort auf die grosse Bühne. Er ging zurück nach Italien, spielte in vielen Kammermusikensembles und unterrichtete drei Jahre am Konservatorium in Parma.
Diese Erfahrung sollte ihn prägen. Die Lehrtätigkeit bei jungen Musikern erlebte er als grosse Bereicherung, und sie motivierte ihn später zur Gründung von Jugendorchestern, doch dazu später mehr.
Karajan und Bernstein lancieren seine Karriere
1963 wollte der 30-Jährige seine Karriere in Schwung bringen und nahm an einem internationalen Dirigentenwettbewerb teil. Unter 60 Teilnehmern erzielte er den ersten Preis und gewann eine Assistenzstelle bei Leonard Bernstein.
Diese Monate bei Bernstein wurden zu einer grossartigen Inspiration. Bernstein studierte gerade seinen ersten legendären Mahler-Zyklus ein. Zum Zweiten beschäftigten ihn die Young People's Concerts, bei denen Abbado ein Stück von Ravel dirigieren durfte.

Mit dem Ritterschlag Bernsteins öffneten sich Abbado viele Türen, und Karajan wurde auf ihn aufmerksam. Er sah ihn in einem Konzert in Berlin und war beeindruckt von der Sicherheit, mit der der junge Dirigent das Orchester lenkte. Er nannte ihn „das grösste junge Dirigententalent“.
Er lud ihn ein, an den Salzburger Festspielen die Wiener Philharmoniker bei einer Mahler-Sinfonie zu dirigieren. Ein älterer Geiger sass in der ersten Reihe der Philharmoniker und sagte ihm:
„Wissen Sie, ich habe mit Mahler gespielt.“
Die Philharmoniker waren begeistert und beschlossen spontan, Abbado für die kommende Saison zu einem Abonnementskonzert einzuladen.
Es folgten mehrere Jahre, in denen sich Abbado als unabhängiger Dirigent international als Opern- und Konzertdirigent einen Namen machte.
Musikdirektor an der Scala
1968 begann Abbado seine 18-jährige Zusammenarbeit mit dem ehrwürdigen Mailänder Teatro alla Scala.
Die Scala zehrte zu dieser Zeit vom Ruf der goldenen Fünfzigerjahre mit Grössen wie Victor de Sabata, Maria Callas oder Mario del Monaco.
In den Sechzigerjahren wurde sie ein Opfer ihres Erfolges und erstarrte. Claudio Abbados Verdienst war es, die Scala ins moderne Zeitalter und zu neuem Glanz zu führen.
Seine Mailänder Zeit ist mit drei Namen verbunden. Mit Giorgio Strehler etablierte Abbado mit Opern von Verdi das Regietheater, mit Ponnelle läutete er eine Rossini-Renaissance ein, und mit Nono etablierte er die neue Musik.

Strehler war ein begnadeter Regisseur. Er war ein Anhänger des epischen Theaters im Stile Bertolt Brechts. Dessen Kern war der sogenannte Verfremdungseffekt: Der Zuschauer sollte nicht mit realistischen Szenen zum Mitfühlen angeregt werden, sondern eine kritische Distanz einnehmen. Sinnbildlich dafür wurde das Bühnenbild des „Simon Boccanegra“ mit dem stilisierten, Distanz schaffenden Schiff. Diese Oper wurde zur wichtigsten Zusammenarbeit von Abbado und Strehler.
Strehler präsentierte nicht eine verstaubte Opernklamotte aus der Zeit der Genueser Dogen, sondern die Beklemmung einer klaustrophobischen, von Misstrauen geprägten Stimmung im Umfeld des Dogen.
Abbado befreite Verdis Musikdrama vom üblichen pompösen Pathos und schenkte ihm eine herbe Kraft und extreme Klangfarben. Abbados und Strehlers Vision des Regietheaters war nicht die Dekonstruktion, sondern die Einheit von Theater und Musik.
Verdi, der grosse Literaturliebhaber, stand dem grossen Literaturliebhaber Abbado besonders am Herzen. Und so wurde Verdis Shakespeare-Oper „Macbeth“ mit der grossartigen Shirley Verrett zu einem weiteren absoluten Höhepunkt der Ära Strehler/Abbado.
Strehler hatte zusammen mit Paolo Grassi 20 Jahre zuvor das berühmte Mailänder Piccolo Teatro gegründet, das als antielitäres Theater Brecht'scher Prägung auch ein Theater für die Arbeiterklasse sein wollte.
Auch Abbado stand dem sozialistischen Gedankengut nahe. Und als Strehlers Partner Paolo Grassi Intendant der Scala wurde, öffneten Grassi und Abbado die Scala für Arbeiter und Studenten, indem sie attraktive Eintrittspreise anboten und auch ausserhalb der Scala musizierten.
Hier sehen wir Bilder eines Konzertes, das Abbado mit dem Orchester der Scala in der Kantine der Vittorio-Necchi-Fabrik zeigt.

Die Musik des italienischen Komponisten Luigi Nono lag Abbado dabei besonders am Herzen. Er sah die zeitgenössische Musik als Weg, Studenten für die elitäre Scala zu gewinnen. Der Pianist Maurizio Pollini, ebenfalls Mailänder und ein Freund Abbados, war dabei ein wichtiger Weg
Natürlich standen Abbado und Grassi als erklärte Linke in Mailand unter Beschuss der bürgerlichen Kräfte, doch Abbado war klug genug, sich nicht von der Linken vereinnahmen zu lassen. Viele seiner Projekte waren unpolitisch.
Dafür stand die Zusammenarbeit mit dem Opernregisseur Jean-Pierre Ponnelle. Die gemeinsamen Rossini-Projekte führten zu einer Rossini-Renaissance sondergleichen. Den Geist Rossinis zu verstehen bedeutete für Abbado, nicht oberflächlichen Klamauk zu bedienen, sondern die geistreiche Ironie und die absolute musikalische Perfektion Rossinis zum Klingen zu bringen.
Abbado öffnete die Scala auch dem Konzertrepertoire und lud viele Gastdirigenten ein, darunter Leonard Bernstein, der in Mailand einen Mahler-Zyklus dirigierte, oder Carlos Kleiber, der unter anderem eine umjubelte „Bohème“ mit Pavarotti gab.
Doch nach 17 Jahren war Schluss. Am Schluss war Abbado erschöpft von Bürokratie und Streiks. Auch später war seine Lust auf eine Rückkehr gering: In den nächsten 25 Jahren sollte er nur noch an zwei Abenden als Gast an der Scala dirigieren.
Musikdirektor an der Wiener Staatsoper
Abbado wirkte in seinen mittleren Jahren auch intensiv als Konzertdirigent. Besonders am Herzen lag ihm das London Symphony Orchestra, wo er acht Jahre als Musikdirektor amtete. Sein Hauptaugenmerk lag darauf, die Moderne des 20. Jahrhunderts zu fördern. Seine ambitionierten Programme passten schlecht zum kommerziellen Druck, unter dem das privat finanzierte Orchester stand, und es geriet durch Abbados Programmwahl in schwere finanzielle Schwierigkeiten.
Doch noch lag Abbados Hauptaugenmerk auf der Oper. Er nahm das Angebot der Wiener Staatsoper an, kündigte seine Verträge mit Chicago und London und konnte so das Wiener Abenteuer unbelastet angehen.
Vor seiner Ernennung hatte Abbado den begeisterten Wienern seinen „Boccanegra“ präsentiert, und er wollte nun auch in der Staatsoper sein Regietheater etablieren. Er wählte dafür Bergs „Wozzeck“, der zu seinen absoluten Lieblingsopern gehörte, und betraute den DDR-stämmigen Adolf Dresen mit der Neuinszenierung.
Diese Wahl war nicht zufällig, denn wie Strehlers poetischer Ansatz des Regietheaters unterschied sich auch Dresens Ansatz stark vom damals radikalisierten Regietheater in Deutschland.
Abbado wollte auch in Wien moderne Musik fördern und begann sogleich mit der Gründung der jährlich wiederkehrenden Themenwoche „Wien modern“, die noch heute besteht.
Der Dirigent Abbado
Neben seinem Amt an der Staatsoper begann Abbado mit der Jugendförderung. Er gründete das Gustav Mahler Jugendorchester. Es war ihm ein wichtiges Anliegen, das gemeinsame Musizieren junger österreichischer Musiker mit Kollegen aus der damaligen Tschechoslowakei und Ungarn zu ermöglichen.
Viele der Musiker aus diesem Jugendorchester sollten Abbado in den folgenden Jahren im Mahler Chamber Orchestra und im Lucerne Festival Orchestra begleiten.
Abbados Anziehungskraft für Orchestermusiker lag darin, dass er wie nur wenige den Orchestermusikern und Solisten auf Augenhöhe begegnete.
Wenn ich Musik mache, versuche ich stets, zu den Orchestermusikern einen musikalischen und menschlichen Kontakt herzustellen. Und es ist auch eine ganz natürliche Sache, gerade weil man auf einem hohen Podest steht, damit die Musiker den Dirigenten gut sehen können.
Das auffälligste Wesensmerkmal war, dass Abbado während der Proben kaum sprach. Als leidenschaftlicher Kammermusiker erwartete er vom Orchester, dass die Musiker aufeinander hörten.
Was ganz wichtig ist, er hat eigentlich nicht sehr viel mehr gesagt als „nochmal“, das war ein Wort, und „leiser“ war ein anderes Wort. Es gibt auch viele Aufnahmen von Proben und von Konzerten, wo er den Geigen zeigt: Achtet auf die Oboe, was sie gerade macht.
Was dann in der Aufführung geschah, war ein Wunder. Viele sprachen von der Magie Abbados.
Seine Konzerte waren besonderer als die anderer Dirigenten. „Warum?“ Das ist schwierig zu sagen. Also, weil er eben eine Magie hatte, Abbado ist ein Zauberer, im Konzert ist immer etwas ganz Grosses passiert.
Berliner Philharmoniker
Der Entscheid der Berliner Philharmoniker, Claudio Abbado zum Chefdirigenten zu wählen, schlug ein wie eine Bombe. Allgemein erwartete man die Wahl Maazels. Für Abbado kam die Wahl wie aus heiterem Himmel. Er freute sich, die vielleicht wichtigste Dirigentenstelle Europas als Nachfolger Karajans anzunehmen, und beschloss, sein Amt in Wien aufzugeben.
Doch der Entscheid hatte Gründe: Die Berliner kannten Abbado aus zahllosen Gastkonzerten sehr gut und schätzten die Energie und Wahrhaftigkeit Abbados. Abbados Lebenslauf wies einige Parallelen zu dem seines Vorgängers auf: Mit der Übernahme des Berliner Postens lagen Abbados Wirkungsfelder in exakt denselben Orten wie bei Karajan.
Doch inhaltlich und menschlich war Abbado der Gegenentwurf seines Vorgängers. Während Karajan Musik anordnete, bot der Italiener schon bei der ersten Probe den verdutzten Philharmonikern das Du an. Ein regelrechter Kulturschock für ein Orchester, in dem sich viele Musiker siezten.
Abbados Vorbild war Furtwängler, Karajans Vorgänger bei den Philharmonikern. Abbado hatte Furtwängler fast 40 Jahre zuvor noch in Proben gesehen und war beeindruckt, wie tief Furtwängler die musikalischen Strukturen erfassen und hörbar machen konnte.
Abbado schätzte die Berliner besonders, weil fast alle von ihnen auch Kammermusik spielten. Sie hörten aufeinander – genau das, was er schon als Kind zu Hause erlebt hatte.
Abbados Probenstil war nüchtern, sogar wortkarg, sodass sich die Musiker Sorgen machten. Doch wie bei Furtwängler ereignete sich regelmässig das Wunder des Konzerts, in dem Abbado das Orchester immer wieder mitreissen konnte.
Der Zufall wollte es, dass die Zusammenarbeit in eine explosive Zeit gefallen war, denn niemand hatte damit gerechnet, dass ein Monat nach der Pressekonferenz die Mauer fiel.
Nun fand Abbado sich mitten im Taumel der Euphorie um den Mauerfall. Die Aufbruchstimmung erlaubte es ihm wie schon in Wien Themenwochen einzuführen, die die ganze Kulturmetropole mit sich zogen. Am Schluss nahmen Dutzende Kulturinstitutionen der Stadt daran teil. Der introvertierte Literaturliebhaber Abbado hatte es geschaffte, die kulturelle Kraft Berlins zu bündeln.
Eine weiterer Bereicherung waren, die halbszenischen Opernproduktionen. Da Abbado und die Berliner Philharmoniker Residenzorchester der Salzburger Osterfestspiele waren, zeigte er regelmässig Opernproduktionen in der Berliner Philharmonie.
Gesundheitliche Krise und Neuorientierung
Den Privatmenschen Abbado gab es kaum. Er war zweimal verheiratet und hatte mit drei Frauen insgesamt vier Kinder. Doch er sah seine Kinder nur selten: Abbado war ein Workaholic, kein Familienmensch. Dies änderte sich später etwas, als Abbado mit seinen künstlerisch begabten Kindern gemeinsame Projekte realisieren konnte.
1998 kündigte er an, dass er den bis 2002 laufenden Vertrag mit den Berlinern nicht verlängern werde. Warum, war nie ganz klar; Abbado gab an, mehr Zeit für Lesen und Sport zu wollen.
Im Jahr 1999 wurde eine Krebserkrankung diagnostiziert, worauf die Ärzte ihm einen Grossteil des Magens entfernten.
Die Krankheit löste bei Abbado eine Neuorientierung aus. Er beschloss, sein künstlerisches Leben drastisch zu fokussieren.
Lucerne Festival Orchestra
Abbado war seit einigen Jahren am Lucerne Festival engagiert. Nun trat er mit der Idee an das Festival heran, wieder ein Festivalorchester zu bilden. Toscanini hatte 1938 das erste Festivalorchester mit den besten Musikern der Schweiz gegründet. Abbado wollte diese Idee aufgreifen und das Mahler Chamber Orchestra, das hauptsächlich aus Absolventen des ehemaligen Gustav Mahler Jugendorchesters bestand, als Festivalorchester engagieren. Darüber hinaus wollte er es an den ersten Pulten mit renommierten Kammermusikern verstärken.
Sein Ziel war ein Orchester ohne gewerkschaftliche Dienstvorschriften, mit dem er auf höchstem Niveau musizieren konnte.
Zum Schwerpunkt des Orchesters wurde in den nächsten zehn Jahren die Musik von Bruckner und Mahler.
Viele, die seine Konzerte in seinen letzten Jahren in Luzern erlebten, sprachen von überwältigenden und unvergesslichen Erlebnissen und wussten, dass sie den bedeutendsten lebenden Dirigenten sahen.
Besonders Schuberts „Unvollendete“ und Bruckners 9. Sinfonie gehörten zu den unvergesslichen Höhepunkten des Musizierens.
Engagement für den Nachwuchs
Abbado sammelte noch einmal Kraft für ein Projekt mit der Jugend.
In Venezuela gibt es einen aussergewöhnlichen Menschen namens Antonio Abreu, der bereits vor 30 Jahren gemeinsam mit Freunden diesen Musikverein gegründet und ein Orchester namens „Simón Bolívar“ ins Leben gerufen hat – ein weltweit fast einzigartiges Projekt, bei dem er Jugendliche aus den Barrios, den ärmsten Vierteln, rekrutiert hat.
Abbado reiste jedes Jahr nach Südamerika zur Arbeit mit den Jugendlichen.
Auch in seiner Heimat Italien engagierte er sich noch einmal für Jugendliche und übernahm die musikalische Leitung des sogenannten Orchestra Mozart in Bologna.
Abschied
Mit dem Orchestra Mozart erlebte Abbado 2010 eine denkwürdige Rückkehr an die Scala. Er leitete eine Aufführung von Mahlers Sechster mit den vereinigten Orchestern der Filarmonica della Scala und des Orchestra Mozart.
Im Auditorium sassen Riccardo Chailly, Daniel Harding und Gustavo Dudamel, mittlerweile erfolgreiche Dirigenten, die Abbado gefördert hatte. Der 77-Jährige durfte in Mailand eine überwältigende Ovation erleben.
Am 26. August 2013 dirigierte der geschwächte Abbado sein letztes Konzert in Luzern. Bis zum letzten Moment war es ungewiss, ob er das Konzert leiten konnte. Am Schluss des Konzertes hatten die Musiker Tränen in den Augen.
Fünf Monate später starb Claudio Abbado im Alter von achtzig Jahren nach langem Krebsleiden in Bologna.
Zu Ehren Abbados leitete Daniel Barenboim die Aufführung eines Trauermarsches in der leeren Scala, während auf der Piazza Tausende Mailänder Abbado die letzte Ehre erwiesen. Es war eine Ehrerbietung, wie sie schon Abbados Vorgängern Toscanini, de Sabata, Gavazzeni und Giulini zuteilgeworden war.
Auf seinen Wunsch hin wurde Abbado in der Einsamkeit des schweizerischen Fextals beerdigt, das ihm im letzten Lebensjahrzehnt als Rückzugsort gedient hatte.
Claudio Abbado - BIOGRAFIE
Weitere Komponisten- und Künstlerbiografien:
Gaetano Donizetti
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Wie war die Zusammenarebit von Abbado mit Giorgio Strehler?
Claudio Abbado war der Musikdirektor der Scala und ein hochgebildeter, von der Literatur intertessierter Musiker.
Strehler war ein begnadeter Regisseur. Er war ein Anhänger des epischen Theaters im Stile Bertolt Brechts. Dessen Kern war der sogenannte Verfremdungseffekt: Der Zuschauer sollte nicht mit realistischen Szenen zum Mitfühlen angeregt werden, sondern eine kritische Distanz einnehmen. Sinnbildlich dafür wurde das Bühnenbild des „Simon Boccanegra“ mit dem stilisierten, Distanz schaffenden Schiff. Diese Oper wurde zur wichtigsten Zusammenarbeit von Abbado und Strehler.
Strehler präsentierte nicht eine verstaubte Opernklamotte aus der Zeit der Genueser Dogen, sondern die Beklemmung einer klaustrophobischen, von Misstrauen geprägten Stimmung im Umfeld des Dogen.
Abbado befreite Verdis Musikdrama vom üblichen pompösen Pathos und schenkte ihm eine herbe Kraft und extreme Klangfarben. Abbados und Strehlers Vision des Regietheaters war nicht die Dekonstruktion, sondern die Einheit von Theater und Musik.
Verdi, der grosse Literaturliebhaber, stand dem grossen Literaturliebhaber Abbado besonders am Herzen. Und so wurde Verdis Shakespeare-Oper „Macbeth“ mit der grossartigen Shirley Verrett zu einem weiteren absoluten Höhepunkt der Ära Strehler/Abbado.
Wieso förderte Abbado die moderne Musik?
Abbado war als junger Musiker nach Wien zu einem Dirigierkurs zu Swarowsky gegangen.
Swarowsky war ein bedeutender Dirigierlehrer, besonders für moderne Musik. Die Uraufführung von Gustav Mahlers 8. Sinfonie hatte er unter der Leitung des Komponisten selbst als Chorknabe miterlebt, und er bezeichnete diese Erfahrung später als musikalisches Schlüsselerlebnis. Später vertiefte er sein Verständnis durch Studien bei Arnold Schönberg und Anton Webern.
Bei Swarowsky konnte Abbado in die Musik des zwanzigsten Jahrhunderts eintauchen.
Aus dieser Zeit hat Abbado eine Liebe für die Musik von Gustav Mahler und Alban Berg mitgenommen. Mit seinem Freund Zubin Mehta begann er in Wien im Chor zu singen, denn das war die einzige und grossartige Gelegenheit, grosse Dirigenten wie Bruno Walter, George Szell oder Karl Böhm hautnah zu erleben.
Besonders Bruno Walter, der in Hamburg und Wien mit Gustav Mahler zusammengearbeitet hatte, machte die Einstudierung von Mahlers zweiter und vierter Sinfonie zu einem authentischen und unvergesslichen Erlebnis.
War Abbado bei den Berliner Philharmoniker erfolgreich?
Der Entscheid der Berliner Philharmoniker, Claudio Abbado zum Chefdirigenten zu wählen, schlug ein wie eine Bombe. Allgemein erwartete man die Wahl Maazels. Für Abbado kam die Wahl wie aus heiterem Himmel. Er freute sich, die vielleicht wichtigste Dirigentenstelle Europas als Nachfolger Karajans anzunehmen, und beschloss, sein Amt in Wien aufzugeben.
Doch der Entscheid hatte Gründe: Die Berliner kannten Abbado aus zahllosen Gastkonzerten sehr gut und schätzten die Energie und Wahrhaftigkeit Abbados. Abbados Lebenslauf wies einige Parallelen zu dem seines Vorgängers auf: Mit der Übernahme des Berliner Postens lagen Abbados Wirkungsfelder in exakt denselben Orten wie bei Karajan.
Doch inhaltlich und menschlich war Abbado der Gegenentwurf seines Vorgängers. Während Karajan Musik anordnete, bot der Italiener schon bei der ersten Probe den verdutzten Philharmonikern das Du an. Ein regelrechter Kulturschock für ein Orchester, in dem sich viele Musiker siezten.
Abbado schätzte die Berliner besonders, weil fast alle von ihnen auch Kammermusik spielten. Sie hörten aufeinander – genau das, was er schon als Kind zu Hause erlebt hatte.
Der Zufall wollte es, dass die Zusammenarbeit in eine explosive Zeit gefallen war, denn niemand hatte damit gerechnet, dass ein Monat nach der Pressekonferenz die Mauer fiel.
Nun fand Abbado sich mitten im Taumel der Euphorie um den Mauerfall. Die Aufbruchstimmung erlaubte es ihm wie schon in Wien Themenwochen einzuführen, die die ganze Kulturmetropole mit sich zogen. Am Schluss nahmen Dutzende Kulturinstitutionen der Stadt daran teil. Der introvertierte Literaturliebhaber Abbado hatte es geschaffte, die kulturelle Kraft Berlins zu bündeln.
Eine weiterer Bereicherung waren, die halbszenischen Opernproduktionen. Da Abbado und die Berliner Philharmoniker Residenzorchester der Salzburger Osterfestspiele waren, zeigte er regelmässig Opernproduktionen in der Berliner Philharmonie.
Insgesamt war die Aerea Abbado sehr erfolgreich und das Orchester bedauterte es sehr, als Abbado nach 10 Jahren den Vertrag nicht verlängerte.
Was war das Besondere an Abbados Lucerne Festival Orchestra
Abbado war seit einigen Jahren am Lucerne Festival engagiert. Nun trat er mit der Idee an das Festival heran, wieder ein Festivalorchester zu bilden. Toscanini hatte 1938 das erste Festivalorchester mit den besten Musikern der Schweiz gegründet. Abbado wollte diese Idee aufgreifen und das Mahler Chamber Orchestra, das hauptsächlich aus Absolventen des ehemaligen Gustav Mahler Jugendorchesters bestand, als Festivalorchester engagieren. Darüber hinaus wollte er es an den ersten Pulten mit renommierten Kammermusikern verstärken.
Sein Ziel war ein Orchester ohne gewerkschaftliche Dienstvorschriften, mit dem er auf höchstem Niveau musizieren konnte.
Zum Schwerpunkt des Orchesters wurde in den nächsten zehn Jahren die Musik von Bruckner und Mahler.
Viele, die seine Konzerte in seinen letzten Jahren in Luzern erlebten, sprachen von überwältigenden und unvergesslichen Erlebnissen und wussten, dass sie den bedeutendsten lebenden Dirigenten sahen.




Kommentare